Nun ist es also soweit, mein erster Schultag. So aufgeregt wie bei der ersten Einschulung bin ich leider nicht, trotzdem ein tolles Gefühl. Ich mache mein Abitur nach, binnen drei Jahren an der Abendschule, einer Zweigstelle des Hagener Rahel-Varnhagen-Kollegs, welches seine Räume im Zeppelin-Gymnasium hat. Das volle Programm mit Lernabenden, verpassten Partywochenenden, Ärgernissen über Klausuren. und Noten, die einen zur Weißglut bringen können.

Jeder, dem ich das erzählt habe, klopfte mir auf die Schulter und meinte „Das ist gut, aber hart, und das über drei Jahre“. Danke, aber ich weiß genau, warum ich das mache und warum ich das durchziehe. Aber warum eigentlich? Ich wollte schon immer Studieren gehen, nochmal an die Uni. Aber da ich es auf dem ersten Bildungsweg nicht gepackt habe, versuche ich den zweiten Bildungsweg. Dass ich das wirklich mache, mich angemeldet habe und auch jeden Abend dorthin gehe, habe ich meiner Ex-Freundin zu verdanken. Ihr Ehrgeiz und ihre Strebsamkeit hatten mich über ein Jahr lang beeinflusst, bis ich wirklich davon überzeugt war, dass ich es schaffen werde.

Die paar festen Tritte in den Hintern taten das Übrige.

Die Variante der Abendschule kommt mir dabei ganz gelegen, da ich von morgens bis nachmittags arbeite und somit keine Möglichkeit habe, den Vormittagsunterricht zu besuchen. Außerdem möchte ich nicht jeden Tag nach Hagen, was beim Vormittagsunterricht nötig wäre.

Die ersten Wochen und Tage sind sehr lehrreich. Ich habe gemerkt, wie schlecht ich eigentlich wirklich in Mathe bin, und ich habe mir schon die Horrorklausuren ausgemalt. Latein liegt mir überhaupt nicht und ich wundere mich, wie eine tote Sprache mich so nerven kann. Außerdem beobachte ich an mir, wie ab 21 Uhr eine Talfahrt in Bezug auf meine Aufmerksamkeit und Leistungsfähigkeit beginnt.

Die Klasse ist bunt durchmischt, jede Menschen- und Altersgruppe ist vertreten, ein jeder ist nett und freundlich, ein paar Gesichter kennt man.

Man merkt auch, dass die Lehrer anders mit einem umgehen und wir nicht mehr 16 sind.

Wir sind auch keine Schüler, wir sind „Studierende“. Wir befinden uns in der „Erwachsenenbildung“, und so werden wir auch behandelt. Die Lehrer haben Verständnis für berufliche Schwierigkeiten, wenn mal was nicht mit der Zeit und der Arbeit so hinhaut. Viele aus der Klasse arbeiten noch mehr und noch länger als ich, und ich komme schon kaum mit meiner Zeit zurecht.

Und irgendwie unterhält man sich mit den Lehrern anders als früher in der Schule.

Ich versuche immer wieder, gewisse Parallelen zwischen meiner ersten Schulzeit damals und der Schulzeit heute zu ziehen.

Aber das klappt nicht so ganz. Die Atmosphäre ist für mich viel entspannter. Ich weiß jetzt, warum ich da jeden Abend sitze und lerne – für mich. Dafür, dass ich mich weiterbilde und irgendwann sagen kann: „Ich hab‘ mein Abitur, welche Uni will mich?“.

Jetzt bin ich aber erst einmal gespannt, ob ich meine guten Vorsätze so durchziehe oder nur rumschwalle, wie die kommenden Klausuren ausfallen und ob ich mich noch so sehr über Ferien freuen kann wie früher.


Über die Autorin/den Autor:  Der Lüdenscheider Thomas Köhler ist 25 Jahre alt und gelernter Krankenpfleger. Er arbeitet im Klinikum Lüdenscheid. Während der nächsten drei Jahre will er das Abendgymnasium Lüdenscheid, eine Außenstelle des Hagener Rahel-Varnhagen-Kollegs, besuchen – außer in den Schulferien an fünf Abenden pro Woche. Den Lesern unserer Zeitung wird Thomas Köhler in regelmäßigen Abständen – etwa einmal monatlich – erzählen, wie es ihm und seiner Klasse dabei ergeht. Alle Beiträge der Autorin/des Autors: