Es näherte sich das Ende des Schuljahres, und so stand der
Abschlussball der 12.-Klässler, die die Schule verlassen werden, an.
Der Senior-Prom, so nennen es die Amerikaner, war das Gesprächsthema
Nummer eins in der Schule. Jeder sprach darüber, dass er dieses Jahr
auf einem Schiff auf dem Connecticut River stattfinden würde. Jeder,
der eingeladen war, war außer Rand und Band . Es schien für mich, als
wäre der Senior Prom DAS Event in der Laufbahn eines High Schoolers.
Als Junior (11.-Klässler) hätte ich eigentlich "nur" zu dem Junior Prom
gehen können, der in der High School stattgefunden hätte und bei weitem
nicht so eine große Sache ist, wie der Senior Prom. Ich hätte nie im
Leben erwartet, das ich später Teil dieses großen Balls werden sollte.

Gerade kam ich erschöpft von einem meiner Tennisspiele nach Hause, als
ich diese SMS empfing: "Hannah, möchten Sie mit mir zum Abschlussball
gehen?" Sie kam von Shawn; einem netten, gut aussehenden 12.-Klässler.
Er war ein wenig schüchtern und hatte sich nicht getraut mich
persönlich zu fragen, wie er mir später erzählte. Um es aber trotzdem
zu etwas Besonderem zu machen, übersetzte er es in meine Muttersprache.
Ich war beeindruckt,  außer mir vor Freude und konnte mich kaum noch
einkriegen. Zunächst konnte ich es nicht so recht glauben. Als deutsche
Austauschschülerin wurde ich soeben zu dem großen Abschlussball
eingeladen! Ich rannte sofort runter um meinen Gasteltern, um diese
freudige Nachricht zu überbringen. Anna und Lee waren begeistert und
wir fingen sogleich an, über die notwendigen Vorbereitungen zu sprechen.

Direkt am folgenden Wochenende sind wir dann los gefahren. Ich brauchte
ja ein schönes Kleid, einen  Termin beim Frisör - und die Fingernägel
durften natürlich auch nicht zu kurz kommen. Einen Tag lang durfte ich
mich wie eine Prinzessin fühlen.

Als dann endlich der Tag gekommen war, wuchs die Aufregung. Wird Shawn
mein Kleid wohl mögen? Passen meine Fingernägel auch zu meinem Kleid?
Und was ist, wenn er die Tickets vergisst?

Trotz all der Aufregung hat dann aber alles super geklappt. Mein Date
hat zwar auf sich warten lassen, aber mit 15 Minuten Verspätung ist er
dann doch noch an unserem Haus angekommen um mich abzuholen. Ich war so
aufgeregt als er klingelte, dass ich meinen Gastvater Lee gebeten habe,
die Tür zu öffnen. Da stand er nun, Shawn, festlich gekleidet im Anzug
mit grüner Weste (er hatte mich vorher nach meiner Lieblingsfarbe
gefragt) und gab mir ein wundervolles Blumenarmband, das ich den ganzen
Abend trug. Wie es hier Brauch ist gab ihm eine Rose für seinen Anzug.
Um ehrlich zu sein, ich war total verblüfft wie gut er in diesem
festlichen Aufzug aussah und es war mir eine Ehre, mit ihm zum Ball zu
gehen.

Dann ging es los. Zuerst fuhren wir zur Schule, wo die die Lehrer schon
auf uns warteten. Jeder einzelne wurde auf gefährliche Gegenstände
untersucht und zu guter Letzt mussten wir uns dann noch einem
Alkoholtest unterziehen - eine Sicherheitsmaßnahme als Reaktion auf die
jüngsten Ereignisse. Als wir das hinter uns gebracht hatten folgte die
40 minütige Fahrt mit dem Bus zum Schiff. Sie zog sich unendlich lang
hin und ich konnte es kaum abwarten das Ziel zu erreichen. Dann sahen
wir das riesige Schiff, einfach wunderbar. Es war alles so schön
dekoriert, man hätte denken können, es sei für eine Hochzeit
herausgeputzt worden.

Auf dem Schiff wurden wir nach dem Empfang mit einem 3-Gänge Menu
verwöhnt, während der DJ seine erste Musik auflegte. Nach dem Essen
folgte dann mein persönliches Highlight des Abends. Alle wurden heraus
gerufen auf das Deck. Dort erhielt jeder ein Stück Papier, das zu einem
Dreieck zusammengefaltet war. Nun lautete die Ansage: "Jeder wünscht
sich etwas und auf drei öffnet ihr das Päckchen!" Es wurde für einen
Augenblick still auf dem Schiff - und dann - "Eins -Zwei - DREI ! " -
wir öffneten vorsichtig die Päckchen und Sekunden später war der Himmel
begleitet von unsern bewundernden Lauten voller kleiner Schmetterlinge!
Sie  befanden sich in den Päckchen und trugen unsere Wünsche mit sich
fort in die Zukunft.... Alle waren so überrascht von der schönen Idee.
Es war ein wunderbares Bild, all die hübschen Schmetterlinge, die
flatternd gen Himmel flogen. Einen Augenblick dachte ich an die kleinen
Tierchen -  wie viel Angst sie gehabt haben mussten - aber nun waren
sie wieder frei, frei wie auch unsere Wünsche für die Zukunft ....

Wenig später war der Tanz eröffnet. Wie gut, dass ich vor meinem
Austauschjahr die Tanzschule in Soest besucht hatte. Und so konnte ich
mich mit Shawn sicher auf dem Parkett leise schwingend bewegen -
mittendrin im Getümmel auf der Tanzfläche! Es hat so viel Spaß gemacht,
dass ich gar nicht bemerkte, wie schnell die Zeit verging.
Zwischendurch habe wir uns an Bar mit allen möglichen Getränke
erfrischt - alkoholfrei natürlich!

Im unteren Deck des Schiffes gab es einen einen professionellen
Fotografen, der eine große Kiste mit Klamotten zum Verkleiden dabei
hatte  - das haben Shawn und ich uns natürlich nicht entgehen lassen
wollen. Die Bilder gab es dann sofort zum mitnehmen in einem
Bilderrahmen als Erinnerung. Alles war so perfekt, dass der Abend - wie
alles Schöne - viel zu schnell vorbei war. Ehe wir uns versahen
spielten sie den letzten Song und wir mussten wieder zurück zu den
Bussen. Es war stockdunkel, und es blieb uns noch ein wenig Zeit, die
Seele baumeln zu lassen und einfach darüber nachzudenken, was für einen
wunderschönen Abend wir erleben durften. Ich glaube, es war einer
meiner schönsten Abende in meinem Leben. Meinen amerikanischen
Abschlussball mit Shawn werde ich wohl immer in Erinnerung behalten.
Und Shawn wird sich wohl immer an sein Date mit dem deutschen Akzent
erinnern...

 


Über die Autorin/den Autor:  Ein Jahr besucht Hannah Keyen aus dem Werler Stadtteil Büderich im US-Bundesstaat Connecticut die Highschool, lebt eine Autostunde von New York entfernt bei Gasteltern. Von ihren Erlebnissen in Amerika berichtet die 15-jährige Schülerin im Anzeiger-Blog. Alle Beiträge der Autorin/des Autors: