Vor den Sommerferien hatte ein unbekannter Täter aus einem Klassenraum im Zeppelin-Gymnasium einen Beamer gestohlen. Es ist traurig, dass so etwas heute noch passiert, und das gerade an einer Schule. Wir wurden darüber informiert und sollten daraufhin die Augen offen halten und unsere Sachen nicht einfach so rumliegen lassen. Und bis vor einigen Tagen hatte ich diese Angelegenheit fast vergessen – bis mich ein Lehrer des Gymnasiums daran erinnerte, auf eine Art, die, wie mir bestätigt wurde, für ihn normal zu sein scheint.
Wir schrieben an diesem Abend eine Mathe-Klausur, und weil ich vorher noch mit meinen Klassenkameraden lernen wollte, war ich schon ein paar Minuten vor Schulbeginn in der Schule. Das Abendgymnasium ist ja im „Zepp“ untergebracht.
Alle unsere Klassenräume waren offen, und es waren auch schon Schüler von jedem Jahrgang da, außer von meinem. Ich betrat unseren Klassenraum und störte dort eine kleine Gruppe von Lehrern und Schülern, die darüber berieten, was man in dem Raum noch verändern könne und inwiefern das möglich sei. Ich wartete artig vor der Klasse, um sie nicht zu stören. Als die Gruppe den Raum verließ, wollte ich gerade hineingehen, als mich ein Lehrer des Zeppelin-Gymnasiums aufhielt. Er musterte mich von oben bis unten und fragte, was ich hier mache und ob ich hier zur Schule gehe, wobei er mir den Weg zum Klassenraum versperrte und die Türklinke eisern festhielt. Ich bejahte und sagte ihm, ich würde gerne in den Klassenraum gehen, um mich auf eine Klausur vorzubereiten, die wir gleich schrieben. Daraufhin fragte er, ob das nötig sei und ob ich nicht wüsste, dass hier geklaut wird. Als ich ihm versicherte, dass wir immer darauf aufpassen, dass hier niemand etwas mitnimmt, zog er die Tür zu, schloss sie ab und sagte: „Ich möchte nicht, dass die Schulbücher in diesem Raum morgen weg sind.“ Mal davon abgesehen dass ich stinksauer war, hat mich das Ganze doch etwas nachdenklich gemacht. Haben die Schüler des Abendgymnasiums einen so schlechten Ruf?
Nun aber zu etwas ganz anderem. Diesmal stelle ich Ikram Halabi vor, die beste Freundin von Ann Christine Ladwig.
Ikram ist 25 Jahre jung und kommt aus Lüdenscheid. Auch sie ist einen Jahrgang über mir, in der H3. Sie ist ein sehr angenehmer Mensch und hat im Erkältungsfall auch Tee und Gebäck für Mitschüler parat. Zusammen mit ihr und Ann ist keine Pause langweilig, denn man hat immer etwas, worüber man reden kann. Sei es der letzte Unterricht oder warum eine Sitcom ein falsches Männerbild verbreitet. Die Themen sind immer interessant.
Ikram konnte ihre erste Schullaufbahn nicht in einem Rutsch durchlaufen, da sie sich innerhalb der Familie sehr intensiv kümmern musste. Der Gedanke an das Abitur kam erst, nachdem sie mehr als hundert Bewerbungen geschrieben hatte und nur zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen worden war. Sie möchte ein gutes Abitur, um so etwas nicht mehr erleben zu müssen. Mit dem Abitur will sie sich aussuchen, was sie macht und welche Laufbahn sie einschlägt. Momentan arbeitet sie in der Modebranche und hat jeden Tag von sieben Uhr morgens bis abends um zehn Uhr zu tun. Zudem muss sie viel Arbeit im Haushalt erledigen. Einkäufe für fünf Personen und der Weg von der Arbeitsstelle nach Hause, zur Schule und zurück sind zeitaufwändig. Aber nach einiger Zeit hatte sie sich daran gewöhnt. Da sie nie arbeitslos war, kennt sie es kaum anders. Auch ihre Familie und ihre Chefin unterstützen sie sehr gut – davon abgesehen, dass die Lehrer bei uns mehr als verständnisvoll für so einen Alltag sind. Das Besondere an der Abendschule sind die Leute, sagt sie. Sie hat dort Ann kennengelernt – eine besondere Freundschaft. Und sie ist über die Vorurteile von Äußerlichkeiten hinweg. Auch sie freut sich sehr auf die Zeit nach dem Abitur, vor allem, weil es dann so weitergeht, wie sie es will.

Thomas Köhler


Über die Autorin/den Autor:  Der Lüdenscheider Thomas Köhler ist 25 Jahre alt und gelernter Krankenpfleger. Er arbeitet im Klinikum Lüdenscheid. Während der nächsten drei Jahre will er das Abendgymnasium Lüdenscheid, eine Außenstelle des Hagener Rahel-Varnhagen-Kollegs, besuchen – außer in den Schulferien an fünf Abenden pro Woche. Den Lesern unserer Zeitung wird Thomas Köhler in regelmäßigen Abständen – etwa einmal monatlich – erzählen, wie es ihm und seiner Klasse dabei ergeht. Alle Beiträge der Autorin/des Autors: