Wenn ich mich in meinem Kalender nicht verzählt habe, bin ich nun seit 43 Tagen in Ghana. Das ist lang genug, um sagen zu können: Ich habe einen Alltag. Natürlich erlebe ich nach wie vor Überraschungen und nehme neue Kuriositäten wahr, was sicherlich auch daran liegt, dass meine Augen nun in dem bunten Potpourri die zahlreichen Details erkennen können. Doch alles in allem habe ich mich an das meiste gewöhnt. Dank guter Vorbereitungen in den beiden Seminaren meiner Entsendeorganisation „bezev“ warte ich noch immer auf den Kulturschock, der viele Freiwillige ereilt. Klar, die Armut vieler Ghanaer lässt mich nicht unberührt, aber ich bin mit diesem Wissen hierher gekommen und dementsprechend wurde ich von den zahlreichen Behausungen, die in Deutschland vielleicht gerade einmal (und von vielen nicht einmal) als Geräteschuppen genutzt würden, nicht umgehauen. Im Gegenteil, das ist pures Leben! Ohne Schnörkel, Toilettendeckelbezug und Milchaufschäumer. Es wäre absolut vermessen, zu sagen, dass ich die Leute für diesen Lebensstil bewundere. Oder dass die Leute trotz ihrer Armut glücklich sind. Ich schätze, die meisten würden ohne eine Sekunde zu zögern mit mir tauschen und für mich nach Deutschland gehen. Um mein Leben zu leben, das mir so viele Perspektiven und Sicherheiten bietet. Ich kann diesen Menschen natürlich nicht ihre Armut nehmen, aber wenigstens kann ich mein Leben ein bisschen ghanaischer gestalten und meinen westlichen Reichtum weniger ausnutzen. Hier wird z.B. alles benutzt, bis es seinen Zweck nicht mehr erfüllt. Dann wird es, wenn möglich, für etwas anderes oder jemand anderen zweckentfremdet und erst dann, wenn nichts mehr geht, durch etwas Neues ersetzt. Oder eben nicht. Sicherlich wird dies so gehandhabt, weil finanzielle Mittel knapp sind. Aber ich, und da bin ich bestimmt nicht allein, bin bisher immer ganz anders mit Gegenständen mit Schönheitsfehlern umgegangen. Auch diese Erkenntnis packe ich in meinen Koffer.

Letztes Wochenende, als ich wieder in Kumasi war, habe ich einen 19Jährigen kennengelernt, der bei seiner für ghanaische Verhältnisse einigermaßen wohlhabenden Tante lebt. Ich glaube, seine Mutter ist zu arm, um ihn zu versorgen. Er geht jedenfalls momentan zur Junior High School, die monatlich schon eine ordentliche Stange Geld kostet. So wie es momentan aussieht, wird er nicht zur Senior High School gehen können, um eine Berufsausbildung abzuschließen, da dies die finanziellen Möglichkeiten der Familie nicht zulassen. Wie unfair! Als ich das von ihm hörte, war ich wirklich ergriffen und zugleich beschämt, dass ich nach meiner bereits absolvierten Ausbildung noch ein Hochschulstudium beginnen möchte, „nur“ um mich noch besser auszubilden. Vielleicht war ich in diesem Moment etwas zu vorschnell, aber in meiner das-ist-alles-nicht-fair-Stimmung habe ich ihm gesagt, dass ich nach Möglichkeiten schauen werde, die ihm vielleicht helfen können. Schließlich habe ich die Verbindung zu einem reichen Land. Jetzt setzt er, glaube ich, große Hoffnungen in mich. Aber ich möchte mein Wort halten und es wenigstens probieren. Habt ihr, liebe Leser, nützliche Ideen? Nutzt doch bitte die Kommentarfunktion.

Nun möchte ich etwas leichtere Kost bieten, schließlich soll ein Blog ja auch unterhalten. Und zwar habe ich meinen ersten Skorpion in freier Wildbahn gesehen! Und auch, wenn das Photo die Größe des Skorpions nicht korrekt wiedergibt, ich fand ihn riesig! Ich habe ihn lange beobachtet, denn seine Bewegungen waren echt faszinierend. Diese endeten jedoch abrupt, als eine ghanaische Mitarbeiterin einen dicken Stein auf ihn warf. Hier wird mit allem, was gefährlich sein könnte, nicht lange gefackelt. Auch Schlangen werden direkt mit Stöcken oder Steinen erschlagen, da kennt man hier nichts. Eine Schlange habe ich übrigens auch schon gesehen, die war allerdings kaum größer als ein Bleistift. Aber hey, Schlange ist Schlange. Für ein Foto war sie aber leider zu schüchtern.

Ich möchte übrigens bald in eine Gastfamilie ziehen. Ich durfte letztes Wochenende einen kurzen Einblick in zwei Gastfamilien haben, als ich bezev-Freiwillige in Kumasi besucht habe. Mir hat es so gut gefallen, dass ich mir das auch für mich wünsche. Sicherlich muss ich dann einige Freiheiten abgeben, ich bekomme dafür aber bestimmt einen tieferen Einblick in Ghanas Kultur und außerdem mehr Kontakt zu Einheimischen. Im Moment verbringe ich nämlich mehr Zeit mit niederländischen Volunteers, als mir lieb ist. Schließlich bin ich in Ghana!

So, ich gehe noch schnell in die Stadt auf eine Runde „fried yam“ (eine Wurzel, die eine leichte Ähnlichkeit mit Kartoffel hat) oder „rice with stew“. Und dann ist auch schon fast Schlafenszeit, schließlich ist es schon „spät“.

Es grüßt euch,

Simon

PS: mehr Fotos von Nkoranza und von der Arbeit reiche ich in den nächsten Tagen nach. Alle, die mich kennen, kennen ja auch meine Vergesslichkeit…. Ach, und „Meda ase“ heißt „danke“ auf Twi, der Sprache, die hier in der Region gesprochen wird. Danken möchte ich für euer reges Interesse an und positives Feedback für meine Beiträge!


Über die Autorin/den Autor:  24 Jahre alt, geboren in Werne 2008 Abitur am Gymnasium St. Christophorus 2008-2010 FSJ/Jahrespraktikum in der Kinderheilstätte Nordkirchen 2010- 2013 Duale Ausbildung zum Heilerziehungspfleger Alle Beiträge der Autorin/des Autors: