Alle Beiträge dieses Autors

Wing Tshun Selbstverteidigung für Kids & Teens 

Zwischen Selbstverteidigung und Selbstbehauptung liegen gravierende Unterschiede. Nicht selten wird mit der Angst der Eltern gespielt und Kinder zu Pseudoselbstbehauptungskursen geschickt, um sich selbst zu beruhigen.

In einem guten Unterricht „Selbstverteidigung für Kinder und Jugendliche“ sollten Konfliktlösungsstrategien, Bestandteil des Unterrichts sein. Besonders wichtig scheint mir, dass die Kinder verantwortlich mit ihrem Können umgehen. Welcher Lehrer möchte, dass die jungen Sportler ihre Techniken unverhältnismäßig oder zum Schaden von Unbeteiligten einsetzen?

Ziel soll es sein, jungen Menschen dabei zu helfen, zu aufrechten, willensstarken, selbstbewussten und verantwortungsvollen Individuen heranzuwachsen. Partnerübungen sollen dabei helfen, dass die Kinder sich positionieren und ein Gefühl entwickeln, was ist angemessen, wo sind die eigenen Grenzen und die Grenzen der Anderen.

In einer Atmosphäre,  die von Fairness geprägt ist, wo respektvoll miteinander umgegangen wird, fühlen sich die Kinder wohl und bauen nicht zusätzliche Aggressionen auf.  

Eltern, die sich entscheiden, ihr Kind sportlich zu fördern, werden umgehend feststellen, dass ihr Sohn/ ihre Tochter Selbstvertrauen entwickelt, ausgeglichener ist, freundlich und höflich Mitmenschen begegnet. Die Fremdwahrnehmung wird gefördert, die Kinder lernen voneinander und miteinander und haben jede Menge Spaß dabei.  

Frauen und Selbstverteidigung –

Das Thema Gewalt ist ein umfassendes Thema, ebenso die Auswirkungen von Gewalt, welche sehr unterschiedlich wahrgenommen werden. Die meisten Frauen verabscheuen jede Form von Gewalt. Wenn sich Frauen mit Selbstverteidigung befassen, dann hat nicht selten ein einschneidendes Erlebnis ihr Interesse an Selbstverteidigung geweckt.

Ganz ohne Frage, können fast alle Konflikte durch Reden beeinflusst, wenn nicht gelöst werden. Wenn es keine Lösung des Konflikts gibt, gibt es die Möglichkeit sich vom Konfliktort zu entfernen. Einfach schweigen und den / die Kontrahenten stehen lassen.

In entsprechenden Kursen, Seminaren, Kampfkunstschulen die sich mit Selbstverteidigung befassen, lernt Frau viel mehr, als pure Kniffe und Tricks. SIE verändert erheblich  ihr Auftreten, ihre „Körpersprache“. Viele Konflikte entstehen durch „Sprachprobleme“ (Fehlinterpretationen) zwischen IHR und IHN.  So hört Mann nicht selten den Satz: „Das habe ich so nicht  gemeint“, „Da hast Du mich falsch verstanden“, „Das sehe ich völlig anders“. Die Ursachen liegen u.a. in einer unterschiedlichen Wahrnehmung und Gefühlswelt …

Es gibt Situationen, da kann Frau nicht ausweichen, da kann Frau nicht reden, da ist Frau Opfer. Die Zahl der weiblichen Opfer von Gewalttaten, hat in den letzten Jahren erheblich zugenommen.

Gewalt ist keine Lösung, wenn Frau sich jedoch wehren muss, dann sollte sie sich selbstbewusst, konsequent, angemessen und erfolgreich verteidigen können. Dabei möchte ich nicht denjenigen nach den Mund reden, die Ängste schüren und Frauen einreden, allgegenwärtig lauert eine Gefahr. Das halte ich für übertrieben, wenn nicht gefährlich und birgt ebenso die Gefahr, dass eine Frau in der wohlmeinenden Absicht sich zu schützen überreagiert. Wer ist dann Opfer und wer Täter?

