Es sind die kleinen Dinge, die mir gerade in diesem geteilten Apartment (12 Mädels) auf den Keks gehen. Der Betreiber der insgesamt zwei Apartments kommt ständig herein. Na ja, ist ja eigentlich auch sein recht. Als seine Lebensgefährtin neulich auf der Suche nach einem verlorengegangenen Gegenstand sämtliche Schubladen mit privatem Kram mal durchgeschaut hat, fand ich das schon mist. Zu allem übel bin ich seit einigen Tagen dick erkältet. Seit ich denken kann, hatte ich noch nie Husten. Jetzt schon, es gibt ja für alles ein erstes Mal. Lustig ist das dann, wenn man zu siebt auf einem Zimmer nachts ist und ich mir die Seele aus dem Leib huste. Das nervt nicht nur die anderen, es nervt mich auch selbst. Also bin ich ins Wohnzimmer für die Nacht umgezogen. Na ja, zunächst kam um halb zwei nachts der Betreiber in die Wohnung, um die Tür zu reparieren. Gute Uhrzeit! Um halb vier stand er dann plötzlich wieder vor mir, weckte mich und meinte, ich könne nicht auf dem Sofa schlafen. Seine Begründung war angesichts des ohnehin versifften und dreckigen Sofas eher lustig als wirklich ernst zu nehmend: Ich könnte ja schwitzen und das Sofa sei dann nicht geschützt. Ah ja! Die anderen Mädels sind wohl auch schon genervt, weil es doch etwas zu viel der Regeln sind. Ich will endlich meine eigene Wohnung! Außerdem will ich endlich mein Versprechen umsetzen und den Heimatkalender Rhynern aufhängen. Immerhin sind wir schon im März, die ersten Bilder aus dem Bezirk sind mir also schon entgangen…

Diese Woche lag ich weitgehend nur flach: Erst Magen-Darm, nun Erkältung. Hätte Mittwoch ein Vorstellungsgespräch gehabt, habe es auf heute verschoben. Warte noch auf die Antwort. Ist eine Sportmarketing-Firma, das wäre schon mein Traumjob 🙂 Dienstag habe ich ein weiteres Vorstellungsgespräch, und mit einer anderen Firma muss ich noch einen Termin vereinbaren. Mit einem deutschsprachigen Magazin stehe ich auch in Kontakt, würde gerne mal wieder etwas schreiben 🙂 Ich mein, das tue ich jetzt gerade auch, aber ich möchte nicht immer nur über mich schreiben 😉

Das Apartment ist bis Anfang April bezahlt. Geld habe ich kaum noch, aber das ist mir langsam auch egal geworden. Zumindest ist klar: Klappt bis Anfang April hier nix, bin ich wieder in Hamm. Einen Vorteil sehe ich darin aber: Da ich seit langen Jahren wusste, ich würde irgendwann auswandern, könnte ich dann anfangen, mir mal etwas aufzubauen. Es war schwierig über jahre hinweg immer wieder denken zu müssen, dass egal was man anfängt in Deutschland, man kann es nicht zuende führen. Das wäre dann vorbei. Pläne hätte ich genügend. Aber so weit bin ich noch lange nicht. Ich bin guter Dinge, dass es bald klappt mit Arbeit. Ich mein, die Vielzahl an Bewerbungsgesprächen ist überwältigend. Es muss eben nur mal eine seriöse Firma dabei sein. Und eine, die mich dann auch will 😉

Es ist gleich Freitagabend. Vermutlich werde ich mir wieder einen uralt-Film holen für den späten Abend. Will gleich etwas spazieren gehen. Wenn ich schon nicht laufen kann wegen der Erkältung 🙁 Allzu viel kann man hier ohne Auto und ohne Geld eh nicht machen. Und wenn man mir meinen Sport wegnimmt, ist das echt gemein. In dem Apartment herum hängen ist auch käse. Einige der Mädels, die hier sind, arbeiten als Models. Kommen alle aus Europa, verdienen sich hier das Geld, und brauchten eine billige Unterkunft. Manchmal denke ich echt, gleich kommt Heidi Klum durch die Tür und vergibt Fotos 😉 Germanys next Top Model lässt grüßen. Es hat aber auch Vorteile: Im Kühlschrank ist immer viel Platz, genauso wie auf dem Sofa. Viel Platz nehmen die Mädels ja nicht weg 😉

Ich wurde übrigens gefragt, wie es hier eigentlich mit dem Weltfrauentag ausschaut. Der war ja am Donnerstag. Mmh.. Ich muss zugeben, ich habe keine Ahnung. Anders als in Deutschland, wo man Infos hier und da aufschnappt, bekomme ich hier nicht mal mit, wenn ein Tornado durch andere Teile des Landes fegt. Gezielt verfolge ich die Nachrichten eh nicht, nur die aus Hamm und Deutschland. Warum? Während ich gestern am Notebook saß, lief nebenbei der Fernseher. Da lief so ne komische Sendung namens ‚Cupcake Wars‘. Richtig, da haben sich einige Bäcker um die besten kleinen Kuchen duelliert – vor einem TV-Publikum. Spätestens dann weiß ich, warum ich das amerikanische Fernsehen gar nicht erst sehen will. Die wichtigsten News gibts schließlich auch über deutsche Internetseiten 😉

Ich greife das Frauen-Thema aber dennoch kurz auf, weil es hier schon einen Unterschied gibt. Liegt hier aber auch an den Rechten, die aber (wie ich nun mehr merken musste) gerne auch mal ausgespielt werden. Arbeitgeber können sich hier so eine Art Gütesiegel geben lassen, dass sie die Gleichberechtigung fördern – in jeder Hinsicht. Man hatte mir hier aber mal erzählt, dass jeder Arbeitgeber mindestens drei Bewerber für ein Vorstellungsgespräch einladen muss – weil er sonst verklagt werden könnte wegen Diskriminierung. So weit das Recht. In Deutschland ist es, zumindest auf dem Papier, ja ähnlich.  Einige, mit denen ich hier gesprochen habe, haben aber schon die Erfahrung gemacht, dass man im Endeffekt nur eingeladen wird zum Gespräch um diese Regelung einzuhalten. Interessanterweise finde ich ist in der Arbeitswelt hier aber kein Unterschied zwischen männlein und weiblein, egal in welchen Positionen. Gut finde ich daher die Bewerbungen selber, weil man dort kein Foto mitsendet. Auch das liegt an der vermeintlich dadurch drohenden Diskriminierung. Hat der Weltfrauentag hier wirklich Bedeutung? Vermutlich wird es auch hier Frauenrechtler geben, ebenso wie häusliche Gewalt und Diskriminierung etc., aber wenn man durch die Straßen Miami Beachs durchgeht und lauter halbnackte Traumkörper auf High-Heels (oder eben auch Turnschuhen) sieht, dann ist es schwierig sich darüber ein Urteil zu erlauben 😉 Vorhin war ich ja in Hollywood, nördlich von Miami, dort mag das wieder ganz anders ausschauen.  

Apropos: Was ich hier schon ganz oft gesehen habe, ist, dass für die großen Supermärkte oftmals geistig- oder auch körperlich behinderte Menschen arbeiten, beispielsweise als Einpackhilfe oder um die Einkaufswagen auf den Parkplätzen einzusammeln. In Deutschland leistet die Lebenshilfe einen sehr schönen Beitrag zur Integration aller Menschen, daher frage ich mich manchmal selbst, wie man das hier bewerten kann. Ist das gut oder ist das ein ausnutzen? Im Publix Supermarkt sehe ich immer eine Einpackhilfe, ich vermute bei ihr das Down-Syndrom. Sie ist immer super freundlich und hilfsbereit, ich habe schon den Eindruck, es macht ihr Spass dort zu arbeiten. So gesehen, sind auch Menschen mit Behinderung hier ganz normaler Teil der Arbeitswelt. Manchmal, wenn man Menschen mit schwerwiegenden Behinderungen sieht, frage ich mich schon welches Schicksal dahinter steckt. Die Integration der Menschen finde ich super, ich hoffe nur, dass es niemals so etwas wie ein Ausnutzen gibt. Die Frage würde in Deutschland vielleicht nicht in dem Maße gestellt, aber wegen des etwas seltsamen Gesundheitssystems hier, schließlich sind mit mir mehr als 30 von über 300 Millionen Amerikaner nicht krankenversichert, muss man die Frage schon stellen. Eigentlich freue ich mich aber immer diese Menschen im Supermarkt und Co. zu sehen. Ich hoffe, es macht ihnen wirklich Spaß 🙂

Mit diesen Gedanken gehts ins Wochenend. Ich warte auf die Antwort der Firma von heute und bereite die Gespräche der nächsten Woche vor!

Liebe Grüße


Über die Autorin/den Autor:  Rabea Wortmann beginnt in Florida (USA) ein neues Leben. Ueber die Fortschritte, am anderen Ende des Atlantiks Fuss zu fassen, berichtet die 27-jaehrige Auswanderin und langjaehrige WA-Mitarbeiterin in ihrem Blog. Alle Beiträge der Autorin/des Autors: