Wer kennt das nicht? Man hat den Tag von der ersten Sekunde nach dem Weckerklingeln genauestens geplant. Man hat 20 Minuten um sich zu Waschen, Zähne zu putzen und sich dann auch noch einigermaßen gesellschaftsfähig anzukleiden. Anschließend noch schnell einen Kakao und einen Blick in die Tageszeitung – Koffein kombiniert mit der derzeitigen Artikeldichte über Kleinkriminelle in Hamm verkraftet mein armes Herz nicht.

Anschließend stampft man die 3 Minuten zur Bushaltestelle und wartet dann voller Sehnsucht darauf, dass sich die dicke Stahlraupe langsam durch den Berufsverkehr in die eigene Richtung durchkämpft und einen dann auch noch pünktlich an dem eigenen Bestimmungsort absetzt. In der Theorie klingt dieser eingefleischte Ritus verlockend – doch wehe, irgendetwas stört unsere genaue Tagesabfolge!

Leider war dies heute der Fall. Ab dem Punkt, den man selber durch eigenes Handeln nicht mehr kontrollieren kann, lief der Tagessablauf heute ungefähr so aus dem Ruder wie ein Holzwurm mit Seekrankheit (entschuldigt den schlechten Vergleich). Angekommen an der Bushaltestelle war ich in Gedanken bereits an meinem Arbeitsplatz und wappnete mich mental vor den heutigen Problemstellungen. Ein Blick auf meine Uhr verriet mir, dass ich pünktlich an der Haltestelle war.. wie immer halt.

Die Zeit verstrich und am fernen Horizont zeichnete sich deutlich der anbrechende Tag, der bereit war sich in seiner gesamten Herlichkeit gegen mich zu stellen. Leider war mein Bus schon ein wenig zu spät – aber kein Problem, wofür arbeitet man denn Gleitzeit? Nach 10 Minuten änderte sich meine Einstellung diesbezüglich ein wenig: Ich hasse warten. Also vertrieb ich mir die Zeit damit meine Leidensgenossen ein wenig zu beobachten. Erstaunlicherweise kann man x-beliebig viele Menschen nach ihrem Verhalten klar kategorisieren.

Der Ungeduldige:

Dieser Genosse ist es entweder nicht gewohnt zu warten oder steht permanent unter Strom und entläd sich in seiner eigenen Unsicherheit, sobald er angepisst ist. Ich nenne das auch Liebevoll das ‚Weidenzaunverhalten‘. Er wartet höchstens 5 Minuten, dann ist das Handy am Ohr und er telefoniert mit Gott und der Welt um die Wartezeit x um den größtmöglichen Faktor y zu reduzieren. Witzigerweise ist in 70% aller Fälle der Bus trotzdem eher da als der bestellte Fahrer oder das Taxi – was ihn nicht daran hindert, nicht doch das Letztere zu nutzen. Alles andere wäre ihm wohl peinlich.

Der Unentschlossene:

Diese Vertreter offenbart sich durch die eigene Unsicherheit. Er wartet einen gewissen Zeitrahmen ab, bevor er seinen nächsten Schritt überlegt. In der Regel ist das 1/3 der Zeitspanne des sonst alternativ zurückgelegten Fußmarsches, sprich wenn er 30 Minuten laufen müsste, wartet er ungefähr 10 Minuten, bevor er die Initiative ergreift. Obwohl diese Formulierung nicht ganz korrekt ist: seine nächste Entscheidung ist getränkt von Unsicherheit. Sollte er sich entschließen, den Weg zu Fuß zurückzulegen, wird er sich in Sichtweite der Bushaltestelle noch mindestens 3x umdrehen, um sicherzustellen, dass der Bus nicht doch plötzlich kommt. Auch hier wird es sehr witzig, wenn der arme Kerl so weit von der Haltestelle entfernt ist, dass er sie noch sieht, es aber nicht mehr schafft rechtzeitig zurückzukommen. Ich bin immer kurz davor ihm bemitleidend aus dem Bus dann zuzuwinken.

Der Nutznießer:

Darüber braucht man nicht viele Worte verlieren. Der Nutznießer kommt meistens später als die reguläre Abfahrtzeit und kriegt den Bus nur noch aufgrund seiner Verspätung. Eindeutige Indikatoren sind Schweißperlen auf der Stirn, flache Atmung und ein triumphierender Gesichtsaudruck. Interessant ist, dass es meistens diese Kollegen sind, die sich dann hinterher beim Busfahrer beschweren. Schon verrückt.

Der Marci:

Der Marci hingegen zeichnet sich durch absolute Coolness aus. Er hat den Anfahrtsweg stets im Auge, kontrolliert ob unter den Fahrgästen nicht vielleicht ein nettes Mädel in seinem Alter ist, das getröstet werden muss und begrüßt selbst nach einer halben Stunde Verspätung den Busfahrer per Handschlag mit einem flotten Spruch auf den Lippen. Die Leute applaudieren, wenn er sich dann einen Platz sucht – so überwältigend ist einfach die bloße Anwesenheit. Jeder möchte so sein wie er aber niemand kann gegen ihn anstinken. Ein echter Kerl.

Ich bin übrigens nach 10 Minuten dann einfach abgehauen und zur Arbeit gelaufen. Dabei habe ich mich ganze 5 Mal umgedreht, aber der Bus kam einfach nicht.

Manchmal wünsche ich mir, ich würde meinem Namen mehr gerecht werden.