In entspannter Atmosphäre, in der Stimmungen weder genutzt noch aufgeheizt werden, wo Männer und Frauen mit Rücksichtnahme und Toleranz Selbstverteidigung lernen, erwacht aus dem anfänglichen Interesse an Selbstverteidigung die Freude am Sport, die Freude an Wing Tshun.

Der interessierten Frau öffnet sich die faszinierende Welt der Kampfkunst Wing Tshun, dazu der fernöstliche Hintergrund, die philosophische Aspekte und ein unermesslicher  Bewegungsreichtum. Eine Kampfkunst die sich an Prinzipien orientiert, die der menschlichen Physis entspricht und die uns Menschen näher bringt.

Wing Tshun ist eine schnörkelfreie und effektive Selbstverteidigung. Dabei lernen wir intuitiv zu reagieren. Diese Fähigkeit gilt es zu wecken, zu fördern, weiterzuentwickeln.

In der Selbstverteidigung gibt es keine Regeln, wohl aber angemessenes Verhalten. Eine wunderbare Erkenntnis, die in uns steckt und die wir eigentlich nur wiederentdecken. Dem Körper vertrauen, sich auf sein Körpergefühl verlassen und gleichzeitig einlassen auf das was ist und nicht auf das, was wir denken was ist. „Löse dich von deiner Kraft“, lautet eine Metapher im Wing Tshun. Im übertragenen Sinne auch: „Löse dich von deiner Angst“.

Kann Kampfkunst gesund sein? –  

–  Wer sich nicht beherrschen kann – hat verloren“.    –

Übertriebener oder falscher Ehrgeiz führt bei jedem Sport zwangsläufig zu Verletzungen.Es gibt Menschen, die sich beim autogenen Training die Arme brechen.  Hinter der Frage ob und wie gesund eine Kampfkunst ist, steckt der Anspruch an den Anwender, wie er mit seinem Wissen und Können umgeht.

Tatsache ist, dass sich Sportarten nach Verletzungsgefahr in Kategorien unterteilen lassen.  Dadurch lässt sich ermitteln, dass es sehr wohl Sportarten mit hohem Verletzungsrisiko gibt. Unter den Kampfsport- und Kampfkunstarten sind naturgemäß Sportler besonders gefährdet, die an Wettkämpfen teilnehmen. Wettkämpfe mit Leistungsanreiz (Urkunden, Prämie, Abzeichen, Pokale) steigern das Verletzungsrisiko drastisch. Verglichen mit manchem Breitensport sind Kampfsport, Kampfkunst nicht gefährlicher, wie z.B. Fußball, Volleyball, Handball…

Wer heute in Ausbildung und Beruf steckt kann sich keine Sportverletzung erlauben.  Damit könnten Ausbildung oder der Arbeitsplatz gefährdet sein. Auch üben wir nicht Selbstverteidigung um uns im Training zu verletzen.  Das ist jedem Teilnehmer klar und doch gibt es Unterschiede.

Ich möchte mich auf das beschränken, was ich jeden Tag übe: „Wing Tshun Selbstverteidigung“. Ohne Frage habe ich mir beim Training über die Jahre etliche blaue Flecken zugezogen. Unterm Strich, blieb ich jedoch von ernsten Verletzungen verschont. Glück gehabt – oder richtig geübt?

Wer Wing Tshun Selbstverteidigung ernsthaft betreibt, das heißt; regelfrei mit Partner übt und sich dabei weiterentwickeln möchte, lernt schnell, dass man alle Techniken „verhältnismäßig“ anwenden muss. Wer möchte schon mit einem Partner üben, der „ups“ versehentlich den Ellenbogen in den Kiefer schlägt oder „ups“ mit einem „Handkantenschlag“ die Kehle malträtiert oder „ups“ mit einem Fingerstich die Augen zerquetscht. Eine Entschuldigung reicht nicht aus um den Schaden wieder gut zu machen.

Wer auf Kosten des Trainingspartners Kampfkunst lernen möchte, kommt nicht weit. Training bleibt Training, gleich wie sehr die Übenden emotional beteiligt sind. „Wer sich nicht beherrschen kann – hat verloren“. Bei Wing Tshun Kampfkunst wird den Schülern viel Disziplin abverlangt. Den Gedanken siegen zu wollen, einem imaginären Fernziel unterzuordnen, fällt schwer. Dabei schwerer umso jünger und emotionaler die Übenden sind.

Wir setzen gerne auf Kraft und auf Techniken, die den Kampf zu unserem Vorteil schnell beenden. Schnell beenden sollen wir den Kampf jedoch nicht bei Wing Tshun, sondern möglichst lange in Bewegung bleiben und dabei die verschiedenen Techniken ausprobieren. Klappt das, was ich im Übungskampf langsam eingeübt habe unter Stress und mit Geschwindigkeit?

Mehr als anderswo lernen die Wing Schüler sich zu kontrollieren, rücksichtsvoll miteinander umzugehen und außerhalb des Trainingsraumes Auseinandersetzungen zu vermeiden. Das hat nichts mit Feigheit zu tun.  „Zerstören kann man leicht – aufbauen hingegen …“

So ist es für uns Wing Tshun Kampfkünstler ein Zeichen von geistiger Reife, nachzugeben. Jedoch nicht nachzugeben um aufzugeben, sondern nachgeben, um das Ziel auf andere Weise zu erreichen. Und dieses Ziel definiert jeder für sich selbst. Für manchen Kampfkünstler ist es Körperbeherrschung, andere wollen gesund bleiben, andere wieder ihre Fremdwahrnehmung kultivieren und so fort. Die wahre Kunst ist, miteinander zu kämpfen und unverletzt zu bleiben, dass zeichnet gute Wing Tshun Schüler aus.

Mens sana in corpore sano –

 

Chi steht für innere Stärke – 

Chi oder Qi, wie es in unterschiedlicher Schreibweise und Aussprache in Fernost heißt, steht für bewusste Wahrnehmung. Der aus der Ukraine stammende und später nach Israel emigrierte Moshé Feldenkrais (1904–1984), entwickelte in der Neuzeit (den 60er Jahren) ein pädagogisches Konzept. Ziel ist es dabei, die Elemente Bewegung, Sinnesempfindung, Gefühl und Denken über das Element Bewegung zu verändern und zu entwickeln.

Kampfkunst, aber auch andere Bewegungsformen können dazu führen, die in uns wohnenden Kräfte zu kultivieren. Wie weit das geht, liegt an den Trainingsmethoden, dem persönlichen Ehrgeiz und der Disziplin. Dabei wird auch bei der Kampfkunst Wing Tshun, durch ständiges Üben, das Qi gestärkt und im Umkehrschluss hat das gestärkte Qi Einfluss auf die Kampffähigkeit und auf das tägliche Leben des Übenden.

Shaolinmönche, die mit ihrer Show durch die ganze Welt ziehen, belegen eindrucksvoll, dass man seine Kraft auf einen Punkt konzentrieren und z.B. Steinplatten mit einem Schlag zerteilen kann, ohne sich selbst zu verletzen. Die Aufmerksamkeit die den Mönchen dabei zuteil wird, ist dieser unglaublichen Leistung geschuldet, nur wenige Zuschauer fragen, was den Mönch dazu befähigt.

Die Idee, dass der Mensch von Lebensenergie, vom Qi durchströmt wird, ist ein wesentlicher Teil des fernöstlichen, traditionellen Weltbildes. Dabei geht es weniger um Dinge die sich medizinisch belegen lassen, wie um eine gefühlte, innere Wirklichkeit. Dabei sind Temperament, Emotionen, Konzentrationsfähigkeit, Willenskraft und Widerstandskraft gegen Krankheiten … Parameter, die Bestandteile des  Qi sind und von dessen Existenz zeugen.

Heute tragen wir diesen Vorstellungen in der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) Rechnung, die sich weltweit verbreitet hat. In der Esoterik wird Qi schlicht als „Lebensenergie“ bezeichnet und zumeist von naturwissenschaftlich geprägten Menschen bezweifelt.

Tatsache ist, dass wir mit Kampfkunst, die in uns wohnende Kraft stärken, weiterentwickeln, kultivieren. Jeder weiß um den positiven Einfluss von Sport auf unsere Vitalität. Wir wissen, dass sich gesunder Geist im gesunden Körper ergänzt. Die Kampfkunst Wing Tshun vermittelt Eindrücke bei der  Eigen- und Fremdwahrnehmung, die uns lehren, auf unseren Körper zu hören. So ist gerade Wing Tshun geeignet, in einem Umfeld gegenseitiger Toleranz und Rücksichtnahme, die Empathiefähigkeit zu fördern. Wer u.a. über seine Umwelt sein Verhalten reflektiert, kann bewerten, wie es um sein Qi bestellt ist und daran arbeiten.  Ein weiterer interessanter Aspekt, der mich als Wing Tshun Kampfkünstler bestärkt fleißig zu üben.

Eine herausragende Übung im Wing Tshun nennt sich „Klebende Hände“ auf Chinesisch „Chi Sao“. Dabei handelt es sich um Partnerübungen, bei der durch kontinuierliches Drücken der Arme gegen die Arme des Partners, ohne den Kontakt zu verlieren, Bewegungsschleifen durchgeführt werden. Dabei wechseln ständig die Informationen vom drückenden und empfangenden Partner hin und her. Es ist somit ein Wechselspiel, zu viel oder zu wenig Druck, welches sich auf den ganzen Körper projiziert.

Die Arme dienen dazu, die wechselnden Druckverhältnisse aufzunehmen und in den Körper weiterzuleiten, die Körperspannung, die eigene und die des Partners erfahrbar zu machen, zu konditionieren und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen (vorgehen, wenden, zurückweichen).

Zum Lernerfolg zählen blitzschnelle Reaktionen, die ohne nachzudenken ausgeführt werden können, sobald von einem Gegner, auf die vorgeschobenen, schützenden Arme, Druck ausgeübt wird. Dabei lernt der / die Schüler/in schnell, dass der Druck richtig „gesendet“ und „empfangen“ werden muss, weil die Schultermuskulatur nicht dazu geschaffen ist, längerfristig starken Druck (noch dazu von einem großen und schweren Partner) aufzunehmen, bzw. dass der Körper bei schlechten Stand, unkontrolliert nach vorne oder zurück fällt.

Die Übung stärkt den sicheren Stand (Gleichgewicht), als auch die Wahrnehmungsfähigkeit der Übenden.  So lernt man maßvoll mit der eigenen Energie umzugehen, bzw. mit dem Körper zu „hören“ (Kräftefluss) und Chancen zu nutzen, die sich aus einer nicht geschützten Stellung bieten.

Im Freikampf werden alle Chi Sao Übungen (Kombinationen) regelfrei geübt. Dabei gibt es nur die Nahkampfdistanz, in der ebenso Ellenbogen und Beine eingesetzt werden dürfen. Ziel ist es, möglichst frühzeitig Ansatzpunkte zu erkennen, Lücken in der Deckung des  Gegners zu erkennen und diese aus verschiedenen Winkeln zu nutzen. Die Partner sehen dabei keinen Vorteil in dem sie voreinander zurückweichen, sondern indem sie die Nähe suchen.

Gerade diese Übung lässt sich in Verbindung mit philosophischen Grundsätzen des Daoismus bringen. Chi Sao ist eine Übung, in der die schützende Deckung des Gegners nicht als unüberwindliche Mauer betrachtet wird, sondern vielmehr als Sprungbrett, diese Mauer zu überwinden.  Wuwei  lehrt, dass man nur abzuwarten braucht (handeln durch nicht tun), der Gegner, im Bemühen etwas zu tun, seine Deckung öffnet (spontanes handeln).  

Obwohl ich die Vorteile des „Kampfes mit geschlossenen Augen‘“ (Blind kämpfen) in der Kampfkunst Wing Tshun kenne, befürchte ich, dass ich dieses Wissen, diese Erfahrung, nicht umfassend beschreiben kann. Ich versuche es trotzdem.

Sprechen wir heute von Sensibilität, bringen wir damit einen, auf äußerliche Reize, empfindlich reagierenden Menschen, in Verbindung. Blinde Menschen sind weitaus empfindlicher (sensibler) und reagieren auf Umweltreize schneller wie Sehende. Das kann oftmals von Vorteil sein. „Das Auge ist leicht zu täuschen“. Die Übung „Blind kämpfen“, kann uns vor Täuschungsmanöver des Angreifers bewahren, weil wir gelernt haben, unserem Körper und nicht unseren Augen zu vertrauen. Verlassen wir uns uneingeschränkt auf die Wahrnehmung der Augen können wir leicht getäuscht werden. „Blind kämpfen“ ist „ein“ Baustein, im Training, die Selbstverteidigungsfähigkeit zu verbessern und gleichzeitig zu lernen, miteinander zu kämpfen ohne sich zu verletzen.

Um unsere Wahrnehmung zu schulen, um uns unabhängig von visuellen Reizen und damit Täuschungsmanöver zu machen, lernen Wing Tshun Schüler, möglichst frühzeitig, mit geschlossenen Augen zu kämpfen. Dabei verfolge ich als Wing Tshun Lehrer verschiedene Ziele. Schüler die mit geschlossenen Augen üben, lernen viel schneller ihre Kraft zu kontrollieren. Weiterhin keine überflüssigen Bewegungen zu machen und ihren Stand zu optimieren.  Vieles von dem, was wir im Wing Tshun mit geöffneten Augen lernen, lässt sich mit geschlossenen Augen weitaus schneller verinnerlichen wie im Training mit geöffneten Augen.

Blind wird die taktile Wahrnehmung verbessert, d.h., die Wing Tshun Schüler werden konditioniert, entsprechend Berührungsdruck auf Körper, Arme oder Beine zu reagieren. Dabei fließen unsere Freikampferfahrung (Lat Sao) und die Erfahrungen, die wir mit dem Training der „klebenden Arme“ (Chi Sao) gewonnen haben, ein. Wir lernen dem zu vertrauen, was wir erfühlen und ertasten. Wir lernen zu verstehen, worum es beim Training mit dem Partner geht. Also kein „blindes hauen“ sondern ein Wahrnehmen mit allen Sinnen, wovon einige durch die geschlossenen Augen geschärft werden (Gleichgewichts, Lage, Kraft- und Bewegungssinn). Experten sprechen von den Sinnen zur Eigenwahrnehmung des Körpers und von den Sinnen zur Wahrnehmung der Umwelt. Behilflich sind uns dabei u.a. die Vielzahl der Rezeptoren in der Haut (Schmerzrezeptoren, Druckrezeptoren, Thermorezeptoren, Dehnungsrezeptoren, Tastrezeptoren). Damit erfüllt die Haut eine ganze Reihe kommunikativer Anforderungen und unterstützt uns bei der Wahl der richtigen Entscheidung, wie wir uns vor Umwelteinflüssen schützen – i.d.Z. das wir nicht von einem Gegner durch einen Schlag verletzt werden. 

Im Wing Tshun ist es Ziel, die Aktionen des Gegenübers frühzeitig zu erkennen. Wir müssen Lernen auf die Signale des fremden Körpers zu achten. Wing Tshun bietet sich besonders für das Kämpfen mit geschlossenen Augen „Blind kämpfen“ an, weil wir die Nähe zum Gegner suchen, um dem Gegner den Raum für ausholende Schläge zu nehmen, bzw. den Kampfprinzipien entsprechend; vorgehen, kleben bleiben, nachgeben oder folgen wollen.

Wer Wing Tshun erlernen möchte, sieht zunächst die Selbstverteidigungsaspekte. Wie bekomme ich  als Wing Tshun Lehrer Menschen dazu, miteinander Selbstverteidigung, möglichst realistisch, zu üben, ohne sich zu verletzen? Grundvoraussetzung ist; sich selbst und andere besser wahrzunehmen.

Die Formen im Wing Tshun sind eine Hilfe, sich selbst zu konditionieren, sich selbst wahrzunehmen, d. h. erkennen wo die eigene Mitte ist, was ist zu hart, was ist zu weich… Die Formen lehren einen angemessenen Stand, nicht zu hoch, nicht zu tief, das Vorderbein bleibt weitgehend unbelastet, der Körper ist spannungsgeladen und flexibel. Das Wissen; zentrale Linie, grundlegende Bewegungen, verschiedene Wendungen, Schrittarbeit, Tritte, Prinzipien (Beispiel: Löse dich von deiner Kraft) welches durch  die Formen vermittelt wird, ist für das Training eine große Hilfe. 

Mit der Entwicklung der Schüler schreitet auch der Anspruch verschiedener Formen voran. Es gibt drei waffenlose Handformen: Die sogenannte Kleine Idee Form, die Form der Brückenarme und die Form der stoßenden Finger. Darauf folgen die Form an der Holzpuppe, die Form mit dem Langstock und die Form mit dem Doppelmesser. 

Umso länger man die Formen übt, umso mehr kann man darin erkennen. Für den ungeübten Schüler ist es eine abwechslungsreiche Formenfolge, die man zunächst vom Ablauf verstehen möchte. Später erkennt man in der Form ein „Gerät“, mit denen sich der Körper dahingehend konditionieren lässt, dass die Wing Tshun typische Körperspannung nicht mehr eingenommen werden muss, sondern – im Idealfall – immer vorhanden ist.

Wing Tshun Kampfkünstler stärken mit den Formen ihr Chi (Lebensenergie). Dadurch wird der Körper in seinen natürlichen, ausgeglichenen Zustand gebracht. Für sich genommen sind die Wing Tshun Formen  gesundheitsfördernde Bestandteile der Kampfkunst Wing Tshun, die viele Jahrhunderte als Geheimwissen nur wenigen Eingeweihten zugänglich waren. 

Durch ein langes Studium der Formen und durch viele Wiederholungen, soll der Körper, die Knochen, Sehnen, und Muskeln in die Lage versetzt werden, die auftreffende gegnerische Kraft in schnelle, explosive Abwehrbewegungen umzuwandeln. Der Schutzarm wird z.B. winkelig gegen den Schlagarm wie ein Peitschenschlag geführt, dass durch die kurze abwehrende Bewegung, der gegnerische Arm  nicht nur aufgehalten, sondern kampfunfähig wird, –  der Angreifer bestimmt durch seinen Krafteinsatz die Wirkung des Abwehrtreffer – so das Ideal. Viele Techniken folgen dabei biomechanischen Prinzipien. Diese zu erkennen, helfen ebenfalls die Formen.

Das Thema Wing Tshun und Philosophie kann an dieser Stelle, wie im Übrigen alle meine Blogbeiträge, nur kurz angeschnitten werden.

Die Zusammenhänge, die sich zwischen Wing Tshun und Philosophie ergeben, sind im zeitlichen Kontext und in der persönlichen Entwicklung eines Menschen zu sehen. Damit meine ich, dass wir entsprechend Veranlagung, Bildung und Umwelteinflüsse,  philosophische Gedanken interpretieren und Jahre später wieder völlig anders bewerten können.

Gerne wird Wing Tshun im Zusammenhang mit dem Taoismus gebracht. Es gibt weitere Zusammenhänge, die sich aus der konfuzianischen und buddhistischen Lehre ergeben. Dabei liegt es am Standpunkt des Betrachters, wie sehr er der jeweiligen Philosophie geneigt ist.

Als Kampfkünstler sind mir die philosophischen Aspekte von Konfuzius, die Lehre des Buddha und das Werk des Laotse (der Tao-te-king) (insbesondere die Gedanken über Wu und Wei – intuitives Handeln) und das Buch: „Die Kunst des Krieges“ des Generals und Philosoph Sunzi vertraut. Gleichwohl möchte ich nicht den Eindruck erwecken, ich wüsste alles darüber. Das Gegenteil ist der Fall. Umso mehr man sich mit Philosophie beschäftigt, umso mehr wird einem bewusst, wie wenig man doch weiß.

Ich mag es nicht, wenn Kampfkunstlehrer ihre Schüler mit den Weisheiten alter Meister bombardieren. Für mich zählt, wie man sein Leben gestaltet, wie sehr man Vorbild sein kann. Jeder kann die Welt der Philosophie entdecken. Verpackt in kurzen Texten (Geschichten), manchmal humorvoll, manchmal spannend, lädt Philosophie ein, nachzudenken über den Sinn des Lebens und das Sein.

Grundlegende Wing Tshun Weisheiten, wie z.B. der Satz: „Was hart ist bricht“, braucht man wohl keinen Kampfkunstschüler näher zu erläutern. Andere Weisheiten, wie z.B.: „Weich sein, heißt nicht schwach zu sein“, "Nachgeben, heißt nicht aufzugeben", erfordern hingegen eine Erläuterung, sollten diskutiert werden. Dabei kommt es neben der Kampfkunst, die wir pflegen, zu manch interessanter Diskussion.

Für mich sind Wing Tshun und Philosophie nicht losgelöst voneinander zu betrachten, aber auch nicht über zu bewerten. Vielmehr ist es erstrebenswert die Erfahrungen, die sich aus dem Wing Tshun Training ergeben, in den Alltag zu transportieren. Manchmal bedarf es dazu eines kleinen Anstoßes, um die Dinge, die wir im Training mit Selbstverständlichkeit tun, philosophisch zu betrachten und mit nach Hause zu nehmen.

Arnis  (Stockkampf) ist eine philippinische Kampfkunst, die auch als Eskrima oder Kali bekannt ist.  Traditionell werden im Wing Tshun bei höheren Schülergraden der Langstock und die Doppelmesser unterrichtet. Um die Wing Tshun Schüler frühzeitig auf waffengeführte Angriffe vorzubereiten, haben wir einige Techniken aus dem Arnis übernommen.

Die Angriffs- und Abwehrtechniken (auch Entwaffnungstechniken) lassen sich leicht auf Angriffe mit Alltagsgegenständen übertragen. 

Dabei unterscheiden wir schneidende Bewegungen und kurze Schläge. Schneidende Bewegungen haben den Nachteil, dass sie oft über das Ziel hinausgehen. Es werden daher kurze, präzise Schläge nach dem Prinzip „Stein auf Wasser“ bevorzugt. Dahinter steckt der Gedanke, dass sich nach dem Konterschlag, der Stock (wie ein springender Stein auf der Wasseroberfläche) ein neues Ziel sucht.

Wir verwenden den 60 cm Kurzstock. Das Stockkampftraining vermittelt schnell ein Gefühl von Sicherheit. Der große Vorteil im Stockkampf ist, dass man sich mit einem Stock, unabhängig von der körperlichen Konstitution, leicht gegen mehrere Gegner verteidigen kann. Viele Menschen die Selbstverteidigung lernen, vertrauen weniger ihrer Schlagkraft und haben eine große Hemmschwelle – selbst in einer Notwehrsituation – einen Gegner zu treffen, zu berühren. Der Umgang mit dem Kurzstock kann helfen diese natürliche Hemmschwelle abzubauen.

