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Zuerst das Wichtigste: Es geht mir gut, – wir haben alles glücklich
überstanden!

Bei der Ankündigung des Unwetters war ich innerlich ruhig und gelassen
– vermutlich, weil meine Gasteltern es auch waren. Stürme sind an der
Ostküste nicht selten und sie hatten das schon einig Male erlebt. Alles
fing an mit dieser Nachricht: „Montag und Dienstag, Montville High
School wegen Hurrican Sandy geschlossen!“ Zunächst konnte ich „mein
Glück“ kaum fassen: zwei Tage schulfrei! Diese erste Freude aber wich
schon sehr schnell ein paar Stunden danach einem Gefühl des hilflosen
Ausgeliefert seins. Am Montag um 16:30 Uhr flackerte auf einmal das
Licht, zehn Minuten später war dann alles aus – wir hatten keinen Strom
mehr. Wir durften das Haus nicht verlassen und die Bäume in unserem
Garten neigten sich bedrohlich im Wind von Sandy, ein hübscher Name für
ein solches Ungeheuer. Etwas vergleichbares hatte ich noch nie zuvor
erlebt und ich hatte keinen blassem Schimmer davon, was mich in den
nächsten Tagen noch erwartete.

Ich lief in unserem Haus die Treppe hinunter und hörte meinen Gastvater
Lee fluchen, weil er gerade wie üblich das Essen kochte. „Gerade jetzt,
das kann doch wohl nicht wahr sein! Ich konnte mich vor lachen kaum
halten, weil es für mich so eine komische Situation war, auf einmal
keinen Strom mehr zu haben. Mein Lachen darüber währte aber nur kurz.
Wenige Stunden danach musste ich feststellen, dass ich noch nicht
einmal ohne weitere Vorbereitungen zur Toilette gehen konnte. Unser
Wasser wird hier nämlich mit Strom hoch gepumpt, also hieß es dann für
die nächsten Tage: kein fließend Wasser, kein Licht, kein Kühlschrank,
kein Herd, kein Fernseher = nichts ging mehr! Lee musste Wasser für die
Toilette aus dem Brunnen im Garten mit Eimern holen.

Das Essen an diesem ersten Abend haben wir dann mit der restlichen
Wärme halbwegs garen lassen. Im Anschluss, als es begann dunkel zu
werden, wurden die Kerzen und die Öllampe rausgeholt – meine Gasteltern
Lee und Anna hatten die über die Medien verbreiteten Warnungen zu Recht
ernst genommen und sich mit den notwendigen Hilfsmitteln eingedeckt. Es
war gespenstisch, in den Supermärkten vor leeren Regalen zu stehen. Die
Meschen an der Ostküste kennen sich mit Sturmwarnungen aus und haben
gekauft, was da war. Niemand wusste genau, wie lange der Sturm dauern
würde und welche Zerstörungen er auslösen würde.

Wir haben nach dem Abendessen drei lange Stunden Karten gespielt. Ich
konnte die Karten im schwachen Lichtschein von Kerzen und Öllampe echt
kaum noch sehen! Also ging ich mit meiner Taschenlampe hoch um mich für
das Bett fertig zu machen. Zähne putzen mit dem guten und knappen
Wasser aus der Flasche – so viel wie nötig, so wenig wie möglich! Mit
meiner Taschenlampe habe ich in alle Ecken meines Zimmers geleuchtet,
weil ich so Angst hatte in der schwarzen Dunkelheit unseres großen
Haus, es war ganz schön gruselig. Irgendwann bin ich dann eingeschlafen.

Am nächsten Morgen gab es dann zum Frühstück wie immer Müsli,
allerdings aus Pappschalen. Gegessen haben wir es von Papplöffeln – es
hat nicht so gut geschmeckt wie sonst immer… Schließlich konnten wir
nicht spülen. Mit dem letzten „Saft“ auf dem Handy haben wir dann meine
Gastoma angerufen, und Gott sei Dank, sie hatte noch Strom! Der Sturm
hatte inzwischen nachgelassen und wir haben natürlich keine Zeit
verschwendet und uns sofort auf den 40 km langen Weg gemacht. Dort
konnten wir dann wieder den Luxus der Zivilisation genießen. Ich glaube
ich habe mich noch nie so sehr über eine warme Dusche und elektrisches
Licht gefreut! Da konnte ich dann auch endlich meinen Eltern und
Freunden Daheim Bescheid geben, dass es mir gut geht, weil in den
Nachrichten alles so dramatisiert wurde. Ich hatte ja vorher keine
Gelegenheit zu berichten und meine Lieben von ihren Sorgen zu befreien.
Von dem eigentlichen Sturm haben wir aber keine größeren Schäden
davongetragen. Es war verdammt windig, bei uns in Oakdale, eine
Autostunde nördlich von New York, sind lediglich etliche Bäume
umgeknickt und einige Straßen wurden gesperrt. Wir haben dann bei der
Gastoma Essen gekocht und den restlichen Abend verbracht. Über die
Nachrichten am Fernseher erfuhren wir, dass am morgigen Tag, also
Mittwoch, die Schule weiter ausfallen würde.

Als wir dann am späten Abend wieder in diese schreckliche und
bedrohliche Dunkelheit zurück nach Hause mussten, haben uns drei
Polizeiwagen mit Blaulicht überholt – zu diesem Zeitpunkt konnten wir
noch nicht wissen, dass die Polizisten zu unseren Nachbarn
wollten…..Zwei Jungs haben die Dunkelheit genutzt und versucht unser
Nachbarhaus auszurauben, das hat mir total Angst gemacht!

Den nächsten Morgen musste ich dann meine Gastmutter zur Arbeit
begleiten, weil sie mich nicht alleine zu Hause lassen wollte. Sie
befürchtete, das jemand auch bei uns einbrechen würde und ich darüber
in Gefahr geriet. Leider hatten die dort auf der Arbeit auch keinen
Strom, und die schnell aufkommende Langeweile wollte nicht verschwinden
– aber ich fühlte mich zumindest sicher. Irgendwie ging dann aber auch
der Arbeitstag meiner Gastmutter Anna dem Ende zu.

Am Abend kam dann endlich Abwechslung! Es war Halloween, Sandy war
weiter gezogen und die Stadt hatte war noch zum größten Teil ohne
Strom. Wir konnten eigentlich nichts unternehmen. Da ich aber mein
erstes Halloween hier nicht verpassen wollte, haben mir Anna und Lee
erlaubt, mit meiner Freundin ‚Süßes oder Saures‘ zu gehen. Anders als
bei bei uns machen das hier alle! Egal wie alt man ist. Es war total
lustig, wir waren beide als Piraten verkleidet, klingelten wie bei uns
zu Karneval an den Türen und hatten nachher einen großen Haufen von
Süßigkeiten, mhhhmm!

So langsam fing es an echt kalt zu werden, weil natürlich auch unsere
Heizung nicht funktionierte. Zum Ende hin waren es nur noch kühle 14°C
in unseren Haus. Auch den nächsten Morgen hatten wir keine Schule, also
hat mich meine Freundin abgeholt und wir haben den Tag bei ihr
verbracht. Sie gehörte zu den wenigen Glücklichen, die schon wieder
Strom hatten. Abends haben wir erfahren, dass wir Freitag wieder Schule
haben! Ich konnte es nicht glauben, wie soll ich mich morgens fertig
machen ohne Strom und Wasser? Andererseits war ich froh, mal wieder ein
bisschen den gewohnten Alltag zu haben. Und dann, um viertel vor zwei
in der Nacht ging auf einmal mein Licht an, und ich konnte mein Glück
kaum fassen – WIR HATTEN WIEDER POWER! Es war ein unglaubliches Gefühl
und ich war so froh, alles gut und unverletzt überstanden zu haben. Ich
hatte meinen geliebten Alltag wieder. Wir hatten gelebt wie im
Mittelalter, und ich bin einfach nur dankbar für die so
selbstverständlich gewordenen Annehmlichkeiten unserer modernen
Zivilisation.

Es startet immer Mittwochs nach einem langen Wochenende. Die einzige
weitere Information die ich hatte war, dass ich am Mittwoch mit lila
und roten Klamotten in die Schule kommen sollte… und da wusste ich
noch nicht was auf mich zukommen würde. Den Abend zuvor suchte ich mit
meiner Gastmutter ganz fleißig nach passenden Klamotten und wurde dann
auch fündig. Dann der Schock – als ich am Mittwoch in die Schule kam
dachte ich im ersten Moment, nen ganzes Karneval-Trio würde vor mir
stehen! Alle waren gekleidet mit den verrücktesten Sachen und
Accessoires, teilweise konnte ich echt nicht mehr erkennen, wer vor mir
stand. Und ich, mitten unter den ganzen verkleideten Leuten mit relativ
normaler Kleidung .. nur eine rote Hose mit einem lila Shirt, das war
mir vielleicht peinlich. Alle waren angemalt und hatten die schrägsten
Sachen an, selbst die Lehrer! Das war sehr lustig und amüsant,
Respektpersonen in solchen komischen Klamotten zu sehen.

