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Als ich am Gepaeckband des Duesseldorfer Flughafens ankomme um mein Gepaeck abzuholen muss ich gleich ein wenig schmunzeln. Da stehen die Leute Schulter an Schulter nebeneinander und in drei Reihen hintereinander. Die Schienbeine der Leute in der vordersten Reihe haben Kontakt mit dem Metallrahmen des Gepaeckbandes, und alle schauen gespannt und vornueber gebeugt auf das Loch in der Wand aus dem gleich die Gepaeckstuecke erscheinen wuerden. Spaetestens in dem Moment merke ich, dass ich zurueck in Deutschland bin.

 

Gluecklicherweise enthaelt mein Arbeitsvertrag einen kostenlosen Heimflug pro Jahr. Diesen nutzte ich auch dieses Mal wieder zu einem Heimatbesuch ueber Weihnachten und Neujahr. Die Feiertage will ich nach wie vor bei der Familie verbringen und die freie Zeit nutzen, um Freunde und Bekannte wieder zu treffen. Ausserdem geben mir die jaehrlichen Besuche die Moeglichkeit zu hinterfragen und zu reflektieren, inwieweit ich auf dem richtigen Kurs bin und was fuer mich von Bedeutung ist.

 

Die Familie und langjaehrige Freundschaften halte ich fuer unersetzlich, und genau deshalb habe ich die vergangenen zweieinhalb Wochen sehr genossen. Aber gleichzeitig habe ich mich von Anfang an auf den Tag gefreut an dem es wieder zurueck nach Australien geht. Denn ich kann mir nicht helfen – ein Leben in Deutschland kann ich mir zumindest in naher Zukunft nicht mehr vorstellen. Dazu gibt es zu viele und zu grosse Unterschiede zwischen den Werten die fuer mich im Leben von Bedeutung sind, und denen die meiner Erfahrung nach in Deutschland wichtig sind.

 

Ich habe den Eindruck, dass z.B. Sicherheit ein Wert von zentraler Bedeutung in Deutschland ist. Sicherheit was die Zukunft bringt, Sicherheit vor Unfaellen aller Art, finanzielle Sicherheit, Sicherheit den Arbeitsplatz betreffend, alles dreht sich um totale Sicherheit und Schutz vor allem und jedem. Wenn es in Deutschland eine Versicherung gegen “negative Erfahrungen allgemein” gaebe, ich glaube sie faende reissenden Absatz. Ich glaube, dass es im Leben zu keiner Zeit und an keinem Ort totale Sicherheit gibt, und deshalb ist das ein Rennen das man nicht gewinnen kann. Eben nicht zu wissen was morgen passiert macht fuer mich auch einen Reiz im Leben aus. Sehr haeufig wird nach Gruenden gesucht, weshalb man etwas nicht tun oder nicht ausprobieren sollte. Bizarre Szenarien werden kreiert und Risiken ueberproportioniert, um Dinge zu finden die schiefgehen koennten. Mir ist kein Mensch bekannt, der es mit dieser Mentalitaet im Leben zu Erfolg egal welcher Art gebracht hat. Nur wer nichts tut, macht keine Fehler. Dabei ist Fehler zu begehen und hin und wieder die falsche Entscheidung zu treffen ein essentieller und unersetzlicher Teil des Lernens und des Lebens.

 

Es ist eine allgegenwaertige Versuchung Dinge zu kontrollieren, auf die man eigentlich keinen oder wenig Einfluss hat. Dieser Versuchung bemuehe ich zu widerstehen, wann immer ich kann. Umso mehr versuche ich das Beste aus allem zu machen das ich kontrollieren kann. Das ist eine Mentalitaet die im australischen Sportsystem inklusive des australischen Olympiateams gepredigt und auch wirklich gelebt wird. Wer Ausreden hat oder andere Dingen oder Menschen verantwortlich macht fuer den eigenen Misserfolg wird hier schnell ein unbeliebter Aussenseiter. Damit bin ich voll konform.

Freiheit, Selbstbestimmung und Eigenverantwortung sind fuer mich Werte von hoechster Bedeutung. Vor allem bei Letzterem werde ich sehr schnell zu einem leidenschaftlichen Referenten:

Ich empfinde naemlich z.B., dass in Deutschland Anreiz und Motivation, aber auch Belohnung fuer eigenverantwortliches Handeln auf ein gefaehrlich niedriges Mass reduziert werden. Stattdessen wird ueberreguliert und nach Wohlstand fuer alle und jeden gestrebt. Das Ergebnis ist eine Mentalitaet die den Staat und das System einem selbst gegenueber in der Bringschuld sieht. Ich halte das fuer ziemlichen Quatsch und fuer eine weltfremde und zum Scheitern verurteilte Mentalitaet fuer die ich wenig Zeit und Respekt uebrig habe.

Der einzige der mir etwas schuldet bin ich selbst. Was andere fuer mich tun oder nicht kann und will ich nicht beeinflussen. Das gleiche gilt im Uebrigen fuer den Leistungssport. Mich wuerde ueberraschen, wenn ein Roger Federer, Michael Jordan, Muhammad Ali oder Lionel Messi jemand anderes als sich selbst fuer den eigenen Misserfolg verantwortlich machte. Im Moment des eigenen Erfolges hingegen sind die Genannten allesamt dankbar und demuetig jeder Unterstuetzung von aussen gegenueber. Sport eignet sich deshalb ausgezeichnet als Schule fuers Leben. Die Verantwortung fuer den eigenen Erfolg oder Misserfolg traegt jeder Mensch an allererster Stelle selbst.

 

“Hello Mr. Lang, welcome back. You have been upgraded to Business Class,” begruesst mich die Emirates Airlines Mitarbeiterin freundlich am Check-In des Duesseldorfer Flughafens. Na das ist doch ein guter Reisestart, dachte ich mir. Auch wenn ich die Wegstrecke Europa – Australien oder andersherum nun gut 20mal absolviert habe und bei mir ein gewisser Gewoehnungsprozess eingesetzt hat, ein Vergnuegen ist sie nie. Die Aussicht auf einen bequemen Liegesitz mit ausreichend Beinfreiheit, sowie diverse extra Services fuer den ersten Teil der Strecke bis Dubai sorgten bei mir deshalb fuer Heiterkeit. Der Sitzplatz war letztlich so bequem, dass ich die kompletten sechseinhalb Stunden Flugdauer im Tiefschlaf verbrachte. In Dubai angekommen machte ich mich direkt auf zum Transfer Desk um nach einem eventuell verfuegbaren Platz in der Notausgangreihe fuer den zweiten Reiseteil Dubai – Brisbane zu fragen. Die Antwort war nein, da der komplette A380 bis auf zwei Plaetze ausgebucht sei. Ich grummelte vor mich hin und bereitete mich auf 14-einhalb Flugstunden, restless legs, Nicht-Schlafen-Koennen und Langeweile vor.

 

Am Fluggate erlebte ich dann jedoch ein Deja-vu, ich hatte unglaubliches Glueck: “Hello Mr. Lang, welcome back. You have been upgraded to Business Class,” laechelte mich die Flugbegleiterin an. Blitzartig war meine gedrueckte Laune weg und ich war in Partystimmung. Bei einem 14-einhalb Stunden Flug macht so ein Upgrade einen grossen Unterschied.

Der Airbus A380 ist gross, maechtig und behaebig. So behaebig, dass er fast die komplette Boenener Bahnhofstrasse Anlauf nehmen muss, um seinen dicken Hintern in die Luft zu kriegen.

Die Emirates Business Class im Airbus A380 muss man sich hingegen etwa so vorstellen: Man sitzt in einem ueberbequemen Massagesessel, den man wahlweise zwischen Buerostuhl, Fernsehsessel oder Bett hin- und herfunktionieren kann, hat neben sich einen Schreibtisch und vor sich einen Flatscreen. Alles ist mit einem mobilen Touchpad elektronisch bedienbar, etwa wie bei Raumschiff Enterprise. Essen und trinken kann man bis der Arzt kommt, und die neuesten Filme und Musik hat man selbstverstaendlich auch.

 

Gerade in einem Moment wie jetzt halte ich mir bewusst einen Spiegel vors geistige Auge: Ich sitze hier in der Business Class des groessten Verkehrsflugzeugs der Welt, knabbere an Rotwein und diversen hors d’oeuvre, die ich mir habe kommen lassen und fliege vom einen (dem alten in Deutschland) zum anderen Leben (dem neuen in Australien). Und das Ganze ohne dafuer einen Cent zu bezahlen.

Dass ich so etwas tun kann ist ein Privileg. Mir geht es echt gut, und ich weiss, dass dazu auch Glueck und Unterstuetzung gehoert. Dafuer bin ich dankbar, denn ich weiss, dass es sich jeden Tag aendern kann.

 

Ich bin nun die dritte Woche zurueck im Buero, und es wartet eine Menge Arbeit auf mich. 2014 ist ein sehr geschaeftiges Jahr mit vielen internationalen und nationalen Hoehepunkten. Zudem will ich in ein neues Appartment umziehen, das ich erst noch endgueltig finden muss.

Auch in diesem Jahr also keine Langeweile in Australien…

 

Viele Gruesse aus Down Under

 

Jens Lang

Wenn es ein Syndrom wie post-olympische Depression gibt – ich hab es. Seit meiner Ankunft hier in Brisbane am Mittwoch hatte ich nur wenig Beduerfnis mich mit etwas zu beschaeftigen, was nicht in irgendeiner Weise mit den Olympischen Spielen zu tun hat. Am liebsten wuerde ich morgens auch noch in die gruen-goldenen Olympiasachen schluepfen. Denn irgendwie will auf einmal kein Mensch mehr ein Foto machen mit mir, seit ich die Klamotten nicht mehr trage. Und auf einmal muss ich meine Bestellungen bei McDonald’s wieder bezahlen. Und in der Schlange dort stehe ich jetzt nicht mehr hinter Tyson Gay oder Andy Murray, sondern neben Joe Blow von nebenan.

 

Spass beseite – auch wenn es eine Wahnsinnszeit und eine unvergleichliche Erfahrung war, nach vier langen Wochen bin ich auch froh wieder zurueck in Australien zu sein. Die ersten Tage nach meiner Ankunft habe ich noch Urlaub, bevor es morgen wieder zurueck in den Bueroalltag geht. Das hilft dabei ein wenig Abstand zum Erlebten zu gewinnen und sich zurueck in die Realitaet zu finden. Und eine nuechterne Analyse, die ich durchfuehren muss um zu bestimmen was gut war und was in der Zukunft besser sein muss, stellt sich deutlich einfacher mit ein wenig Distanz.

Vor allem nutze ich die paar freien Tage um das Thema Tischtennis aus dem Kopf zu bekommen. Vier gemeinsame Wochen auf relativ engem Raum nutzen auch die Verhaeltnisse innerhalb der Mannschaft, bzw. untereinander ab. Am Ende bringen einen Kleinigkeiten auf die Palme, die einen am Anfang der Reise noch kalt gelassen haetten. Und solchen Abnutzungen will ich unbedingt entgegensteuern, denn sie beeinflussen einen negativ bei Entscheidungen die im Job oder im Privatleben zu treffen sind.

Deswegen verbringe ich heute nochmal einen Tag am Strand bei angenehmen 24 Grad und mache ausser etwas Sport und einem Sprung ins Wasser so ziemlich ueberhaupt nichts.

 

Vergangene Woche Mittwoch mittag australischer Zeit bin ich in Brisbane gelandet. Die letzten Tage zuvor waren noch einmal gefuellt mit Highlights. Nachdem ich bei der Eroeffnungsfeier nicht mit einmarschiert bin, war ich am Sonntagabend bei der Schlussfeier dabei. In kompletter Zeremonienmontur, also in weissen Dunlop-Volley-Schuhen, weissen Hosen, weissem Hemd, schwarzer Krawatte und gruenem Retrojackett ging es zu Fuss mit der australischen Mannschaft vom Village ‘rueber zum Olympiastadion. Dort sind wir dann die Tribuenenraenge des ausverkauften Stadions hinunter in den Innenraum marschiert und konnten das Show-Spektakel der verschiedenen britischen Musikstars quasi hautnah erleben. Es gaben sich die Klinke in die Hand: George Michael, Take That, Spice Girls, Queen, Fatboy Slim, Taio Cruz, Annie Lennox, The Who, uvm. Insgesamt waren es 30 acts und Kuenstler, die ueber fuenf Stunden ein Licht- und Soundspektakel der ersten Kategorie boten. Anschliessend fand quasi im Hinterhof der australischen Unterkuenfte eine spontane Party der Aussie-Mannschaft statt, von der ich mich aber gegen 3 Uhr verabschiedete.

 

Am letzten Tag stand Packen auf dem Programm, die letzte Mahlzeit in der riesigen Essenshalle und die letzte Einheit im Fitnesscenter. Der war im Vergleich zu den vorherigen Tagen wie verlassen, da viele Teams schon abgereist waren oder es gerade taten.

Am fruehen Abend verliessen wir dann das Olympische Dorf und wurden mit dem Bus zum Flughafen gefahren, wo der gecharterte Qantas-Jumbo auf uns wartete. Mit zwei grossen Fontaenen aus den Wasserwerfern verabschiedete uns die oertliche Feuerwehr auf dem Weg aufs Rollfeld, und dann ging es fuer mich und ca. 450 weitere Teammitglieder, allesamt im gruen-golden Praesentations-Trainingsanzug, zurueck nach Australien.

Normalerweise kuemmere ich mich vor jedem Flug zwischen Australien und Europa jeweils um einen Platz in einer Notausgangreihe. Das klappt normalerweise auch ohne Probleme. Dieses Mal war es jedoch anders – die Notausgangplaetze waren im Vorhinein den Basketballern und Volleyballern zugeteilt worden, sowie dem einen oder anderen Ruderer mit langen Beinen. “Fair enough” dachte ich mir und grummelte mich auf meinen Mittelplatz zwischen Section Manager Paul und Robbie, einem meiner Spieler. Ganze drei Stunden Schlaf in 20 Flugstunden nach Sydney waren die Quittung fuer die ich mich herzlich bedankte.

 

Die Ankunft in Sydney entschaedigte dann jedoch fuer alles. Nach der Landung wurden wir wieder mit Wasserfontaenen und spezieller Eskorte begruesst und in den Qantas-Hangar 96 auf dem Flughafen Sydney gezogen. Dort war bereits alles hergerichtet und alle warteten auf unsere Ankunft: Allen voran als erste an der Tuer Premierministerin Julia Gillard und der Qantas-Chef Alan Joyce, dann weitere Politiker wie Oppositionsfuehrer Tony Abbott und Sportministerin Kate Lundy. Dazu gefuehlte eintausend Kameras von TV-, Print- und Onlinemedien und natuerlich Freunde und Familien der Sportler, Qantas-Mitarbeiter, Flughafenpersonal, etc. pp. Dieser Empfang und die Unterstuetzung, die einem aus dem ganzen Land zuteil wird war wirklich ueberwaeltigend. Fotos hier, noch ein paar kurze Gespraeche und Verabschiedungen dort bevor es dann mit etwa 25 weiteren Teammitgliedern weiter nach Brisbane ging. Auch dort warteten dann Familien, Freunde und Medienvertreter, und nach einem kurzen TV-Interview (“Wie fuehlt es sich an nach Hause zukommen”, “Koennen Sie Ihr Olympia-Erlebnis beschreiben”, “was war Ihr persoenliches Highlight”) und ein paar Fotos mit Freundin ging es dann endlich zurueck nach Hause.

 

Der Ankunfts- und Empfangsmarathon ist allerdings noch nicht zuende. Am Freitag ist eine “Welcome Home”-Parade in der Innenstadt fuer all die Olympiateilnehmer und Mitglieder des Aussie-Teams organisiert die aus Queensland stammen, gefolgt von einem Dinner mit Queenslands Premier Campbell-Newman am Abend. Auch das wird sicherlich noch einmal etwas Besonderes auf das ich mich freuen kann.

 

Schon jetzt kann ich sagen, dass die Olympischen Spiele ein Erlebnis waren, das mich praegen wird. Die Erfahrung ist etwas so Spezielles und wirklich Einzigartiges, dass mir auf Anhieb kein vergleichbares Ereignis im meinem Leben einfaellt, das einen aehnlichen Eindruck bei mir hinterlassen hat.

 

Spaetestens ab Samstag ist es dann aber vorbei mit der Olympia-Herrlichkeit. Fuer mein neues Visum, mit dem ich dann nach weiteren 24 Monaten meinen Permanent Resident-Status erlange, muss ich logischerweise einen Englischtest absolvieren. Und der faengt fuer alle, egal ob Olympiateilnehmer, Tochter eines reichen Geschaeftsmannes aus Japan, oder armer Student aus dem Kongo am Samstag um 8 Uhr an. Anders als Matheklausuren in der Oberstufe sehe ich diesem Test aber selbstbewusst und entspannt entgegen.

 

Viele Gruesse aus Down Under

 

Jens Lang

Eine unvergessliche Zeit und eine ganz einzigartige Erfahrung naehert sich langsam dem Ende. Es waren vier ganz besondere Wochen, die mit nichts zu vergleichen sind von dem was ich bislang erlebt habe.

 

Gestern und vorgestern war ich mit ein paar anderen Aussies jeweils im Olympiastadion zum Leichtathletik schauen. Von allem Sportevents die ich hier live gesehen habe ist das mein Favorit. Die Atmosphaere im Stadion ist unbeschreiblich, vor allem wenn ein Athlet des Team GB am Start ist. Als Mo Farah vom Team GB gestern beim 5000m Finale der Herren knapp in Fuehrung liegend in die letzte Runde ging, sass im Stadion niemand mehr auf seinem Platz, und man konnte die eigene Stimme nicht mehr hoeren. Und dann behielt er gegen alle Gegenwehr die Fuehrung und ueberquerte als Erster die Ziellinie… was dann im Stadion los war haette die Queen zum Steppen im Kettenhemd gebracht. Unfassbar, Gaensehaut 3000.

Ueberhaupt sind die Leichtathletikwettbewerbe Sport in seiner urspruenglichsten Form. Es gewinnt der, der am schnellsten laueft, am weitesten wirft oder am hoechsten springt. Alle kaempfen unter gleichen Bedingungen (zumindest vom Grundideal und dem Olympischen Geist her…) und Regeln und wer nicht gewinnt kann die Schuld nirgendwo sonst suchen als bei sich selbst.

 

Auf dem Weg vom und zum Olympiastadion werden wir angesprochen von Fans aus der ganzen Welt die ein Foto oder eine Widmung oder Autogramm wollen. Und es herrscht eine durchweg positive und friedliche Stimmung unter allen Beteiligten. Einfach Begeisterung pur fuer Sport, Wettbewerb und Voelkerverstaendigung.

Ich bin gespannt auf die naechsten Tage und Wochen nach meiner Rueckkehr nach Australien. Dann werde ich die Gelegenheit haben auf die Zeit mit etwas Abstand zurueckzublicken.

 

Gestern abend hatte ich noch die Gelegenheit im Deutschen Haus bei der Ankunft der deutschen Hockeyherren dabei zu sein. Dort und vor allem anschliessend auf dem Schiff MS Deutschland wurde ihr Goldmedaillengewinnt gehoerig gefeiert. Es war eine verrueckte Party, aber so richtig gefeiert habe ich nicht, denn die Deutschen habe im Halbfinale die Aussies mit 4-2 aus dem Turnier geworfen…

 

Heute Abend steht mit der Schlussfeier nochmal ein Hoehepunkt auf dem Programm. Ich werde mit einmarschieren, das wird bestimmt ein Erlebnis.

 

Auch wenn ich hier eine Wahnsinnszeit hatte, ich freue mich tierisch auf zu Hause. Morgen abend um 18 checken wir aus dem Olympischen Dorf aus und machen uns auf den Weg zum Flughafen, wo gegen 22h der Qantas-Charterflug mit der australischen Olympiamannschaft an Bord Richtung Australien abhebt.

Ich werde dann ein paar Tage frei haben und endlich wieder an den Strand koennen – denn den gibt es auch hier im Olympiadorf nicht…

 

Viele Gruesse in die Heimat

 

Jens Lang

 

Bis vor etwa zehn Tagen habe ich auf die Erlaubnis vom AOC gewartet, dass ich meinen Blog hier ueberhaupt schreiben darf. Zunaechst hiess es naemlich ganz klar, dass das Bloggen von akkreditierten Personen in der Presse (Print oder Online) waehrend der Olympia-Akkreditierung untersagt sei. Dahinter steckt das IOC, dass damit verhindern will, dass irgendein akkreditierter Athlet oder Coach aus den Olympischen Spielen zusaetzlichen Profit erzielt. Diese Regel zielt natuerlich in erster Linie nicht auf mich, sondern eher auf einen Roger Federer, Kobe Bryant oder Usain Bolt, da diese Jungs fuer einen Olympia-Blog egal in welchem Medium die Hand aufhalten wuerden. Aber nun ist alles ok, und ich kann weiterschreiben.

 

Es gaebe nur ganz wenige Orte an die ich ziehen wuerde, wenn ich aus Australien aus irgendeinem Grund noch einmal wegziehen muesste. New York ist einer davon, San Francisco ein weiterer und moeglicherweise waere London ein Dritter (allerdings nur fuer begrenzte Zeit). In jedem Fall waere das Olympische Dorf waehrend der Olympischen Spiele ein Ort an dem ich es fuer einige Zeit aushalten wuerde. Man ist die ganze Zeit unter Leistungs- und Profisportlern, bekommt Essen und viele andere Dinge umsonst, kann den besten Athleten der Welt bei der Arbeit zuschauen und selbst viel Sport treiben. Der Slogan der Spiele “Inspire a generation” und der des AOC “the inspiration of our nation” treffen es sehr gut: Noch nie in meinem Leben war ich in einer inspirierenderen Umgebung, als bei den Olympischen Spielen und im Olympischen Dorf.

 

Der Fitnesscenter im “Village” ist so gross, dass die Betreiber extra eine Karte angefertigt und an alle Bewohner ausgegeben haben. Drinnen findet man das Beste vom Besten: Die neuesten Geraetentwicklungen der Spitzen-Fitnessmarke, die von den besten Athleten der Welt benutzt werden. Selbst wenn man halbwegs fit ist und gescheite Konditionswerte mitbringt kommt man sich da drin wie ein bescheuerter Hampelmann vor. Neulich war ein Sportkamerad aus einem spanisch-sprachigen Land neben mir auf dem Laufband, der lief etwa eine halbe Stunde lang in einem Tempo, das fuer mich nur im Vollsprint zu schaffen waere. Er sah aus, als koenne er nebenbei telefonieren, die Ablage machen oder sich eine Suppe kochen. Anschliessend ist er mit seinem Coach rueber zu den Matten gegangen, hat eine halbe Stunde fieses Bauchmuskeltraining absolviert, um dann wieder zurueck aufs Laufband in den Vollsprintmodus zu gehen. In dem Moment habe ich nur den Kopf geschuettelt. Als naechstes habe ich an meinem Koerper hinuntergesehen und mir ueberlegt wie ich die kleinen Speck- und Schwabbelstueckchen loswerde.

An einem anderen Tag habe ich einen russischen Ringer gesehen, der sich in seinem Sweatsuit, einem luftundurchlaessigen Trainingsanzug in dem man anfaengt zu schwitzen wenn man nur an Sport denkt, auf einem der Bikes verausgabte bis er das Fruehstueck in eines seiner Handtuecher kotzte. Sein Coach half ihm die Sauerei wegzumachen und zeigte anschliessend auf seinen 120kg Trainingspartner, der fuer die naechste Trainingseinheit am Mann auf der Matte bereit stand.

Das Training in diesen Sweatsuits gehoert vor allem bei den Boxern zum Standard, wenn sie sich kurz vor ihrem Auftritt auf Kampfgewicht bringen wollen, bzw. muessen. In australischen Team gibt es z.B. einen Kaempfer in der Leichtfliegengewichtsklasse, das ist die Klasse bis 49kg, der mich von seiner Statur her an Pinocchio erinnert. Er erzaehlte mir, dass sein Normalgewicht bei 52kg laege und er vor jedem Kampf in den Sweatsuit und drei Kilo runtertrainieren muesse. Es ist mir ein absolutes Raetsel, wie jemand der zwar drahtig und durchtrainiert ist, dessen Haarspitzen mir jedoch gerade an die Brustwarzen reichen und dessen Beine eher an ein Paar Zahnstocher erinnern, in einer Trainingseinheit drei Kilo verlieren kann. Da muesste er sich schon schaelen und seinen Rotschopf abrasieren lassen.

Echt interessant zu sehen sind auch die afrikanischen Langstreckenlaeufer, wenn sie zu ihren Mahlzeiten zur Essenshalle gleiten. Es ist kaum zu erkennen wann ihre Fuesse eigentlich Bodenkontakt haben, weil ihr Gang so federleicht ist.

 

Der TT-Wettbewerb ist hier mittlerweile fuer uns vorbei. Unsere Damen verloren zwar 0-3 gegen Deutschland, vergaben dabei jedoch einige Chancen auf ein deutlich besseres Ergebnis. Die Herren waren beim 0-3 gegen Singapur leider chancenlos.

 

Bis zur Abreise am 13. August haben wir hier also quasi Freizeit und die Moeglichkeit die Aussies in den anderen Sportarten live zu unterstuetzen. Bislang war ich beim Boxen, Wasserball, Hockey und beim Turmspringen. Das AOC hat jeweils ein begrenztes Ticketkontingent fuer die Events zur Verfuegung, in denen ein Australier teilnimmt. Beim Hockeymatch der Herren gegen das Team Great Britain waren wir insgesamt ca. 70 Leute, die dann allesamt mit dem Bus vor dem Hockeystadion vorfuhren. Am Anfang machten die Volunteers und Sicherheitskraefte am Seiteneingang noch den herzhaften Versuch alle von uns auf Tickets zu kontrollieren. Da wir jedoch nicht alle eines besassen, unsere Jungs aber trotzdem ohne Ausnahme unterstuetzen wollten, fingen unsere Basketballer vorne in der Schlange an freundlichen zu schieben. Dahinter schoben die Wasserballer und zack waren alle 70 von uns im Stadion auf der Athletentribuene. Leider ging das Spiel nach einer 3-0 Halbzeitfuehrung noch 3-3 aus. Aber unsere Jungs sind trotzdem fuer die naechste Runde qualifiziert.

 

Heute Abend folgt im uebrigen ein Highlight: Ich bin einer der gluecklichen, die im australischen Team Tickets fuer das Viertelfinale der Basketball-Herren gegen die USA haben. Ich will es mal optimistisch formulieren – die Aufgabe ist schwer, aber nicht unloesbar.

Come on Aussie…!

 

Viele Gruesse in die Heimat

 

Jens Lang

“Lieber waere ich in Afghanistan.” Die Antwort des britischen Soldaten der mit hunderten seiner Kameraden die Sicherheitschecks um das Olympische Dorf herum durchfuehrt, hat mich verdutzt. Ich hatte ihn gefragt ob er und seine Kameraden sich gefreut haetten hier bei Olympia zum Einsatz zu kommen.

Die Sicherheitsfirma G4S hat kurz vor Beginn der Spiele einen Offenbarungseid leisten muessen und bekanntgegeben, dass sie den Vertrag mit dem IOC nicht erfuellen kann und ihr mehrere Hundert oder sogar Tausend Sicherheitsmitarbeiter fehlen. Um ein Sicherheitsrisiko zu vermeiden ist deshalb mehr oder weniger in letzter Minute die British Army eingesprochen, die hierfuer teilweise Soldaten aus Afghanistan abgezogen hat.

Das war auch der Hintergrund meiner Frage an den Soldaten. Er war offen und ehrlich mit seiner Antwort – in Afghanistan bekommen die Soldaten ein fuerstliches Gehalt, deutlich mehr als beim Dienst hier im Olympischen Dorf. Und da sie nunmal Berufssoldaten sind hat das Gehalt einen hohen Stellenwert. In jedem Fall einen hoeheren als die eigene Sicherheit. Denn die ist beim Beruf Soldat ohnehin nur begrenzt gewaehrleistet.

Es gibt einem ein grosses Gefuehl von Sicherheit, wenn man auf dem Weg von der Wettkampfstaette zum Olympischen Dorf oder andersherum mit dem Bus durch 3 Checkpoints faehrt und dort von den Armyjungs kontrolliert wird, die zwei Wochen zuvor noch an Checkpoints in Afghanistan gearbeitet haben. Es fuehlt sich jedenfalls besser an, als von Halbtagskraeften gecheckt zu werden, die zuvor zehn Stunden Training bekommen haben.

 

Die Olympischen Spiele inklusive der Tage vor der Eroeffnung waren bislang ein unglaubliches Erlebnis. Es herrscht eine einzigartige Atmosphaere vor allem im Dorf unter den Athleten, aber auch unter den zu jeder Zeit freundlichen Volunteers oder den Zuschauern in den Wettkampfstaetten. Im “Olympic Village” sind alle Athleten gleich, niemand haelt sich fuer etwas Besonderes. Gerade in der Dining Hall, also dem “Essenssaal”, der zu den Mahlzeiten im Schnitt 5.000 Athleten gleichzeitig versorgt, gibt es beim Anstellen keine Sonderbehandlung. Da steht Venus Williams in der Schlange hinter einer Fechterin aus Korea und einer Gewichtheberin aus Azerbaidschan. Und nebenan steht Welthandballer Nikola Karabatic vor dem Trainer der australischen TT-Mannschaft und zwischen zwei Synchronschwimmerinnen aus den Niederlanden.

Auch Stars wie Usain Bolt, Maria Sharapova, Caroline Wozniacki, etc, etc. sind regelmaessige Gaeste. Gestern abend schauten der TT Section Manager und ich bei den Boxwettkaempfen vorbei um die australischen Kaempfer zu unterstuetzen. Auf dem Rueckweg, es war spaet abends und nur wenige Sportler waren im Village noch unterwegs, dann eine Begegnung der besonderen Art – aus dem Sicherheitscheck des Seiteneingangs kam das US-Basketballteam. Den Moment habe auch ich mir dann nicht entgehen lassen und schnell einen Schnappschuss mit Chris Paul und LeBron James gemacht.

 

Im Dorf herrscht auch sonst eine sehr entspannte Stimmung, denn u.a. ist hier alles umsonst. In der Essenshalle, die im uebrigen so gross wie das Dortmunder Flughafengebaeude ist, ist in der Mitte ein McDonald’s platziert. Der Unterschied ist, dass wenn man dort seine Chicken McNuggets und Cheeseburger bestellt, sagt die Kasse am Ende nicht 12,95 Euro, sondern 0 GBPfund. Das fuehrt allerdings bei manchen Athleten auch zu falscher Motivation…

 

Auch oder ganz besonders im australischen Team ist die Stimmung hervorragend. Das Australische Olympische Kommittee schreibt den Teamgeist besonders gross und veranstaltet zu Beginn Team-Einfuehrungszeremonien, offizielle Teamempfaenge, etc. Und wenn dabei die australische Hymne gespielt wird bin ich sehr stolz ein Teil des australischen Olympiateams zu sein.

Der offizielle Empfang mit Sponsoren, Athleten, Trainern, AOC-Mitarbeitern und sonstigen Offiziellen war auch eine tolle Erfahrung. Mit ca. 500 Teammitgliedern und in unserer Ausgehkleidung marschierten wir vom Olympic Village zum nebenan gelegenen, riesigen Westfield Shopping Centre, dort unter Begleitung von Sicherheitspersonal etliche Rolltreppen hinauf und an Sponsorenwand und einem Spalier von begeisterten australischen Fans in gruen-gold vorbei in den Veranstaltungssaal. Dort gab es dann etliche Reden, u.a. auch eine Videobotschaft von Premierministerin Julie Gillard und Hollywoodstar Hugh Jackman, allerdings nicht in einer formellen und steifen, sondern in gewohnt entspannter, eben australischer Art. Auch die Fahnentraegerin wurde dort bekanntgegeben – immer ein sehr emotionaler Moment. Die Wahl fiel auf Lauren Jackson, die Kapitaenin der Damen-Basketballmannschaft.

 

Eine Sache fuer sich ist auch die Ausstattung und Einkleidung, die man hier zur Verfuegung gestellt bekommt. In einem grossen Reisekoffer und einer grossen Sporttasche fand ich insgesamt 45 Teile adidas-Bekleidung in zumeist gruen und gold, von denen ich bis heute noch nicht alle anhatte. Zusaetzlich dabei von der Marke Sportscraft: zwei verschiedene Ausgehuniformen in coolem retro-Stil. Eine davon werde ich in jedem Fall bei der Abschlussfeier im Olympiastadion anziehen.

 

Die Unterbringung ist, sagen wir, kompakt. Der Section Manager, die Herrenmannschaft und ich teilen uns ein Vier-Zimmer-Appartment mit den Badminton-Trainern und den Badminton-Herren. Auf dem Flur sind zwei weitere Appartments, eines mit unseren Turnerinnen, das andere nebenan mit den Tennisspielern Lleyton Hewitt, Bernard Tomic sowie den Radfahrern Cadel Evans, Michael Rodgers, Stuart O’Grady inklusive Coach.

 

Die Einzelwettbewerbe im Tischtennis sind seit heute vorbei. Mit unseren Ergebnissen sind wir sehr zufrieden, denn alle vier Starter gewannen ihr Erstrundenspiel. Unser bester Spieler William Henzell uebertraf dabei alle bisherigen Leistungen von australischen TT-Spielern bei Olympischen Spielen. Er rangiert derzeit auf Position 135 der WR und besiegte zunaechst den Ungarn Pattantyus (Nr. 82) und anschliessen den Portugiesen Monteiro (Nr. 39) was bis heute der beste Sieg seiner Karriere ist. Und anschliessend hatte er nach einer unglaublichen Leistung sogar den Sieg gegen den ehemaligen WR-Ersten Vladimir Samsonov auf dem Schlaeger. Er fuehrte bereits mit 4-1 und 5-3 im entscheidenden siebten Satz, um dann doch noch 7-11 zu verlieren und aus dem Turnier auszuscheiden.

 

Morgen beginnt der Mannschaftswettbewerb. Die Damen spielen ausgerechnet gegen Deutschland, die Herren am Samstag gegen Singapur. Das werden zwei nahezu unloesbare Aufgaben, aber wir werden alles geben und es unseren Gegnern so schwierig wie moeglich machen.

 

Bald mehr aus London an dieser Stelle,

 

Viele Gruesse in die Heimat

 

Jens Lang

Am 12. Juni war es genau ein Jahr her, seit ich hier mein neues Leben in Australien begonnen habe. Zurueckblickend ist es ziemlich unglaublich, wie schnell dieses Jahr, bzw. mittlerweile sind des ja bereits 13 Monate, vergangen ist. Kann mich nicht erinnern, dass Zeit jemals so schnell verflogen ist. Wenn das so weitergeht bin ich morgen 55.

Die Gewissheit bleibt jedoch nach wie vor die gleiche – es war die beste Entscheidung meines Lebens.

 

Die letzten Wochen standen ganz im Zeichen der Olympischen Spiele in London. Die Aufregung und Vorfreude steigt bei allen Beteiligten spuerbar, und so ist das auch bei mir. Es werden meine ersten Olympischen Spiele, und es macht mich unheimlich stolz Teil des australischen Olympiateams zu sein. Ja naeher die Spiele ruecken, desto groesser wird die Anzahl der Termine. Radio + TV da, Zeitung hier, Anti-Doping-Schulung dort, usw. Das Interesse und die Begeisterung fuer die einheimlichen Olympiaathleten ist hier in Australien vielleicht noch ein kleines Stueckchen groesser als in Deutschland, weil die Aussies ein so sportverruecktes Volk sind. Auch ich muss in diesen Tagen und Wochen Interviews geben und mich dabei an die AOK-Vorgaben (nee, nicht die der Krankenkasse, sondern die des Austr. Olymp. Kommittees…) und Richtlinien zum Umgang mit Medienanfragen erinnern und halten.

 

Heute vormittag schliesslich war es dann soweit: Abflug mit Qantas von Brisbane ueber Melbourne und Singapur nach London. Zusammen mit dem TT Section Manager reise ich zwei Tage vor dem Team an, um mich mit dem Umfeld vertraut zu machen und die Ankunft der Mannschaft vorzubereiten.

Wie gross die Begeisterung und Anteilnahme der Australier an Olympia ist bekomme ich schon waehrend der Flugreise mit. Am Flughafen und im Flieger werden Section Manager Paul und ich regelmaessig angesprochen und ausgefragt. Die Qantas-Crew des riesigen Airbus A380 behandelt uns wie rohe Eier, und selbst beim Zwischenstopp in Singapur bekommen wir Sympathiebekundungen und Unterstuetzung von den Australiern, die gerade auf der Durchreise sind und an unseren Shirts die australischen Farben und das Olympialogo erkennen.

Das verdeutlicht mir noch mehr welch ein unglaubliches Privileg es ist Teil der australischen Olympiamannschaft zu sein. Damit einher geht eine Verantwortung, vor der ich grossen Respekt habe. Denn die ganze Nation steht in den kommenden Wochen hinter der Mannschaft und unterstuetzt sie aus der Ferne. Der Claim des AOK heisst uebersetzt “Das australische Olympiateam – die Inspiration unserer Nation.” Das ist eine hohe Messlatte, und gerade deshalb sollte es fuer mich wie fuer alle anderen Teammitglieder die Aufgabe sein in London ein guter Botschafter Australiens und ein Vorbild fuer andere zu sein.

 

Nach Ankunft und Akkreditierung am Flughafen Heathrow verbringen wir zunaechst zwei Tage im Olympischen Dorf. Anschliessend geht es am 20. Juli weiter nach Preston, wo ein ich ein viertaetiges Trainingslager mit dem US-amerikanischen Team, sowie einem Vorbereitungstestspiel gegen die Gastgeber aus England organisiert habe. Am 24. Juli geht es zurueck nach London, dann zieht auch die TT-Mannschaft ins Olympische Dorf ein. Dort steht die Einkleidung, sowie einige Mannschaftszeremonien und Team Meetings auf dem Programm. Nach zwei Trainingstagen unter den Olympiabedingungen steht dann am 27. Juli die Eroeffnungsfeier an. Mit zwei Ausnahmen muss ich meinen Spielern leider die Teilnahme daran untersagen, da am naechsten Tag um 9h morgens fuer sie der Wettkampf beginnt. Und die Eroeffnungszeremonie, bei der man ca. sechs bis sieben Stunden im Stehen verbringt (je nach Position im Alphabet steht man entweder vor oder im Stadion bis zu 3h) und erst gegen Mitternacht zurueck im Olympischen Dorf ist, eignet sich als Vorbereitung darauf schlecht.

 

Ueberhaupt sind die Olympischen Spiele ein Unternehmen, dessen Groesse und Einfluss die eigene Vorstellungskraft ueberfordern. Es ist das ultimate Sportevent, und Ziel fuer jeden ambitionierten Profiathleten. Das Austr. Olympische Kommittee setzt verstaendlicherweise hoechste Anforderungen an die Sportarten und die Mitglieder der Olympiamannschaft. Die Standards, Richtlinien und Vorgaben sind sehr komplex – zum Beispiel existiert allein fuer den Nominierungsprozess unserer Olympiaspieler ein 65-seitiges Handbuch (!). Manch einer meint vielleicht, dass man dem AOK nach dem Olympia-Qualifikationsturnier eine Email schreibt und ein Word-Dokument anhaengt auf dem steht, dass wir gerne Spieler X und Y fuer die Olympiamannschaft nominieren wuerden, und das war’s. Weit gefehlt, ganz so leicht ist es nicht.

Die Olympischen Ringe sind zudem das am haertesten bewachte und geschuetzte Markenzeichen der Welt. In Brisbane musste eine Sportsbar ein Banner von der Eingangstuer entfernen, mit dem der Betreiber lediglich die taegliche Live-Uebertragung der Olympischen Sportevents beworben hatte. Da es die Olympischen Ringe und das Wort Olympia enthielt stand ruckzuck das AOK auf der Matte.

 

Eine sehr aufregende und einzigartige Zeit liegt also in den naechsten vier Wochen vor mir. Aber schon jetzt freue ich mich auf den Moment, wenn ich am 15. August hier nach Brisbane zurueckkehre.

 

Zuletzt hatte ich das Glueck vier Wochen am Stueck zuhause in Brisbane verbringen zu koennen. Wegen des vollgepackten Turnierkalenders war das in diesem Jahr bislang eine Ausnahme. Mir hat as gut getan, den so sehr ich es auch schaetze viel von der Welt zu sehen und “rum zu kommen”, zuletzt hatte ich davon genug.

 

Die letzte internationale Reise ging Anfang Juni auf die Fiji-Inseln. Mit zehn Spielern war ich dort fuer acht Tage bei den Ozeanienmeisterschaften. Das Turnier ist unsere Kontinentalmeisterschaft, also das Aequivalent zur EM. Wir sind in Ozeanien die dominierende TT-Nation, lediglich Neuseeland kann uns das Wasser reichen. Ansonsten spielen wir dort gegen Nationen von den Pazifikinseln wie Nauru, Tahiti, Neu-Kaledonien, Vanuatu, Kiribati, etc.

Viel sehen tut man auf diesen Turnierreisen nicht unbedingt, aber die Woche hat zumindest ausgereicht um zu erkennen, dass das Leben auf Fiji langsamer vorwaerts geht. Wenn es sich ueberhaupt irgendwie bewegt. Die meisten Insulaner sind sehr entspannt und dick und versuchen sich so wenig wie moeglich zu bewegen. Ein wichtiges Lebensziel scheint zu sein sich einen moeglichst grossen Bauch anzufressen, um dadurch noch mehr Platz fuer noch mehr Essen zu haben.

Die Bewohner sind insgesamt sehr happy und freundlich und freuen sich ueber Besuch. Aber leider ist die Hauptstadt Suva (dort fanden die Meisterschaften statt), pardon, ein stinkendes Drecksloch und der haesslichste Flecken der Fiji-Inseln. Es wuerde den Fijis auch gut tun, wenn sie sich halbwegs gescheite Strassen bauen wuerden. Die ca. 130 km zwischen Nadi, der Stadt mit dem internationalen Flughafen und Suva, der Hauptstadt faehrt man mit dem Auto in ca. 4 Std. Eventuell in 3,5, wenn Schumi am Steuer sitzt. Es gibt keine Strassenlaternen, und wenn dann wie bei unserer Rueckfahrt der Monsun einsetzt wird Autofahren zum Blinde Kuh Spiel. Das einzige Licht sind die Autoscheinwerfer, aber von denen funktioniert auf den Fijis nur maximal jeder Zweite, eher weniger. Das heisst man faehrt in stockfinsterer Nacht einaeugig im Monsunregen uber eine Strasse, in deren Schlagloecher Autos zur Haelfte verschwinden koennen.

Das Nationalgetraenk Kava musste ich auch das eine oder andere Mal probieren. Es ist irgendein Gebraeu aus einer Wurzel, und es enthaelt Alkohol. Es sieht aus wie das Wasser einer Baustellenpfuetze und es schmeckt wie ein Zahnarztbesuch. Und zehn Minuten nach dem Kava-Genuss wird ploetzlich Gaumen und Zunge taub. Ein ganz eigenartiges Gesoeff in jedem Fall.

Nach dem Turnier hatten wir zum Glueck noch einen freien Tag, den wir auf einer der kleinen Nebeninseln verbracht haben. Ganze 10 Minuten brauchte man, um die Insel zu Fuss zu umrunden, und wir verbrachten den Tag mit Schnorcheln und Relaxen an Strand und in Haengematten. Ein sehr guter Abschluss fuer die Fiji-Reise in jedem Fall.

 

Ansonsten ist die Anfangseuphorie nach den nun 13 Monaten ein wenig verschwunden, aber es geht mir hier nach wie vor blendend. Schritt fuer Schritt waechst auch der eigene Bekannten- und Freundeskreis. Mittlerweile habe ich hier auch einige andere Deutsche kennengelernt. Eigentlich meide ich die Gesellschaft der Deutschen und suche eher Kontakt zu den Einheimischen, aber es hat sich nunmal so ergeben. Das Interessante dabei ist, dass unter den Deutschen Auswanderern die ich bislang hier kennengelernt habe ein grosser Anteil Leute sind, die ich als Spiesser ersten Grades bezeichne. Eigentlich macht das wenig Sinn, denn Eigenschaften wie uebertriebener Ordnungssinn, geistige Unbeweglichkeit, starke Konformitaet mit gesellschaftlichen Normen und Abneigung gegen Veraenderungen im taeglichen Lebensumfeld sind in Australien eigentlich fehl am Platz und total unbrauchbar, weil der Lebensstil deutlich entspannter ist als in Deutschland. Aber vielleicht ist gerade das der Grund weshalb es viele deutsche Spiessbuerger nach Down Under zieht – denn die Aussies scheinen solche Attribute ein Stueck weit zu respektieren und fuer etwas Besonderes halten, weil sie unter ihres Gleichen nicht wirklich vorkommen. Anders kann ich mir nicht erklaeren weshalb die Aussie-Maenner so auf deutsche Frauen stehen bei denen das Marmeladenglas immer an den gleichen Stelle im Kuehlschrank stehen muss, weil sonst die taegliche Routine aus der Balance geraet. Opposites attract/Gegensaetze ziehen sich an – das gilt offenbar also auch in Down Under. Denn ich koennte auf alle Marmeladenglaeser auf dieser Welt einen Eid ablegen, dass noch kein einziger Australier einen Gedanken daran verschwendet hat wo die Marmelade zwischen Fruehstueck und Abendbrot geparkt wird. Eine sogenannte “Win-Win-Situation” also fuer alle: Die deutschen Frauen koennen ihr Spiessertum exzessiv ausleben, die Aussie-Maenner stehen drauf, und alle sind happy.

 

In den kommenden Tagen werde ich hier versuchen so regelmaessig wie moeglich von den Olympischen Spielen zu schreiben. Auch beim Thema Blog holen einen im uebrigen die strengen Vorschriften des olympischen Markenrechts ein: Die Mitglieder des australischen Olympiateams duerfen persoenliche Blogs z. B. auf ihren eigenen Websites nicht “Ian Thorpes Olympia-Blog” oder so nennen. Ist verboten. Bei mir ist es ein nicht ganz so brisanter Fall, da ich keine persoenlichen Sponsoren besitze und mein Blog auf der Website einer Lokalzeitung erscheint. Falls ich doch Probleme bekomme werde ich anstelle der Bezeichnung “Olympische Spiele” irgendwelche Synonyme verwenden. Nicht wundern also falls ich in den naechsten Tagen dann aus London von den “vierjaehrigen Gaumeisterschaften” oder dem “internationalen Festival fuer Amateursportler und zugelassene Profis” berichte.

 

Viele Gruesse nach Deutschland

 

Jens Lang

Besonders viel geht mir hier in Australien nicht auf die Nerven. Lediglich die Reiserei die mit meinem Job nun mal verbunden ist kommt nahe dran. Seit Ende Januar bin ich zum ersten Mal wieder drei Wochen am Stück zuhause in Brisbane. Dazwischen lagen Trips nach Townsville, Sydney (3x), Canberra, Melbourne (2x), Dortmund (das liegt in Deutschland), Auckland (Neuseeland) und Adelaide. Im März und April habe ich jeweils ganze fünf Nächte in meiner Wohnung verbracht. Da hätte ich meine Bude im Grunde für zwei Monate untervermieten können. Für die fünf Nächte hätte ich dann eine Luftmatratze genommen und im botanischen Garten gepennt.
Das schönste an der Reiserei ist die Rückkehr nach Brisbane, der Moment in dem ich aus dem Terminal trete und bei 25 Grad in den blauen Himmel schaue. Davon kriege ich nicht genug.

Im Februar fanden die Qualifikationsturniere für die Olympischen Spiele in London statt. Zunächst das australische, dann das kontinentale. Das Ergebnis war sehr gut für uns, wir haben unser gestecktes Ziel die maximale Anzahl an Spielern zu qualifizieren erreicht – jeweils zwei im Einzel und einen dritten Spieler für die Mannschaftswettbewerbe. Und mittlerweile habe ich auch die offizielle Bestätigung vom Australischen Olympischen Komitee bekommen, dass ich in London dabei bin! Das macht mich unheimlich stolz, und ich bin sicher, dass es ein unvergessliches Erlebnis wird. Einen kleinen Wehrmutstropfen gab es dann jedoch bei einer Telefonkonferenz mit dem AOC Anfang der Woche. Das Organisationskomitee LOCOG hat beschlossen, dass beim Einmarsch der Nationen nur Athleten und ganz wenige selektierte Coaches dabei sein dürfen. Das ist eine Änderung gegenüber den früheren Olympischen Spielen. Der TT-Coach hat hier in Australien leider keine besondere Priorität, aber mal schauen, irgendwie schmuggle ich mich schon dazwischen.

Ende März/Anfang April war ich dann für zwei Wochen in meiner Heimat Dortmund, wo ironischerweise die Mannschafts-Weltmeisterschaft stattfand. Sportlich war es ein großer Erfolg für uns, sowohl die Damen, als auch die Herren verbesserten ihr Ergebnis gegenüber der letzten WM in Moskau 2010 um jeweils 15 Positionen: Die Damen gewannen die 2. Division und wurden dadurch Gesamt-25. Bei der nächsten WM warten in der 1. Division dann Gegner wie China, Korea, Japan und…. Deutschland. Die Herren wurden Gesamt-35. und erzielten damit das beste Ergebnis seit 21 Jahren. Für mich eine sehr gute Referenz, denn letztlich kann ich mir die guten Resultate genauso auf meine Karte schreiben, wie ich für die schlechten den Kopf hinhalten muss.

Die Reise war eine Erfahrung für sich, denn es ist einfach seltsam sich 24 Stunden ins Flugzeug zu setzen um zu einer Veranstaltung mitten in der alten Heimat anzureisen. Unwahrscheinlich groß war die Anzahl der Leute, die ich im Rahmen der WM wieder gesehen habe. Ich konnte selten mehr als zehn Meter gehen ohne jemanden zu treffen. Es kam mir vor, als wären sämtliche Koryphäen aus der lokalen, regionalen, nationalen und internationalen TT-Szene für eine Woche in Dortmund gewesen. Wahrscheinlich hätte ich die komplette Woche ausschließlich mit Quatschen und Geschichten erzählen verbringen können, aber leider war es manchmal dann zu hektisch und es blieb kaum Zeit für einen kurzen Schnack, denn schließlich war ich ja in erster Linie beruflich vor Ort und hatte auch Verpflichtungen.
Zum Glück konnte ich auch Zeit mit der Familie verbringen, die fast täglich vor Ort war. Und obendrein haben sich ein paar Schulfreunde die Gelegenheit für das eine oder andere Treffen nicht nehmen lassen also war es rundherum ein echt toller Trip in die alte Heimat.

Aber trotzdem war die Freude zurück nach Hause zu fliegen nicht weniger groß. Nach wie vor geht es mir hier hervorragend, wenngleich die Anfangseuphorie nicht mehr ganz so groß ist wie noch im Juni 2011. Die zehn Monate die ich jetzt hier bin sind beinahe wie ein Fingerschnipps vorübergegangen.

Hier und da werden mir im Übrigen auch immer noch Überraschungen serviert, so dass keine Zeit für Langeweile bleibt: So zum Beispiel, als ich vor gut einem Monat früh morgens zu meinem Auto ging um zum Flughafen zu fahren. Von weitem sah ich, dass ein Wagen aus den am Straßenrand parkenden Autos hervortrat. Er war diagonal zur Hälfte auf dem Gehweg abgestellt, die Scheibenwischer waren hochgestellt. Das konnte unmöglich meiner sein, so hatte ich ihn den Abend vorher definitiv nicht abgestellt. Als ich näher kam traute ich meinen Augen nicht – die Fahrerseite sah aus, als hätte sich ein Hippo dran gerieben. Die komplette Seite war von einem scheinbar heftigen Einschlag zerknautscht, beide Türen, sowie Front- und Heckkotflügel reif fürs Altmetall. Zudem musste die Radaufhängung gebrochen sein, denn die Vorderräder standen zueinander wie meine Ski, als ich zum ersten Mal draufstand. Ich malte mir schon diverse Horrorszenarien aus, dann fand ich zum Glück eine Notizkarte im Türspalt eingeklemmt. Ich erwartete etwas wie: „Rücke vor bis zur Schlossallee,“ auf der einer der Mitspieler gerade ein Hotel gebaut hatte. Aber nein, glücklicherweise war es die Karte eines Police Constables der mir seine Kontaktdaten und die Info hinterlassen hatte, dass der Vorfall von der Polizei aufgenommen wurde.
So ging ich nach meiner Rückkehr abends direkt zur Wache (liegt direkt gegenüber meinem Appartmentgebäude) und fragte was zum Geier denn mit meinem Auto passiert wäre. Es stellte sich heraus, dass irgendein Trottel beim Ausparken laut eigener Aussage Gas und Bremse vertauscht („der Klassiker“, dachte ich mir) und zudem die Zugkraft seines Wagens unterschätzt habe und mir dann dermaßen in die Flanke geritten sei, dass seine Kutsche sogar einen Totalschaden davontrug.
Unglücklicherweise hatte er seinen Untersatz erst vor zwei Wochen erstanden und noch keine Versicherung abgeschlossen… Der Reparaturschaden an meinem Wagen betrug 9.000 AUD, die der Kollege jetzt womöglich selbst abrattern muss. Ist aber nicht mein Problem, wofür welches Pedal ist sollte man wissen wenn man vier Räder bewegt. Meine Versicherung hat mir freundlicherweise für die Reparaturzeit einen Mietwagen gestellt. Aber nichtsdestotrotz ist mein Wagen nun ein Unfallwagen was für den Verkaufswert nicht so toll ist.

Eine tolle Erfahrung war auch der einwöchige Trip nach Auckland/Neuseeland, bei dem ich im Rahmen der ozeanischen Jugendmeisterschaften auch ein dreitägiges Trainingscamp für den Weltverband ITTF geleitet habe. Neben den Nachwuchsspielern aus Australien und Neuseeland waren auch etliche Jungs und Mädels inklusive Trainer von den pazifischen Inseln dabei, wie z.B. Kiribati, Fiji, Neukaledonien oder Cook Islands. Und ganz ehrlich: ich habe noch nie fröhlichere und glücklichere Menschen getroffen als sie. Zeit spielt bei ihnen keine Rolle, was zählt sind Essen, Familie, Essen, Sonne, Essen, Strand und Essen. Sie sind mit den unglaublichsten Kleinigkeiten zum Lachen zu bringen. Eines ihrer Highlights in der Woche war der Kaffeeautomat im TT-Zentrum Aucklands, der für die Woche Kaffee umsonst spendete. Als ich einem kleinen Jungen von den Fiji-Inseln zeigte wie man einen Ball abwechselnd auf der Vorhand- und Rückhandseite ticken lässt, riss es ihn zu wahren Begeisterungsstürmen hin. Er schien es nicht für möglich gehalten zu haben, dass das überhaupt im Bereich des technisch möglichen liegt.
Herzerfrischend unverbraucht auch die Frage eines Mädchens von den Cook Inseln an ihren Trainer, als ich die Jugendlichen vor der ersten Trainingseinheit zum Warmlaufen schicke: „Warum laufen wir?“ Die Erklärung des Trainers mir gegenüber machte dann Sinn: Die Cook Inseln liegen mitten im Pazifik und haben für gewöhnlich Temperaturen die ein Aufwärmen zumindest im wörtlichen Sinn nicht nötig machen. Deswegen hat das bislang auch keines der Mädels jemals gemacht.

Brisbane Roar mit dem deutschen Thomas Broich ist hier vor kurzem erneut Meister geworden. Dabei haben die beiden Ex-Bundesligaprofis Broich und Besart Berisha tragende Rollen gespielt. Gegen Perth Glory lag Roar im eigenen Stadion bis zur 84. Minute mit 0-1 zurück. Dann flankte Broich auf den Kopf von Berisha, der nickte zum 1-1 ein. Von hieran nahm das Unheil für die Gäste ihren Lauf. In der 88. Minute setzte es eine Rote Karte, und als sich in der 95. Spielminute Besart Berisha im Strafraum beim Schussversuch vor das eigene Standbein tritt gab es sogar Elfmeter für Roar. Den verwandelte Berisha selbst zum sehr glücklichen 2-1. So will man sicherlich keinen Meistertitel gewinnen.

Ich habe unter der Woche meine ersten drei freien Tage genossen. Seit einer Woche ist keine Wolke am Himmel, deswegen bin ich die ganze Zeit draußen und verbringe die Zeit mit Golfen, Body Boarden, Sport und allem was man sonst noch gerne draußen und am Wasser macht.

Anfang Juni steht dann der nächste Trip an. Dieses Mal geht es für acht Tage auf die Fiji-Inseln. Kein allzu schlechtes Ziel für einen „Business Trip“…

Beste Grüße aus Brisbane

Jens Lang

Wenn es hier in Queensland eine Textilienetikette, einen Dresscode gibt, dann ist es die Pflicht überall und zu jeder Zeit seinen „Boardie“ zu tragen. Der Boardie ist ein knielanger Badeshort, die Standardbekleidung eines jeden Surfers. Und hier in Brisbane, aber vor allem in den Vororten und ansonsten ländlicheren Gegenden in Queensland ist der Boardie ein absoluter Allrounder – er ersetzt die Jeans, die Sporthose, die Unterhose und das sonst übliche Arbeitsbeinkleid des Handwerkers. Dazu kommt ein günstiges, unauffälliges T-Shirt sowie Flip-Flops, und fertig ist die Goldcoast-Uniform. So eingekleidet hat man gute Chancen als „local“ durchgewunken zu werden.

Ich muss zugeben, dass diese Bekleidung Vorteile hat. Sie ist der Temperatur angemessen, die hier im Jahresdurchschnitt nun mal nur zwischen 21 Grad (Juni) und 31 Grad (Januar) variiert. Gleichzeitig ist man immer passend angezogen, falls man einen plötzlichen Drang zum Sprung ins Wasser verspürt. Dieser Drang überkommt einen hier oft und unangekündigt. Und bei jedem anderen Drang ist der Boardie zumindest kein besonderes Hindernis. Ich habe mich entsprechend angepasst und kann in meinem Kleiderschrank mittlerweile aus drei Modellen auswählen.

In der letzten Woche habe ich hier zum ersten Mal mit der Regenzeit Bekanntschaft gemacht. Es hat sieben Tage lang geregnet, zwischenzeitlich zu Wochenbeginn sogar einmal sage und schreibe 37 Stunden ohne Unterbrechung. Man brauch die Goldcoast-Uniform zwar auch dann nicht gegen die Regenjacke einzutauschen, da es nach wie vor ca. 28 Grad warm ist. Aber es hat für anderthalb Tage einfach nicht aufgehört zu schiffen. In den Vororten waren an manchen Stellen Strassenabschnitte überflutet und nicht mehr befahrbar, ansonsten gab es jedoch keine wirklichen Schäden. Und mit der Flut vom vergangenen Sommer war das längst nicht vergleichbar. Mittlerweile ist das Wetter wieder zur Vernunft gekommen und zeigt sich täglich von heiter bis wolkig.

In der vergangenen Woche habe ich hier auch meinen bisher größten Erfolg gefeiert. Nein, nicht im sportlichen Sinn. Ich habe mich erfolgreich gegen eine 200-Dollar-Strafe von der Stadt fürs falsch Parken gewehrt. Das Vergehen datiert zurück auf den 26.9.2011. Damals hatte ich abends meinen Wagen direkt vor einem Parkschild abgestellt, das klar anzeigte den Wagen über Nacht legal dort parken zu können. Als ich nächsten Morgen zu meinem Auto ging war es weg – abgeschleppt. Das war damals das Schlüsselerlebnis, das mich in die Verzweiflungsphase stürzte. Bis dahin hatte ich den Parkregeln und der Art ihrer Durchsetzung und Vollstreckung noch nach Spuren von Intelligenz gesucht. Aber das war damals der Beleg, dass Abwesenheit von Vernunft, sowie Irrwitz und Schwachsinn eine große Rolle bei den Gesetzesentwurfsitzungen des Stadtrates spielen mussten. Mit Leidenschaft und ordentlich Tinte auf dem Füller verfasste ich eine eidesstattliche Erklärung in der ich präzise Kritik formulierte und mit Nachdruck auf meine Unschuld hinwies. Und wenn die Aussies Stress, inconvenience und möglicherweise unangenehme Dissonanzen befürchten, ziehen sie nicht selten den Schwanz ein. Und tatsächlich folgte neulich die Benachrichtigung durch die Stadt, dass bei der „Ausstellung des Strafzettels ein Fehler passiert“ sei und man sich für entstandene Unannehmlichkeiten entschuldige. Ganz hervorragend fand ich das und zudem genugtuend. Und obendrauf hole ich mir jetzt natürlich auch noch die Abschleppgebühren wieder.

Ich bin es Leid hier andauernd meinen Namen sechsmal aussprechen oder buchstabieren zu müssen. Egal ob am Telefon oder an der Kasse bei Starbucks, der Name Jens ist den Aussies ziemlich unbekannt, und ruckzuck sind sie überfordert. Deswegen heiße ich in vergleichbaren Situationen seit kurzem Luke. Mit diesem Namen fühle ich mich wohl, da ich ihn in der Vergangenheit bereits an anderen Stellen und zu anderen Zwecken verwendet habe.
Überhaupt nicht leid werde ich hingegen den Eindruck, dass das Land wie schon früher erwähnt schlichtweg noch sehr wenig abgenutzt und verbraucht ist. 20 Millionen Menschen auf einem Gebiet welches fast so groß wie Europa ist beschleunigen den Alltag nun mal deutlich langsamer, als es 82,5 Millionen tun die gerade mal in einem Viertel des Gebietes von Queensland aufeinander hocken. Die Konditionen der Banken sind eines von vielen weiteren Beispielen dafür. Das Guthaben auf dem eigenen Girokonto wird hier z.B. standardmäßig mit 2,5% verzinst. Und täglich verfügbare Spareinlagen bekommen einen Zinssatz von 4,5% oder mehr. Der australische Dollar wird zudem immer stärker, auch das ist für mich von Vorteil.

Beruflich stehe ich vor einem Jahr mit etlichen Highlights – Weltmeisterschaften bei den Jugendlichen und Erwachsenen, Kontinentalmeisterschaften, Australian Open und natürlich ganz oben die Olympischen Spiele sowie die Qualifikationsturniere dazu. Ich werde viel unterwegs und in diesem Jahr u.a. in Neuseeland, auf Fiji und in Südafrika sein. Hinzu kommen viele Reisen im Inland. Denn bislang habe ich noch längst nicht alle Bundesstaaten besucht. Die nächste internationale Reise steht Ende März an – dann komme ich zur Mannschafts-WM zurück in die Heimat nach Dortmund. Für ein Turnier welches ich früher mit dem Fahrrad hätte besuchen können muss ich mich jetzt 24 Stunden ins Flugzeug setzen.

Zunächst bekomme ich an diesem Wochenende jedoch Besuch aus der Heimat. Meine Eltern kommen für drei Wochen nach Brisbane. Es ist ihre erste Reise nach Australien, von daher wird es eine spannende Zeit für alle. Ich mache mir allerdings nicht die geringsten Sorgen, denn ich habe bislang von niemandem gehört der drei Wochen Urlaub in Queensland gemacht hat und nicht mit einem entspannten Grinsen nach Hause zurückgekehrt ist.

Beste Grüße aus Brisbane

Jens Lang

 

Ganz oben auf meinem Wunschzettel stand zur diesjährigen Ausgabe von Weihnachten Ölzeug und eine Grubenlampe. Ohne beides traue ich mich bei dem Wetter der vergangenen Woche hier nicht vor die Tür. Keine Ahnung welcher Teufel mich geritten hat meinen australischen Sommerurlaub in Deutschlands nasskaltem Winter zu verbringen.

Aber Scherz beseite: Vor einer guten Woche bin ich in Bönen zu meinem dreiwöchigen Heimaturlaub angekommen. Die Feiertage, insbesondere Weihnachten, mit meiner Familie und meinen Freunden zu verbringen lasse ich mir nicht nehmen, ganz gleich wo ich jetzt wohne. Der Heiligabend wird bei uns seit ich denken kann zu Viert mit einem Gottesdienstbesuch, anschließender Bescherung und gemeinsamem Fondue-Abendessen gefeiert. Und wenn es nach mir geht soll das auch in Zukunft so bleiben.

Mein australischer Arbeitgeber bezahlt mir einen Heimflug pro Jahr. Den kann und werde ich auch in Zukunft jeweils dazu nutzen die Weihnachtsfeiertage und die Jahreswende bei Familie und Freunden zu verbringen.

Sehr viel ist in den vergangenen zwei, drei Monaten passiert. Ende Oktober hatte ich meinen ersten Besuch aus Deutschland – mein Bruder Jochen kam für zwei Wochen vorbei. Es war sein erster Australientrip, nicht nur deswegen habe ich mir ein paar Tage frei genommen und mit ihm so viel wie möglich unternommen. Im Programm inklusive waren u.a. ein Besuch des wichtigsten Motorsportereignisses in Südost Queensland, dem „Goldcoast 600“-Rennen der australischen V8-Supercar Rennserie (vergleichbar mit der deutschen Tourenwagen-Meisterschaft), ein kurzer Wochenendtrip zum Backpacker-Paradies Byron Bay an Jochens Geburtstag und zum etwas weiter südlich gelegenen Strandörtchen Cabarita Beach, eine Tour zur vor Brisbanes Küste gelegenen Moreton Island mit anschließendem „Whale watching“, sowie ein Zwei-Tages-Trip nach Melbourne. Auch ein Spiel des hiesigen Fußballklubs „Brisbane Roar“, bei dem der deutsche Thomas Broich (ehemals Gladbach, Nürnberg und Köln) unter Vertrag steht, gegen Adelaide United haben wir uns angeschaut. Die Heimspiele finden im Suncorp Stadium statt, das direkt an mein Bürogebäude angrenzt. Dabei kamen wir wenige Minuten zu spät ins Stadion und waren noch damit beschäftigt uns an einem der Cateringstationen mit einem Snack + Bier zu holen, da fiel das 0-1 für die Gäste aus Adelaide. In dem Moment befürchteten wir noch, dass der Spielstand so bliebe und damit nicht nur Brisbane verloren, sondern wir auch das einzige Tor des Tages verpasst hätten. Diese Sorge war jedoch unbegründet, denn weitere 25 Minuten später stand es 5-1 für Brisbane. Endstand war letztlich sogar 7-1, und wir kamen toretechnisch voll auf unsere Kosten.

Ein hervorragendes Beispiel für die horrenden Parkgebühren in Brisbanes Innenstadt bekam Jochen schließlich auch noch geliefert. Als wir in den frühen Morgenstunden zum Flughafen aufbrechen wollten um nach Melbourne zu fliegen bemerkte ich, dass mein Wagen rechts hinten einen Plattfuß hatte. Wir freuten uns über das ausgezeichnete Timing dieses Ereignisses, es war 4 Uhr in der Früh, und unser Flieger ging um 5 Uhr, und überlegten schnell wo wir den Wagen für die beiden Tagen denn nun stehen lassen könnten. Die einzige Lösung war ein öffentliches Parkhaus direkt neben meinem Appartmentgebäude. Gegen kurz nach Vier stellte ich meinen Wagen dort also ab, und wir sprangen ins Taxi zum Flughafen. Bei unserer Rückkehr am nächsten Abend gegen 22.30h kümmerten wir uns zunächst um den Reifenwechsel bevor wir die Parkkarte zum Bezahlen in den Automaten steckten. Angstvoll blickte ich auf das Display auf dem dann wenige Sekunden später die Zahl „156“ stand. Vergeblich suchten wir das Komma nach der ersten oder zweiten Stelle – da war nämlich keines. 156 Dollar für 42 Stunden Parken trieb uns den kalten Schweiß auf die Stirn. Mehr und mehr denke ich, dass der Kauf einer Parkbucht hier in Brisbane ein phantastisches Mittel zur Altersvorsorge ist.

Am 31.10. flogen wir dann beide nach Deutschland, leider auf etwas anderen Routen. Für meinen Bruder war es der Rückflug nach Düsseldorf, für mich war es der Hinflug einer dreiwöchigen Turnierreise mit den australischen Nationalmannschaften, die mit dem World Team Cup in Magdeburg begann. Dabei bekam ich zum ersten Mal am eigenen Leib zu spüren welche Reisestrapazen die australischen Spieler gerade für internationale Turniere in Europa auf sich nehmen müssen. Zwischen dem Durchschreiten meiner Wohnungstür in Brisbane und der Tür meines Hotelzimmers in Magdeburg vergingen letztlich 38 Stunden. In der Anreise enthalten waren vier Flüge (Brisbane – Melbourne – Dubai – Frankfurt – Leipzig) und eine Busfahrt (Leipzig – Magdeburg). Hinzu kamen neun Stunden Zeitunterschied, eine optimale Wettkampfvorbereitung sieht anders aus. Für mich war es gleichzeitig der erste Besuch in Deutschland seit meinem Umzug nach Australien im Juni und schon ein wenig komisch.

Nach dem Turnier hatte ich die Gelegenheit vier Tage bei meiner Familie zu verbringen, bevor es weiterging zum Herren-Weltcup in Paris, für den sich unser Topspieler William Henzell qualifiziert hatte.

Nach zwei Tagen dort stand der Weiterflug zu den Jugend-Weltmeisterschaften in Bahrain auf der Agenda, der für mich mit ausgedehnter Wartezeit am Flughafen in Paris begann. Am Check-In Schalter der Emirates Airlines war ich nämlich Erster in der Schlange hinter etwas, das mir vorkam wie der Umzug einer arabischen Familiendynastie. Ein älterer Herr lief nervös gestikulierend hin und her und rief mit lauter und hektischer Stimme Kommandos an sein Gefolge. Hinter ihm etwa zehn bis zwölf verschleierte Frauen, sowie etliche Teenager, allesamt mit voll bepackten Gepäckwagen vor sich. Der ältere Herr hielt 28 Pässe in der Hand und wollte seine komplette Familie auf einmal einchecken. Leider winkten die Emirates Mitarbeiter ab und verlangten, dass jedes einzelne Familienmitglied einzeln und persönlich eincheckte. Auch eine lange und laute Diskussion, die ich auf ein Einsehen des Check-In Personals (schlicht aus Zeitgründen) hoffend verfolgte, änderte daran nichts. Dann begann der ältere Mann damit alle 28 Pässe an seine Familienmitglieder auszuteilen, die hierzu aus den verschiedenen Ecken des Terminals heran eilten. Denn nicht alle standen hinter ihm in der Check-In Schlange. Gerade bei den bis auf die Augen verschleierten Frauen stelle ich mir das nicht leicht vor. Ich seufzte, setzte mich auf mein Gepäck und schaltete meinen iPod ein.

Zur Jugend-WM in Bahrain hatte ich bei den Mädchen ein sehr junges Team nominiert. Der Altersschnitt von 13 war der jüngste im ganzen Turnier. Dabei war die erst zehnjährige Angela Zhan, das derzeit größte Talent in Australien, eine der Hauptattraktionen des Turniers. Mit sonnigem Gemüt und unbekümmerter, moderner Spielweise holte sie sich die Aufmerksamkeit der Teilnehmer und Zuschauer. Ihr und einem unglücklichen Zufall verdanke ich im Übrigen eine weitere interessante Erfahrung. Im gemischten Doppel trat ihr 17-jähriger Mixedpartner ihr versehentlich auf den Fuß. Ergebnis: Verdacht auf Bruch des kleinen Zehs. Da sie nur unter Schmerzen laufen konnte entschied ich die todunglückliche Angela aus dem Turnier zu nehmen und sie untersuchen zu lassen. Mithilfe der sehr engagierten freiwilligen Helfer des Turniers organisierte ich eine Fahrt ins Krankenhaus. Und so fand ich mich eine halbe Stunde später mit der kleinen Australierin Angela sowie ihrer chinesischen Mutter in einem Krankenhaus in Bahrain wieder und arrangierte mit den Ärzten eine Untersuchung. Eine nicht alltägliche Situation und Aufgabe, die aber letztlich glimpflich ausging.

Beeindruckt war ich von der Hilfsbereitschaft und der Gastfreundschaft der Bahrainis. Jederzeit offen und freundlich versuchten sie alles, damit sich die Teilnehmer und Gäste des Turniers so wohl wie möglich fühlten.

Nach meiner Rückkehr nach Australien stand wenige Tage später noch ein Wochenend-Lehrgang des U13-Kaders in Melbourne an. Damit hatte ich im Oktober und November an insgesamt sieben kompletten Wochenenden gearbeitet. Das ist einer der Nachteile meines Jobs. Aber andererseits bekomme ich dafür auch an anderer Stelle mal einen oder zwei freie Tage, also gleicht es sich auch wieder aus.

Mitte Dezember, quasi als letzte Diensthandlung vor meinem Heimaturlaub mussten noch sämtliche Nationalmannschafts- und Olympiakader auf Basis der erzielten Ergebnisse in 2011 nominiert werden. Diese Nominierungen werden durch den Nominierungsausschuss vorgenommen, dem ich als Sportdirektor vorsitze. Da nicht nur die Damen- und Herrenkader, sondern auch die der verschiedenen Nachwuchsaltersklassen (U13, U15, U18) benannt werden müssen dauert das für gewöhnlich ein oder zwei volle Tage. Und gerade bei der Nominierung zum „Olympic Shadow Team“ ist es essentiell, dass die Kriterien so genau wie möglich beachtet werden. Denn nur die Mitglieder dieses „Olympic Shadow Team“ haben Mitte Februar die Berechtigung am australischen Olympia-Qualifikationsturnier teilzunehmen. Und deshalb bedeutet jede Nichtnominierung gleichzeitig auch immer das Zerplatzen eines Olympischen Traums, bevor er überhaupt angefangen hat.

Wenige Tage vor meinem Abflug nach Deutschland kam ich dann endlich auch noch zu meiner ersten echten Surflektion. Vier Jungs aus dem Freundeskreis meiner Freundin luden mich an einem Samstagabend ein doch am nächsten Morgen mitzukommen und ein paar „Wellen mitzunehmen“. Meine Neugier und Unternehmungslust waren größer als mein Respekt und so fand ich mich am nächsten morgen um 4.30h in der Früh bei schönstem Wetter auf dem Weg an die menschenleeren Strände ca. eine halbe Autostunde südlich der Goldcoast. Als wir gegen 5.00Uhr an der ersten Location ankamen gaben die Jungs der Brandung zunächst den für Surfer klassischen, prüfenden Blick. Aus irgendeinem Grund waren sie jedoch nicht zufrieden. Beim Anblick der Brandung und dem Gedanken, dass ich darin meine ersten Surf-Gehversuche machen sollte, wurde mir kurzzeitig übel. Da der Pazifik an der Goldcoast und den Stränden des nördlichen New South Wales ungebremst und frontal auf die schnurgerade Strandlinie rollt, hat die Brandung ordentlich Wucht. Wir fuhren dann weiter den Strand entlang auf der Suche nach einem geeigneten Plätzchen. Nach einer knappen Stunde kamen wir dann an einen Strandabschnitt an, bei dem die Jungs mit dem „Surf“ zufrieden waren. In dem Moment wusste ich dann auch, weshalb die vorherigen Locations durchgefallen waren: Die Brandung war ihnen nicht hoch genug. Beim ersten Blick in die Wellen musste ich kurz schlucken, aber dann dachte ich mir „was soll´s. Falls du bei deinem ersten Surfversuch ertrinkst, dann tu es wenigstens mit Anstand.“ Ich mir also nichts anmerken lassen, mein Board eingewachst wie es sich gehört, die Schnur ans Bein gebunden, das Board unter den Arm geklemmt und rein in die Dünung. Schwimmen ginge ich in einer solchen Brandung im Leben nie, aber das Surfboard gibt einem schon ein gewisses Gefühl von Sicherheit.

Surfen kann man das was ich gemacht habe noch nicht nennen. Ich war in erster Linie mit dem Durchtauchen von Wellen und Paddeln beschäftigt. Und nach einer halben Stunde Paddeln grüßen die Nackenmuskeln freundlich und geben ihren Dienst auf. Bei manchen Wellenbergen war ich überzeugt, dass sie mich bis nach Neuseeland tragen würden. Wenn man mal eine davon erwischt, dann fängt der Spaß erst richtig an. Das Board nimmt Geschwindigkeit auf und im Handumdrehen reißt es einen herunter und man fühlt sich wie die Katze in der Waschmaschine. Aber trotzdem macht es einen Höllenspaß, und ich werde es in jedem Fall wieder versuchen. Denn zum Leben in Queensland gehört das Surfen einfach dazu.

Am 5. Januar geht es für mich zurück nach Brisbane. Und im ersten Monat des Jahres habe ich zum Glück drei freie Wochenenden, an denen ich meine Surfqualitäten ausbauen kann…

Guten Rutsch ins Neue Jahr,

Jens Lang

Mir geht as hier so gut, dass ich mich neulich beim Luftgitarre spielen zu Lynyrd Skynyrd’s “Simple Man” unter der Dusche erwischt habe. Der Job läuft soweit gut, in meiner Wohnung und in der Stadt fühle ich mich wohl, und in meiner Freizeit weiß ich nicht was ich zuerst machen soll, weil das Angebot für 100 Jahre Spaß haben reicht.

Natürlich ist nicht alles rosarot oder Gold was glänzt. Einer der Gründe weshalb ich die Position bekommen habe ist, dass mir zugetraut wird langfristig die Kultur und Mentalität im australischen Tischtennissport zu verändern. Das ist ein Kompliment was mich stolz macht, aber gleichzeitig eine sehr hohe Messlatte an der zahllose meiner Vorgänger, darunter ebenfalls einige aus Übersee, gescheitert sind, bzw. selbst nach einiger Zeit abgewunken haben. In meiner Funktion als Vorsitzendem des Nominierungskomittees gehe ich z.B. gerade durch meinen ersten Härtetest. Ich habe eine Entscheidung getroffen, die für die eine oder andere etablierte Person ungemütlich und gleichbedeutend mit mehr Einsatz und Arbeit verbunden ist. So etwas ist bei den Personen, die sich in der bisherigen TT-Kultur bequem eingerichtet haben so willkommen wie die Diphterie. Und deshalb wehren sie sich dagegen. Egal in welcher Richtung er am Ende zeigt, ich freue mich in jedem Fall auf den Ausgang dieses Tests, weil er für mich eine klare Standortbestimmung sein wird.

 

Die vergangenen Wochen haben mich dienstlich nach Melbourne und Umgebung, sowie Sydney geführt. Da das Land so unverschämt groß ist, finde ich in jedem Bundesland völlig andere Situationen und Problemstellungen vor, die einen zentralen Ansatz für alle im Grunde unmöglich macht. Jedes Bundesland hat seine ganz eigenen Probleme, die sich von denen eines jeden anderen Bundeslandes unterscheiden. Deshalb erfordert jedes Bundesland eigentlich einen eigenen Lösungsansatz.

Victoria und speziell Melbourne ist der beste Standort, wenn man in Australien geboren und auf das schmale Brett gekommen ist, ein guter Tischtennisspieler werden zu wollen. Hier gibt es die größte Dichte an Spielern und Clubs.

 

Generell sind die TT-Clubs hier in Australien völlig anders aufgestellt als in Europa. In vielen Fällen besitzen sie ein eigenes „Stadium“, also eine eigene Halle in der die Tische und Courts permanent aufgebaut sind. Spielen können zum einen die Clubmitglieder, und zum anderen Gäste, und die Benutzung der Tische erfolgt in der Regel gegen eine Platzmiete, die pro Stunde bepreist wird. Der Betrieb der Clubs erfolgt ähnlich denen der Squash-, Badminton- oder Tenniscenter in Deutschland und ist in erster Linie auf einen Kosten deckenden Geschäftsbetrieb fokussiert. Für die Entwicklung des Sports ist das eine denkbar ungünstige Konstellation, denn den meisten TT-Clubs ist es wichtiger, eventuell unvermietete Tische an Laufkundschaft, die noch nie zuvor einen TT-Schläger in der Hand hatte zum Sonderpreis anzubieten, als sie den besten Spielern im Club zur kostenlosen Trainingsmöglichkeit anzubieten. Das Paradoxe ist zudem, dass die australischen Clubs wiederum in den meisten Fällen eine hervorragende Ausstattung haben. Nicht nur, dass sie wie gesagt über eigene Hallen verfügen, die Platz für 10 bis 20 oder sogar 30 Courts bieten, viele haben sogar Taraflexboden auf dem ansonsten die internationalen ProTour-Turniere oder Weltmeisterschaften ausgetragen werden. Olympische Spielbedingungen also für Freizeit- und Hobbyspieler. Fest installierte Tribünen und typisch australische Kantinen haben im Grunde alle Clubs. In puncto Infrastruktur sind sie den TT-Vereinen in Deutschland und Europa also meterweit voraus. Ungünstigerweise liegen sie im sportlichen Bereich kilometerweit zurück.

 

Hier in Australien ist Tischtennis fast ausschließlich ein „Social game“, also eine Freizeitbeschäftigung. Viele der Entscheidungsträger in den Clubs oder den Landesverbänden haben eine Mentalität, die darin verwurzelt und darauf ausgerichtet ist. In der Bevölkerung ist die Wahrnehmung von Tischtennis nicht anders. Wenn man auf der Straße zehn Leute nach dem Namen des Spiels fragt, welches man mit zwei Schlägern und einem Ball auf einem Tisch mit Netz im Garten oder Keller spielt, dann antworten neun „Ping-Pong“ und einer „Tischtennis“. Noch deutlicher als in Deutschland bezahlt man hier eine engere Involvierung in Tischtennis bei nächtlichen Gesprächen mit gut aussehenden Frauen mit sinkender Attraktivität. Da ist hier und da schon mal Improvisationstalent gefragt. Neulich habe ich das ganze Szenario zum Beispiel als Baseballer aus Kanada durchgespielt – mit deutlich erfolgreicherem Abschneiden. Noch höher stehen Schwimmer im Kurs. Aber da ist man sehr schnell gleich ein Kandidat für Ehe und Kinder. Und das ist mir dann nach knapp vier Monaten im Land doch noch etwas zu früh. Rugby- und AFL-Spieler stehen an der Spitze der Attraktivitätsskala. Aber die habe ich noch nicht ausprobiert, dazu fehlen mir 20kg Muskelmasse am Körper.

 

Nach vier Monaten Aufenthalt hier lerne ich immer noch Woche für Woche neue Dinge hinzu und gewinne neue Eindrücke. Zum Beispiel habe ich stark das Gefühl, dass die Australier im beruflichen und privaten Alltag recht konfliktscheu sind. Sie wollen bloß keinen Streit und haben vor allem davor Angst, dass ihnen Opposition und Kritik droht. Da das Wichtigste hier nun mal das entspannte „easy going“-Lebensgefühl ist, bei dem keiner jemandem auf die Füße treten will, vermeidet der Aussie einen potentiellen Disput gerne im Vorhinein. Das ist meines Erachtens auch einer der Gründe, weshalb das Land in manchen Bereichen einen so unverbrauchten Eindruck macht. Bevor es zum Konflikt kommt sagt der Aussie eben „naja, was solls“ und „tja, so ist das nun mal“ und „ach, komm wir gehen an den Strand.“ Dem Fortschritt und der Weiterentwicklung, egal in welchen Feldern, hilft das aber in der Regel nicht. Und den Aussies, bzw. vielleicht auch eher den Queenslandern (bin mir da noch nicht so sicher) ist Privatsphäre sehr wichtig. Das glaubt man am Anfang nicht, weil einem jeder Hansfranz den man seit fünf Minuten kennt bei Bedarf sein komplettes Haus zum Übernachten anbietet.

 

Zu Beginn hatte ich es andersherum im Kopf, aber hier in Queensland gibt es kein „daylight savings“, also keine Zeitumstellung. Ich finde das ziemlich bescheuert, denn das bedeutet, dass die Sonne im Winter gegen 6h auf- und um 17h untergeht. Im Sommer ist es dann schon um 4.45h hell aber schon gegen 18h30/19h wieder dunkel. Das macht eigentlich überhaupt keinen Sinn, denn dadurch kann man quasi zwei Stunden Sonnenlicht pro Tag gar nicht nutzen, außer man ist Schlafwandler. Denn wen bitte soll ich um 4.30h nachts anrufen und fragen, ob er Lust hat um 5h laufen oder golfen zu gehen? Abgesehen davon ist 4.30h oder 5.00h meiner Meinung nach keine Uhrzeit. Das ist eine schwarze Zone, die meine Uhren unaufhaltsam durchlaufen. Und wann bitte soll ich denn abends schlafen gehen, wenn ich viermal die Woche morgens um 5h draußen sein will um das schöne Wetter nicht komplett aus dem Büro betrachten zu müssen – jeweils um 21h oder was? Das ist inakzeptabel.

Die Diskussion über die Zeitumstellung gibt es in Queensland jedes Jahr wieder (New South Wales/Sydney und Victoria/Melbourne haben die Zeitumstellung). Da der weitaus überwiegende Teil Queenslands (viermal so groß wie Deutschland) landwirtschaftlich genutzt wird haben die Farmer sehr viel Macht. Und die wollen aus irgendeinem Grund nicht, dass die Uhren eine Stunde vor- und zurückgestellt werden.

 

Zeit meine neue Golfausrüstung zu benutzen habe ich in diesen Wochen kaum. Die vergangenen beiden und das kommende Wochenende stand, bzw. steht Arbeit auf der Agenda. Meine letzte Golfrunde vor drei Wochen war jedoch eine besondere. Ich bin nämlich eigentlich ein Tierfreund, und auf dem Kurs Gainsborough Greens sprangen wilde Känguruhs übers Gelände. Das waren nach drei Monaten die ersten wilden Känguruhs, die ich hier gesehen habe. Ich habe mich schon gefragt, wo die eigentlich so lange gewesen sind. Da war Obacht geboten, dass man den Tieren nicht versehentlich einen Golfball zwischen die Rippen drosch. Die Tiere sind eigentlich recht zutraulich, und manche kann man mit der Hand füttern. Aber wenn man ihnen ohne Essen zu nahe kommt, dann ziehen sie ein Schnäuzchen und beschweren sich mit einem „Pfffft!“ Anfangen zu boxen tun sie entgegen aller Klischees aber nicht.

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Vor kurzem ist hier die Rugby League Saison zu Ende gegangen. Die Brisbane Broncos sind leider im Playoff-Halbfinale an den Manly Sea Eagles aus Sydney gescheitert. Das ist besonders Schade, denn es war die letzte Saison des Teamcaptains Darren Lockyer. Er ist eine lebende Broncos-Legende und hat im Grunde alles gewonnen, was ein Rugby League Spieler gewinnen kann. Leider fehlte er im Halbfinale verletzungsbedingt. Und wenn ein Darren Lockyer in einem so wichtigen Spiel wegen einer Verletzung fehlt, dann nicht wegen einer „Schambeinentzündung“ oder einer „weichen Leiste“. Im Playoff-Viertelfinale traf ihn das Knie seines 110kg Teamkollegen zehn Minuten vor Spielende versehentlich mit voller Wucht an der Schläfe. Lockyer blieb benommen liegen, die Diagnose nach dem Spiel ergab einen doppelten Jochbeinbruch. Er jedoch rappelte sich wieder auf und spielte weiter. Und das Spiel hätte kein typischeres Ende nehmen können: In der Nachspielzeit sicherte Lockyer seinem Team mit einem Field Goal aus 35 Metern den entscheidenden Ein-Punkt-Vorsprung und damit den Sieg und den Einzug ins Playoff-Halbfinale.

Gleich am nächsten Morgen wurde er operiert und der gebrochene Knochen mit zwei Metallplatten fixiert. Am gleichen Nachmittag gab das Rauhbein Lockyer gleich eine Pressekonferenz auf der er seinen festen Willen zum Ausdruck brachte sein Team in dieser Phase nicht im Stich lassen und sechs Tage später im Halbfinale auflaufen zu wollen. Der Arzt hat ihm dann allerdings den Vogel gezeigt und ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht.

 

Der bislang traurigste Moment meines Aufenthaltes kam ohne Vorankündigung in der vergangenen Woche. Die Nachricht vom Tod eines langjährigen Arbeitskollegen erreichte mich per E-Mail, als ich gerade aus dem Büro kam und auf dem Weg nach Hause war. Das hat mich tief getroffen, mich gelähmt und mir für einen Moment die Luft genommen. Er gehörte seit vielen Jahren zu meinen Unterstützern, und ich habe ihn als erfahrenen Kollegen, aber vor allem als Mensch, als Persönlichkeit und als eigenen Typen sehr geschätzt. Er war sportlich und fit, und ich habe ihn nie als unvernünftig oder risikofreudig kennen gelernt, sondern eher als jemanden mit Lebenserfahrung und Vernunft und klaren Werten. Sein Tod reißt ein Loch in die Leben vieler anderer Menschen. So richtig begreifen kann ich es noch nicht. Gleichzeitig macht es mir Angst, denn er ist eben keinen Tod durch ungesunden Lebensstil wie zu fettes Essen, kein Sport oder Kettenrauchen gestorben. Er ist beim Sporttreiben tödlich verunglückt. Aus diesen Gründen hat die Nachricht bei mir unterbewusst auch ein ganz unangenehmes Gefühl verursacht – denn wenn es ihm von jetzt auf gleich passiert, dann kann es mich auch jeden Moment erwischen.

 

Eine weitere harte Lektion die mich noch mehr darin bestärkt zwar täglich hart zu arbeiten, aber gleichzeitig im Moment und im Jetzt zu leben und das Leben zu genießen Tag für Tag, so lange ich´s noch kann. Ich hab nämlich nur das eine.

 

Allerbeste Grüße aus Brisbane