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Besonders viel geht mir hier in Australien nicht auf die Nerven. Lediglich die Reiserei die mit meinem Job nun mal verbunden ist kommt nahe dran. Seit Ende Januar bin ich zum ersten Mal wieder drei Wochen am Stück zuhause in Brisbane. Dazwischen lagen Trips nach Townsville, Sydney (3x), Canberra, Melbourne (2x), Dortmund (das liegt in Deutschland), Auckland (Neuseeland) und Adelaide. Im März und April habe ich jeweils ganze fünf Nächte in meiner Wohnung verbracht. Da hätte ich meine Bude im Grunde für zwei Monate untervermieten können. Für die fünf Nächte hätte ich dann eine Luftmatratze genommen und im botanischen Garten gepennt.
Das schönste an der Reiserei ist die Rückkehr nach Brisbane, der Moment in dem ich aus dem Terminal trete und bei 25 Grad in den blauen Himmel schaue. Davon kriege ich nicht genug.

Im Februar fanden die Qualifikationsturniere für die Olympischen Spiele in London statt. Zunächst das australische, dann das kontinentale. Das Ergebnis war sehr gut für uns, wir haben unser gestecktes Ziel die maximale Anzahl an Spielern zu qualifizieren erreicht – jeweils zwei im Einzel und einen dritten Spieler für die Mannschaftswettbewerbe. Und mittlerweile habe ich auch die offizielle Bestätigung vom Australischen Olympischen Komitee bekommen, dass ich in London dabei bin! Das macht mich unheimlich stolz, und ich bin sicher, dass es ein unvergessliches Erlebnis wird. Einen kleinen Wehrmutstropfen gab es dann jedoch bei einer Telefonkonferenz mit dem AOC Anfang der Woche. Das Organisationskomitee LOCOG hat beschlossen, dass beim Einmarsch der Nationen nur Athleten und ganz wenige selektierte Coaches dabei sein dürfen. Das ist eine Änderung gegenüber den früheren Olympischen Spielen. Der TT-Coach hat hier in Australien leider keine besondere Priorität, aber mal schauen, irgendwie schmuggle ich mich schon dazwischen.

Ende März/Anfang April war ich dann für zwei Wochen in meiner Heimat Dortmund, wo ironischerweise die Mannschafts-Weltmeisterschaft stattfand. Sportlich war es ein großer Erfolg für uns, sowohl die Damen, als auch die Herren verbesserten ihr Ergebnis gegenüber der letzten WM in Moskau 2010 um jeweils 15 Positionen: Die Damen gewannen die 2. Division und wurden dadurch Gesamt-25. Bei der nächsten WM warten in der 1. Division dann Gegner wie China, Korea, Japan und…. Deutschland. Die Herren wurden Gesamt-35. und erzielten damit das beste Ergebnis seit 21 Jahren. Für mich eine sehr gute Referenz, denn letztlich kann ich mir die guten Resultate genauso auf meine Karte schreiben, wie ich für die schlechten den Kopf hinhalten muss.

Die Reise war eine Erfahrung für sich, denn es ist einfach seltsam sich 24 Stunden ins Flugzeug zu setzen um zu einer Veranstaltung mitten in der alten Heimat anzureisen. Unwahrscheinlich groß war die Anzahl der Leute, die ich im Rahmen der WM wieder gesehen habe. Ich konnte selten mehr als zehn Meter gehen ohne jemanden zu treffen. Es kam mir vor, als wären sämtliche Koryphäen aus der lokalen, regionalen, nationalen und internationalen TT-Szene für eine Woche in Dortmund gewesen. Wahrscheinlich hätte ich die komplette Woche ausschließlich mit Quatschen und Geschichten erzählen verbringen können, aber leider war es manchmal dann zu hektisch und es blieb kaum Zeit für einen kurzen Schnack, denn schließlich war ich ja in erster Linie beruflich vor Ort und hatte auch Verpflichtungen.
Zum Glück konnte ich auch Zeit mit der Familie verbringen, die fast täglich vor Ort war. Und obendrein haben sich ein paar Schulfreunde die Gelegenheit für das eine oder andere Treffen nicht nehmen lassen also war es rundherum ein echt toller Trip in die alte Heimat.

Aber trotzdem war die Freude zurück nach Hause zu fliegen nicht weniger groß. Nach wie vor geht es mir hier hervorragend, wenngleich die Anfangseuphorie nicht mehr ganz so groß ist wie noch im Juni 2011. Die zehn Monate die ich jetzt hier bin sind beinahe wie ein Fingerschnipps vorübergegangen.

Hier und da werden mir im Übrigen auch immer noch Überraschungen serviert, so dass keine Zeit für Langeweile bleibt: So zum Beispiel, als ich vor gut einem Monat früh morgens zu meinem Auto ging um zum Flughafen zu fahren. Von weitem sah ich, dass ein Wagen aus den am Straßenrand parkenden Autos hervortrat. Er war diagonal zur Hälfte auf dem Gehweg abgestellt, die Scheibenwischer waren hochgestellt. Das konnte unmöglich meiner sein, so hatte ich ihn den Abend vorher definitiv nicht abgestellt. Als ich näher kam traute ich meinen Augen nicht – die Fahrerseite sah aus, als hätte sich ein Hippo dran gerieben. Die komplette Seite war von einem scheinbar heftigen Einschlag zerknautscht, beide Türen, sowie Front- und Heckkotflügel reif fürs Altmetall. Zudem musste die Radaufhängung gebrochen sein, denn die Vorderräder standen zueinander wie meine Ski, als ich zum ersten Mal draufstand. Ich malte mir schon diverse Horrorszenarien aus, dann fand ich zum Glück eine Notizkarte im Türspalt eingeklemmt. Ich erwartete etwas wie: „Rücke vor bis zur Schlossallee,“ auf der einer der Mitspieler gerade ein Hotel gebaut hatte. Aber nein, glücklicherweise war es die Karte eines Police Constables der mir seine Kontaktdaten und die Info hinterlassen hatte, dass der Vorfall von der Polizei aufgenommen wurde.
So ging ich nach meiner Rückkehr abends direkt zur Wache (liegt direkt gegenüber meinem Appartmentgebäude) und fragte was zum Geier denn mit meinem Auto passiert wäre. Es stellte sich heraus, dass irgendein Trottel beim Ausparken laut eigener Aussage Gas und Bremse vertauscht („der Klassiker“, dachte ich mir) und zudem die Zugkraft seines Wagens unterschätzt habe und mir dann dermaßen in die Flanke geritten sei, dass seine Kutsche sogar einen Totalschaden davontrug.
Unglücklicherweise hatte er seinen Untersatz erst vor zwei Wochen erstanden und noch keine Versicherung abgeschlossen… Der Reparaturschaden an meinem Wagen betrug 9.000 AUD, die der Kollege jetzt womöglich selbst abrattern muss. Ist aber nicht mein Problem, wofür welches Pedal ist sollte man wissen wenn man vier Räder bewegt. Meine Versicherung hat mir freundlicherweise für die Reparaturzeit einen Mietwagen gestellt. Aber nichtsdestotrotz ist mein Wagen nun ein Unfallwagen was für den Verkaufswert nicht so toll ist.

Eine tolle Erfahrung war auch der einwöchige Trip nach Auckland/Neuseeland, bei dem ich im Rahmen der ozeanischen Jugendmeisterschaften auch ein dreitägiges Trainingscamp für den Weltverband ITTF geleitet habe. Neben den Nachwuchsspielern aus Australien und Neuseeland waren auch etliche Jungs und Mädels inklusive Trainer von den pazifischen Inseln dabei, wie z.B. Kiribati, Fiji, Neukaledonien oder Cook Islands. Und ganz ehrlich: ich habe noch nie fröhlichere und glücklichere Menschen getroffen als sie. Zeit spielt bei ihnen keine Rolle, was zählt sind Essen, Familie, Essen, Sonne, Essen, Strand und Essen. Sie sind mit den unglaublichsten Kleinigkeiten zum Lachen zu bringen. Eines ihrer Highlights in der Woche war der Kaffeeautomat im TT-Zentrum Aucklands, der für die Woche Kaffee umsonst spendete. Als ich einem kleinen Jungen von den Fiji-Inseln zeigte wie man einen Ball abwechselnd auf der Vorhand- und Rückhandseite ticken lässt, riss es ihn zu wahren Begeisterungsstürmen hin. Er schien es nicht für möglich gehalten zu haben, dass das überhaupt im Bereich des technisch möglichen liegt.
Herzerfrischend unverbraucht auch die Frage eines Mädchens von den Cook Inseln an ihren Trainer, als ich die Jugendlichen vor der ersten Trainingseinheit zum Warmlaufen schicke: „Warum laufen wir?“ Die Erklärung des Trainers mir gegenüber machte dann Sinn: Die Cook Inseln liegen mitten im Pazifik und haben für gewöhnlich Temperaturen die ein Aufwärmen zumindest im wörtlichen Sinn nicht nötig machen. Deswegen hat das bislang auch keines der Mädels jemals gemacht.

Brisbane Roar mit dem deutschen Thomas Broich ist hier vor kurzem erneut Meister geworden. Dabei haben die beiden Ex-Bundesligaprofis Broich und Besart Berisha tragende Rollen gespielt. Gegen Perth Glory lag Roar im eigenen Stadion bis zur 84. Minute mit 0-1 zurück. Dann flankte Broich auf den Kopf von Berisha, der nickte zum 1-1 ein. Von hieran nahm das Unheil für die Gäste ihren Lauf. In der 88. Minute setzte es eine Rote Karte, und als sich in der 95. Spielminute Besart Berisha im Strafraum beim Schussversuch vor das eigene Standbein tritt gab es sogar Elfmeter für Roar. Den verwandelte Berisha selbst zum sehr glücklichen 2-1. So will man sicherlich keinen Meistertitel gewinnen.

Ich habe unter der Woche meine ersten drei freien Tage genossen. Seit einer Woche ist keine Wolke am Himmel, deswegen bin ich die ganze Zeit draußen und verbringe die Zeit mit Golfen, Body Boarden, Sport und allem was man sonst noch gerne draußen und am Wasser macht.

Anfang Juni steht dann der nächste Trip an. Dieses Mal geht es für acht Tage auf die Fiji-Inseln. Kein allzu schlechtes Ziel für einen „Business Trip“…

Beste Grüße aus Brisbane

Jens Lang

Wenn es hier in Queensland eine Textilienetikette, einen Dresscode gibt, dann ist es die Pflicht überall und zu jeder Zeit seinen „Boardie“ zu tragen. Der Boardie ist ein knielanger Badeshort, die Standardbekleidung eines jeden Surfers. Und hier in Brisbane, aber vor allem in den Vororten und ansonsten ländlicheren Gegenden in Queensland ist der Boardie ein absoluter Allrounder – er ersetzt die Jeans, die Sporthose, die Unterhose und das sonst übliche Arbeitsbeinkleid des Handwerkers. Dazu kommt ein günstiges, unauffälliges T-Shirt sowie Flip-Flops, und fertig ist die Goldcoast-Uniform. So eingekleidet hat man gute Chancen als „local“ durchgewunken zu werden.

Ich muss zugeben, dass diese Bekleidung Vorteile hat. Sie ist der Temperatur angemessen, die hier im Jahresdurchschnitt nun mal nur zwischen 21 Grad (Juni) und 31 Grad (Januar) variiert. Gleichzeitig ist man immer passend angezogen, falls man einen plötzlichen Drang zum Sprung ins Wasser verspürt. Dieser Drang überkommt einen hier oft und unangekündigt. Und bei jedem anderen Drang ist der Boardie zumindest kein besonderes Hindernis. Ich habe mich entsprechend angepasst und kann in meinem Kleiderschrank mittlerweile aus drei Modellen auswählen.

In der letzten Woche habe ich hier zum ersten Mal mit der Regenzeit Bekanntschaft gemacht. Es hat sieben Tage lang geregnet, zwischenzeitlich zu Wochenbeginn sogar einmal sage und schreibe 37 Stunden ohne Unterbrechung. Man brauch die Goldcoast-Uniform zwar auch dann nicht gegen die Regenjacke einzutauschen, da es nach wie vor ca. 28 Grad warm ist. Aber es hat für anderthalb Tage einfach nicht aufgehört zu schiffen. In den Vororten waren an manchen Stellen Strassenabschnitte überflutet und nicht mehr befahrbar, ansonsten gab es jedoch keine wirklichen Schäden. Und mit der Flut vom vergangenen Sommer war das längst nicht vergleichbar. Mittlerweile ist das Wetter wieder zur Vernunft gekommen und zeigt sich täglich von heiter bis wolkig.

In der vergangenen Woche habe ich hier auch meinen bisher größten Erfolg gefeiert. Nein, nicht im sportlichen Sinn. Ich habe mich erfolgreich gegen eine 200-Dollar-Strafe von der Stadt fürs falsch Parken gewehrt. Das Vergehen datiert zurück auf den 26.9.2011. Damals hatte ich abends meinen Wagen direkt vor einem Parkschild abgestellt, das klar anzeigte den Wagen über Nacht legal dort parken zu können. Als ich nächsten Morgen zu meinem Auto ging war es weg – abgeschleppt. Das war damals das Schlüsselerlebnis, das mich in die Verzweiflungsphase stürzte. Bis dahin hatte ich den Parkregeln und der Art ihrer Durchsetzung und Vollstreckung noch nach Spuren von Intelligenz gesucht. Aber das war damals der Beleg, dass Abwesenheit von Vernunft, sowie Irrwitz und Schwachsinn eine große Rolle bei den Gesetzesentwurfsitzungen des Stadtrates spielen mussten. Mit Leidenschaft und ordentlich Tinte auf dem Füller verfasste ich eine eidesstattliche Erklärung in der ich präzise Kritik formulierte und mit Nachdruck auf meine Unschuld hinwies. Und wenn die Aussies Stress, inconvenience und möglicherweise unangenehme Dissonanzen befürchten, ziehen sie nicht selten den Schwanz ein. Und tatsächlich folgte neulich die Benachrichtigung durch die Stadt, dass bei der „Ausstellung des Strafzettels ein Fehler passiert“ sei und man sich für entstandene Unannehmlichkeiten entschuldige. Ganz hervorragend fand ich das und zudem genugtuend. Und obendrauf hole ich mir jetzt natürlich auch noch die Abschleppgebühren wieder.

Ich bin es Leid hier andauernd meinen Namen sechsmal aussprechen oder buchstabieren zu müssen. Egal ob am Telefon oder an der Kasse bei Starbucks, der Name Jens ist den Aussies ziemlich unbekannt, und ruckzuck sind sie überfordert. Deswegen heiße ich in vergleichbaren Situationen seit kurzem Luke. Mit diesem Namen fühle ich mich wohl, da ich ihn in der Vergangenheit bereits an anderen Stellen und zu anderen Zwecken verwendet habe.
Überhaupt nicht leid werde ich hingegen den Eindruck, dass das Land wie schon früher erwähnt schlichtweg noch sehr wenig abgenutzt und verbraucht ist. 20 Millionen Menschen auf einem Gebiet welches fast so groß wie Europa ist beschleunigen den Alltag nun mal deutlich langsamer, als es 82,5 Millionen tun die gerade mal in einem Viertel des Gebietes von Queensland aufeinander hocken. Die Konditionen der Banken sind eines von vielen weiteren Beispielen dafür. Das Guthaben auf dem eigenen Girokonto wird hier z.B. standardmäßig mit 2,5% verzinst. Und täglich verfügbare Spareinlagen bekommen einen Zinssatz von 4,5% oder mehr. Der australische Dollar wird zudem immer stärker, auch das ist für mich von Vorteil.

Beruflich stehe ich vor einem Jahr mit etlichen Highlights – Weltmeisterschaften bei den Jugendlichen und Erwachsenen, Kontinentalmeisterschaften, Australian Open und natürlich ganz oben die Olympischen Spiele sowie die Qualifikationsturniere dazu. Ich werde viel unterwegs und in diesem Jahr u.a. in Neuseeland, auf Fiji und in Südafrika sein. Hinzu kommen viele Reisen im Inland. Denn bislang habe ich noch längst nicht alle Bundesstaaten besucht. Die nächste internationale Reise steht Ende März an – dann komme ich zur Mannschafts-WM zurück in die Heimat nach Dortmund. Für ein Turnier welches ich früher mit dem Fahrrad hätte besuchen können muss ich mich jetzt 24 Stunden ins Flugzeug setzen.

Zunächst bekomme ich an diesem Wochenende jedoch Besuch aus der Heimat. Meine Eltern kommen für drei Wochen nach Brisbane. Es ist ihre erste Reise nach Australien, von daher wird es eine spannende Zeit für alle. Ich mache mir allerdings nicht die geringsten Sorgen, denn ich habe bislang von niemandem gehört der drei Wochen Urlaub in Queensland gemacht hat und nicht mit einem entspannten Grinsen nach Hause zurückgekehrt ist.

Beste Grüße aus Brisbane

Jens Lang

 

Ganz oben auf meinem Wunschzettel stand zur diesjährigen Ausgabe von Weihnachten Ölzeug und eine Grubenlampe. Ohne beides traue ich mich bei dem Wetter der vergangenen Woche hier nicht vor die Tür. Keine Ahnung welcher Teufel mich geritten hat meinen australischen Sommerurlaub in Deutschlands nasskaltem Winter zu verbringen.

Aber Scherz beseite: Vor einer guten Woche bin ich in Bönen zu meinem dreiwöchigen Heimaturlaub angekommen. Die Feiertage, insbesondere Weihnachten, mit meiner Familie und meinen Freunden zu verbringen lasse ich mir nicht nehmen, ganz gleich wo ich jetzt wohne. Der Heiligabend wird bei uns seit ich denken kann zu Viert mit einem Gottesdienstbesuch, anschließender Bescherung und gemeinsamem Fondue-Abendessen gefeiert. Und wenn es nach mir geht soll das auch in Zukunft so bleiben.

Mein australischer Arbeitgeber bezahlt mir einen Heimflug pro Jahr. Den kann und werde ich auch in Zukunft jeweils dazu nutzen die Weihnachtsfeiertage und die Jahreswende bei Familie und Freunden zu verbringen.

Sehr viel ist in den vergangenen zwei, drei Monaten passiert. Ende Oktober hatte ich meinen ersten Besuch aus Deutschland – mein Bruder Jochen kam für zwei Wochen vorbei. Es war sein erster Australientrip, nicht nur deswegen habe ich mir ein paar Tage frei genommen und mit ihm so viel wie möglich unternommen. Im Programm inklusive waren u.a. ein Besuch des wichtigsten Motorsportereignisses in Südost Queensland, dem „Goldcoast 600“-Rennen der australischen V8-Supercar Rennserie (vergleichbar mit der deutschen Tourenwagen-Meisterschaft), ein kurzer Wochenendtrip zum Backpacker-Paradies Byron Bay an Jochens Geburtstag und zum etwas weiter südlich gelegenen Strandörtchen Cabarita Beach, eine Tour zur vor Brisbanes Küste gelegenen Moreton Island mit anschließendem „Whale watching“, sowie ein Zwei-Tages-Trip nach Melbourne. Auch ein Spiel des hiesigen Fußballklubs „Brisbane Roar“, bei dem der deutsche Thomas Broich (ehemals Gladbach, Nürnberg und Köln) unter Vertrag steht, gegen Adelaide United haben wir uns angeschaut. Die Heimspiele finden im Suncorp Stadium statt, das direkt an mein Bürogebäude angrenzt. Dabei kamen wir wenige Minuten zu spät ins Stadion und waren noch damit beschäftigt uns an einem der Cateringstationen mit einem Snack + Bier zu holen, da fiel das 0-1 für die Gäste aus Adelaide. In dem Moment befürchteten wir noch, dass der Spielstand so bliebe und damit nicht nur Brisbane verloren, sondern wir auch das einzige Tor des Tages verpasst hätten. Diese Sorge war jedoch unbegründet, denn weitere 25 Minuten später stand es 5-1 für Brisbane. Endstand war letztlich sogar 7-1, und wir kamen toretechnisch voll auf unsere Kosten.

Ein hervorragendes Beispiel für die horrenden Parkgebühren in Brisbanes Innenstadt bekam Jochen schließlich auch noch geliefert. Als wir in den frühen Morgenstunden zum Flughafen aufbrechen wollten um nach Melbourne zu fliegen bemerkte ich, dass mein Wagen rechts hinten einen Plattfuß hatte. Wir freuten uns über das ausgezeichnete Timing dieses Ereignisses, es war 4 Uhr in der Früh, und unser Flieger ging um 5 Uhr, und überlegten schnell wo wir den Wagen für die beiden Tagen denn nun stehen lassen könnten. Die einzige Lösung war ein öffentliches Parkhaus direkt neben meinem Appartmentgebäude. Gegen kurz nach Vier stellte ich meinen Wagen dort also ab, und wir sprangen ins Taxi zum Flughafen. Bei unserer Rückkehr am nächsten Abend gegen 22.30h kümmerten wir uns zunächst um den Reifenwechsel bevor wir die Parkkarte zum Bezahlen in den Automaten steckten. Angstvoll blickte ich auf das Display auf dem dann wenige Sekunden später die Zahl „156“ stand. Vergeblich suchten wir das Komma nach der ersten oder zweiten Stelle – da war nämlich keines. 156 Dollar für 42 Stunden Parken trieb uns den kalten Schweiß auf die Stirn. Mehr und mehr denke ich, dass der Kauf einer Parkbucht hier in Brisbane ein phantastisches Mittel zur Altersvorsorge ist.

Am 31.10. flogen wir dann beide nach Deutschland, leider auf etwas anderen Routen. Für meinen Bruder war es der Rückflug nach Düsseldorf, für mich war es der Hinflug einer dreiwöchigen Turnierreise mit den australischen Nationalmannschaften, die mit dem World Team Cup in Magdeburg begann. Dabei bekam ich zum ersten Mal am eigenen Leib zu spüren welche Reisestrapazen die australischen Spieler gerade für internationale Turniere in Europa auf sich nehmen müssen. Zwischen dem Durchschreiten meiner Wohnungstür in Brisbane und der Tür meines Hotelzimmers in Magdeburg vergingen letztlich 38 Stunden. In der Anreise enthalten waren vier Flüge (Brisbane – Melbourne – Dubai – Frankfurt – Leipzig) und eine Busfahrt (Leipzig – Magdeburg). Hinzu kamen neun Stunden Zeitunterschied, eine optimale Wettkampfvorbereitung sieht anders aus. Für mich war es gleichzeitig der erste Besuch in Deutschland seit meinem Umzug nach Australien im Juni und schon ein wenig komisch.

Nach dem Turnier hatte ich die Gelegenheit vier Tage bei meiner Familie zu verbringen, bevor es weiterging zum Herren-Weltcup in Paris, für den sich unser Topspieler William Henzell qualifiziert hatte.

Nach zwei Tagen dort stand der Weiterflug zu den Jugend-Weltmeisterschaften in Bahrain auf der Agenda, der für mich mit ausgedehnter Wartezeit am Flughafen in Paris begann. Am Check-In Schalter der Emirates Airlines war ich nämlich Erster in der Schlange hinter etwas, das mir vorkam wie der Umzug einer arabischen Familiendynastie. Ein älterer Herr lief nervös gestikulierend hin und her und rief mit lauter und hektischer Stimme Kommandos an sein Gefolge. Hinter ihm etwa zehn bis zwölf verschleierte Frauen, sowie etliche Teenager, allesamt mit voll bepackten Gepäckwagen vor sich. Der ältere Herr hielt 28 Pässe in der Hand und wollte seine komplette Familie auf einmal einchecken. Leider winkten die Emirates Mitarbeiter ab und verlangten, dass jedes einzelne Familienmitglied einzeln und persönlich eincheckte. Auch eine lange und laute Diskussion, die ich auf ein Einsehen des Check-In Personals (schlicht aus Zeitgründen) hoffend verfolgte, änderte daran nichts. Dann begann der ältere Mann damit alle 28 Pässe an seine Familienmitglieder auszuteilen, die hierzu aus den verschiedenen Ecken des Terminals heran eilten. Denn nicht alle standen hinter ihm in der Check-In Schlange. Gerade bei den bis auf die Augen verschleierten Frauen stelle ich mir das nicht leicht vor. Ich seufzte, setzte mich auf mein Gepäck und schaltete meinen iPod ein.

Zur Jugend-WM in Bahrain hatte ich bei den Mädchen ein sehr junges Team nominiert. Der Altersschnitt von 13 war der jüngste im ganzen Turnier. Dabei war die erst zehnjährige Angela Zhan, das derzeit größte Talent in Australien, eine der Hauptattraktionen des Turniers. Mit sonnigem Gemüt und unbekümmerter, moderner Spielweise holte sie sich die Aufmerksamkeit der Teilnehmer und Zuschauer. Ihr und einem unglücklichen Zufall verdanke ich im Übrigen eine weitere interessante Erfahrung. Im gemischten Doppel trat ihr 17-jähriger Mixedpartner ihr versehentlich auf den Fuß. Ergebnis: Verdacht auf Bruch des kleinen Zehs. Da sie nur unter Schmerzen laufen konnte entschied ich die todunglückliche Angela aus dem Turnier zu nehmen und sie untersuchen zu lassen. Mithilfe der sehr engagierten freiwilligen Helfer des Turniers organisierte ich eine Fahrt ins Krankenhaus. Und so fand ich mich eine halbe Stunde später mit der kleinen Australierin Angela sowie ihrer chinesischen Mutter in einem Krankenhaus in Bahrain wieder und arrangierte mit den Ärzten eine Untersuchung. Eine nicht alltägliche Situation und Aufgabe, die aber letztlich glimpflich ausging.

Beeindruckt war ich von der Hilfsbereitschaft und der Gastfreundschaft der Bahrainis. Jederzeit offen und freundlich versuchten sie alles, damit sich die Teilnehmer und Gäste des Turniers so wohl wie möglich fühlten.

Nach meiner Rückkehr nach Australien stand wenige Tage später noch ein Wochenend-Lehrgang des U13-Kaders in Melbourne an. Damit hatte ich im Oktober und November an insgesamt sieben kompletten Wochenenden gearbeitet. Das ist einer der Nachteile meines Jobs. Aber andererseits bekomme ich dafür auch an anderer Stelle mal einen oder zwei freie Tage, also gleicht es sich auch wieder aus.

Mitte Dezember, quasi als letzte Diensthandlung vor meinem Heimaturlaub mussten noch sämtliche Nationalmannschafts- und Olympiakader auf Basis der erzielten Ergebnisse in 2011 nominiert werden. Diese Nominierungen werden durch den Nominierungsausschuss vorgenommen, dem ich als Sportdirektor vorsitze. Da nicht nur die Damen- und Herrenkader, sondern auch die der verschiedenen Nachwuchsaltersklassen (U13, U15, U18) benannt werden müssen dauert das für gewöhnlich ein oder zwei volle Tage. Und gerade bei der Nominierung zum „Olympic Shadow Team“ ist es essentiell, dass die Kriterien so genau wie möglich beachtet werden. Denn nur die Mitglieder dieses „Olympic Shadow Team“ haben Mitte Februar die Berechtigung am australischen Olympia-Qualifikationsturnier teilzunehmen. Und deshalb bedeutet jede Nichtnominierung gleichzeitig auch immer das Zerplatzen eines Olympischen Traums, bevor er überhaupt angefangen hat.

Wenige Tage vor meinem Abflug nach Deutschland kam ich dann endlich auch noch zu meiner ersten echten Surflektion. Vier Jungs aus dem Freundeskreis meiner Freundin luden mich an einem Samstagabend ein doch am nächsten Morgen mitzukommen und ein paar „Wellen mitzunehmen“. Meine Neugier und Unternehmungslust waren größer als mein Respekt und so fand ich mich am nächsten morgen um 4.30h in der Früh bei schönstem Wetter auf dem Weg an die menschenleeren Strände ca. eine halbe Autostunde südlich der Goldcoast. Als wir gegen 5.00Uhr an der ersten Location ankamen gaben die Jungs der Brandung zunächst den für Surfer klassischen, prüfenden Blick. Aus irgendeinem Grund waren sie jedoch nicht zufrieden. Beim Anblick der Brandung und dem Gedanken, dass ich darin meine ersten Surf-Gehversuche machen sollte, wurde mir kurzzeitig übel. Da der Pazifik an der Goldcoast und den Stränden des nördlichen New South Wales ungebremst und frontal auf die schnurgerade Strandlinie rollt, hat die Brandung ordentlich Wucht. Wir fuhren dann weiter den Strand entlang auf der Suche nach einem geeigneten Plätzchen. Nach einer knappen Stunde kamen wir dann an einen Strandabschnitt an, bei dem die Jungs mit dem „Surf“ zufrieden waren. In dem Moment wusste ich dann auch, weshalb die vorherigen Locations durchgefallen waren: Die Brandung war ihnen nicht hoch genug. Beim ersten Blick in die Wellen musste ich kurz schlucken, aber dann dachte ich mir „was soll´s. Falls du bei deinem ersten Surfversuch ertrinkst, dann tu es wenigstens mit Anstand.“ Ich mir also nichts anmerken lassen, mein Board eingewachst wie es sich gehört, die Schnur ans Bein gebunden, das Board unter den Arm geklemmt und rein in die Dünung. Schwimmen ginge ich in einer solchen Brandung im Leben nie, aber das Surfboard gibt einem schon ein gewisses Gefühl von Sicherheit.

Surfen kann man das was ich gemacht habe noch nicht nennen. Ich war in erster Linie mit dem Durchtauchen von Wellen und Paddeln beschäftigt. Und nach einer halben Stunde Paddeln grüßen die Nackenmuskeln freundlich und geben ihren Dienst auf. Bei manchen Wellenbergen war ich überzeugt, dass sie mich bis nach Neuseeland tragen würden. Wenn man mal eine davon erwischt, dann fängt der Spaß erst richtig an. Das Board nimmt Geschwindigkeit auf und im Handumdrehen reißt es einen herunter und man fühlt sich wie die Katze in der Waschmaschine. Aber trotzdem macht es einen Höllenspaß, und ich werde es in jedem Fall wieder versuchen. Denn zum Leben in Queensland gehört das Surfen einfach dazu.

Am 5. Januar geht es für mich zurück nach Brisbane. Und im ersten Monat des Jahres habe ich zum Glück drei freie Wochenenden, an denen ich meine Surfqualitäten ausbauen kann…

Guten Rutsch ins Neue Jahr,

Jens Lang

Mir geht as hier so gut, dass ich mich neulich beim Luftgitarre spielen zu Lynyrd Skynyrd’s “Simple Man” unter der Dusche erwischt habe. Der Job läuft soweit gut, in meiner Wohnung und in der Stadt fühle ich mich wohl, und in meiner Freizeit weiß ich nicht was ich zuerst machen soll, weil das Angebot für 100 Jahre Spaß haben reicht.

Natürlich ist nicht alles rosarot oder Gold was glänzt. Einer der Gründe weshalb ich die Position bekommen habe ist, dass mir zugetraut wird langfristig die Kultur und Mentalität im australischen Tischtennissport zu verändern. Das ist ein Kompliment was mich stolz macht, aber gleichzeitig eine sehr hohe Messlatte an der zahllose meiner Vorgänger, darunter ebenfalls einige aus Übersee, gescheitert sind, bzw. selbst nach einiger Zeit abgewunken haben. In meiner Funktion als Vorsitzendem des Nominierungskomittees gehe ich z.B. gerade durch meinen ersten Härtetest. Ich habe eine Entscheidung getroffen, die für die eine oder andere etablierte Person ungemütlich und gleichbedeutend mit mehr Einsatz und Arbeit verbunden ist. So etwas ist bei den Personen, die sich in der bisherigen TT-Kultur bequem eingerichtet haben so willkommen wie die Diphterie. Und deshalb wehren sie sich dagegen. Egal in welcher Richtung er am Ende zeigt, ich freue mich in jedem Fall auf den Ausgang dieses Tests, weil er für mich eine klare Standortbestimmung sein wird.

 

Die vergangenen Wochen haben mich dienstlich nach Melbourne und Umgebung, sowie Sydney geführt. Da das Land so unverschämt groß ist, finde ich in jedem Bundesland völlig andere Situationen und Problemstellungen vor, die einen zentralen Ansatz für alle im Grunde unmöglich macht. Jedes Bundesland hat seine ganz eigenen Probleme, die sich von denen eines jeden anderen Bundeslandes unterscheiden. Deshalb erfordert jedes Bundesland eigentlich einen eigenen Lösungsansatz.

Victoria und speziell Melbourne ist der beste Standort, wenn man in Australien geboren und auf das schmale Brett gekommen ist, ein guter Tischtennisspieler werden zu wollen. Hier gibt es die größte Dichte an Spielern und Clubs.

 

Generell sind die TT-Clubs hier in Australien völlig anders aufgestellt als in Europa. In vielen Fällen besitzen sie ein eigenes „Stadium“, also eine eigene Halle in der die Tische und Courts permanent aufgebaut sind. Spielen können zum einen die Clubmitglieder, und zum anderen Gäste, und die Benutzung der Tische erfolgt in der Regel gegen eine Platzmiete, die pro Stunde bepreist wird. Der Betrieb der Clubs erfolgt ähnlich denen der Squash-, Badminton- oder Tenniscenter in Deutschland und ist in erster Linie auf einen Kosten deckenden Geschäftsbetrieb fokussiert. Für die Entwicklung des Sports ist das eine denkbar ungünstige Konstellation, denn den meisten TT-Clubs ist es wichtiger, eventuell unvermietete Tische an Laufkundschaft, die noch nie zuvor einen TT-Schläger in der Hand hatte zum Sonderpreis anzubieten, als sie den besten Spielern im Club zur kostenlosen Trainingsmöglichkeit anzubieten. Das Paradoxe ist zudem, dass die australischen Clubs wiederum in den meisten Fällen eine hervorragende Ausstattung haben. Nicht nur, dass sie wie gesagt über eigene Hallen verfügen, die Platz für 10 bis 20 oder sogar 30 Courts bieten, viele haben sogar Taraflexboden auf dem ansonsten die internationalen ProTour-Turniere oder Weltmeisterschaften ausgetragen werden. Olympische Spielbedingungen also für Freizeit- und Hobbyspieler. Fest installierte Tribünen und typisch australische Kantinen haben im Grunde alle Clubs. In puncto Infrastruktur sind sie den TT-Vereinen in Deutschland und Europa also meterweit voraus. Ungünstigerweise liegen sie im sportlichen Bereich kilometerweit zurück.

 

Hier in Australien ist Tischtennis fast ausschließlich ein „Social game“, also eine Freizeitbeschäftigung. Viele der Entscheidungsträger in den Clubs oder den Landesverbänden haben eine Mentalität, die darin verwurzelt und darauf ausgerichtet ist. In der Bevölkerung ist die Wahrnehmung von Tischtennis nicht anders. Wenn man auf der Straße zehn Leute nach dem Namen des Spiels fragt, welches man mit zwei Schlägern und einem Ball auf einem Tisch mit Netz im Garten oder Keller spielt, dann antworten neun „Ping-Pong“ und einer „Tischtennis“. Noch deutlicher als in Deutschland bezahlt man hier eine engere Involvierung in Tischtennis bei nächtlichen Gesprächen mit gut aussehenden Frauen mit sinkender Attraktivität. Da ist hier und da schon mal Improvisationstalent gefragt. Neulich habe ich das ganze Szenario zum Beispiel als Baseballer aus Kanada durchgespielt – mit deutlich erfolgreicherem Abschneiden. Noch höher stehen Schwimmer im Kurs. Aber da ist man sehr schnell gleich ein Kandidat für Ehe und Kinder. Und das ist mir dann nach knapp vier Monaten im Land doch noch etwas zu früh. Rugby- und AFL-Spieler stehen an der Spitze der Attraktivitätsskala. Aber die habe ich noch nicht ausprobiert, dazu fehlen mir 20kg Muskelmasse am Körper.

 

Nach vier Monaten Aufenthalt hier lerne ich immer noch Woche für Woche neue Dinge hinzu und gewinne neue Eindrücke. Zum Beispiel habe ich stark das Gefühl, dass die Australier im beruflichen und privaten Alltag recht konfliktscheu sind. Sie wollen bloß keinen Streit und haben vor allem davor Angst, dass ihnen Opposition und Kritik droht. Da das Wichtigste hier nun mal das entspannte „easy going“-Lebensgefühl ist, bei dem keiner jemandem auf die Füße treten will, vermeidet der Aussie einen potentiellen Disput gerne im Vorhinein. Das ist meines Erachtens auch einer der Gründe, weshalb das Land in manchen Bereichen einen so unverbrauchten Eindruck macht. Bevor es zum Konflikt kommt sagt der Aussie eben „naja, was solls“ und „tja, so ist das nun mal“ und „ach, komm wir gehen an den Strand.“ Dem Fortschritt und der Weiterentwicklung, egal in welchen Feldern, hilft das aber in der Regel nicht. Und den Aussies, bzw. vielleicht auch eher den Queenslandern (bin mir da noch nicht so sicher) ist Privatsphäre sehr wichtig. Das glaubt man am Anfang nicht, weil einem jeder Hansfranz den man seit fünf Minuten kennt bei Bedarf sein komplettes Haus zum Übernachten anbietet.

 

Zu Beginn hatte ich es andersherum im Kopf, aber hier in Queensland gibt es kein „daylight savings“, also keine Zeitumstellung. Ich finde das ziemlich bescheuert, denn das bedeutet, dass die Sonne im Winter gegen 6h auf- und um 17h untergeht. Im Sommer ist es dann schon um 4.45h hell aber schon gegen 18h30/19h wieder dunkel. Das macht eigentlich überhaupt keinen Sinn, denn dadurch kann man quasi zwei Stunden Sonnenlicht pro Tag gar nicht nutzen, außer man ist Schlafwandler. Denn wen bitte soll ich um 4.30h nachts anrufen und fragen, ob er Lust hat um 5h laufen oder golfen zu gehen? Abgesehen davon ist 4.30h oder 5.00h meiner Meinung nach keine Uhrzeit. Das ist eine schwarze Zone, die meine Uhren unaufhaltsam durchlaufen. Und wann bitte soll ich denn abends schlafen gehen, wenn ich viermal die Woche morgens um 5h draußen sein will um das schöne Wetter nicht komplett aus dem Büro betrachten zu müssen – jeweils um 21h oder was? Das ist inakzeptabel.

Die Diskussion über die Zeitumstellung gibt es in Queensland jedes Jahr wieder (New South Wales/Sydney und Victoria/Melbourne haben die Zeitumstellung). Da der weitaus überwiegende Teil Queenslands (viermal so groß wie Deutschland) landwirtschaftlich genutzt wird haben die Farmer sehr viel Macht. Und die wollen aus irgendeinem Grund nicht, dass die Uhren eine Stunde vor- und zurückgestellt werden.

 

Zeit meine neue Golfausrüstung zu benutzen habe ich in diesen Wochen kaum. Die vergangenen beiden und das kommende Wochenende stand, bzw. steht Arbeit auf der Agenda. Meine letzte Golfrunde vor drei Wochen war jedoch eine besondere. Ich bin nämlich eigentlich ein Tierfreund, und auf dem Kurs Gainsborough Greens sprangen wilde Känguruhs übers Gelände. Das waren nach drei Monaten die ersten wilden Känguruhs, die ich hier gesehen habe. Ich habe mich schon gefragt, wo die eigentlich so lange gewesen sind. Da war Obacht geboten, dass man den Tieren nicht versehentlich einen Golfball zwischen die Rippen drosch. Die Tiere sind eigentlich recht zutraulich, und manche kann man mit der Hand füttern. Aber wenn man ihnen ohne Essen zu nahe kommt, dann ziehen sie ein Schnäuzchen und beschweren sich mit einem „Pfffft!“ Anfangen zu boxen tun sie entgegen aller Klischees aber nicht.

 Brisbane-20110903-00105

 

 

Vor kurzem ist hier die Rugby League Saison zu Ende gegangen. Die Brisbane Broncos sind leider im Playoff-Halbfinale an den Manly Sea Eagles aus Sydney gescheitert. Das ist besonders Schade, denn es war die letzte Saison des Teamcaptains Darren Lockyer. Er ist eine lebende Broncos-Legende und hat im Grunde alles gewonnen, was ein Rugby League Spieler gewinnen kann. Leider fehlte er im Halbfinale verletzungsbedingt. Und wenn ein Darren Lockyer in einem so wichtigen Spiel wegen einer Verletzung fehlt, dann nicht wegen einer „Schambeinentzündung“ oder einer „weichen Leiste“. Im Playoff-Viertelfinale traf ihn das Knie seines 110kg Teamkollegen zehn Minuten vor Spielende versehentlich mit voller Wucht an der Schläfe. Lockyer blieb benommen liegen, die Diagnose nach dem Spiel ergab einen doppelten Jochbeinbruch. Er jedoch rappelte sich wieder auf und spielte weiter. Und das Spiel hätte kein typischeres Ende nehmen können: In der Nachspielzeit sicherte Lockyer seinem Team mit einem Field Goal aus 35 Metern den entscheidenden Ein-Punkt-Vorsprung und damit den Sieg und den Einzug ins Playoff-Halbfinale.