Am Donnerstag hieß es dann: Turn the clock back: 70’s, 80’s, 90’s! Da
wusste ich dann, dass es nur darauf ankommt wie crazy auszusehen, habe
meine ganzen Sachen durchgeguckt und Sportsachen mit Schlafanzügen und
Jeansjacken gemixt und ein paar Accessoires von meiner Gastmutter
ergattern können. Ich war danach ein Mix aus Hippi und 90’er Jahre, es
hat so viel Spaß gemacht! In der Schule angekommen war ich nun endlich
auch wie ein Idiot unter vielen anderen und damit irgendwie ganz
normal. Der Schultag ging viel zu schnell vorüber. Manche haben das
Motto auch wortwörtlich genommen und sind im Schlafanzug gekommen – in
Amerika ist niemanden etwas peinlich. Die Amerikaner kleiden sich
generell schon etwas anders als wir Europäer, die kommen zum Beispiel
mit Badelatschen und Tennissocken oder mit ner Jogginghose zur Schule
und finden das ganz normal! Mich erinnert das immer an den Assi-Tag bei
uns in der Mottowoche. Am Freitag war dann Orange- und Schwarz-Tag, die
Farben der Schule. Alle waren verrückt angemalt und lustig gekleidet,
manche haben sich sogar die Haare angesprüht. Die drei Tage gingen
viel zu schnell vorbei, es war so amüsant und lustig. Fast alle haben
mitgemacht und man hatte den ganzen Tag was zu lachen. In der letzten
Stunde stand dann was typisch amerikanisches auf dem Plan, die
„Pep-Rally“. Da kommt die ganze Schule zusammen in die Turnhalle,
aufgeteilt in die vier Stufen und alle Sportteams und Musikgruppen
werden vorgestellt und Ehrungen werden vergeben. Das klingt nicht nach
dem was es war, ich kann dieses Gefühl nicht beschreiben! Alle sind so
stolz auf ihre Schule und ihre Identität und das wird gefeiert. Die
Cheerleader haben da ihren super großen Auftritt und zeigen alles was
sie bisher gelernt haben! Alle jubeln und das Gefühl, ‚einer von denen‘
zu sein war unbeschreiblich toll. Jede Stufe jubelt für sich und es war
teilweise echt Gänsehaut-Feeling. Ich kann gar nicht sagen was mir
daran so sehr gefallen hat oder was das Beste war. Man muss es selbst
erlebt haben um zu verstehen, dass das Gefühl unbeschreiblich ist. Am
darauffolgenden Samstag war dann der große Homecoming-Dance. Das war
wie eine Art Ball, Ehemalige kamen zurück zur Highschool, die Mädchen
hatten alle ganz feine Kleider an und die Jungs alle schick in Anzügen
und dann hieß es: feiern, feiern, feiern! Das war ein super Abend, der
ebenso viel zu schnell vorbei ging… Was ich so sehr mag an den
High-Schools hier ist, das jede Schule seinen eigenen Stolz hat und das
hier eine gewisse Tradition gelebt wird. Ich möchte hier erstmal gar
nicht mehr weg!

Es fällt mir gar nicht mehr so leicht, in meiner Muttersprache zu
schreiben, manchmal suche ich regelrecht nach den deutschen Begriffen,
echt ein komisches Gefühl …

Der Schulsport hat hier in Amerika einen sehr hohen Stellenwert. Es
werden viele verschiedene Sportarten angeboten, unter anderem auch
Volleyball. Aber da hatte ich mir zu viel vorgenommen. Weil ich
Volleyball bisher noch nicht gespielt habe, bin ich nicht in das
Schulteam gekommen und musste mir eine andere Sportart aussuchen.
Letztlich habe ich mich für Cross Country entschieden. Das bedeutet:
laufen, laufen, laufen – quer durch das Land, über Straßen, durch
Wälder, Felder, kleine Bäche oder über Hügel, einfach immer gerade aus.

Jeden Tag nach dem Unterricht habe ich fünf Mal wöchentlich jeweils 1
1/2 Stunden lang Cross Country. Das Training beginnt nachmittags um
halb drei mit zwei Runden um den Sportplatz – ähnlich wie im
Buchgeister-Stadion – warm laufen und danach werden die Muskeln
gedehnt. In Deutschland wäre ich nach den zwei Runden schon fast platt
gewesen, aber hier nennt man das nur Aufwärm-Training. Danach müssen
wir meistens etwa fünf Kilometer auf der Straße oder durch Wälder
laufen, was mir total Spaß macht. Da kann ich meinen Gedanken freien
Lauf lassen und über die Ereignisse des vergangenen Schultags an der
frischen Luft nachdenken. Es ist ein super Ausgleich zur Schule, in der
ich größtenteils nur sitze und im Gebäude bin.

Wir haben hier nur eine (!) Pause – Lunch, und es gibt keine
Möglichkeit nach draußen zu gehen, was ich manchmal echt vermisse.
Deshalb freue ich mich jeden Tag, wenn die Schulglocke klingelt und ich
laufen kann! An einigen Tagen bleiben wir aber auch an der Schule und
dann heißt es 14 Runden, geteilt in sieben Mal zwei Runden, also
insgesamt ca. sechs Kilometer, laufen. Nach zwei Runden dürfen wir eine
Minute ‚Pause‘ machen, einen Schluck trinken, und danach geht es dann
wieder los. Das ist ziemlich hart, weil ich mich dann nur auf das
Laufen konzentrieren muss und keine Abwechslung durch Häuser oder
Wälder habe, wo ich immer etwas anderes sehen kann.

Damit sich das harte Training lohnt und Erfolge sichtbar werden, haben
wir ein- oder zwei Mal in der Woche einen Wettkampf, in dem wir uns
beweisen müssen. Da sind dann drei Meilen (knapp 5 km) Laufen auf Zeit
angesagt. Das ‚Können‘ der anderen Mädels sei dabei nicht unterschätzt,
die meisten laufen schon „ihr Leben lang“ und sind somit richtig gut
trainiert.

Oft muss ich mit meinem ‚inneren Schweinehund‘ kämpfen, damit ich nicht
zwischendurch anfange zu gehen. Es ist für mich immer wieder
motivierend weiter hart zu trainieren, wenn sich von Wettkampf zu
Wettkampf meine Zeiten verbessern – das ist so eine schöne Belohnung!
Ich fühle mich jedes Mal so gut nach dem harten Training, wenn ich
wieder zu Hause bin und eine heiße Dusche nehmen kann. Auch
gesundheitlich zahlt sich das Ganze schon aus. Ich bin nun schon fast
zwei Monate hier und fühlte mich noch kein einziges mal körperlich
unwohl, ganz zu schweigen von Kopfschmerzen oder gar einer Erkältung.

Außerdem habe ich auf diese Weise so eine Art Versicherung gegen das
‚Austauschschüler-Syndrom`, von dem man in Deutschland über Amerika so
viel hört – der Gewichtszunahme!

Darüber hinaus ist es ein super schönes Gefühl, in einem Team zu sein
und miteinander gegen die anderen zu kämpfen. Es ist ein richtiger
Adrenalin-Kick, wenn deine Trainer oder deine Freunde am Rand stehen
und dich anfeuern. Ich kannte solche Wettkämpfe aus Deutschland noch
nicht, und es ist immer wieder eine super tolle Erfahrung! Selbst wenn
ich mal nicht so einen guten Tag habe und mir nicht nach Laufen ist,
ist das einzige Ziel: durchhalten!

Und wenn es mal nicht so gut läuft – die anderen sind trotzdem stolz
auf dich. Ich liebe diesen Zusammenhalt zwischen den Menschen hier
sehr! Wir leben hier nach dem Motto ‚Einer für alle, alle für einen‘.
Das macht immer wieder neuen Mut weiter zu kämpfen und die eigene
Leistung weiter zu verbessern. In Deutschland kannte ich Sport nur als
körperliche Aktivität, um fit zu bleiben, aber hier empfinde ich den
Sport als so viel mehr und mir gefällt es echt gut.

In vier Wochen ist die Saison leider schon vorbei, und dann werde ich
Basketball ausprobieren…

An meiner Schule sind noch zwei weitere Austauschschülerinnen, eine aus
Spanien und die andere kommt aus Finnland. Es ist total spannend für
mich die amerikanische, die spanische und die finnische Kultur kennen
zu lernen. Hier prallt alles aufeinander und irgendwie beginne ich,
über unsere eigene deutsche Kultur nachzudenken, was eigentlich Jahre
lang total normal für mich war.

Es fängt schon mit den gewöhnlichten Sachen an. In Deutschland zum
Bespiel habe ich fast immer meine Zimmertür geschlossen. Oder wenn
Gäste gekommen sind, war immer die Badezimmertür immer zu. Hier in
Amerika haben sie grundsätzlich alle Türen auf und schließen sie nur,
wenn sie sich umziehen oder absolut ihre Ruhe haben wollen. Hier wird
es als unfreundlich empfunden, wenn man die Tür schließt. Meine
Gasteltern haben mich nach meiner ersten Woche hier gefragt, warum ich
denn andauernd die Badezimmertür schließen würde… Ich musste erstmal
überlegen warum ich das gemacht habe, weil es für mich das normalste
der Welt war, aber dann erklärte ich, dass es in Deutschland ganz
normal ist, dass man die Badezimmertür schließt und alle anderen Türen,
und dass das nichts zu bedeuten hat. Von diesem Zeitpunkt an habe ich
immer meine Türen aufgelassen um keine falschen oder missverständlichen
Signale zu senden!

Ein weiterer kultureller Unterschied ist, dass viele hier auch sehr
kurze Wege mit dem Auto fahren. Das Benzin ist hier viel günstiger als
bei uns. Ich war es aus Deutschland gewohnt, dass ich jeden Tag mit dem
Fahrrad zur Schule gefahren bin oder kleinere Sachen immer mit dem
Fahrrad erledigt habe. Hier fahren alle ausschließlich Auto und ich
habe das Gefühl, dass die das hier lieben! Wenn mich mein Gastvater von
der Schule abholt und wir noch einkaufen müssen, wäre es total
praktisch und ein Weg, wenn wir direkt danach zum Supermarkt fahren
würden. Aber wir fahren lieber noch einmal nach Hause, essen und
trinken vielleicht noch etwas und fahren dann wieder los.

Und das Fahrrad wird hier nicht als Fortbewegungsmittel, sondern nur
als Sportgerät genutzt. Ich bin schon seit vier Wochen nicht mehr mit
dem Fahrrad gefahren und fange echt an, es zu vermissen!

Meine erste Busfahrt stand an: Normalerweise holt mich mein Gastvater
jeden Nachmittag von der Schule ab, aber an diesem Tag hatte er einen
Arzttermin, und das einzige was ich wusste war, dass ich irgendwo
irgendwie in so einen gelben Schulbus mit der Nummer 19 einsteigen
musste. Die Schulglocke hatte geläutet und da wusste ich noch nicht,
auf was für ein Abenteuer ich mich da eingelassen hatte.

Vor der Schule standen über 20 Schulbusse, die alle gleich aussahen,
aber keiner hatte die Nummer 19! Die Zeit ist gerannt, also fragte ich
eine Frau, die vor der Schule stand und so aussah, als wüsste sie im
Chaos Bescheid. Doch die war leider ziemlich im Stress und meinte nur
„hinter der Schule“. Also rannte ich dann hinter die Schule, aber immer
noch kein Bus 19 und so langsam wurde ich panisch, weil der Bus sicher
nicht auf mich wartete. Vor lauter Verzweiflung bin ich dann einfach in
den Bus 219 eingestiegen und habe gefragt, ob der Bus nach Oakdale
fährt. Leider war der Busfahrer neu und das war sein erster Tag… Er
wusste noch nicht einmal, wo er hinfährt! Der wollte mir auch nicht
wirklich weiter helfen. Er meinte nur, er müsse jetzt los. Ich
schilderte ihm mein Problem, dass ich aus Deutschland bin und dass ich
noch nie den Schulbus genommen habe und ob er das nicht irgendwo
nachgucken könnte. Der Busfahrer holte dann so ne Liste raus mit neun
Seiten, und auf der letzten Seite stand dann endlich mein Name mit
meiner Adresse. Ich war richtig (!!!) und total froh und überglücklich,
dass ich dann doch noch den richtigen Bus gefunden hatte.

Aber damit sollte die Geschichte noch nicht zu Ende sein. Da der
Busfahrer ja neu war, kannte er den Weg noch nicht – und er fuhr und
fuhr an meiner Straße vorbei! Ich schrie laut durch den ganzen Bus:
Haaaaalt, Stopp, da war meine Straße!!! Das einzige was er darauf
erwiderte war kühl: zu spät!

Nach ca. weiteren unendlich scheinenden 10 Minuten drehte er dann
endlich um und wir fuhren in meine Straße zu unserem Haus. Ich war so
glücklich, als ich dann nach einer Stunde doch auch mal endlich zu
Hause angekommen war. Jetzt weiß ich, was ich für einen Luxus habe,
dass ich jeden Tag nach der Schule von meinem Gastvater abgeholt werde.

Nachdem ich den traurigen Abschied überstanden hatte, gings endlich los! Meine 3 Tage in New York waren unglaublich toll und ich kann es immer noch nicht fassen, dass ich wirklich da gewesen bin. AIFS (Organisation) hat mich in New York wirklich gut auf das Leben mit einer Gastfamilie aus einer anderen Kultur vorbereitet und ich hätte keinen besseren Start haben können. Nach den 3 Tagen in New York war dann jeder auf sich alleine gestellt, aber der Weiterflug hat alles super geklappt und meine Gastfamilie hat mich super nett aufgenommen und ich fühle mich echt wohl hier! Ich habe hier mein eigenes Bad und mein eigenes Zimmer. Nachdem ich weitere 3 Tage hier in Oakdale (Connecticut) zum einleben hatte, stand der erste Schultag bevor. Ich war so aufgeregt am Montag Morgen als meine Nachbarin mich abholte und wir zusammen zur Schule fuhren. Als ich meine Schultasche in das Schließfach tun wollte, fing auch schon das erste Problem an, wie öffnet man es wieder? Es hat 4 Tage gedauert bis ich den Dreh raus hatte, aber die Schüler sind total nett und offen und haben mir gerne geholfen. Keiner konnte wirklich fassen, dass ich aus Deutschland komme und wollten alles wissen über die Kultur, das Schulsystem und das Leben dort. Ich war so aufgeregt dass ich gar nicht viel antworten konnte weil ich so überwältigt von der großen Schule und den Leuten dort war. Aber alle Lehrer haben mich herzlich aufgenommen und empfinden es als eine große Bereicherung, einen deutschen Austausch-Schüler in ihrer Klasse zu haben. Die Mentalität der Leute hier in Amerika ist so anders und meiner Meinung nach viel besser; die Leute gehen auf einen zu und reden einfach drauf los ohne sich vorher groß Gedanken zu machen und sind immer freundlich und unglaublich hilfsbereit. Die Schule ist sehr groß und jeder Gang sieht gleich aus, so dass ich nach jedem Fach einen anderen Schüler fragen musste, ob er mir den nächsten Raum zeigen kann, aber so konnte man gleichzeitig neue Leute kennen lernen, weil man automatisch ins Gespräch kam. Jeden Schultag habe ich von 11:16-11:46 Lunch wo ich mein Pausenbrot (das jeden Morgen meine Gastmutter für mich zaubert) essen kann. Das ist die einzige richtige Pause am Tag, was am Anfang gewöhnungsbedürftig war weil ich es aus Deutschland ganz anders kannte. Die Schule hier ist aber gar nicht zu vergleichen mit der in Deutschland, hier versuchen die Lehrer wie ein Freund für dich zu sein und nehmen sich Zeit den neuen Stoff uns beizubringen. Die Inhalte die wir behandeln sind viel einfacher hier als in Deutschland, also kann ich mich in der Schule relativ gut entspannen und muss nicht so viel lernen. Nach 2 Tagen in der Schule bin ich von der Stufe 10, in die Stufe 11 gekommen damit es ein wenig anspruchsvoller für mich wird und ich mich nicht so langweile. Jedes Fach geht hier 80 Minuten lang und ich fühle mich manchmal so, als wäre ich in AG’s und nicht in echten Schulfächern weil es total Spaß macht! Jeden Tag von Montags bis Freitags habe ich von halb 3 bis halb 5 Volleyball, das Training hier ist hart aber macht total viel Spaß. Ein weiterer Unterschied zu Deutschland ist der Sport hier. Sport hat hier einen total hohen Stellenwert und wird als sehr wichtig angesehen. Ich habe hier schon so viele tolle Leute kennen gelernt, dass ich den ganzen Tag so abgelenkt bin, dass ich gar nicht viel Zeit habe an zu Hause zu denken. Am Wochenende waren wir einen Tag am Strand und im Meer (hier ist es total warm, um die 30°C) und ich habe mich gefühlt als wäre ich im Urlaub. Es war total schön dort!