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Wing Tshun und Chi Sao

Nachgeben heißt nicht aufgeben.

Eine der Besonderheiten im Wing Tshun ist das Chi Sao Training. Hierbei werden Einzeltechniken sinnvoll miteinander kombiniert.  Chi Sao, bedeutet übersetzt "klebende Hand" und ist eine spezielle Trainingsmethode zur Verbesserung der taktilen Reizwahrnehmung. Dabei nutzen wir die Eigenschaften, Fähigkeiten unserer Haut, bzw. der darunter liegenden Rezeptoren. Grundsätzlich geht es darum, dass über Wahrnehmung der Haut, der Druck eines Partners (ein Angriff) erkannt und durch entsprechende eingeübte Bewegungsmuster vereitelt oder umgeleitet werden kann.

Durch Chi Sao – wird im Verlauf der Zeit der ganze Körper konditioniert. Jede Außen Einwirkung lässt den Körper reagieren, ausweichen und gleichzeitig wieder vorgehen. Vielleicht vergleichbar mit einem Ast, den man wegschiebt und der, nachdem er nachgegeben hat, wieder zurück in seinen ursprünglichen Zustand möchte. Der Körper, als Zusammenspiel von Muskeln, Sehnen und Bänder gedacht, funktioniert wie ein gespannter Bogen, der vom Angreifer gespannt und ausgelöst wird. 

Durch das „Kontakt suchen“,  nimmt der Verteidiger dem Angreifer den Raum, den er braucht, um Kraft für einen Schlag oder Tritt aufzubauen. Behält der / die Wing Tshun Mann / Frau diesen Kontakt bei ("kleben bleiben"), so weiß er / sie stets, wo sich der Gegner befindet und was er gerade plant. Das wird in guten Wing Tshun Schulen auch blind trainiert. Nachgeben ist also kein aufgeben, sondern ein „aufladen“. Die Antwort (der Gegenschlag), ist so energiegeladen, wie der Angriff selbst.

Das Prinzip – hat auch einen philosophischen Aspekt, so gibt man oftmals im Leben nach, verfolgt dasselbe Ziel jedoch weiter – vielleicht auf anderem Weg.

Weich sein, heißt nicht schwach zu sein.  

Wer kennt sie nicht, die Szene, wo sich zwei Gegner bedrohlich voreinander aufbauen, sich anschreien, schubsen und schließlich aufeinander einschlagen. Gewalt ist die primitivste Form menschlicher Kommunikation. Wer sich ebenso verhält, signalisiert seinen Gegenspieler „Ich möchte mit dir kämpfen“.

Ich habe viele Menschen kennen gelernt, die hatten es bitter nötig, einige Selbstverteidigungstechniken zu lernen, konnten sich jedoch nicht überwinden. Wie bekommt man diese Menschen, für die Wing Tshun Selbstverteidigung entwickelt wurde, dazu, sich zu bewegen, ihre Angst zu überwinden?

Der erste Schritt ist der schwierigste

Wing Tshun zeichnet sich durch ein Training aus, wobei die Menschen voneinander und miteinander lernen. Da gibt es keinen Raum für „einen Sieger“, einen rücksichtslosen Egomanen, der nur seine Interessen sieht.

Wir üben gemeinsam mit wechselnden Partnern und wer sich da mit unverhältnismäßiger Härte zeigt, ist fehl am Platze. Wollen wir uns beim Training gegenseitig die Nase brechen oder wollen wir lernen, wie sich das vermeiden lässt? Oder müssen wir uns erst die Nase brechen lassen, um schneller und brutaler zu werden, wie ein möglicher Angreifer? Das alles sind Fragen, mit denen ich mich beschäftige. Das Training soll Spaß machen und den Einzelnen in seiner Entwicklung fördern.

 

Das Lernsystem

Das Lernsystem im Wing Tshun setzt sich aus verschiedenen Bausteinen zusammen. Ob nun Low Kick, Haken, Schwinger, Faust,- Knie,- oder Ellenbogenstoß, auf alles muss es eine Antwort geben. Die verschiedenen Angriffsmöglichkeiten werden gleichsam von vier verschiedenen Seiten aus betrachtet. Es gibt die Abwehr mit rechts und links und den Angriff mit rechts und links. Die am Anfang einfachen Bewegungsfolgen werden im sogenannten „Lat Sao Kampf“ (kontrollierter Zweikampf) drillmäßig geübt. Beachtenswert ist, wie schnell man die verschiedenen Reaktionen lernt.

 

Hart & Weich.

Eine herausragende Metapher um zu erklären, worum es im Wing Tshun geht, ist die Umschreibung „Hart & Weich“. Der Kampf ist ein ständiges Wechselspiel zwischen „Hart & Weich“.“  Wenn der Angreifer, der Gegner mit zu großer Kraft vorgeht, wird nachgegeben. Sieht man eine Lücke, wird diese genutzt. Neu ist das sicher nicht, so wird eigentlich in jedem Zweikampf der Raum genutzt. Im Wing Tshun versucht man jedoch ein möglich großes Gefühl dafür zu entwickeln, diesen Kräftefluss zu erkennen, möglichst frühzeitig zu reagieren. Wir brauchen daher ständiges Partnertraining um uns selbst und den Partner besser einschätzen zu können.

Die Wing Tshun Formen (wie Wing Tshun selbst) waren einst ein gehütetes Geheimnis. Dazu muss man die geschichtlichen Hintergründe kennen. Im alten China gab es keine Rente und keine Krankenversicherung. Wissen und Können war der größte Besitz der Menschen.

Die alten Meister nahmen Privatschüler bei sich zu Hause auf und unterrichteten Wing Tshun. Eine Ausbildung dauerte Jahre. In dieser Zeit hatte der Schüler oftmals Aufgaben im Haushalt des Meisters wahrzunehmen. Das Vieh musste versorgt, der Garten bestellt werden. Die Schüler wurden gleichzeitig in Philosophie und in Naturheilkunde unterrichtet. So waren Kampfkunst Philosophie und Naturheilkunde in China eng miteinander verknüpft und die Lehrer hoch geachtet.  

Im klassischen Wing Tshun gibt es drei waffenlose Formen. Die Sim-Nim-Tao Form (Kleine-Idee-Form), die Chum Kju Form (Brückenarme), die Bju Dschie Form (Stossende Finger). Hinzu kommen eine Form am Gerät – die Holzpuppenform Mook Yan Joang – und zwei Waffenformen, die Langstock- Luk Dim Bun Guan – und die Doppelmesserform Bart Cham Do . Diese Formen werden nach Entwicklung des Schülers, von erfahrenen Lehrern gelehrt und können im Alleinstudium verinnerlicht werden.

Die Form ersetzt zur Erlangung der Selbstverteidigungs-fähigkeit keinesfalls das Partnertraining. In vielen Wing Tshun Schulen werden ebenfalls verschiedene Stockformen gelehrt. Diese entstammen dem philippinischen Stockkampf (Arnis) und haben die Bewandtnis, dass die Wing Tshun Schüler, bevor sie ein Doppelmesser in die Hand bekommen, über den weniger gefährlichen Stock, ein Gefühl für eine Waffe bekommen. Zudem brauchen wir den Umgang mit der Waffe, weil wir mit Wing Tshun auch die Abwehr von Angriffen mit verschiedenen Waffen lernen. Wing Tshun soll allgemein, auf jeden Angriff eine Antwort haben. So müssen wir verschiedene Angriffstechniken (Schläge, Tritte, Hebel …) kennen, um diese entsprechend abwehren zu können.

Jede Kampfkunst, jede Kampfsportart hat ihre Formen (festgelegte Bewegungsabläufe) die einstudiert werden. Damit werden verschiedene Ziele verfolgt. So kann man damit Kraft und Ausdauer fördern, einen guten Stand vermitteln, neue Bewegungen vertraut machen, die Atmung kontrollieren, die Bewegungen abrunden (fließen lassen). Es gibt eine ganze Reihe gesundheitlicher Aspekte. Daneben fördern wir unsere Disziplin und weitere mentale Kräfte.  Wer Kampfkunst intensiv betreibt, kommt nicht umhin, seinen Tag diszipliniert zu begehen, wer täglich übt wird auf ausreichend Schlaf und gesunde Ernährung achten, um beim nächsten Training bestehen zu können. Das sind positive Nebeneffekte.

 

Mit den Wing Tshun Formen können wir uns selbst konditionieren. Hier sind nicht Kraft und Härte sondern Beweglichkeit und Balance gefragt. Eines der Wing Tshun Prinzipien heißt: „Löse dich von deiner Kraft“. So üben wir die Form nicht zu angespannt (hart), aber auch nicht ohne Körperspannung (weich). Es gilt die „MITTE“ zu finden. Daneben inspirieren die Formen die Schüler.

Die einzelnen Sätze lassen sich auf verschiedene Weise kombinieren und auch im Zweikampf anwenden. Sie sind also nicht losgelöst von der Praxis (vom Kampf) zu betrachten, sondern sollen vielmehr integraler Bestandteil sein. So sind das Training mit Partner und das Üben der Wing Tshun Formen gleichermaßen von Bedeutung. Was man in den Formen erkennt, liegt zunächst an der Anleitung durch einen erfahrenen Lehrer. Später finden die Übenden selbst heraus, was es zu entdecken gibt. Dabei ist der Weg das Ziel.

Eine moderne Kampfkunst muss heute verschiedenen Ansprüchen genügen. Wir werden beruflich oder in der Schule gefordert. Wir können es uns nicht leisten, durch unser Hobby, unseren Job oder unsere Ausbildung zu gefährden.

 

Eine der Lernmethoden im Wing Tshun ist das Kämpfen im sogenannten „kontrollierten Zweikampf“  (Lat Sao). Dabei können alle Techniken ausprobiert und miteinander kombiniert werden. Abhängig von der Graduierung der Schüler werden verschiedene Lat Sao Programme geübt. Kernpunkt dieser Programme sind die verschiedenen Distanzen, wobei die Rolle des Angreifers, des Verteidigers, rechts und links ständig wechseln. Ebenso wichtig sind dabei Schrittarbeit und der richtige Stand. Faustschutz, Schienbeinschoner und Tiefschutz müssen hier getragen werden.  Fast schon nebenbei erfährt man dabei etwas über die Wing Tshun Kraft,- und Kampfprinzipien, die sich hier unmittelbar beim Partnertraining nachvollziehen lassen. 

Es gilt mit den Techniken sich selbst zu konditionieren, zu justieren. Ausdruck dessen, ist eine steigende Selbstverteidigungsfähigkeit, verbunden mit einer wachsenden Wahrnehmungsfähigkeit.

Diese Wahrnehmungsfähigkeit schützt mich und meinen Partner vor Verletzungen. Meist haben die Menschen diesbezüglich ein falsches Bild von Kampfkunst, Kampfsport. Die größte Kunst ist, möglichst realitätsnah zu kämpfen und trotzdem unverletzt zu bleiben.

Viele Sportler gehen an ihre Leistungsgrenzen. Sportunfälle aber auch unverhältnismäßig hoher Verschleiß (z.B. an den Gelenken) sind nicht selten die Folge. Dabei sollte Sport der Gesunderhaltung dienen. Spätere gesundheitliche Einschränkungen, sollten nicht der Preis für zeitlich begrenzte Höchstleistungen sein. Mit Wing Tshun wird man vielseitig gefordert. Diese vielseitige Beanspruchung braucht der Körper. Die Fähigkeit sich verteidigen zu können, ist nach einiger Zeit nicht  einziger Beweggrund sein Wing Tshun Training fortzusetzen. Es macht einfach Spaß auszuloten, was kann ich, wie weit kann ich mich entwickeln, was für ein Potential habe ich?

Was steckt dahinter? Die Frage ist nicht einfach zu beantworten. Für mich war / ist es eine Herausforderung zu beschreiben, was Wing Tshun ist. Selbstverteidigung allein, wird Wing Tshun Kampfkunst nicht gerecht. Wie kann es sein, da ist sich die Kampfsport / Kampfkunstwelt einig, dass man, insbesondere bei Wing Tshun, verhältnismäßig auf einen Angriff reagieren kann? Verhältnismäßigkeit erfordert ein hohes Maß an Können.

  

Regelfreiheit, so meine Auffassung, fördert die Empathiefähigkeit beim Training. Wir passen beim Training besonders auf, wo wir hinschlagen und wie fest der Schlag ist. Außerdem besteht der überwiegende Teil des Wing Tshun Trainings aus Partnerübungen. Das kann es aber nicht allein sein, auch bei anderen Kampfkünsten / Kampfsportarten wird mit Partner geübt. Wir haben das Rad nicht neu erfunden. Elemente vom Wing Tshun Training finden sich in anderen Künsten / Sportarten und umgekehrt. Vielleicht ist der Selbstverteidigungsgedanke ausgeprägter. Vielleicht wendet sich Wing Tshun besonders an geduldige, ausdauernde Menschen? In Wing Tshun werden die natürlichen (manchmal verschütteten) Fähigkeiten des Menschen gezielt geschult. Unser Reaktionsvermögen lässt enorme Leistungen zu. Man kann den menschlichen Körper konditionieren, dass die komplexen Muskeln, Sehnen, "der Bewegungsapparat" so zusammen-arbeitet, dass dieser wie ein zurückgezogener Ast nach vorne schnellt und peitschenartig zuschlägt. Dazu brauche ich die Kraft des Gegners. 

Konditionierung, Körperspannung, Reaktion, Regel-freiheit, sind Versuche das Ergebnis zu beschreiben. Eine Kampfkunst die weltweit Freunde gefunden hat.

Wir kämpfen nach Prinzipien, mit geschlossenen Augen, üben auf dem sogenannten H-Balken. Im Lat Sao Zweikampf setzen wir Faust, Ellenbogen, Fuß, Knie ein. Es gibt den Bodenkampf, gezieltes Kondititonstraining und das aussergewöhnliche Chi Sao Training.  Einige Besonderheiten weisen die Wing Tshun Formen auf, die man allein üben kann. Das Training an der Holzpuppe und nicht zuletzt das Stockkampftraining, runden das Training ab und begeistern viele Schüler. Nur wenige Schüler trauen sich nach vielen Jahren Training an den Langstock und üben mit den chinesischen Doppelmessern, die ebenso typisch für diese Kampfkunst sind.

Zur Entstehung von Wing Tshun – Die Legende 

Vor mehr als 250 Jahren,  in der Ching Dynastie soll ein Kung Fu Kloster durch Soldaten der Manchu Regierung niedergebrannt worden sein. Unter den Überlebenden, die Nonne Ng Mui. Sie flüchtet in die Berge, zieht sich zurück und widmet sich dem Studium der Kampfkunst. Beeinflusst durch Wissen, Philosophie und Naturbeobachtung, entwickelt Ng Mui ein neues Kampfsystem, welches die bestehenden Shaolin Kung Fu – Techniken besiegen konnte. Die Beobachtung eines Kampfes zwischen Fuchs und Kranich soll ausschlaggebend gewesen sein. Dabei übernahm Ng Mui das Konzept, nach dem der Kranich, mit dem körperlich überlegenen Fuchs kämpfte und passt die Techniken den Bedürfnissen des menschlichen Körpers an. Ng Mui´s neues System ist nicht schön und eignet sich daher nicht für Kampfkunstgalas. Es geht allein um Effektivität – schnörkellos, präzise und unfair.

Die erste Schülerin, deren Namen die neue Kampfkunst trägt, sollte einen stadtbekannten Schläger heiraten. Ng Mui unterrichtete Yim Wing Tshun in der neuen Kampfkunst. Damit gelang es Yim Wing Tshun sich des Mannes zu erwehren, der sie fortan nicht mehr belästigte. Yim Wing Tshun lehrte die neue Kampfkunst ihren späteren Mann Leung Bok Chau. Damit beginnt die Geschichte des Wing Tshun Stammbaums, der heute mehr und mehr Blüten trägt.

Mit Wing Tshun wurde ein Stück chinesische Kultur in den Westen transportiert. Nicht nur die chinesische Art zu kämpfen, sondern die chinesische Weise zu denken,  erreichte den Westen.  

Großmeister im Wing Tshun Ip Man hat der Welt ein gut gehütetes Geheimnis vererbt. Ip Man wanderte, nach dem 2. Weltkrieg, zurzeit als Teile Chinas durch Japan besetzt waren, nach Hongkong aus. Hongkong war seinerzeit britische Kronkolonie. Dort verdiente der Großmeister sein Geld, indem er chinesische Restaurantarbeiter in Selbstverteidigung unterwies. Später wurde die Hongkong Polizei auf Ip Man aufmerksam, die ebenso von ihm unterwiesen wurde. Mehr und mehr Schulen wurden in Hongkong eröffnet, weil Ip Man nicht die Ansicht alter Meister teilte, die Kampfkunst Wing Tshun sollte eine Geheimkunst bleiben. Aus dieser Zeit stammen viele gute Meister, die sich selbst rühmen „Schüler von Ip Man“ gewesen zu sein. Einer dieser Schüler, Bruce Lee, wurde ein berühmter Filmstar und begeisterte Menschen auf der ganzen Welt mit seinem Kampfkunststil Jeet Kune Do. Bruce Lee´s neuer Kampfstil wurde wesentlich von Wing Tshun beeinflusst. Von ihm stammt das berühmte Zitat: „Be water“. Ein anderer, Leung Ting (Ip Man´s Lieblingsschüler), fand den Weg nach Deutschland. Mit dem Kampfsport begeisterten Deutschen Keith R. Kernspecht,  gründete Leung Ting einen großen Verband, von dem es heute überall auf der Welt Ableger gibt.

Die Chinesen, das belegen Jahrtausende Geschichte, sind Wissensdiebe, heute reden wir von Produktpiraten. Sie hatten es auf Grund der Größe ihres Reiches nicht nötig andere Länder zu überfallen und zu erobern. Chinesen die ferne Länder bereisten, kamen mit Gastgeschenken und der Intention zu schauen, welche interessante, nützliche Erfindung es zu entdecken gab. Auch handelten die Chinesen gerne und verbreiteten so ihr Wissen und ihre Waren überall auf der Welt. Die Chinesen sind ein Volk der Künste und des Wissens. Viele Erfindungen: Papier, Druckkunst, Magnetkompass, Seide, Porzellan, Schwarzpulver, Kammersystem in Schiffen  … und vieles mehr haben ihren Ursprung in China.