Weitere Vorteile des Stockkampftrainings sind, dass wir mit dem Stock über eine weitaus größere Reichweite und Bewegungsgeschwindigkeit (Schlagkraft) verfügen. Die größere Distanz, verbunden mit raffinierter Schrittarbeit, bis hin zu Schlägen aus der Körperdrehung, macht den Anwender zu einem gefährlichen und schnellen Gegner. Dabei ist es ebenso möglich, einen Angriff mit dem Kurzstock abzuwehren und infolge der weiteren Handlung, den Gegner „verhältnismäßig“ ohne Stock zu kontrollieren. Vieles von dem was wir im Stockkampf lernen, können wir auf die waffenlose Kampfkunst Wing Tshun übertragen und umgekehrt. So ist der Stockkampf die ideale Ergänzung für unser Training.

Die Wing Tshun Holzpuppe (Mook Yan Joang)

In einem Shaolinkloster soll es eine Halle mit einem langen Gang gegeben haben, in der 108 Holzpuppen aufgestellt waren. Die Abschlussprüfung des Kung Fu Studiums, führte den Mönch durch diesen Gang. Die durch Mechanismen beweglichen Puppen stellten eine ernstzunehmende Gefahr für den Mönch dar. Wer diese Prüfung bestanden hatte, musste am Ausgang zwei glühend heiße Gefäße mit den Unterarmen beiseiteschieben. Dabei wurden dem Mönch der Tiger und der Drache in die Unterarme gebrannt.

Soweit die Legende vom Ursprung der Holzpuppe. Der Holzpfahl, mit und ohne Arme, hat eine lange Tradition in den Kampfkünsten. Ob dieser nun zum Waffentraining genutzt wurde, dass Gleichgewicht trainierte (Pflaumenholzpfähle) oder die Schlagkraft erhöhte. Großmeister Ip Man verbreitete das Wissen über die Holzpuppentechniken und optimierte die Holzpuppenform so wie wir sie heute kennen auf 116 Techniken.

Heute zählt das Training mit der Holzpuppe zum Höhepunkt in der Entwicklung eines Wing Tshun Schülers. Bevor es jedoch an die Holzpuppe geht, hat der / die Schüler/in durch fleißiges Üben ein Verständnis von den Prinzipien in Wing Tshun entwickelt. Damit können Verletzungen, durch das Training an der Holzpuppe, vermieden werden. Einige relativ schnell zu erlernende Übungen können den Einstieg an der Holzpuppe erleichtern.

Die Holzpuppe optimiert die Schritt und Handtechniken. Zudem wird die Koordination, das Gleichgewicht, das Distanzgefühl und das Verständnis für Winkel (Ausrichtung zum Gegner) verfeinert. Viele Techniken, die an der Holzpuppe geübt werden, lassen sich mit einem Partner umsetzen. Denkbar ist, dass die einstudierten Holzpuppentechniken, ohne Holzpuppe oder mit einem Trainingspartner geübt werden. Dabei wird, wie bereits beschrieben, neben der Visualisierung, die Koordination, die Schrittarbeit, das Distanzgefühl und das Gleichgewicht trainiert. Die Holzpuppentechniken sind nicht völlig neu und fremd, von dem was wir bisher gelernt haben, sondern finden sich in den verschiedenen Formen und bekannten Bewegungen wieder. Neu ist, dass bestimmte Techniken kombiniert, bzw. gleichzeitig ausgeführt werden.

Vom Holzpuppentraining können Anfänger und Fortgeschrittene profitieren. Die Holzpuppe ist somit eine wichtige Hilfe, die, neben dem H-Balken, dem Stockkampf, dem Langstock- und Doppelmessertraining und dem bevorzugten Partnertraining das Wing Tshun Training erheblich aufwertet und auf Jahre abwechslungs- und facettenreich gestaltet.