An der Realschule waren Klassenfahrten nicht meins. Ich war bei einer dabei, auf der wir knapp eine Woche auf einem Bauernhof nächtigten und keinen „Ausgang“ hatten. Wir durften nicht in den umliegenden Wäldern spielen, nicht auf die Felder und nicht im sehr großen Heuboden spielen. Der „Pool“ war dreckig und hatte seit Jahren kein Wasser gesehen. Alles in allem eine wirklich sehr enttäuschende Klassenfahrt.

Seitdem mied ich die Klassenfahrten, war entweder krank oder hatte einfach keine Lust. Als Herr Schwarz, unser Englischlehrer, ankündigte er wolle mit uns nach Bristol fahren, wurde ich hellhörig. Im Vorfeld gab es zwar einige Diskussionen um das Kulturprogramm, da es immer noch eine Schulklassenfahrt war und wir nicht nur Party machen konnten, sondern auch etwas lernen mussten. Manche Leute fanden, dass das Programm zu zeitintensiv sei oder der Fokus nicht richtig auf die Interessen zugeschnitten war. Aber es war nicht so schlimm, wie so mancher, inklusive mir, es prophezeite. Es war im Endeffekt sogar sehr interessant und abwechslungsreich.

Die knapp 15 Stunden dauernde Hinfahrt wurde allerdings leider von ein paar betrunkenen Mitschülern so gestört, dass niemand Ruhe fand und schlafen konnte. Der „kulturelle Stopp“ in Stonehenge war somit auch nicht zu genießen. Doch das Ganze wurde wieder wettgemacht durch ein paar sehr schöne Tage in Bristol.

Das Wetter war voll auf unserer Seite, da es durchgehend sonnig und über 20 Grad warm war. Nachdem unsere kleine Truppe, allen voran Jonas und ich, die Stadt weitgehend zu Fuß erkundete und die ganzen interessanten, schönen und lohnenswerten Orte fand, war mir wieder einmal bewusst, warum ich das Abitur eigentlich mache. Bristol ist eine Studentenstadt, mit zwei sehr schönen und guten Universitäten und etwa 430 000 Einwohnern. Eine Stadt mit vielen tollen Orten und viel Leben. Der Einfluss der multikulturellen Einwohner ist überall zu sehen, sei es an den vielen verschiedenen Restaurants, Fressbuden, Lokalen oder einfach nur an den Menschen die überall in den Parks sind und bei sonnigem Wetter grillen, spielen, tanzen oder einfach nur ein Bier genießen. Und in so einer Stadt möchte ich studieren und leben. Das Abitur wird mir das ermöglichen, und dann kann ich mehr als nur vier Tage in so einem Schmelztiegel verbringen.

Das Schuljahr ist bald vorbei, und der Ausflug hat mich für das nächste echt motiviert. Auch dachte ich immer, dass ich fast alle meine Mitschüler kenne, doch wurde ich sehr überrascht auf der Klassenfahrt. Ein paar Leute, die sonst immer ruhiger und unscheinbar waren, habe ich in der Zeit wirklich sehr ins Herz geschlossen. Mir war nie bewusst, wie witzig und toll ein paar meiner Klassenkameraden sind. Allen vorran Raphael und Kai, welche sonst immer etwas ruhiger im Unterricht sind.

Leider stellte ich auch ein paar negative Seiten an Mitschülern fest, von denen ich vorher eine hohe Meinung hatte. Herr Schwarz lebte in der Zeit richtig auf, man merkte ihm an, wie gerne er in England ist und wie sehr er das Land und die Leute mag. Die Meinung, die wir alle über Frau Pauli, unsere Lateinlehrerin, hatten, wurde nur bestätigt. Sie war für jeden Spaß zu haben, spielte bis spät in die Nacht mit Schülern ein paar Gesellschaftsspiele und machte bei Streichen mit.

Zum Zeitpunkt der Reise war noch unklar, ob und wie die Leute aus dem Abijahrgang die Prüfungen bestanden oder noch nachholen mussten, aber das merkte man ihnen nicht an. Ikram, Anne, Marina und Stefan waren im Urlaub und dachten nicht viel an die Schule. Das zeigt, wie erholsam es für sie war.

Bald stehen die Ergebnisse fest und dann werde ich allen gratulieren können. Der Termin für die Abifete steht auch bald fest, und zu feiern gibt es garantiert genug.


Über die Autorin/den Autor:  Der Lüdenscheider Thomas Köhler ist 25 Jahre alt und gelernter Krankenpfleger. Er arbeitet im Klinikum Lüdenscheid. Während der nächsten drei Jahre will er das Abendgymnasium Lüdenscheid, eine Außenstelle des Hagener Rahel-Varnhagen-Kollegs, besuchen – außer in den Schulferien an fünf Abenden pro Woche. Den Lesern unserer Zeitung wird Thomas Köhler in regelmäßigen Abständen – etwa einmal monatlich – erzählen, wie es ihm und seiner Klasse dabei ergeht. Alle Beiträge der Autorin/des Autors: