Der Schulsport hat hier in Amerika einen sehr hohen Stellenwert. Es
werden viele verschiedene Sportarten angeboten, unter anderem auch
Volleyball. Aber da hatte ich mir zu viel vorgenommen. Weil ich
Volleyball bisher noch nicht gespielt habe, bin ich nicht in das
Schulteam gekommen und musste mir eine andere Sportart aussuchen.
Letztlich habe ich mich für Cross Country entschieden. Das bedeutet:
laufen, laufen, laufen – quer durch das Land, über Straßen, durch
Wälder, Felder, kleine Bäche oder über Hügel, einfach immer gerade aus.

Jeden Tag nach dem Unterricht habe ich fünf Mal wöchentlich jeweils 1
1/2 Stunden lang Cross Country. Das Training beginnt nachmittags um
halb drei mit zwei Runden um den Sportplatz – ähnlich wie im
Buchgeister-Stadion – warm laufen und danach werden die Muskeln
gedehnt. In Deutschland wäre ich nach den zwei Runden schon fast platt
gewesen, aber hier nennt man das nur Aufwärm-Training. Danach müssen
wir meistens etwa fünf Kilometer auf der Straße oder durch Wälder
laufen, was mir total Spaß macht. Da kann ich meinen Gedanken freien
Lauf lassen und über die Ereignisse des vergangenen Schultags an der
frischen Luft nachdenken. Es ist ein super Ausgleich zur Schule, in der
ich größtenteils nur sitze und im Gebäude bin.

Wir haben hier nur eine (!) Pause – Lunch, und es gibt keine
Möglichkeit nach draußen zu gehen, was ich manchmal echt vermisse.
Deshalb freue ich mich jeden Tag, wenn die Schulglocke klingelt und ich
laufen kann! An einigen Tagen bleiben wir aber auch an der Schule und
dann heißt es 14 Runden, geteilt in sieben Mal zwei Runden, also
insgesamt ca. sechs Kilometer, laufen. Nach zwei Runden dürfen wir eine
Minute ‚Pause‘ machen, einen Schluck trinken, und danach geht es dann
wieder los. Das ist ziemlich hart, weil ich mich dann nur auf das
Laufen konzentrieren muss und keine Abwechslung durch Häuser oder
Wälder habe, wo ich immer etwas anderes sehen kann.

Damit sich das harte Training lohnt und Erfolge sichtbar werden, haben
wir ein- oder zwei Mal in der Woche einen Wettkampf, in dem wir uns
beweisen müssen. Da sind dann drei Meilen (knapp 5 km) Laufen auf Zeit
angesagt. Das ‚Können‘ der anderen Mädels sei dabei nicht unterschätzt,
die meisten laufen schon „ihr Leben lang“ und sind somit richtig gut
trainiert.

Oft muss ich mit meinem ‚inneren Schweinehund‘ kämpfen, damit ich nicht
zwischendurch anfange zu gehen. Es ist für mich immer wieder
motivierend weiter hart zu trainieren, wenn sich von Wettkampf zu
Wettkampf meine Zeiten verbessern – das ist so eine schöne Belohnung!
Ich fühle mich jedes Mal so gut nach dem harten Training, wenn ich
wieder zu Hause bin und eine heiße Dusche nehmen kann. Auch
gesundheitlich zahlt sich das Ganze schon aus. Ich bin nun schon fast
zwei Monate hier und fühlte mich noch kein einziges mal körperlich
unwohl, ganz zu schweigen von Kopfschmerzen oder gar einer Erkältung.

Außerdem habe ich auf diese Weise so eine Art Versicherung gegen das
‚Austauschschüler-Syndrom`, von dem man in Deutschland über Amerika so
viel hört – der Gewichtszunahme!

Darüber hinaus ist es ein super schönes Gefühl, in einem Team zu sein
und miteinander gegen die anderen zu kämpfen. Es ist ein richtiger
Adrenalin-Kick, wenn deine Trainer oder deine Freunde am Rand stehen
und dich anfeuern. Ich kannte solche Wettkämpfe aus Deutschland noch
nicht, und es ist immer wieder eine super tolle Erfahrung! Selbst wenn
ich mal nicht so einen guten Tag habe und mir nicht nach Laufen ist,
ist das einzige Ziel: durchhalten!

Und wenn es mal nicht so gut läuft – die anderen sind trotzdem stolz
auf dich. Ich liebe diesen Zusammenhalt zwischen den Menschen hier
sehr! Wir leben hier nach dem Motto ‚Einer für alle, alle für einen‘.
Das macht immer wieder neuen Mut weiter zu kämpfen und die eigene
Leistung weiter zu verbessern. In Deutschland kannte ich Sport nur als
körperliche Aktivität, um fit zu bleiben, aber hier empfinde ich den
Sport als so viel mehr und mir gefällt es echt gut.

In vier Wochen ist die Saison leider schon vorbei, und dann werde ich
Basketball ausprobieren…


Über die Autorin/den Autor:  Ein Jahr besucht Hannah Keyen aus dem Werler Stadtteil Büderich im US-Bundesstaat Connecticut die Highschool, lebt eine Autostunde von New York entfernt bei Gasteltern. Von ihren Erlebnissen in Amerika berichtet die 15-jährige Schülerin im Anzeiger-Blog. Alle Beiträge der Autorin/des Autors: