Herausfordernde Tage waren das: Zunächst stattete uns der Präsident des Deutschen Volleyball-Verbandes (DVV), Thomas Krohne, im Traininglager einen Besuch ab. Toll zu hören, wie der Präsident die vorbehaltlose Unterstützung des Verbandes vermittelt hat.

Es folgte ein Pressetag, in dessen Rahmen unter anderem die Fotoshootings für Poster und Autogrammkarten sowie ein Videodreh durchgeführt wurde. So stand das komplette Team einen Tag lang im Scheinwerferlicht und strahlte mit Spikerella, dem offiziellen EM-Maskottchen, um die Wette.

Am nächsten Tag ging es dann für einen Teil der Mannschaft nach Belgien zur ersten Runde der European League (EL) – inklusive der üblichen Herausforderungen, die eine Flugreise für ein großes Team mit sich bringt. Flugreisende kennen das: Ein „normaler“ Passagier darf in der Regel ein großes Gepäckstück mit einem Maximalgewicht von ca. 23 Kilogramm mitführen. Wer indes mit einer Sportmannschaft unterwegs ist, folgt anderen Regeln. Natürlich hat jedes Teammitglied seine eigene Reisetasche dabei, dazu kommen aber auch 20 Bälle, zwei Ballwagen, eine Massageliege, eine große Kiste mit medizinischem Material, eine Kiste mit Technik für die Spielanalyse und viele weitere Kleinigkeiten: In der Summe noch einmal bis zu vier große Reisetaschen zusätzlich. Macht 26 Gepäckstücke, die Airlines erlauben aber nur 16 (ein Gepäckstück pro Passagier). In dieser Situation kommt es immer zum „Argumentationsaustausch“ zwischen dem Schalterpersonal, deren Vorgesetzten, noch mal deren Chefs – und mir. Dann prallen Richtlinien, Nachzahlungswünsche bis zu 1000 Euro pro Flug und meine Argumente aufeinander. Und irgendwann folgt ein Ergebnis! Zum Glück leuchten den meisten Fluggesellschaften die Argumente irgendwann ein, dass eine Nationalmannschaft nicht die Gepäckregelungen eines normalen Passagiers erfüllen kann…

Beim Boarding checke ich dann fast immer als Letzter ein. Einfach, um sicher zu gehen, dass auch alle Teammitglieder eingestiegen sind. So auch jüngst in Berlin-Tegel. Der Flieger sollte bald starten, aber zwei Spielerinnen waren noch auf dem Weg zu Gate, da ertönte auch schon die Lautsprecherdurchsage: „Die Passagiere Brandt, Dürr, Oettinger und Willnat werden gebeten, sich umgehend an Gate 1110 einzufinden. Der Flug nach Brüssel startet in wenigen Minuten.“ Natürlich: Die Namen Brandt und Dürr sagten mir was, aber dass wir eine Spielerin Oettinger im Kader haben, war mir neu. In diesem Moment erschienen unsere Spielerinnen Anja Brandt und Lenka Dürr auch schon am Gate – und weiter entfernt sah ich Günther Oettinger (ehemaliger Ministerpräsident von Baden-Württemberg und derzeitiger EU-Kommissar für Energie) ebenfalls zum Gate eilen.

Die weitere Reise nach Brüssel und der anschließende Transfer nach Löwen erfolgten problemlos, im Gegensatz zum Turnier selbst. Unterm Strich standen nach drei Spielen ein 3:0-Sieg (gegen Israel) und zwei 2:3-Niederlagen (gegen Gastgeber Belgien und Serbien) zu Buche. Nicht unbedingt die Bilanz nach der ersten Runde, die wir uns gewünscht hatten, aber man sieht deutlich, dass gerade Belgien und Serbien schon viel länger im Training sind als wir. In einer Sportart, in der Abstimmung im Teamplay eine immens hohe Bedeutung hat, macht das sehr viel aus. Wir sind uns gleichwohl sicher, dass es von Woche zu Woche des gemeinsamen Trainings und der Matches immer ‚runder’ laufen wird und dann auch die Ergebnisse entsprechend besser werden.

Bei all‘ unseren Reisen quer durch die Welt haben wir leider nur selten die Möglichkeit, den Austragungsort des Turniers besser kennen zu lernen. Eigentlich befinden wir uns in der Zeit vor Ort nur im Hotel, der Spielhalle oder im Bus. Turnierkalender oder Standort des Teamhotels lassen es einfach nicht zu, die Örtlichkeiten näher zu erkunden. Beim Turnier in Löwen hatten wir aber Glück und konnten kurz vor Abreise noch einmal die Innenstadt anschauen – was sich wirklich lohnt. Das Zentrum der Universitätsstadt hat mit seinen kleinen Straßen und Plätzen, einer Unmenge an Bars, Cafes und Restaurants in Häusern der flämischen Baukunst, der imposanten ‚Sint Pieterskirche’, dem gotischen Rathaus aus dem 15. Jahrhundert oder dem großen Turm der Universität, der mit seinem Glockenspiel unter anderem „Yesterday“ von den Beatles zum Besten gibt, sehr viel zu bieten. Wer dann noch das Glück hat, dass der orange-rot-gelb-blaue Abendhimmel einen unfassbaren Hintergrund für diese Kulisse zaubert, darf froh sein, dass es noch ein Leben jenseits von Teamhotel und Sporthalle gibt.


Über die Autorin/den Autor:  Der Halveraner Matthias Willnat betreut die Deutsche Volleyball-Frauen-Nationalmannschaft als Teammanager auf dem Weg zur Europameisterschaft, die im September im eigenen Land stattfindet. Für come-on.de führt Willnat ein Tagebuch der Ereignisse. Alle Beiträge der Autorin/des Autors: