…ganz so plötzlich war es nun auch wieder nicht, denn seit rund einem Jahr wusste ich, dass ich einen einjährigen Freiwilligendienst im globalen Süden mit Hilfe des sog. weltwärts-Programmes (www.weltwaerts.de) absolvieren würde. Zu dieser Zeit war meine Ausreise aber natürlich noch alles andere als zum Greifen nah. Die Vorfreude war groß, umso quälender war es, dass die Zeit stillzustehen schien. Doch je näher ich meinem Ausreisedatum kam, umso schneller verging auch die Zeit. Auf einmal war es nur noch ein Monat bis zur Ausreise, dann zwei Wochen, im Nu brach meine letze Woche in Werne an: jeder dieser „Stichtage“ war ein Anlass dafür, dass mir kurzzeitig das Herz in die Hose rutschte. Merkwürdigerweise hielt sich ansonsten meine Aufregung jedoch sehr in Grenzen. Alle Welt fragte mich, ob ich nicht schon total nervös sei, doch ich konnte dies nicht bejahen.

Doch dann kam all die Aufregung, die in den letzten Wochen auf sich warten ließ, geballt auf mich zu. Das war, als ich am 10.08. um 21.20Uhr endlich im Flieger saß. Ich durchlebte die berühmte Achterbahn der Gefühle. Ich denke, ich habe tatsächlich die komplette Palette menschlicher Emotionen durchlebt. An alle Adrenalinjunkies: das hatte es in sich!

Nach kurzer Zeit konnte ich meine Gefühlswelt wieder sortieren und mich für die strapaziöse Reise bemitleiden. Ich hatte einen kurzen Zwischenstopp in Dubai und kam nach einer Gesamtreisedauer von 16,5 Std. am Tokota International Airport in Accra, Ghana, an. Nach einer Nacht in Ghanas Hauptstadt und meinen ersten Fahrten im Tro-Tro (ein nicht teures aber dafür umso aufregenderes öffentliches Verkehrsmittel, muss man erlebt haben) saß ich endlich im Bus, der mich gegen 16.00Uhr ans Ziel, nach Nkoranza, bringen sollte. Tja, das läuft aber etwas anders in Ghana. Busse oder Tro-Tros fahren hier nicht nach Fahrplan, sondern dann, wenn jeder Sitzplatz (sowie Plastikhocker im Gang des Busses) belegt sind. Das dauerte in diesem Fall sage und schreibe vier Stunden…. Nach weiteren acht Stunden des Sitzens und intensiven Durchgeschütteltwerdens auf Ghanas Straßen kam ich gegen 4.00Uhr morgens im 358km entfernten Nkoranza an. Endlich!! 

Nun lebe und arbeite ich schon seit fünf Tagen in meinem Projekt, der Peace of Christ (Hand in Hand) Community  (fortan PCC genannt) in Nkoranza. Dies ist eine Lebensgemeinschaft für 80 Kinder, Jugendliche und auch einige Erwachsene mit geistigen und oftmals auch mehrfachen Behinderungen, die in kleinfamilienähnlichen Gefügen mit einheimischen sog. Caregivern zusammenleben. Tagsüber werden die Bewohner/innen in verschiedenen Bereichen betreut und gefördert. Viele Bewohner/innen besuchen die örtliche Sonderschule, während diejenigen, die die Schule bereits beendet haben, in der projekteigenen Werkstatt Schmuck und diverse Textilien herstellen. Die ganz kleinen Kinder sowie diejenigen mit schweren und Mehrfachbehinderungen erhalten Betreuung und Förderung im Tagespflegebereich. Unterstützt werden diese Bereiche von meist europäischen Freiwilligen. Diese verbringen überwiegend in 1-zu-1-Situationen Zeit mit einzelnen Bewohner/innen und unterrichten sie, spielen mit ihnen, gehen mit ihnen spazieren, hören ihnen zu oder schenken ihnen einfach ihre Aufmerksamkeit. Diese Tätigkeit heißt deshalb Special Attention.

Meine Rolle als Freiwilliger in PCC wird künftig eine etwas andere sein. Auf Grund meiner Ausbildung zum Heilerziehungspfleger ist es neben einigen Special Attentions und der Begleitung eines Bewohners bei den Mahlzeiten meine Aufgabe, von einzelnen Bewohnern Screenings zu erstellen, um ihre Behinderung genauer zu definieren, Ressourcen und Hilfebedarfe zu erkennen und Förderpläne zu erstellen. Diese Screenings sollen dazu beitragen, dass die unausgebildeten Caregiver und Freiwilligen den Bewohnern/innen eine intensivere Förderung ermöglichen können.

Ich denke, dies ist für’s erste ein grober Überblick über meine zukünftige Arbeit. Genaueres kann ich auch erst schreiben, wenn meine „Schonfrist“ vorüber ist und ich so richtig angefangen habe. Außerdem soll es für euch Leser ja auch nicht zu dröge werden.

Also, wenn ihr mögt, dann schaut doch mal ab und zu hier vorbei. Ich habe mir vorgenommen, so alle 2-3 Wochen etwas ausführlicher zu schreiben und das ein oder andere Foto hochzuladen.

Und damit vor allem meine Eltern, Großeltern und Freunde beruhigt sind: mir geht es hier sehr gut, das Essen schmeckt lecker und ich falle nicht vom Fleisch, haha. Lasst mal was von euch hören! Ich antworte vielleicht nicht immer direkt, gebe aber alles =)

 

Liebe Grüße,

Simon