Früher nannte man sie Ausrufer. Sie riefen in die Straßen der Stadt Neuigkeiten für die Bürger hinein. Newsletter mit einer dicken Glocke in der Hand. Dies mehrere 100 Male. Heute nennt man diese Bimmelmänner Stadtsprecher. Sprachrohr des Oberbürgermeisters und der Stadt. Es steht leise in der Zeitung, wird nicht mehr stimmgewaltig hinausposaunt. Es tut in den Ohren nicht mehr so weh, denn heute kann man die Stadtsprecher lesen.
Das ist auch gut so. Oft erfuhren sie nur Hohn und Spott für ihre Ausführungen. Heutzutage können sie sich hinter der Zeitung verstecken und bleiben weitgehend anonym.
Mir tun sie leid diese Glockenschwinger. Ein Beispiel!
Eines der vielen neuen Wahrzeichen in einer großen deutschen und gewichtigen Stadt, so kommt diese sich jedenfalls vor, wurde durch ein Unwetter teilweise etwas unter Wasser gesetzt. Viele können sich an den großen Regen erinnern. Der Schaden war gar nicht so beträchtlich, aber der Wichtigkeit wegen wurde ein Gutachten in Auftrag gegeben, um zu erfahren, wer der Verursacher des Schadens war. Das hat was gekostet. Klar, der Wichtigkeit wegen! Dann, etwas später verkündete der Stadtsprecher das Ergebnis voller Stolz in der örtlichen Presse: Das Gutachten hat ergeben, um alle Zweifel auszuschließen, dass der Regen Verursacher und Alleinschuldige des Desasters sei!
Deshalb tut mir der Glockenschwinger leid. Wer so eine Scheiße verkünden muss, steckt in derselben tief drin. Ein Gewissen kann er nicht mehr haben, weil er es einfach, wenn er eins hätte, mit diesem nicht mehr vereinbaren könnte. So macht er sich täglich zum Clown der Bürger und Leser der Stadt, die eigentlichen Verantwortlichen lachen sich einen Ast. Bis dieser abknickt!
Nämlich dann, wenn er sein Gewissen wieder finden sollte, der Glockenschwinger.