Sonnenschein, angenehm kühlender Fahrtwind, gut gelaunte Autofahrer – drei Tage lang hat sich mir die Frage nach dem Sinn dieses Selbstversuchs nicht gestellt. Bis gestern.
Nun gibt es natürlich kein schlechtes Wetter, sondern nur die falsche Kleidung. Aus Erfahrung weiß ich jetzt allerdings: Es gibt auch die Kombination aus schlechtem Wetter UND falscher Kleidung. Das kann böse Folgen haben. Aber von vorne.

Am Neuen Herweg in Halver endet der Anstieg von der Volme über die Heerstraße und der Radfahr-Pendler weiß: Das Schlimmste ist geschafft. - Foto: Ruthmann

Die Ausgangslage
Täglich pendele ich rund zwölf Kilometer zwischen Wohnort und Arbeitsstätte – und zwar mit dem Auto. Denn: Die Kinder wollen in den Kindergarten gebracht werden, dann geht es nach Halver ins Büro. Auch dort ist Mobilität gefragt, schließlich ist nicht jeder Termin in angemessener (Arbeits-) Zeit fußläufig zu erreichen. Doch das schlechte Gewissen fährt mit: Mein Ford Galaxy genehmigt sich durchschnittlich 7,2 Liter Diesel auf 100 Kilometer – nicht nur für Umwelt-, sondern auch für Preisbewusste zu viel. Allein die 0,86 Liter, die ich für die Hinfahrt verbrauche, schlagen an der Tankstelle mit derzeit etwa 1,26 Euro zu Buche. Die allgemeinen Betriebskosten inklusive Steuern und Versicherung nicht mit eingerechnet. Alternativen sind gefragt. Und da kommt das Pedelec gerade recht. In den kommenden Wochen will ich herausfinden, wie alltagstauglich solch ein Rad mit Elektromotor in unseren bergigen Höhen ist, ob es das Versprechen des „eingebauten Rückenwindes“ hält – und ob es tatsächlich das Sparwunder ist, für das es viele halten.
Die ersten Fahrten
Das Vorhaben startet mit einer Einschränkung: Zum Wochenstart und -ende setze ich nach wie vor auf das Auto. Denn daheim stehen am Wochenende Familienbesuche, Ausflüge, Einkäufe an – da stößt das Pedelec an seine Grenzen. Aber Ziel des Projekts ist es schließlich nicht, den Familienwagen gegen ein Zweirad einzutauschen. Wie macht sich das Pedelec als Pendel-Maschine?
Die ersten Fahrten sind – prima. Dazu trägt zu Beginn der Woche nicht zuletzt das sommerliche Wetter bei: Der Fahrtwind ist meine Klimaanlage, der leise summende Elektromotor mein Antrieb, der mich nicht übermäßig schwitzen lässt. So lassen sich auch steile Anstiege gut meistern – ohne Muskelkraft geht freilich nichts. Und so wird mir bei Ostendorf der Unterschied zum klassischen E-Bike schmerzhaft vor Augen geführt.
Und der Autofahrer muss sich auch in Sachen Vorbereitung umgewöhnen: Wechselkleidung sollte am Arbeitsplatz liegen und die Wahl der richtigen Route getroffen werden. Und so blieb es beim einmaligen Versuch, den Heimweg über die Route B 229-Lüdenscheid-Brügge anzutreten. Dort ist der Asphalt zwar vergleichsweise intakt, der Verkehr aber entsprechend schnell und rücksichtslos unterwegs. Daher fällt die Wahl auf die Route über Oberbrügge und Ehringhausen, die trotz bescheidenen Untergrunds weitaus schöner zu fahren ist.
Doch alle landschaftliche Schönheit verliert ihren Reiz, wenn dem Brillenträger dicke Regentropfen auf die Sehhilfe klatschen, er zwar mit Regenjacke, aber zugleich mit Jeans statt Regenhose unterwegs ist. 30 Minuten dauert die Fahrt von daheim bis nach Halver. 20 Minuten hat es gestern Morgen insgesamt geregnet. Was soll ich sagen? Ich habe jede einzelne davon auf zwei Rädern miterlebt. Es war kein Genuss, aber lehrreich: die Regenmontur ist bestellt.

 

(Dieser Text erschien am 2. Juni 2012 auch im Allgemeinen Anzeiger und in den Lüdenscheider Nachrichten)


Über die Autorin/den Autor:  Es soll ein Tag des abgasfreien Verkehrs werden: Am Sonntag, 24. Juni, ist das Volmetal „autofrei“. Dann soll die Bundesstraße 54 allein Fußgängern, Inline-Skatern, aber eben auch Radfahrern gehören. Und so rückt die Veranstaltung umweltfreundliche Fortbewegungsmittel in den Focus – wie auch E-Bikes und Pedelecs. Redakteur Frank Zacharias startet dazu nun einen Selbstversuch und wird regelmäßig – im Allgemeinen Anzeiger und in diesem Blog – über seine Erfahrung mit dem „schnellen Fahrrad“ im Sauerland berichten. Alle Beiträge der Autorin/des Autors: