Sankt Martin

Kaum zu glauben, wie ich diesen Blog in letzter Zeit vernachlässigt habe. Da wollte ich davon berichten, wie unser Sankt Martins-Projekt bei den beteiligten Kindergartenkindern angekommen ist, wie wir mit ihnen gebacken haben (dabei allerdings kaum etwas zu tun hatten, weil die Kindergärtnerinnen das Meiste selbst in die Hand genommen haben), wie sie Laternen aus Plastikflaschen basteln durften (es musste gespart werden) und wir letztendlich mit unseren Lichtern durch die Stadt gezogen sind (gegen vier Uhr – es war noch hell).

Vielleicht hätte ich auch erwähnt, dass die Kinder unser kleines Theaterstück trotz unseres deutschen Akzentes verstanden haben. Den Text hatte zuvor unser Sprachlehrer mit uns geschrieben, sonst hätten wir unser Publikum wahrscheinlich allein durch einen Haufen grammatikalischer Fehler verwirrt. So war es jedoch anscheinend zufrieden mit uns – und als Elisa alias Marcin mit einem Schwertstreich ihren/seinen Mantel zerteilte, ging ein bewunderndes Raunen durch die Gruppe der versammelten drei- bis sechs-jährigen.

Das alles hätte ich etwas ausführlicher beschrieben. Doch ehe man sich’s versieht, liegen die besagten Ereignisse bereits mehr als einen Monat hinter einem. Selbst die Weihnachtsfeiertage sind bereits vorbei. Leider.  Gestern bin ich aus Hamm zurück gekommen, was ich eigentlich gar nicht zu laut sagen, beziehungsweise zu GROß SCHREIBEN sollte. Schließlich nehme ich inoffiziellen Urlaub, ohne bei meiner Aufnahmeorganisation einen Antrag eingereicht zu haben. Was soll’s, ich versuche deswegen kein allzu schlechtes Gewissen zu haben. Monika vertritt wie wohl die meisten im Museum die Meinung, dass ich ruhig ein paar zusätzliche Tage frei nehmen könne, da ich mehr arbeite als für EVS-Freiwillige vorgesehen. Gleiches gilt übrigens für Hannah. Hinzu kommt, dass zwischen Weihnachten und Neujahr eh so gut wie niemand im Skansen ist.

 

Advent, Advent

Schließlich habe ich mich also entschlossen, die Feiertage mit meiner Familie zu verbringen, obwohl ich lange hin- und hergerissen war. Natürlich wäre es schön gewesen, polnisches Weihnachten zu erleben, aber auch die anderen Freiwilligen sind zu ihren Verwandten gefahren. Ich  hatte deswegen ein bisschen Sorge, niemanden zu finden, mit dem ich hätte feiern können.

Letztendlich habe ich diese Entscheidung nicht bereut, sondern zwei entspannte Wochen zu Hause genossen und mich gefreut, Familie und Freunde wieder zu sehen. Einige polnische Traditionen hatte ich bereits in der Adventszeit kennen gelernt, wie beispielsweise auf der Weihnachtsfeier des Verbands der deutschen Minderheit, zu der uns einige Mentoren eingeladen hatten. Nach einer Ansprache bekam dort jeder eine Hostie. Nun wünschte man nach Möglichkeit jedem einzelnen Anwesenden alles Gute für die Zukunft, während man ihm ein Stückchen der eigenen Hostie abbrach und ebenfalls ein Stück seiner Hostie entgegennahm.

Sehr schön war die Weihnachtsfeier des Skansens, die im Rahmen eines opulenten Mittagsessens stattfand. Die obligatorische Suppe zur Vorspeise, Kompot (eine Art Saft), Brot mit sauren Gurken und Schmalz, Kohl, Pierogi, Kohlrouladen, Kartoffeln, verschiedenen Fischgerichte, warmes Bier und Apfelkuchen wurden aufgetischt. Fleisch isst man hier Weihnachten nicht, da der Advent, einschließlich des vierundzwanzigstens, ja eigentlich Fastenzeit ist. Nicht fehlen darf stattdessen Karpfen.

Auch im Skansen wurden Hostien und Wünsche ausgetauscht. Dieses Ritual ist wahrscheinlich der Grund, weshalb man im Supermarkt Weihnachtskarten mit Hostien kaufen kann, was mich zunächst ein bisschen irritiert hat.

 

Wochen im Zeichen des Bastelns

Was meine Arbeit angeht, war die Adventszeit nicht sonderlich anstrengend. Abgesehen von einem Sonntag, an dem Hannah und ich bei dem Weihnachtsmarkt in Olsztynek geholfen haben, wo das Skansen mit einem Bastelstand und einer Krippe vertreten war, habe ich überwiegend Material für Workshops vorbereitet. Eine Woche lang besuchten täglich Schulklassen das Museum, um unter Anleitung Weihnachtsschmuck herzustellen. Das heißt, die Kinder knüpften Girlanden aus den Schleifen, die Hannah und ich gefaltet hatten, bastelten Engelchen aus Pappe und Kreppapier sowie Mäuse aus Eiern und Pappe und verzierten Plätzchen.

Im Grunde fand ich es schade, musste im Nachhinein aber herzhaft über Pani Wiesias (Pani Wiesia ist Chefin der Architekturabteilung im Museum) Ablenkungsmanöver lachen: Nachdem die Kinder in ihrem Workshop mit Enthusiasmus Plätzchen ausgestochen hatten, schob sie eins der Bleche in den Ofen, erklärte, die Plätzchen würden nun gebacken, nur um das Blech mit einer beiläufigen Bewegung wieder herauszuziehen. Daraufhin lotste sie die Gruppe zum Händewaschen in die Toilettenräume. Kaum hatte sie die Tür hinter den Schülern geschlossen, griff sie mit beiden Händen nach den ausgestochenen Lebkuchen („Los, Franja! schnell, schnell!“), zerdrückte sie und knetete sie zu einem neuen Teigklumpen zusammen. Den zurückgekehrten Kindern wurde erklärt, es dauere zu lange, zu warten, bis die Kekse fertig seien. Stattdessen bekam jeder Schüler bereits fertige Plätzchen, die er verzieren durfte.

Das mag gemein klingen, aber es wäre wohl einfach zu viel Arbeit gewesen, für jede einzelne Gruppe neuen Teig herzustellen. Ich gehe nicht davon aus, dass eines der Kinder diesen Blogeintrag liest und versteht, dass sein Weltbild erschüttert wird und es von nun an mit einem Trauma leben muss. Wenn doch, tut’s mir Leid.

 

Man kommt herum

Ein wenig mit Kindern zu tun hatte ich ebenfalls während eines Projekts in der Nähe Lublins, bei dem wir deutschen Freiwilligen aus Olsztyn gemeinsam mit polnischen und ukrainischen Freiwilligen eine Nikolausfeier für Kinder aus der Umgebung vorbereitet haben. Am 6. Dezember strömten die Kinder nur so zu dem ehemaligen Bauernhof, wo wir eine Woche lang untergebracht waren und wo sie in Altersgruppen unterteilt wurden. Bis zum Abend durften sie an verschiedenen Stationen nach einem aus organisatorischen Gründen recht strengen Zeitplan basteln, spielen oder sich schminken lassen. Abschließend bekam jedes Kind ein Geschenk überreicht. Andrzej, der das Projekt seit mehreren Jahren beaufsichtigt, meinte, viele Familien aus den kleinen Dörfern um Lublin herum seien nicht besonders wohlhabend, sodass viele Kinder ansonsten gar keine Geschenke bekämen.

Die Feier war ein Erfolg, allerdings hätten die Vorbereitungen noch mehr Spaß gemacht, hätten wir Deutschen uns weniger abgekapselt. Im Nachhinein finde ich es schade, dass ich wenige der anderen Teilnehmer näher kennen gelernt habe, doch ändern kann ich nun nichts mehr daran.

Immerhin war es schön, ein wenig herum zu kommen und andere Teile Polens zu sehen. Helena und ich waren direkt aus Warschau, wo wir ein einwöchiges Seminar hatten, nach Lublin gereist. Hannah, Elisa und Christiane hatten ihr Seminar bereits eine Woche vor uns absolviert und waren hellauf begeistert. Helena und ich fanden es beide nicht ganz so informativ, da wir schließlich schon eine lange Vorbereitungsphase hinter uns hatten und unsere Arbeit etwas früher aufgenommen hatten als manche der anderen Teilnehmer. Trotzdem war es nett, andere Freiwillige zu treffen und ein paar Ecken von Warschau zu sehen.

So, jetzt habe ich glaube ich das Wichtigste, was in den vergangenen Wochen geschehen ist, zusammengefasst. Falls jemand diesen Eintrag liest und Fragen hat, kann er oder sie sich ja gerne melden. 🙂 Ich bin mal gespannt, wie die kommenden Wochen im Skansen werden. Falls etwas Spannendes passiert, kommt der nächste Blogeintrag.

Bis dahin viele Grüße aus dem schönen Olsztyn!


Über die Autorin/den Autor:  Nachdem ich dieses Jahr mein Abitur am Märkischen Gymnasium gemacht habe, beginne ich diesen Sommer einen Freiwilligendienst in einem Freilichtmuseum in Olsztynek, einem Ort im Nordosten Polens neben Olsztyn (dem ehemaligen Allenstein). Entsendeorganisation ist Pax Christi. Keine Sekte, sondern eine internationale Friedensbewegung. Aus Versöhnungsbestrebungen nach dem zweiten Weltkrieg entstanden, entsendet sie seit 1992 junge Menschen nach Osteuropa. http://pax-christi-aachen.kibac.de/seiten/index.html http://muzeumolsztynek.com.pl Alle Beiträge der Autorin/des Autors: