11. Folge: Zweites Schuljahr hat begonnen / Niemand ist abgesprungen

Von Thomas Köhler
Der erste Schultag nach den Ferien. Jetzt beginnt die
Hauptphase. Die Leistungskurse werden bald gewählt, und der Schulstoff
legt an Tempo und Schwierigkeit zu.
Sechs Wochen Sommerferien sind nun vorbei und es ging zu schnell, viel
zu schnell. Genau, wie ich es erwartet hatte. Und was habe ich die
Sommerferien genutzt. Ich habe mir eine neue Wohnung gesucht, bin
daraufhin umgezogen, habe gearbeitet, hatte eine kurze Zeit lang so
etwas wie ein Hobby und in all dem auch ein paar Tage Urlaub.
Die ersten Schultage waren wie gewohnt. Ich habe mich wirklich gefreut,
meine Klassenkameraden wiederzusehen – und auch darüber, dass es alle
waren, bei denen ich mich vor den Ferien verabschiedet habe. Das heißt:
Keiner hat es sich anders überlegt und ging.
Neues gibt es auch schon. Der Stundenplan hat sich geändert. Nichts
Weltbewegendes, aber die Stunden sind jetzt besser verteilt anstatt auf
einem Haufen. Außerdem werden wir von zwei neuen Lehrern unterrichtet.
Diese ersetzen somit Herrn Glogowski, der uns in Soziologie lehrte, und
Herrn Waldwehr (Name auf seinen eigenen Wunsch geändert), der mich und
ein paar andere Klassenkameraden in Mathe sehr weit gebracht hat.
Die Erwartungen an diese neuen Lehrer sind also ziemlich hoch, denn Herr
Glogowski und Herr Waldwehr waren mir fast ans Herz gewachsen, soweit
man das von Lehrern sagen kann.
Was mich allerdings schockierte, waren die Tage vor dem ersten
Abendunterricht. Ich war zu gleichen Teilen traurig und froh darüber,
dass es wieder losgeht. Traurig war ich, weil ich die Zeit, die ich
hatte, zu sehr ausgenutzt hatte. Die sechs Wochen waren voller Freizeit
und ohne Schulstress, voll mit Aktivitäten, für die man sonst keinen
Raum hatte. Es waren nicht die Sommerferien, die ich im ersten
Bildungsweg hatte, weil ich wusste, dass es schnell vorbei sein würde.
Da merkte ich wieder, wieviel Zeit man eigentlich an einem Tag hat. Der
Gedanke daran, dass ich diese Freizeit jetzt vermissen werde, wog schwer.
Ich kann die Leute mehr als verstehen, die den Alltag ohne Schule dem
Alltag mit Abendschule vorziehen. Es strengt an, und es zog mich etwas
runter. Doch die Freude war auch da. Die Vorfreude darauf, dass ich noch
zwei Jahre habe und es dann vorbei ist und ich mein Abitur in der Tasche
habe. Die Freude, dass es endlich wieder weitergeht und ich danach
endlich das machen kann, was ich immer wollte: Studieren – und zwar
etwas, was mir Spaß macht.
Aufhören möchte ich nicht, und ich denke, das werde ich auch nie in
Erwägung ziehen, doch kann ich nicht lügen, wenn es um die freien
Nachmittage geht. Möge das kommende Schuljahr so werden wie das letzte.
Das würde mir gefallen.


Über die Autorin/den Autor:  Der Lüdenscheider Thomas Köhler ist 25 Jahre alt und gelernter Krankenpfleger. Er arbeitet im Klinikum Lüdenscheid. Während der nächsten drei Jahre will er das Abendgymnasium Lüdenscheid, eine Außenstelle des Hagener Rahel-Varnhagen-Kollegs, besuchen – außer in den Schulferien an fünf Abenden pro Woche. Den Lesern unserer Zeitung wird Thomas Köhler in regelmäßigen Abständen – etwa einmal monatlich – erzählen, wie es ihm und seiner Klasse dabei ergeht. Alle Beiträge der Autorin/des Autors: