Seit 10 Wochen bin ich nun in Tansania und ich merke, dass Dinge, die mich zu Beginn noch jedes Mal begeistert, erschreckt oder verwundert haben, schon ein wenig zur Gewohnheit geworden sind.

Die Dala-Dala-Fahrten machen mir mittlerweile unglaublich Spaß, und ich rege mich über die Enge und das Gedrückte schon längst nicht mehr auf. Dass das Motorrad-Taxi (Piki-Piki) jedes mal später kommt als verabredet, ist selbstverständlich und deshalb rufe ich meinen Stammfahrer Deus nun immer schon eine halbe Stunde im Voraus an. Wer eine alte Standuhr zuhause hat, wird wissen, dass man nach einiger Zeit das Bimmeln gar nicht mehr hört. So ist es bei mir und den „Mzungu“-Rufen. Irgendwie nehme ich sie noch war, ignoriere sie aber unbewusst.

Da meine Arbeit nun läuft und ich deshalb seit 5 Wochen einen geregelten Tages-/Wochenablauf habe, würde ich euch gerne einen „typischen“ Tag meines tansanischen Lebens beschreiben.

6:00

Der Wecker klingelt. Ich kann nicht fassen, dass die Nacht schon wieder vorbei ist, richte meine beiden Decken, die ich in Kilolo brauche und drücke auf Schlummern.

6:10

Nochmal auf Schlummern drücken, in der Hoffnung die nächsten 10 Minuten dauern länger, als die jetztigen.

6:20

Jetzt aber raus, Heizlüfter angeschmissen und Boxershorts draufgelegt. In Kilolo ist es zur Zeit, vorallem am Morgen unglaublich kalt, was das Aufstehen nicht gerade erleichtert. Für Duschen fehlt morgens meist die Motivation, weshalb sich das dieses auf nach der Schule oder Abend beschränkt. Nach dem Zähneputzen geht’s zurück in mein mittlerweile einigermaßen warmes Zimmer. Nun muss eine Entscheidung gefällt werden: Wie komme ich zur Schule? Entweder Piki Piki (Motorrad-Taxi), Dala Dala (VW-Bus)…oder der Bus, der jeden Tag zwischen 6 und halb 7 am Amani Center vorbeifährt. Falls ich mich fürs Piki entscheide, habe ich etwas länger Zeit, da Deus mich direkt vom Amani Center abholt. Um ein Dala-Dala zu bekommen müsste ich zu Fuß eine halbe Stunde nach Kilolo laufen. Während ich überlege höre ich eigentlich jeden Tag den vorbeifahrenden Bus, wodurch diese Option immer wegfällt.

6:40

Nun gehts’s nach drüben, in das Nachbarhaus, dass der Managerin des Dorfes Mama Erica gehört. Dort gibt es zum Frühstück zwei Optionen: Brot mit Marmelade/Erdnussbutter oder einfach nur Butter und Salz…oder Uchi. Ich hab keine Ahnung, wie ich Uchi beschreiben soll. Grau. Matschig. Brei. Und er schmeckt erst, wenn man ca. 10 Löffel Zucker hineingekippt hat. Also Brot mit Marmelade zum Frühstück.

Oh, und noch schnell Deus anrufen, sonst kommt der heute gar nicht mehr.

6:45

Deus sagt, er ist in 10 Minuten da…deshalb schmeiße ich in großer Eile alle meine Sachen in meinem Rucksack und begebe mich zur Straße, wo ich auf ihn warte.

7:20

Deus kommt. Er hat mir in den letzten 2 Wochen hier Motorradfahren beigebracht und deshalb darf ich ab und zu selbst zur Schule fahren. Ich liebe meinen Schulweg. Mitten durch einen tansanischen Wald, dann an Lehmhütten und Holzläden vorbei durch mein gemütliches Dörfchen Kilolo, über eine asphaltierte Straße(!), auf der man nach rechts und links einen umwerfenden Ausblick hat und danach mitten durch Felder und Staubstraßen zu meiner Schule, die mitten in der Pampa liegt.

7:40-14:00

Von Montags bis Mittwochs unterrichte ich an der Kilolo Secondary School Mathematik. Neben mir ist nur noch ein Mathelehrer an dieser Schule angestellt, was dazuführt, dass ich von vier Jahrgängen zwei Jahrgänge in Mathe unterrichte. An den 3 Tagen, die ich an der der Schule bin, bin ich sechs von acht Schulstunden im Einsatz. In jeder Stunde wird mir aufs Neue bewusst, wie schnell ich doch mit dem Kisuaheli-Lernen weitermachen muss. Die Schüler sprechen wirklich ein schlechtes Englisch und es fällt ihnen fast noch schwerer Englisch zu sprechen, als mir Kisuaheli zu sprechen. Aber ich habe vor den nächsten Blogeintrag größtenteils über meine Schule(n) zu schreiben, deshalb belasse ich diesen Teil des Tages mal so verkürzt.

Donnerstags gehe ich um 3:20 in die Primary School in Kilolo und unterrichte dort Englisch. Während ich an der Secondary School vor 80-100 Schülern stehe und meistens Frontalunterricht gebe, geht es an der Primary darum, den Kinder Englisch spielerisch beizubringen.

15:00

Ich komme im Kinderdorf an und gehe zuerst in Mama Ericas Haus um zu essen. Jeden Tag ,,gespannt“, was es wohl heute zu essen gibt, erwartet mich an 80% der Tage Ugali. Es gibt ca. fünf mögliche Beilagen, die sich abwechseln: Bohnen, eine Art Spinat, ein Kraut, Erbsen und bittere Tomaten. Ungefähr einmal in der Woche gibt es Reis, jedes Mal wieder ein kulinarisches Highlight der Woche.

16:15

Ich finde mich in meinem Bett wieder und obwohl ich mir vorgenommen habe, dass es mir heute nicht passiert, ärger ich mich, dass ich schon wieder ein Mittagsschläfchen gemacht habe. Jetzt muss ich mich ranhalten mit meinen Plänen für den Tag. Wäsche waschen, Unterricht vorbereiten, Emails schreiben (was bei dem Kilolo-Internet durchaus lange dauern kann), mit den Kindern spielen oder Kinderakten verwalten,.Dies sind einige der Tätigkeiten, mit denen ich mich unter der Woche beschäftige, falls ich keinen Nachhilfeunterricht für die Kinder vom Amani Center gebe.

16:45

Meine beiden Mitfreiwilligen aus Kilolo, die in der kinderdorfeigenen Schreinerei arbeiten, haben Feierabend. Manchmal gut gelaunt, oftmals aber auch total entnervt von der doch sehr „eigenen“ tansanischen Arbeitsweise verbringen wir den Rest des Tages meist gemeinsam. Ab und zu gehen wir zusammen den 30 Minuten langen Fußmarsch bis ins Dorf Kilolo, um ein Feierabendbierchen oder eine Portion Chipsy Mayai (Pommes in Spiegelei) zu essen. Nur Ugali und Wasser ist auf Dauer eher schwieriger zu ertragen. Einen ganzen Haufen Bekanntschaften haben wir in Kilolo schon geschlossen: Die „Crocande-Mama“, bei der man sich süßes Gebäck kaufen kann, die „Vocha-Mama“ (Vocha=Handyguthaben), die sich neben dem Verkaufen in ihrer Holzhütte auch immer nach unserm Wohlbefinden und unseren Plänen fürs Wochenende erkundigt. Jackson, der mir Chipsy Mayai kochen beibringt (sobald ich zurück in Deutschland bin werde ich das ständig kochen!). Ein Dauer-Besoffener, der jedes mal total euphorisch sagt, wie froh er doch ist, uns kennengelernt zu haben und dann nach Geld fragt. Nachdem wir ihm wie jedes mal erklärt haben, dass wir ihm kein Geld geben, lächelt er freundlich und geht seines Weges. Dabei erzählt er jedem, der ihm entgegenkommt, dass wir seine „Rafiki“ (Freunde) seien. Naja…das sei mal dahingestellt.

19:30

Zeit zum Abendessen. Wieder gehen wir drei Freiwilligen zu Mama Erica und bekommen – welch Überraschung – Ugali zum Abendbrot.

19:45

Da es ab 7 Uhr dunkel ist, bleiben uns nicht ganz so viele Möglichkeiten den Abend abwechslungsreich zu gestalten. Mama Erica möchte nicht, dass wir in der Dunkelheit noch ins Dorf gehen. Zum Einen, weil es doch recht unsicher sein kann, zum Anderen aber auch, weil wir schon eine Art Vorbild für die Kurzen im Kinderdorf sind. Nach dem Abendbrot noch irgendwohin aufzubrechen, soll kein Kind dazu verleiten vielleicht doch mal hinterherzulaufen und zu gucken, was die Mzungus so spät noch im Dorf treiben. Also verbringen wir den Abend meist mit Filmen, Büchern oder vor dem Laptop.

„Heute muss ich aber mal ein bisschen eher ins Bett, ich bin morgens immer so fertig“, darüber sind Daniel und ich uns einig.

0:15

Entweder höre ich aus Daniels Zimmer noch die Hintergrundmusik von „Fifamanager ’13“, oder Daniel hört bei mir Stone Sour, Sick of it All oder irgendeine andere Einschlafmusik. 😉 So sitzen wir meistens nachts noch in meinem Zimmer und reden über dies und über das…bis wir dann irgendwann wirklich müde sind und jeder pennen geht. Noch ca. fünf bis sechs Stunden bis mich der Wecker wieder aus meinem Schlaf reißt und alles von vorne losgeht.

Zehn Wochen lang bin ich nun also schon hier. Langeweile hatte ich noch nie, nicht mal auf mehrstündigen Busfahrten oder in meinen Freistunden in der Schule. Immer gibt es irgendwelche Leute mit denen ich mich austauschen kann, die mir neue Blickwinkel auf Dinge geben und die einfach dafür sorgen, dass ich mich hier absolut wohlfühle. Zum Thema neue Blickwinkel: Ich glaube ein guter Abschluss für diesen Text könnte ein Satz von Noveta, einer meiner Lehrerkolleginnen sein, die mich zu sich nach Hause eingeladen hat und für mich gekocht hat: „Wir sind zufrieden, wenn unser Geld für Essen, einen schönen Platz zum Schlafen und das Schulgeld für unsere Kinder reicht. Ihr habt Geld für alles, und seid trotzdem jeden Tag gestresst.“


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