Gleich am nächsten Morgen wurde er operiert und der gebrochene Knochen mit zwei Metallplatten fixiert. Am gleichen Nachmittag gab das Rauhbein Lockyer gleich eine Pressekonferenz auf der er seinen festen Willen zum Ausdruck brachte sein Team in dieser Phase nicht im Stich lassen und sechs Tage später im Halbfinale auflaufen zu wollen. Der Arzt hat ihm dann allerdings den Vogel gezeigt und ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht.

 

Der bislang traurigste Moment meines Aufenthaltes kam ohne Vorankündigung in der vergangenen Woche. Die Nachricht vom Tod eines langjährigen Arbeitskollegen erreichte mich per E-Mail, als ich gerade aus dem Büro kam und auf dem Weg nach Hause war. Das hat mich tief getroffen, mich gelähmt und mir für einen Moment die Luft genommen. Er gehörte seit vielen Jahren zu meinen Unterstützern, und ich habe ihn als erfahrenen Kollegen, aber vor allem als Mensch, als Persönlichkeit und als eigenen Typen sehr geschätzt. Er war sportlich und fit, und ich habe ihn nie als unvernünftig oder risikofreudig kennen gelernt, sondern eher als jemanden mit Lebenserfahrung und Vernunft und klaren Werten. Sein Tod reißt ein Loch in die Leben vieler anderer Menschen. So richtig begreifen kann ich es noch nicht. Gleichzeitig macht es mir Angst, denn er ist eben keinen Tod durch ungesunden Lebensstil wie zu fettes Essen, kein Sport oder Kettenrauchen gestorben. Er ist beim Sporttreiben tödlich verunglückt. Aus diesen Gründen hat die Nachricht bei mir unterbewusst auch ein ganz unangenehmes Gefühl verursacht – denn wenn es ihm von jetzt auf gleich passiert, dann kann es mich auch jeden Moment erwischen.

 

Eine weitere harte Lektion die mich noch mehr darin bestärkt zwar täglich hart zu arbeiten, aber gleichzeitig im Moment und im Jetzt zu leben und das Leben zu genießen Tag für Tag, so lange ich´s noch kann. Ich hab nämlich nur das eine.

 

Allerbeste Grüße aus Brisbane

"Na Kumpel, du hast dich für den Abend aber gut eingerichtet, was“, fragt mich der leicht untersetzte Mittfünfziger, als ich den Aufzug betrete. Er schaut mich mit fröhlichem Gesicht und vor Lachen zugekniffenen Augen an. Seine schüchterne Frau versteckt sich halb hinter ihm und hält sich an seiner Hand fest. Es ist ungefähr 18:45h am Freitagabend.

„Ja, hab Kohldampf“, schwatze ich zurück während ich Tiefkühlware, Nudeln, Milch, Brot und Nutella aus dem Supermarkt zwischen Arm und Kinn balanciere.

„Und wo ist das Bier“, fragt ein klappriger, etwa 70jähriger Rentner dazwischen, der ebenfalls mit im Aufzug steht.

„Im Kühlschrank,“ grinse ich ihn an.

„Haben die dir im Supermarkt keine Tüte für deine Sachen gegeben,“ fragt der Untersetzte besorgt.

„Doch, aber die ist unterwegs gerissen.“

Die Vorstellung dieses Ereignisses scheint in seiner Frau Mitgefühl auszulösen und sie kommt aus der Reserve: „Oh je, das ist mir auch schon passiert. Die Tüten sind so dünn, da kann das leicht passieren. Deswegen lasse ich mir schwere Sachen immer in zwei Tüten einpacken.“

„Mmh, gute Idee. Schönen Abend noch,“ bedanke ich mich mit artigem Lächeln für den Tipp, als der Aufzug im 13. Stock hält.

„Dir auch,“ und „bis dann Kumpel“, lachen die Rüstigen, die weiter nach oben fahren.

 

Die Australier haben Schwierigkeiten mit meinem Namen. Sie können den irgendwie nicht so astrein schreiben. „Jen“, „Jans“, ein „Jens Rang“ einer chinesischen Dame war auch schon dabei, sogar schon ein „Jenf“. Die beliebteste Version unter den Verirrungen ist eindeutig „Jeng“. Ist mir alles nicht so ganz verständlich, weil man gerade bei E-Mail-Korrespondenz in der Signatur die richtige Schreibweise sehr leicht ablesen kann. Hieße ich „Santhirasakaram Vibasanthasuntharam“ und käme aus Madagaskar, dann könnte ich es nachvollziehen. Aber „Jens Lang“? Hey, den kurzen Namen pinkelt ein Eskimo beim ersten Versuch ohne Fehler in den Schnee. Bei Telefongesprächen mit Help-Callcentern meines Internetproviders in Kapstadt, Manila oder sonst wo geht es dann schon mal etwas weiter daneben: „Ian“, „James“ oder „Stan“. Mir egal, ich nehme es auf entspannt-australische Art.

 

Über das Wetter komme ich nach wie vor nicht hinweg. Der Himmel über Queensland ist eine wolkenfreie Zone. Nur neulich irgendwann, da hat es mal für eine knappe halbe Stunde dünne Bindfäden geregnet. Das ist dann häufig eine Meldung in den 19-Uhr-News im TV wert.

Morgen ist hier in Brisbane übrigens „public holiday“, also ein gesetzlicher Feiertag. Derzeit findet das jährliche Brisbane Festival „Ekka“ statt, was im Grunde eine riesige Kirmes ist. Es gibt Fahrgeschäfte ohne Ende die zwischen den etlichen Bühnen stehen auf denen Bands und Comedians auftreten, sowie Stuntshows mit Monstertrucks und Motorcross, viele Präsentationsstände von örtlichen Rugby- und AFL-Klubs, Radiostations, und, und, und. Für die Stadt und die Einwohner ist es ein echtes Großereignis. Und weil in der Stadt eben Kirmes ist, haben hier morgen also alle frei. Mir ist es recht. Auch daran merkt man, dass Brisbane inzwischen zwar eine Metropole mit 2 Millionen Einwohnern ist, aber gleichzeitig immer noch Traditionen und Gewohnheiten einer „Country Town“ existieren.

 

Woche für Woche lerne ich hier den Alltag besser kennen, und die kleinen Unterschiede zu Deutschland und Europa werden mir bewusster. Z.B. sind die Australier ziemliche Sparfüchse. Wenn es geht werden unnötige Ausgaben vermieden und das Geld lieber für Urlaube oder größere Anschaffungen gespart. In der Vergangenheit habe ich das häufig als Geiz gedeutet. Aber mittlerweile sehe ich das anders, denn ich bin selbst etwas davon betroffen. Es ist hier in Australien unüblich sein Girokonto in den Dispobereich hinein zu nutzen oder gar zu überziehen. Zum einen wird das in erster Linie besser verdienenden Haushalten gewährt, zum anderen sind die Zinsen gepfeffert. Deswegen machen das hier die wenigsten Leute. Und das bedeutet, wenn auf dem Girkonto eine Null steht, dann ist Schluss bis das nächste Gehalt kommt. Wer in dem Moment einen leeren Kühl- oder Brotschrank hat muss zu Freunden gehen, wenn er etwas essen will. Wer keine Freunde hat knabbert Baumrinde oder fängt Fische. Auch das Bezahlen von Rechnungen wird selten per Dauerauftrag oder Lastschriftverfahren erledigt. Viele Australier bezahlen die Strom-, Telefon-, usw.-Rechnungen manuell, weil sie den Zeitpunkt ihrer Ausgaben flexibel bestimmen und kontrollieren wollen.

