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Eine herausragende Übung im Wing Tshun nennt sich „Klebende Hände“ auf Chinesisch „Chi Sao“. Dabei handelt es sich um Partnerübungen, bei der durch kontinuierliches Drücken der Arme gegen die Arme des Partners, ohne den Kontakt zu verlieren, Bewegungsschleifen durchgeführt werden. Dabei wechseln ständig die Informationen vom drückenden und empfangenden Partner hin und her. Es ist somit ein Wechselspiel, zu viel oder zu wenig Druck, welches sich auf den ganzen Körper projiziert.

Die Arme dienen dazu, die wechselnden Druckverhältnisse aufzunehmen und in den Körper weiterzuleiten, die Körperspannung, die eigene und die des Partners erfahrbar zu machen, zu konditionieren und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen (vorgehen, wenden, zurückweichen).

Zum Lernerfolg zählen blitzschnelle Reaktionen, die ohne nachzudenken ausgeführt werden können, sobald von einem Gegner, auf die vorgeschobenen, schützenden Arme, Druck ausgeübt wird. Dabei lernt der / die Schüler/in schnell, dass der Druck richtig „gesendet“ und „empfangen“ werden muss, weil die Schultermuskulatur nicht dazu geschaffen ist, längerfristig starken Druck (noch dazu von einem großen und schweren Partner) aufzunehmen, bzw. dass der Körper bei schlechten Stand, unkontrolliert nach vorne oder zurück fällt.

Die Übung stärkt den sicheren Stand (Gleichgewicht), als auch die Wahrnehmungsfähigkeit der Übenden.  So lernt man maßvoll mit der eigenen Energie umzugehen, bzw. mit dem Körper zu „hören“ (Kräftefluss) und Chancen zu nutzen, die sich aus einer nicht geschützten Stellung bieten.

Im Freikampf werden alle Chi Sao Übungen (Kombinationen) regelfrei geübt. Dabei gibt es nur die Nahkampfdistanz, in der ebenso Ellenbogen und Beine eingesetzt werden dürfen. Ziel ist es, möglichst frühzeitig Ansatzpunkte zu erkennen, Lücken in der Deckung des  Gegners zu erkennen und diese aus verschiedenen Winkeln zu nutzen. Die Partner sehen dabei keinen Vorteil in dem sie voreinander zurückweichen, sondern indem sie die Nähe suchen.

Gerade diese Übung lässt sich in Verbindung mit philosophischen Grundsätzen des Daoismus bringen. Chi Sao ist eine Übung, in der die schützende Deckung des Gegners nicht als unüberwindliche Mauer betrachtet wird, sondern vielmehr als Sprungbrett, diese Mauer zu überwinden.  Wuwei  lehrt, dass man nur abzuwarten braucht (handeln durch nicht tun), der Gegner, im Bemühen etwas zu tun, seine Deckung öffnet (spontanes handeln).  

Obwohl ich die Vorteile des „Kampfes mit geschlossenen Augen‘“ (Blind kämpfen) in der Kampfkunst Wing Tshun kenne, befürchte ich, dass ich dieses Wissen, diese Erfahrung, nicht umfassend beschreiben kann. Ich versuche es trotzdem.

Sprechen wir heute von Sensibilität, bringen wir damit einen, auf äußerliche Reize, empfindlich reagierenden Menschen, in Verbindung. Blinde Menschen sind weitaus empfindlicher (sensibler) und reagieren auf Umweltreize schneller wie Sehende. Das kann oftmals von Vorteil sein. „Das Auge ist leicht zu täuschen“. Die Übung „Blind kämpfen“, kann uns vor Täuschungsmanöver des Angreifers bewahren, weil wir gelernt haben, unserem Körper und nicht unseren Augen zu vertrauen. Verlassen wir uns uneingeschränkt auf die Wahrnehmung der Augen können wir leicht getäuscht werden. „Blind kämpfen“ ist „ein“ Baustein, im Training, die Selbstverteidigungsfähigkeit zu verbessern und gleichzeitig zu lernen, miteinander zu kämpfen ohne sich zu verletzen.

Um unsere Wahrnehmung zu schulen, um uns unabhängig von visuellen Reizen und damit Täuschungsmanöver zu machen, lernen Wing Tshun Schüler, möglichst frühzeitig, mit geschlossenen Augen zu kämpfen. Dabei verfolge ich als Wing Tshun Lehrer verschiedene Ziele. Schüler die mit geschlossenen Augen üben, lernen viel schneller ihre Kraft zu kontrollieren. Weiterhin keine überflüssigen Bewegungen zu machen und ihren Stand zu optimieren.  Vieles von dem, was wir im Wing Tshun mit geöffneten Augen lernen, lässt sich mit geschlossenen Augen weitaus schneller verinnerlichen wie im Training mit geöffneten Augen.

Blind wird die taktile Wahrnehmung verbessert, d.h., die Wing Tshun Schüler werden konditioniert, entsprechend Berührungsdruck auf Körper, Arme oder Beine zu reagieren. Dabei fließen unsere Freikampferfahrung (Lat Sao) und die Erfahrungen, die wir mit dem Training der „klebenden Arme“ (Chi Sao) gewonnen haben, ein. Wir lernen dem zu vertrauen, was wir erfühlen und ertasten. Wir lernen zu verstehen, worum es beim Training mit dem Partner geht. Also kein „blindes hauen“ sondern ein Wahrnehmen mit allen Sinnen, wovon einige durch die geschlossenen Augen geschärft werden (Gleichgewichts, Lage, Kraft- und Bewegungssinn). Experten sprechen von den Sinnen zur Eigenwahrnehmung des Körpers und von den Sinnen zur Wahrnehmung der Umwelt. Behilflich sind uns dabei u.a. die Vielzahl der Rezeptoren in der Haut (Schmerzrezeptoren, Druckrezeptoren, Thermorezeptoren, Dehnungsrezeptoren, Tastrezeptoren). Damit erfüllt die Haut eine ganze Reihe kommunikativer Anforderungen und unterstützt uns bei der Wahl der richtigen Entscheidung, wie wir uns vor Umwelteinflüssen schützen – i.d.Z. das wir nicht von einem Gegner durch einen Schlag verletzt werden. 

Im Wing Tshun ist es Ziel, die Aktionen des Gegenübers frühzeitig zu erkennen. Wir müssen Lernen auf die Signale des fremden Körpers zu achten. Wing Tshun bietet sich besonders für das Kämpfen mit geschlossenen Augen „Blind kämpfen“ an, weil wir die Nähe zum Gegner suchen, um dem Gegner den Raum für ausholende Schläge zu nehmen, bzw. den Kampfprinzipien entsprechend; vorgehen, kleben bleiben, nachgeben oder folgen wollen.