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"Na Kumpel, du hast dich für den Abend aber gut eingerichtet, was“, fragt mich der leicht untersetzte Mittfünfziger, als ich den Aufzug betrete. Er schaut mich mit fröhlichem Gesicht und vor Lachen zugekniffenen Augen an. Seine schüchterne Frau versteckt sich halb hinter ihm und hält sich an seiner Hand fest. Es ist ungefähr 18:45h am Freitagabend.

„Ja, hab Kohldampf“, schwatze ich zurück während ich Tiefkühlware, Nudeln, Milch, Brot und Nutella aus dem Supermarkt zwischen Arm und Kinn balanciere.

„Und wo ist das Bier“, fragt ein klappriger, etwa 70jähriger Rentner dazwischen, der ebenfalls mit im Aufzug steht.

„Im Kühlschrank,“ grinse ich ihn an.

„Haben die dir im Supermarkt keine Tüte für deine Sachen gegeben,“ fragt der Untersetzte besorgt.

„Doch, aber die ist unterwegs gerissen.“

Die Vorstellung dieses Ereignisses scheint in seiner Frau Mitgefühl auszulösen und sie kommt aus der Reserve: „Oh je, das ist mir auch schon passiert. Die Tüten sind so dünn, da kann das leicht passieren. Deswegen lasse ich mir schwere Sachen immer in zwei Tüten einpacken.“

„Mmh, gute Idee. Schönen Abend noch,“ bedanke ich mich mit artigem Lächeln für den Tipp, als der Aufzug im 13. Stock hält.

„Dir auch,“ und „bis dann Kumpel“, lachen die Rüstigen, die weiter nach oben fahren.

 

Die Australier haben Schwierigkeiten mit meinem Namen. Sie können den irgendwie nicht so astrein schreiben. „Jen“, „Jans“, ein „Jens Rang“ einer chinesischen Dame war auch schon dabei, sogar schon ein „Jenf“. Die beliebteste Version unter den Verirrungen ist eindeutig „Jeng“. Ist mir alles nicht so ganz verständlich, weil man gerade bei E-Mail-Korrespondenz in der Signatur die richtige Schreibweise sehr leicht ablesen kann. Hieße ich „Santhirasakaram Vibasanthasuntharam“ und käme aus Madagaskar, dann könnte ich es nachvollziehen. Aber „Jens Lang“? Hey, den kurzen Namen pinkelt ein Eskimo beim ersten Versuch ohne Fehler in den Schnee. Bei Telefongesprächen mit Help-Callcentern meines Internetproviders in Kapstadt, Manila oder sonst wo geht es dann schon mal etwas weiter daneben: „Ian“, „James“ oder „Stan“. Mir egal, ich nehme es auf entspannt-australische Art.

 

Über das Wetter komme ich nach wie vor nicht hinweg. Der Himmel über Queensland ist eine wolkenfreie Zone. Nur neulich irgendwann, da hat es mal für eine knappe halbe Stunde dünne Bindfäden geregnet. Das ist dann häufig eine Meldung in den 19-Uhr-News im TV wert.

Morgen ist hier in Brisbane übrigens „public holiday“, also ein gesetzlicher Feiertag. Derzeit findet das jährliche Brisbane Festival „Ekka“ statt, was im Grunde eine riesige Kirmes ist. Es gibt Fahrgeschäfte ohne Ende die zwischen den etlichen Bühnen stehen auf denen Bands und Comedians auftreten, sowie Stuntshows mit Monstertrucks und Motorcross, viele Präsentationsstände von örtlichen Rugby- und AFL-Klubs, Radiostations, und, und, und. Für die Stadt und die Einwohner ist es ein echtes Großereignis. Und weil in der Stadt eben Kirmes ist, haben hier morgen also alle frei. Mir ist es recht. Auch daran merkt man, dass Brisbane inzwischen zwar eine Metropole mit 2 Millionen Einwohnern ist, aber gleichzeitig immer noch Traditionen und Gewohnheiten einer „Country Town“ existieren.

 

Woche für Woche lerne ich hier den Alltag besser kennen, und die kleinen Unterschiede zu Deutschland und Europa werden mir bewusster. Z.B. sind die Australier ziemliche Sparfüchse. Wenn es geht werden unnötige Ausgaben vermieden und das Geld lieber für Urlaube oder größere Anschaffungen gespart. In der Vergangenheit habe ich das häufig als Geiz gedeutet. Aber mittlerweile sehe ich das anders, denn ich bin selbst etwas davon betroffen. Es ist hier in Australien unüblich sein Girokonto in den Dispobereich hinein zu nutzen oder gar zu überziehen. Zum einen wird das in erster Linie besser verdienenden Haushalten gewährt, zum anderen sind die Zinsen gepfeffert. Deswegen machen das hier die wenigsten Leute. Und das bedeutet, wenn auf dem Girkonto eine Null steht, dann ist Schluss bis das nächste Gehalt kommt. Wer in dem Moment einen leeren Kühl- oder Brotschrank hat muss zu Freunden gehen, wenn er etwas essen will. Wer keine Freunde hat knabbert Baumrinde oder fängt Fische. Auch das Bezahlen von Rechnungen wird selten per Dauerauftrag oder Lastschriftverfahren erledigt. Viele Australier bezahlen die Strom-, Telefon-, usw.-Rechnungen manuell, weil sie den Zeitpunkt ihrer Ausgaben flexibel bestimmen und kontrollieren wollen.

Ich werde, auch das ist in Australien üblich, im zweiwöchigen Rhythmus bezahlt. Nachdem die Fixkosten abgebucht sind habe ich jeweils einen klaren Überblick was für den Rest der beiden Wochen zum Ausgeben bleibt. Und deshalb überlege auch ich mir genau welche Ausgaben nötig sind und welche nicht.

 

Ganz hervorragend ist in diesem Zusammenhang die Nachricht, dass ich Ende der Woche endlich meinen Anwohner-Parkschein erhalte. Damit kann ich hier in Downtown an drei Strassen meinen Wagen stehen lassen solange ich will. Darüber freut sich das Portemonnaie, denn jetzt kann ich mir die täglichen 8 AUD Parkgebühren sparen.

 

Am Samstag stand eines der „Team Processings“ des australischen Olympischen Komitees in Surfers Paradise an der Gold Coast auf dem Programm. Das AOC veranstaltet in Vorbereitung auf die Olympischen Spiele in London im ganzen Land Infotreffen für die potentiellen Olympiateilnehmer, bei dem Briefings gehalten werden und Maß für die Einkleidung genommen wird. Für das Meeting an der Gold Coast hatte das AOC in ein schönes Hotel geladen. Für mich war es das erste Mal, und deswegen bekam ich bei der Ansprache und emotionalen, stolzen Präsentation schon ein wenig Gänsehaut. Nach einem dreistündigen „Referat“ im Schnellzugtempo über An- und Abreise, Eröffnungsfeier, das Olympische Dorf, den „Do´s and Dont´s“ den Medien gegenüber, sowie den gröbsten sonstigen Infos ging es in den Nebenraum wo Fotos geschossen, Profilinfos über die eigene Person in die Datenbank eingetragen wurden und die Teambekleidung anprobiert wurde.

Neben anderen Sportlern war u.a. das komplette Basketballteam mit dabei. Darunter waren Jungs, die mich um anderthalb Köpfe überragten. Bei denen konnte die Schneiderin das Maßband besser gegen einen Zollstock eintauschen.

Den Nachmittag habe ich entspannt am weitläufigen Strand verbracht mit einem Nickerchen und einem kurzen Sprung ins Wasser.

 

Am Sonntag geht es für mich für vier Tage nach Melbourne. Dort werde ich die größten Klubs des Bundesland Victoria besuchen. Es ist wichtig für mich einen Eindruck zu bekommen von dem Umfeld, in dem die jungen Talente des Landes das TT-Spielen erlernen und anschließend (hoffentlich) in die richtige Richtung gefördert werden. Ein ähnlicher Besuch steht in der Woche darauf in Sydney an. Dort bin ich seit meiner Ankunft noch nicht gewesen, deswegen wird es Zeit, dass ich mich auch dort blicken lasse.

Der erste Besuch in Deutschland führt mich in der ersten Novemberwoche nach Magdeburg, wo die australische Nationalmannschaft am World Team Cup teilnimmt. Das wird sicher ein ungewöhnliches Erlebnis, aber ich freue mich auch darauf, denn dort werde ich nach längerer Zeit viele Bekannte wieder treffen. Und eventuell habe ich im Anschluss ans Turnier noch den einen oder anderen Tag um Familie und Freunde zu besuchen. We´ll see!

 

Bis dahin Beste Grüße aus Brisbane

Der Blick auf die deutsche Wetterkarte des letzten Wochenendes löst bei mir fast schon ein wenig Mitleid aus. Bewölkt, zeitweise Regen, 14 Grad, und das im Juli. „Immer Sonne wird auch irgendwann langweilig“, habe ich in der Vergangenheit oft zu Hören bekommen, wenn ich vom Wetter in Queensland geschwärmt habe. Nach nun sechs Wochen in Brisbanes Winter wird mir morgens beim Blick in den blauen Himmel überhaupt nicht langweilig. Im Gegenteil, ich finde es jeden Tag besser. Noch am letzten Freitag hatte die Wetterfee im TV für den Sonntag „möglicherweise leichten Regen“ vorausgesagt. Viel weiter kann man eine Wettervorhersage eigentlich nicht verfehlen: Den ganzen Tag Sonne im Überfluss, und die allermeiste Zeit keine Wolke am Himmel bei 22 Grad. Vielleicht lassen die TV-Sender hier mittlerweile die Praktikanten die Vorhersage schreiben, weil man dabei eigentlich sowieso nichts falsch machen kann.

 

Seit Mitte vergangener Woche habe ich mein eigenes Auto, welches der TT-Verband für mich  besorgt hat. Die hohen Kosten für den Mietwagen kann ich mir nun sparen, das entlastet das Bankkonto. Die für meinen Aufenthalt und meinen Alltag wichtigen Dinge habe ich nun soweit organisiert, jetzt kann ich mich bei jeweiliger Gelegenheit um Freizeit und Hobbys kümmern, denn es gibt hier sehr viel zu unternehmen und zu sehen. Etliche Strände liegen innerhalb einer Autostunde Richtung Norden oder Süden, Golfen kann man hier an 365 Tagen im Jahr und klar – irgendwann will ich natürlich auch aufs Brett, denn hier gibt es tolle Surfbuchten in unmittelbarer Nähe. Und besseres Wetter kann man zum Lernen nicht bekommen. Am Samstag bin ich vormittags beruflich an der Gold Coast. Den Rest des Tages werde ich in Surfers Paradise verbringen und vielleicht mein neu erworbenes Body Board testen.

Ganz ungefährlich sind die Strände hier im Übrigen nicht. Neben den Haien, Stachelrochen und Quallen, die einem hier gefährlich werden können gibt es an einigen Stellen Strömungen, gegen die der beste Schwimmer nicht ankommt. Diese finden meistens unterhalb der Wasseroberfläche statt, in dem Moment wenn die Brandung vom Strand zurück ins Meer weicht, und ziehen einen an den Ohren Richtung offenes Meer. Zum Glück gibt es an allen gut besuchten Stränden Lifeguards mit dem nötigen Rettungsequipment.

 

Am vergangenen Wochenende habe ich hier mit ein paar Freunden meinen Geburtstag gefeiert. Zuerst gab es Dinner in einem indischen Restaurant in Woollongabba, und danach gings in die City in verschiedene Bars und Clubs. Gerade in Downtown gibt es ein paar tolle Locations mit dem zusätzlichen Vorteil, dass ich innerhalb von fünf Fussminuten zu Hause bin und mich um kein Taxi kümmern muss.

Das Nachtleben findet hier in Brisbane übrigens früher statt als in Deutschland. Zum Dinner trifft man sich gegen 18h oder 19h, und in die Bars und Clubs geht es schon ab 21h. Gegen 2h oder 3h früh ist in den meisten Locations dann das Licht aus.

Das Partyviertel befindet sich im „Fortitude Valley“, in der Nähe Downtowns. Hier knipsen sich manche Aussies gerne auch schon vor 2h früh selbst die Lichter aus – zumindest für diese Nacht. Generell ist der nach vorn verschobene Beginn des Nightlifes keine schlechte Sache. Man ist für gewöhnlich früher im Bett und hat deutlich mehr vom nächsten Tag.

 

Im Job finde ich mich Schritt fuer Schritt immer besser zurecht. Die Findungsphase wird sicher noch eine Weile dauern, aber mein Verstaendnis fuer die Arbeitsweise und Mentalitaet des TT-Verbands und seiner Mitarbeiter, inklusive meiner Vorgaengerin, wird jeden Tag besser. Denn wenn ich in Zukunft Veraenderungen herbeifuehren will, dann muss ich zunaechst kapieren, weshalb in der Vergangenheit bestimmte Entscheidungen so oder anders getroffen wurden. Gerade als „externer Neuling“, der keine Historie (ausser ein paar Besuchen und Freundschaften mit australischen Spielern) innerhalb der australischen Tischtennisstrukturen besitzt habe ich es ungleich schwerer die etablierten Leute im System fuer meine Vorstellungen von Veraenderungen zu gewinnen, als z.B. ein Australier, der seit eh und je ein integrativer Teil des Sports hier im Land ist. Vor diesem Hintergrund muss ich in der Lage sein meine Vorstellungen substantiell begruenden und sie selbstbewusst vertreten zu koennen, sonst werden die tollsten Ideen gleich wieder aus ihrem Fundament gerissen. Aber ich bin auf einem guten Weg dorthin und weiss Woche fuer Woche besser was ich innerhalb meiner Position und Kompetenz aus welchem Grund in Zukunft anders machen werde.

 

Seit Montag hat das Thema Olympia in der Oeffentlichkeit und damit auch fuer meinen Job eine gehobene Praesenz. Bis London 2012 ist es nun noch knapp ein Jahr, und die Vorbereitungen gehen in allen Bereichen (fuer Athleten, Trainer, Offizielle ebenso wie fuer die Nationalen Olympischen Kommittees, das IOC, sowie an vorderster Front die Organisatoren der Spiele) in die entscheidende Phase. Am Montag stand die „One-Year-To-Go“-Konferenz mit sechs Vertretern des Australischen Olympiakommittees an, bei dem sich das AOC ueber den Stand unserer Vorbereitungen informiert hat. Das Thema Olympia, bzw. Olympiateilnahme ist unvorstellbar komplex, und wenn mit den Anwaelten des AOC die unterschiedlichen Dokumente (Athletenvereinbarungen, Reise- und Frachtversicherungen, Nominierungskriterien, Anti-Doping-Regularien, Kleiderordnung, Qualifikationskritierien, Einspruchsrecht der Athleten, etc., etc.) Wort fuer Wort auseinandergenommen und dann wieder ineinander verflochten werden, dann gehts inhaltlich und sprachlich dahin wo es wehtut Die meisten Anwaelte des AOC haben zudem keine sportliche Vergangenheit oder Erfahrung. Da kommt es dann schonmal zu Reibungen, wenn die Advokaten Paragraphen erzwingen wollen die zwar juristisch Sinn machen moegen und so in den Buechern stehen, aber im jeweiligen Sport ueberhaupt nicht anwend- oder umsetzbar sind.

 

Obwohl mein Einblick noch begrenzt ist wird mir schnell klar, dass die Vorbereitung, Organisation und Durchfuehrung Olympischer Sommerspiele mit allem was dazu gehoert (von der Bewerbung als Austragungsort bis zur Abschlussfeier und allem was danach kommt) eine Aufgabe von unvorstellbaren Dimensionen ist. Vielleicht waere es einfacher einen Menschen (denselben) auf den Mond, den Everest und zum Erdkern zu bringen, alles innerhalb von 24 Stunden natuerlich.

 

All das traegt dazu bei, dass die Olympischen Spiele fuer alle Involvierten die hoechste Bedeutung im Sport haben. Wenn sich beim kontinentalen Qualifikationsturnier im Maerz 2012 australische Spieler qualifizieren, dann werde ich als Coach in London dabei sein. Und im August 2012 in Sydney den gecharterten Qantas-Airbus der australischen Olympiamannschaft zu besteigen, um zu den Olympischen Spiele zu fliegen ist schon etwas mehr als nur ein Wunsch von mir.

 

Auch die Einkleidung betreffend gibt es natuerlich klare Vorschriften und Ansagen: Auf dem Hinflug soll man ausser der Zahnbuerste und dem eigenen Sportgeraet am besten alles zu Hause lassen. Denn alles was man darueber hinaus im Olympischen Dorf braucht bekommt man vor Ort in zwei grossen Reisekoffern. Ich stelle mir vor wie ich in leichter Sommerbekleidung, einer Zahnbuerste in der linken und einem TT-Schlaeger in der rechten Hand zum Check-In Schalter gehe.

Check-In Dame: „Guten Tag, wohin fliegen Sie bitte?“

Ich: „London. Schlaeger und Buerste gehen als Handgepaeck durch, oder?“

 

Abwarten und Daumen druecken…

 

Allerbeste Gruesse aus Brisbane

Das momentan alles bestimmende Thema in der australischen Öffentlichkeit ist die neue CO²-Steuer, die die liberale Regierung um Regierungschefin Julia Gillard in 2012 einführen wird. Die sieht eine Besteuerung des CO²-Ausstosses vor, wovon an vorderster Front die produzierende Industrie, aber auch die privaten Haushalte betroffen sind. Während die Regierung die neue Steuer als Investition in erneuerbare Energien und damit in die Zukunft verkauft, verteufelt sie die Opposition als Jobkiller und Ruin für schlechter verdienende Familien. Verwunderlich daran ist welch eine Empörung und endlose Diskussion diese Maßnahme in den Medien und der Bevölkerung auslöst. Denn die Australier sind ansonsten überaus umwelt- und tierfreundlich, die Natur ist ihr wichtigstes Gut. Umweltminister war z.B. bis vor kurzem (jetzt ist er Bildungsminister) Peter Garrett, der Frontman der bekannten australischen Popgruppe „Midnight Oil“ (größter Hit „Beds are Burning“). Schon während seiner Musikkarriere war er engagierter Umweltaktivist, viele seiner Songtexte sind politisch motiviert und sehr kritisch. Das ist ungefähr so, als wäre Campino von den „Toten Hosen“ Deutschlands Familienminister.
Aber mit dieser CO²-Steuer tun sich die Australier irgendwie schwer. Und Julia Gillard kann einem schon fast leid tun, wenn sie bei ihren täglichen PR-Terminen auf ihrer CO²-Werbetour durchs halbe Land Tag ein, Tag aus identische Fragen gestellt bekommt und jeweils identische Antworten geben muss.
Mir kommt das alles wie sehr viel Lärm um Nichts vor. Mal schauen, wie lange sich dieses Thema noch in den Medien hält.

Dienstag bin ich frueh morgens zum Oceania Cup nach Adelaide geflogen. Am Nachmittag stand ein Radiointerview auf dem Programm, am frühen Abend dann der offizielle Empfang, bei dem ich als Vertreter des australischen TT-Verbandes ein paar Worte sagen musste. Gestern hatte ich dann am Vormittag zum Glueck etwas Zeit mir die Stadt inklusive Strand anzuschauen. Ein TT-Bekannter von mir wohnt in Adelaide und leitet die Notaufnahme des Royal Adelaide Hospital. Er hat mich herumgefuehrt und mir die schoensten Ecken gezeigt. Die Stadt hat 1,1 Mio. Einwohner, ist also von der Groesse her in etwa mit Koeln vergleichbar. Aber wenn man in der Innenstadt oder an den Strandpromenaden unterwegs ist kommt man nicht im Traum darauf sich in einer Millionenstadt aufzuhalten, zumindest jetzt im Winter nicht. Selbst in Downtown herrscht so gut wie nie Gedraenge, es gibt etliche grossflaechig angelegte Gruenflaechen, und genug Platz fuer alle. In einem Moment befindet man sich in einer der Hauptstrassen zwischen Buerotuermen mit den Niederlassungen der grossen Unternehmensberatungen, Banken und Anwaltskanzleien. Und im naechsten Moment, genauer gesagt zwei Parallelstrassen weiter sieht es aus wie in einer ruhigen Vorortstrasse. Im Uebrigen habe ich auch hier in Adelaide seit meiner Ankunft Sonnenschein und blauen Himmel im Ueberfluss.

Am Finaltag heute sind gluecklicherweise alle, drei Damen und drei Herren, australischen Spieler noch im Rennen. Heute steht jedoch in beiden Konkurrenzen je ein Halbfinale gegen neuseelaendische Spieler an, bei dem die Chancen aus unserer Sicht ausgeglichen oder sogar gegen uns stehen. Wenn zwei australische Spieler aufeinandertreffen bin ich als Coach natuerlich zur Neutralitaet verpflichtet und habe Pause.
Die Sieger im Herren- und Dameneinzel qualifizieren sich jeweils fuer den World Cup und erhalten nebenbei noch 5.000 USD Preisgeld.

Obwohl ich in Erdkunde eigentlich einigermassen auf Zack war weiss ich ueber teilnehmende Inselstaaten wie Kiribati, Tonga oder Vanuatu herzlich wenig. Was aber sehr schnell rueberkommt ist, dass die Bewohner dieser Inseln sich um andere Dinge Sorgen machen, als die Europaeer. Eigentlich scheinen die sich um ueberhaupt nichts sorgen zu machen, denn sie laufen 24 Stunden am Tag mit einem Laecheln durchs Leben. Sie sind den australischen Spielern hoffnungslos unterlegen und bewegen sich von ihrer Spielstaerke zwischen der deutschen Landes- und Kreisliga. Trotzdem gebuehrt ihnen mein Respekt, denn sie nehmen eine lange Reise mit Boot und mindestens zwei Flugzeugen, sowie entsprechende Kosten auf sich, um sich dann an drei Tagen in Adelaide im Tischtennis vermoebeln zu lassen. In den Vorrundengruppen spielte z.B. die australische Nummer drei gegen „Simote Pepa“, den besten Spieler aus Tonga. Simote ist Mitte Vierzig, etwa 1,60m gross und unglaublich kraeftig und staemmig. Er hat Wadenmuskeln wie Popeye nach einwoechiger Spinatkur und einen dicken, runden Bauch mit viel leckerem Insel-Essen drin. Nach einem laengeren Ballwechsel und mehreren Schmetterbaellen hintereinander ging ihm im dritten Satz ploetzlich die Puste aus und er begann heftig nach Luft zu schnappen. Waehrend ich kurz davor war meinen Bekannten in der Notaufnahme anzurufen und seine Bereitschaft abzufragen, drehte sich Simote hechelnd um und japste mit einem breiten Lachen und zwei Goldzaehnen im Gesicht: „Haha, I love it!“ Und im naechsten Moment war er wieder konzentriert und gab sein Bestes, um zumindest den einen oder anderen Punkt zu gewinnen.
Ich habe ihn nach dem Spiel gefragt wo er denn die Wadenmuckis her haette. Er lachte diebisch und sagte nur: „Natur!“

Am Samstagmorgen geht es fuer mich weiter nach Melbourne. Dort treffe ich im Rahmen der Victoria Open Funktionäre, Trainer und Spieler von verschiedenen Verbänden. Am Sonntagabend dann Rückflug nach Brisbane. Mit etwas Glueck kann ich am Samstagabend die Brisbane Broncos bei ihrem Auswaertsspiel bei Melbourne Storm anfeuern. Die Gastgeber haben im letzten Jahr die Premier League gewonnen und gehoeren auch in dieser Saison zu den ganz heissen Titelanwaertern. Die Broncos muessen schon 100% abrufen, wenn sie bei den Stormers gewinnen wollen. Also „Go the mighty Broncos!“

Australien ist ein sehr sportbegeistertes Land, das ist kein Geheimnis. Sport ist hier ein fester Bestandteil des Alltags, und das Interesse der Australier beschränkt sich nicht nur aufs Zuschauen am TV oder live vor Ort, sondern sie treiben selbst viel Sport. Morgens vor der Arbeit und am späten Nachmittag und Abend sind die Promenaden und Wege entlang des Brisbane River stark frequentiert mit Nordic Walkern, Läufern, Radfahrern, Skatern, etc. In der Stadt sieht man sehr viele Rennradfahrer, der Sport ist gerade hier im Sonnenloch Queensland sehr populär.

Generell war die vergangene Woche gefüllt mit Highlights, speziell für die Queenslander. Am Mittwoch gewann Queensland im Suncorp Stadium das entscheidende Rugby League Finale und die prestigetraechtige „State of Origin“-Serie gegen New South Wales. Und am Samstag gab es in der Stadt wieder einen Grund zum Feiern, als die Queensland Reds das Grand Final der Rugby Union Saison gewannen. Rugby League und Rugby Union ähneln prinzipiell dem American Football in den USA, allerdings darf das Lederei per Hand nur nach Hinten gepasst werden. Nach vorne darf es lediglich gekickt oder „getragen“ werden. Das macht die Aufgabe eines Touchdowns, bzw. eines „Try“ wie es beim Rugby League heisst, deutlich schwieriger. Hinzu kommt, dass die schweren Jungs keinerlei Schutzkleidung tragen, keine Schienbeinschoner, Schulter- oder Knieprotektoren und auch keine Helme. Wer da physisch nicht kräftig genug und bis in die letzte Faser austrainiert ist hat bei diesem Spiel weder Spaß, noch Erfolg. Männer wie Greg Inglis, Sam Thaiday oder Dave Taylor laufen die 100 Meter alle unter zwölf Sekunden. Das Besondere daran ist, dass sie selbst 120kg oder mehr auf die Waage bringen und zwei Kühlschränke unterm Arm tragen können ohne einen Schritt langsamer zu werden. Wenn diese Bullen im Vollsprint ineinander rennen, dann will man nicht dazwischen stehen. Ich kann mich mehr und mehr für Rugby League begeistern. Als Ortsansaessiger unterstuetze ich natürlich die Brisbane Broncos, die aktuell auf Play-Off-Kurs sind.

Abgerundet wurde die sportlich überaus erfolgreiche Woche am Sonntagabend durch den Weltmeistertitel der Netballerinnen, die in einem absoluten Herzschlagfinale in der Verlängerung gegen Neuseeland gewonnen haben. Netball ist eine Sportart, die vor allem (oder sogar ausschließlich?) in den Commonwealth-Ländern gespielt wird. Sie ähnelt in den Ansätzen dem Basketball, aber der Ball darf nicht gedribbelt, sondern nur gepasst werden. So ganz astrein habe ich die Regeln noch nicht gecheckt, aber Körperkontakt scheint nahezu komplett verboten zu sein. Und wenn es gegen Neuseeland geht, dann steht jeweils doppelt so viel auf dem Spiel. Die Rivalitaet ist zu vergleichen mit der zwischen Deutschland und Holland.

Der Juli ist hier in Queensland der kälteste Monat des Jahres, deshalb ist er nicht besonders beliebt. Mir als Europäer mutet das etwas seltsam an, denn ich kann mir nicht vorstellen wie das Wetter noch besser sein könnte. Seit Dienstag ist erneut keine Wolke am Himmel, bei regelmäßigen 21 Grad tagsüber. Das unerhört gute Wetter habe ich am Wochenende zu einem Kurztrip zum Surferspot Noosa an der Sunshine Coast genutzt.

Der kleine Ort hat traumhafte Straende und Buchten in fusslauefiger Entfernung, eine kleine und uebersichtliche Hauptstrasse mit kleinen, stylishen Laeden und Bars, die typisch australisch gestaltet sind – einladend und zu allen Seiten hin offen und mit vielen Sitzgelegenheiten in der Sonne. Noosa kann mit den schoensten und attrakivsten Urlaubszielen dieser Welt mithalten und kommt trotzdem zu keiner Zeit abgehoben oder gewollt cool rueber, sondern im Gegenteil sehr urspruenglich, authentisch und natuerlich. Noosa zieht im uebrigen – zumindest jetzt im Winter waehrend der „Off-Season“ – keine besonderen Altersgruppen an, sondern wohl eher Charaktere mit aehnlichen Vorlieben. Es mischen sich Locals mit Rucksack-Touristen, Mitt-Zwanziger mit Rentnern, Berufstaetige mit Studenten weil sie die entspannte und freundliche Atmosphaere, sowie Sonne, Strand und Natur geniessen und sich selbst nicht sonderlich wichtig nehmen.

Ich habe fuer mich das sichere Gefuehl, dass ich dort einen grossen Teil meiner Freizeit verbringen werde.

Unter der Woche wird jedoch zunaechst hart gearbeitet, denn ich will hier meine Aufgabe so gut wie moeglich erfuellen. In der uebernaechsten Woche steht mit dem Oceania Cup ein erster echter Test an. Klar formuliertes Ziel ist der Titel sowohl bei den Damen, als auch bei den Herren. Die jeweiligen Sieger qualifizieren sich fuer den Weltcup, der im November in Singapur, bzw. Paris stattfindet.

Als Verantwortlichem fuer die Nationalmannschaften ist der Wettbewerb fuer mich der erste Pruefstein. Denn letztlich sind Ergebnisse und vor allem Medaillen der einfachste Massstab, an dem ich gemessen werde. Und das ist am Ende in jedem Sport so, und in allen Laendern gleich.


Beste Gruesse aus Brisbane

Am vergangenen Freitag habe ich hier zum ersten Mal laut fluchen muessen. Am spaeten Nachmittag fuhr ich aus dem Buero nach Hause und musste wie gewohnt ein paar Minuten einen Parkplatz suchen. Im guten Glauben einen legalen Stellplatz gefunden zu haben liess ich meinen Mietwagen stehen und ging eine Runde Laufen.

Frisch geduscht und voller Vorfreude aufs Wochenende ging ich knapp anderthalb Stunden spaeter zurueck zu meinem Wagen, um zu Freunden zu fahren mit denen ich verabredet war. Ich biege um die Ecke, da sehe ich schon von Weitem einen weissen Zettel am Scheibenwischer flattern. Ueblicherweise aergere ich mich ueber Werbeflyer hinterm Scheibenwischer, vor allem wenn ich schon losgefahren bin. Dieses Mal hoffte ich jedoch, dass es nur ein irgendein Werbeflyer war. Leider Pech gehabt: Es war ein Strafzettel fuer falsch Parken. Wird schon nicht so schlimm sein, dachte ich, vielleicht 20 Dollar oder 25. Weit daneben, am rechten unteren Rand des Zettels standen dick und unuebersehbar 150 $!

Die Gebuehren, die hier in Australien fuer Ordnungswidrigkeiten im Strassenverkehr angesetzt werden sind ziemlich irrational und ausserhalb jedes Verhaeltnisses. Ein Bekannter ist in einem Dienstwagen mit 71 statt der erlaubten 60 km/h in der Stadt geblitzt worden, woraufhin sein Arbeitgeber als Eigentuemer des Wagens ein Knoellchen von 550 Dollar (!?!) erhalten hat. Solange der Fahrer vom Eigentuemer des Wagens nicht identifiziert wird bleibt es bei diesen irren 550 Dollar, die dann die Firma zu zahlen hat. Wird der Fahrer identifiziert, reduziert sich die Gebuehr auf etwas weniger als die Haelfte.

150 Dollar fuer anderthalb Stunden falsch parken ist eine aehnlich verrueckte Summe. Das entspricht 100 Dosen Cola light aus dem Getraenkeautomaten im Buero. Da haetten sie mir auch 1500 oder 6000 Dollar draufschreiben koennen. Das waere nicht mehr und nicht weniger bescheuert gewesen. Mir faellt kein Beispiel ein, in dem man in Deutschland ein 150-Euro-Knoellchen fuer falsch Parken bekaeme. Da muss man sein Auto wahrscheinlich vor der Notaufnahme des Marienhospitals stehenlassen, quer zur Krankenwagenzufahrt, und ein Schild “Bin kurz weg” hinter die Windschutzscheibe heften.

Das Problem ist zudem, dass die Parkschilder selbst fuer die “locals” kaum zu verstehen sind, weil auf ihnen versucht wird die Parkvorschriften fuer die komplette Woche (Montag ist nicht gleich Freitag, und Freitag ist nicht gleich Wochenende) inklusive geltender Ausnahmen auf der Groesse eines DIN A4-Blattes bildlich darzustellen. Was dabei herauskommt kann auch ebenso eine Schatzkarte zum Heiligen Gral sein. Oft sieht man Leute minutenlang vor den Schildern stehen und sich am Kopf kratzen. Bis man die Schilder versteht, hat man schon dreimal gegen die beschriebenen Vorschriften verstossen. Wie auch immer, in jedem Fall ist es mir eine Lehre. Und das ist ja letztlich das Ziel dieses Wahnsinns.

Im Job geht meine Einarbeitungsphase Schritt fuer Schritt voran. In der vergangenen Woche bat eine Presseagentur um ein erstes Interview zum Stand der Vorbereitungen auf London 2012. Die Olympischen Spiele werden in den naechsten Monaten mehr und mehr Zeit meiner taeglichen Arbeit ausmachen. Die Anforderungen des Australischen Olympischen Kommittees sind hoch, die Richtlinien sehr komplex. Da gerade die kleineren Sportarten wie u.a. auch Tischtennis aufgrund ihrer nicht so professionell entwickelten Strukturen manchen Anforderungen gar nicht gerecht werden koennen, gibt es seitens des AOC aber auch jede Menge Unterstuetzung. Allein zum Qualifikations- und Nominierungsprozess fuer die Australische Olympiamannschaft gibt es z.B. ein 60 Seiten starkes Handbuch.

Am Wochenende habe ich Bekanntschaft mit einer mir bislang unbekannten Bevoelkerungsgruppe gemacht – den Bewohnern der Torres Strait Inseln. Die liegen zwischen Australien und Neu-Guinea. Viele Torres Strait Insulaner sind adipoes bis hochgradig fettleibig. Eine Gruppe von ca. 20 von ihnen wohnte uebers Wochenende im gleichen Gebaeude, in dem ich mein Appartment miete. Wenn ich sie gesehen habe standen sie meistens alle zusammen in der Gegend herum und machten nichts. In der Lobby, auf der Strasse oder auf dem Pooldeck standen sie, hielten Schwaetzchen miteinander und trugen Hawaii-Hemden. Seit heute sind sie wieder weg. Laut einer der Rezeptionsdamen haben zwei von ihnen ihre Koffer im Zimmer vergessen. Alles in allem eine sehr gemuetliche Spezies Mensch, die Torres-Insulaner.

Ansonsten esse ich hier die typisch australischen Meat Pies (blaetterteigartiges gebaeck mit diversen Fleischfuellungen), als gaebe es kein Morgen. Leider habe ich gehoert, dass die nicht besonders gesund seien und ich davon nicht soviele essen sollte, sonst saehe ich auch bald aus wie ein Torres-Strait-Insulaner. Ich denke ja, dass das eigene Immunsystem ab und an auch mal vor Aufgaben gestellt werden will. Aber gut, uebertreiben muss man es ja nicht. Mal schauen, vielleich esse ich ja in Zukunft Moehren statt Meat Pies und Bananen statt Burger… – vielleicht aber auch nicht.

 

Allerbeste Gruesse aus Brisbane

Zunaechst hoerte es sich verheissungsvoll an: “Ich kann ihnen ein besonderes Angebot unterbreiten,” versprach die Stimme am anderen Ende der Leitung. Ok, da bin ich gespannt, dachte ich mir. “395 A$, direkt in der Albert Street.” Zuerst wollte ich fragen, ob das die Gebuehr fuers ganze Jahr ist und die Miete fuer mein Appartment darin enthalten ist. Aber der freundliche Herr am Roehrchen loeste es gleich selbst auf, denn es war die monatliche Parkgebuehr fuer das Abstellen meines Autos in einem Parkhaus in der Naehe meines Appartments. Da konnte mich auch das Verkaufsargument, dass ich 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche Zufahrt haette nicht ueberzeugen, denn davon war ich ausgegangen. Waere ja noch doller, wenn ich 400 Steine im Monat fuer ‘nen Parkplatz ausgebe und dann nur Di., von 12h bis 14h und Fr., von 20h – 21.30h drankomme.

Bei den Lebenshaltungskosten in Australien erlebe ich den einen oder anderen aha-Effekt. Im Vergleich zu meinem ersten Besuch in 2003 ist Australien inzwischen sehr teuer geworden. Und das liegt nicht allein daran, dass ich in der Stadt wohne wo die Preise am hoechsten sind. Das gedankliche Umrechnen des australischen Dollars in Euro zaehlt fuer mich nicht mehr, da ich ja auch in australischen Dollar bezahlt werde.

 

Schritt fuer Schritt stelle ich hier meinen Alltag auf. Wasser kommt in meiner Bude mittlerweile auch aus dem roten Hahn, und in der vergangenen Woche ist mein restliches Gepaeck aus Deutschland angekommen. Allein der Gedanke die vier grossen Koffer und Taschen in der Frachtabfertigung des Flughafens abzuholen (wo ist die ueberhaupt?) und dann durch Zoll und Quarantaene zu bringen hat bei mir am Anfang Schweissausbrueche verursacht. Die paar Male die ich in Deutschland “auf” dem Zollamt war sind mir naemlich ins Gedaechtnis gebrannt. Das auszufuellende Formularwerk und die einzuhaltenden Vorschriften sind so komplex, dass man sie fruehestens nach dreijaehriger Ausbildung zum Aussenhandelskaufmann mit Zusatzqualifikation beherrschen kann. An jeder Ecke lauern Fehlerquellen wie Falltueren, und bei der kleinsten Missachtung der Regularien muss man zurueck auf Los, und alles faengt von vorne an. Die Mitarbeiter des Zollamts, das ich damals ab und an besuchen durfte hatten Gesichtszuege wie Schildkroeten und bewegten sich in Zeitlupe. Bei keinem meiner Besuche bin ich dort begruesst oder verabschiedet worden. Dementsprechend gross war meine Vorfreude also auf die Ankunft meiner Sachen und die daran anknuepfende Aufgabe.

Zu meiner Ueberraschung war dann alles halb so wild. Als mein Gepaeck in Brisbane ankam bekam ich einen freundlichen Anruf vom Abwicklungsbuero inklusive Wegbeschreibung. Vor Ort erhielt ich dann die Papiere, bei der Zollabwicklung wurde ich auf gewoehnt australisch-freundliche Art von einer Service-Mitarbeiterin empfangen, die Abfertigung erfolgte schnell, unkompliziert und wiederum sehr freundlich, und kurze Zeit spaeter konnte ich mein Gepaeck ins Auto laden.

 

Besuch J. Rosskopf

 

Den ersten kurzen Besuch hatte ich inzwischen auch. Bundestrainer Joerg Rosskopf besucht mit dem Rest seiner Familie derzeit eine seiner Toechter, die in der Naehe von Brisbane ein Jahr lang zur Schule geht. Bei der Gelegenheit haben wir uns unter der Woche zu einem verlaengerten Mittagessen in der Stadt getroffen. Von Miley Cyrus hingegen hatte ich vorher bislang nur den Namen gehoert. Sie gab am gleichen Abend gab ein Konzert in der Stadt und ruehrte dafuer tagsueber die Werbetrommel. Wie es der Zufall wollte fuehrte sie ihr (inklusive Bodyguard, Management und ein paar Medienvertretern) Weg auch am Eagle Street Pier vorbei, wo Familie Rosskopf und ich gerade zu Mittag assen. Rossis Toechter sind 15 und 17 Jahre alt und gehoeren damit wohl zum absoluten Kern der Miley-Cyrus-Fan-Zielgruppe. Beide hatten das Glueck ein gemeinsames Foto mit “Hanna Montana” (soviel weiss ich jetzt ueber Miley Cyrus) zu bekommen, geschossen vom Papa hoechstpersoenlich.

 

 

Ich werde mich unterdessen in dieser Woche nach einem Auto umschauen. Mieten ist schliesslich auf Dauer zu teuer. Und sobald ich mein Visa in der Hand halte (hoffentlich in zwei Wochen) kann ich mir hier auch eine private Zusatz-Krankenversicherung zulegen. Auch in dieser Hinsicht ist das hier uebrigens eine interessante Erfahrung: Wenn man die international existierenden Gesundheitssysteme mit Hotelzimmern vergleicht, dann wohnen die Deutschen in der Praesidentensuite des Emirates Palace in Dubai. Wir Deutschen sind von unserem System so verwoehnt, dass wir uns beim Betrachten der Preise und Leistungen der Krankenversicherungen im Ausland (ziemlich egal in welchem) wahrscheinlich direkt “wegen Schwindelanfaellen” ins naechste Krankenhaus einliefern liessen.

 

Allerbeste Gruesse aus Brisbane

Die Tasmanier sind ein freundliches und gleichzeitig sehr eigenes Völkchen. Vor ein paar Stunden bin ich aus der Hauptstadt Hobart zurückgekehrt wo die Australian Open stattfanden – das Highlight des australischen Turnierkalenders. Der tasmanische TT-Verband ist klein und zählt lediglich ein paar Hundert Mitglieder, aber mit viel Mühe und Engagement haben sie eine hervorragende Veranstaltung auf die Beine gestellt. Der viertägige Trip war sozusagen mein Einstand. Ich bin dort den wichtigen Leuten der australischen TT-Szene vorgestellt worden. Diejenigen, die sich selbst für wichtig halten haben sich wiederum mir vorgestellt, so konnte ich auch sie kennen lernen. Von den Nationalspielern kannte ich die meisten bereits vorher, nun kenne ich auch die restlichen.

 

Leider ist es derzeit auch in Tasmanien Winter. Und das noch deutlich mehr als hier in Brisbane, denn Tasmanien ist eine Insel südöstlich des australischen Festlandes. Weiter südlich bin ich in meinem Leben bislang noch nie gewesen. Setzt man sich in Hobart in ein Boot und rudert Richtung Süden, dann kommt nach einigen Kilometern Ozean nur noch die Antarktis. Dementsprechend frisch ist derzeit auch das Wetter in Hobart. Das Thermometer klettert in diesen Tagen nicht mehr über die zehn Grad Grenze. Kommt der kalte Wind vom Meer aus Richtung Antarktis hinzu, dann fühlt sich das trotz viel Sonnenschein sehr schnell nicht mehr wie +10°, sondern eher wie -10° C an. Die Tasmanier schreckt das allerdings wenig ab, sie laufen bei diesem Wetter trotzdem mit ganz wenigen Ausnahmen ohne Jacke, und oft sogar kurzärmelig durch die Gegend. Da kam ich mir mit meiner Mütze, dicken Jacke und Handschuhen wie ein bescheuertes Weichei vor.

Eine freundliche Mitarbeiterin des lokalen Organisationskomitees antwortet lächelnd auf meine Frage, weshalb die „locals“ hier alle so sommerlich angezogen wären „dass sie das kalte Wetter gewöhnt seien.“ „Ahso, natürlich,“ lächle ich freundlich nickend zurück. So richtig verstanden habe ich es trotzdem nicht, denn auch ich bin z.B. den europäischen Winter gewöhnt, er kommt jedes Jahr für ein paar Monate zu Besuch. Aber deswegen trage ich dann eben keine T-Shirts, sondern Winterjacke, Schal und Handschuhe. Wie auch immer, die Tasmanier sehr entspannt, freundlich und lebensbejahend. Und die Probleme der Tasmanier sind andere, als die der Deutschen oder der Europäer. Eines der zentralen öffentlichen Themen ist momentan die Rettung des „tasmanischen Teufels.“ Die Population des äußerst frechen Beuteltieres ist offenbar durch irgendeine spezielle Krankheit geschrumpft. Und deswegen wird in TV, Tageszeitung und sogar in Werbespots im Flugzeug zu Spenden und der Beteiligung an Rettungsprojekten aufgerufen. Da musste ich schon einige Male schmunzeln… – in Europa kann man bald mit einem Pfund Kaffee in den Supermarkt gehen und mit 2 Litern Milch wieder raus, weil der Euro als Tauschmittel nicht mehr taugt.

Dort retten sie den Euro, hier den tasmanischen Teufel. Bei soviel Unverbrauchtheit muss man sich einfach wohl fühlen. Vielleicht ergibt sich während des australischen Sommers ja die Gelegenheit für einen Kurzurlaub, denn die Natur ist wirklich atemberaubend. Leider blieb während der wenigen Tage keine Zeit für einen Ausflug.

 

Meinen ersten Arbeitstag im Büro hatte ich am Dienstag. Der TT-Verband hat sein Büro zusammen mit zahllosen anderen Sportverbänden (Badminton, Motorsport, Volleyball, Wakeboarding, Hochschulsport, Squash, Tennis, usw., usw.) im sogenannten „Sports House“, neben dem Suncorp Stadium. Ich bin dort superfreundlich empfangen worden. Einem das Gefühl zu geben wirklich willkommen zu sein, beherrschen die Australier ganz ausgezeichnet. Die Mitarbeiter und sonstigen Angestellten im Sports House haben allesamt eines gemeinsam: Ihre direkte Verbindung und Affinität zum Sport. Manche sind oder waren mal sehr erfolgreiche Athleten. Unter Sportlern habe ich mich immer sehr wohl gefühlt, man hat gleich eine gemeinsame „Antenne“.

Arbeitstechnisch herrscht bei mir aktuell ein „Information overload“, aber das ist ja am Anfang eines jeden neuen Jobs so. Es ist sehr viel Neues dabei, in viele Arbeitsprozesse und Problemstellungen muss ich mich erst einfinden. Aber das macht gleichzeitig auch viel Spass.

 

Überhaupt keinen Spass macht hingegen die Korrespondenz mit der Immobilienagentur, die mein Appartment „managt“. Die haben sich „Service first“ auf ihre Fahnen geschrieben. Leider stand nicht dabei, dass als Maßstab das Servicelevel der Bronzezeit genommen wurde. Mein Appartment hat immer noch kein warmes Wasser! Zum Glück war ich jetzt vier Tage nicht da. Letzten Mittwoch habe ich meine Dusche schon auf dem Pooldeck genommen. Wenn ich morgen Abend den Hahn auf Rot drehe und immer noch kein warmes Wasser am Start ist, gehe ich mit einem Eimer kaltem Wasser aus meinem Hahn ins Agenturbüro, und kippe es der zuständigen Mitarbeiterin über den Scheitel. Vielleicht bekommt mein Anliegen dann ja eine höhergestellte Priorität…

 

Allerbeste Grüße nach Deutschland

Ein wenig stolz bin ich schon, jetzt wo ich zum ersten mal hier in Brisbane in meiner eigenen Wohnung stehe. Diese vier Waende, zentral im Stadtzentrum gelegen, sind in der naechsten Zeit mein neues Zuhause. Hier bin ich nun zunaechst auf mich allein gestellt und kann nicht wie gestern auf die Mutter zaehlen, wenn eine Grippe im Anflug ist, ein Hemd gebuegelt werden muss, oder ich gerade wieder Hunger auf ihre Kueche habe.

Zwischen dem Hier und Jetzt und dem Gestern liegen ein traenenreicher Abschied von der Familie und ein 23-stuendiger Qantas-Flug, der das eigene System auf links dreht. An den ersten beiden Tagen kommt der grosse Hunger nachts um 1.00h wenn man schlafen sollte aber nicht kann. Am naechsten Tag sitzt man gaenzlich ohne Appetit um 12.30h am Mittagstisch und laeuft Gefahr mit offenem Mund und Augen einzuschlafen. Das moechte ich bei meinem ersten Dienstessen mit den neuen Arbeitskollegen vermeiden. Zudem ist hier gerade der Winter eingebrochen. Die heutigen 15 Grad sind das Kaelteste, was ich waehrend meiner nun sechs Besuche in Brisbane erlebt habe. Der Zeitunterschied betraegt acht Stunden. Waehrend der deutschen Winterzeit sind des zehn, da auf der Nordhalbkugel die Uhren zurueck-, und auf der Suedhalbkugel gleichzeitig vorgestellt werden. Nach zwei Tagen hat sich der Koerper fuer gewoehnlich umgestellt, und die kleinen Irritationen gehen vorbei.

Was niemals vorbeigeht ist das Bewusstsein fuer die Bedeutung der eigenen Familie. Ihre sonst so normale und selbstverstaendliche Gegenwart, die den eigenen Alltag stabilisiert, wird hier zu einer seltenen Besonderheit, die man auf eine ganz neue, durch und durch positive Art schaetzen lernt. Das wird sicher eine unersetzliche Erfahrung fuer die eigene Zukunft. Um die volle Unterstuetzung der Eltern und des Bruders zu wissen, hilft ueber den Trennungsschmerz hinweg.

Am Dienstag habe ich meinen ersten Arbeitstag als neuer Sportdirektor des australischen Tischtennis-Verbandes. Australien ist beileibe keine TT-Nation, die Herren- und Damen-Nationalteams spielen bei der WM ueblicherweise um die Plaetze 30 bis 45. In Deutschland gibt es etwa 430.000 aktive Wettkampfspieler auf einem Gebiet, das etwa einem Viertel des Bundeslandes Queensland entspricht. In ganz Australien kommen wir auf 8.000 registrierte Wettkampfspieler, allerdings ist das Gebiet fast so gross wie Europa. Hier eine nationale Top-Liga aufzubauen ist nahezu unmoeglich, dazu ist das Land zu gross – kein Mensch setzt sich fuenf Stunden ins Flugzeug, um zu einem Tischtennis-Auswaertsspiel anzureisen. Hier gilt es smarte Alternativen zu finden. In jedem Fall ist meine Aufgabe die Strukturen und Rahmenbedingungen zu verbessern, um TT als Leistungssport zu foerdern, eine grosse Herausforderung. Ich werde viel im Land unterwegs sein, um mit den Landesverbaenden, ihren Trainern und groessten Clubs im Land Strategien zu entwickeln und umzusetzen, die zweifellos vorhandenen TT-Talente des Landes zu sichten und spaeter nach zeitgemaessen Leistungssportkriterien zu foerdern. Neben vielen anderen Taetigkeitsfeldern gehoert die Betreuung der Nationalmannschaften und der einzelnen Athleten bei internationalen Turnieren ebenfalls zu meinem Aufgabenprofil.

 

Aber bevor ich mich in meinen neuen Job stuerze muss ich mich hier zunaechst einleben und kurzfristig ganz alltaegliche Dinge wie z.B. ein australisches Handy, ein Bankkonto, eine Kreditkarte und auch ein Auto besorgen. Bis ich mich selbst hier komplett aufgestellt habe wird es gewiss seine Zeit dauern.

An dieser Stelle werde ich in regelmaessigen Abstaenden von meinen Erlebnissen berichten. Und jetzt werde ich zunaechst in Erfahrung bringen, weshalb meine Wohnung zwar Strom, aber noch kein warmes Wasser hat. Ich habe die Feiertage im Verdacht, die viele Serviceleistungen um einen Tag hinauszoegern. Dann muss ich mich morgen wohl noch einmal auf eine kalte Dusche einstellen.

 

 

Bis dahin allerbeste Gruesse nach Deutschland,


Jens Lang