Ich werde, auch das ist in Australien üblich, im zweiwöchigen Rhythmus bezahlt. Nachdem die Fixkosten abgebucht sind habe ich jeweils einen klaren Überblick was für den Rest der beiden Wochen zum Ausgeben bleibt. Und deshalb überlege auch ich mir genau welche Ausgaben nötig sind und welche nicht.

 

Ganz hervorragend ist in diesem Zusammenhang die Nachricht, dass ich Ende der Woche endlich meinen Anwohner-Parkschein erhalte. Damit kann ich hier in Downtown an drei Strassen meinen Wagen stehen lassen solange ich will. Darüber freut sich das Portemonnaie, denn jetzt kann ich mir die täglichen 8 AUD Parkgebühren sparen.

 

Am Samstag stand eines der „Team Processings“ des australischen Olympischen Komitees in Surfers Paradise an der Gold Coast auf dem Programm. Das AOC veranstaltet in Vorbereitung auf die Olympischen Spiele in London im ganzen Land Infotreffen für die potentiellen Olympiateilnehmer, bei dem Briefings gehalten werden und Maß für die Einkleidung genommen wird. Für das Meeting an der Gold Coast hatte das AOC in ein schönes Hotel geladen. Für mich war es das erste Mal, und deswegen bekam ich bei der Ansprache und emotionalen, stolzen Präsentation schon ein wenig Gänsehaut. Nach einem dreistündigen „Referat“ im Schnellzugtempo über An- und Abreise, Eröffnungsfeier, das Olympische Dorf, den „Do´s and Dont´s“ den Medien gegenüber, sowie den gröbsten sonstigen Infos ging es in den Nebenraum wo Fotos geschossen, Profilinfos über die eigene Person in die Datenbank eingetragen wurden und die Teambekleidung anprobiert wurde.

Neben anderen Sportlern war u.a. das komplette Basketballteam mit dabei. Darunter waren Jungs, die mich um anderthalb Köpfe überragten. Bei denen konnte die Schneiderin das Maßband besser gegen einen Zollstock eintauschen.

Den Nachmittag habe ich entspannt am weitläufigen Strand verbracht mit einem Nickerchen und einem kurzen Sprung ins Wasser.

 

Am Sonntag geht es für mich für vier Tage nach Melbourne. Dort werde ich die größten Klubs des Bundesland Victoria besuchen. Es ist wichtig für mich einen Eindruck zu bekommen von dem Umfeld, in dem die jungen Talente des Landes das TT-Spielen erlernen und anschließend (hoffentlich) in die richtige Richtung gefördert werden. Ein ähnlicher Besuch steht in der Woche darauf in Sydney an. Dort bin ich seit meiner Ankunft noch nicht gewesen, deswegen wird es Zeit, dass ich mich auch dort blicken lasse.

Der erste Besuch in Deutschland führt mich in der ersten Novemberwoche nach Magdeburg, wo die australische Nationalmannschaft am World Team Cup teilnimmt. Das wird sicher ein ungewöhnliches Erlebnis, aber ich freue mich auch darauf, denn dort werde ich nach längerer Zeit viele Bekannte wieder treffen. Und eventuell habe ich im Anschluss ans Turnier noch den einen oder anderen Tag um Familie und Freunde zu besuchen. We´ll see!

 

Bis dahin Beste Grüße aus Brisbane

Der Blick auf die deutsche Wetterkarte des letzten Wochenendes löst bei mir fast schon ein wenig Mitleid aus. Bewölkt, zeitweise Regen, 14 Grad, und das im Juli. „Immer Sonne wird auch irgendwann langweilig“, habe ich in der Vergangenheit oft zu Hören bekommen, wenn ich vom Wetter in Queensland geschwärmt habe. Nach nun sechs Wochen in Brisbanes Winter wird mir morgens beim Blick in den blauen Himmel überhaupt nicht langweilig. Im Gegenteil, ich finde es jeden Tag besser. Noch am letzten Freitag hatte die Wetterfee im TV für den Sonntag „möglicherweise leichten Regen“ vorausgesagt. Viel weiter kann man eine Wettervorhersage eigentlich nicht verfehlen: Den ganzen Tag Sonne im Überfluss, und die allermeiste Zeit keine Wolke am Himmel bei 22 Grad. Vielleicht lassen die TV-Sender hier mittlerweile die Praktikanten die Vorhersage schreiben, weil man dabei eigentlich sowieso nichts falsch machen kann.

 

Seit Mitte vergangener Woche habe ich mein eigenes Auto, welches der TT-Verband für mich  besorgt hat. Die hohen Kosten für den Mietwagen kann ich mir nun sparen, das entlastet das Bankkonto. Die für meinen Aufenthalt und meinen Alltag wichtigen Dinge habe ich nun soweit organisiert, jetzt kann ich mich bei jeweiliger Gelegenheit um Freizeit und Hobbys kümmern, denn es gibt hier sehr viel zu unternehmen und zu sehen. Etliche Strände liegen innerhalb einer Autostunde Richtung Norden oder Süden, Golfen kann man hier an 365 Tagen im Jahr und klar – irgendwann will ich natürlich auch aufs Brett, denn hier gibt es tolle Surfbuchten in unmittelbarer Nähe. Und besseres Wetter kann man zum Lernen nicht bekommen. Am Samstag bin ich vormittags beruflich an der Gold Coast. Den Rest des Tages werde ich in Surfers Paradise verbringen und vielleicht mein neu erworbenes Body Board testen.

Ganz ungefährlich sind die Strände hier im Übrigen nicht. Neben den Haien, Stachelrochen und Quallen, die einem hier gefährlich werden können gibt es an einigen Stellen Strömungen, gegen die der beste Schwimmer nicht ankommt. Diese finden meistens unterhalb der Wasseroberfläche statt, in dem Moment wenn die Brandung vom Strand zurück ins Meer weicht, und ziehen einen an den Ohren Richtung offenes Meer. Zum Glück gibt es an allen gut besuchten Stränden Lifeguards mit dem nötigen Rettungsequipment.

 

Am vergangenen Wochenende habe ich hier mit ein paar Freunden meinen Geburtstag gefeiert. Zuerst gab es Dinner in einem indischen Restaurant in Woollongabba, und danach gings in die City in verschiedene Bars und Clubs. Gerade in Downtown gibt es ein paar tolle Locations mit dem zusätzlichen Vorteil, dass ich innerhalb von fünf Fussminuten zu Hause bin und mich um kein Taxi kümmern muss.

Das Nachtleben findet hier in Brisbane übrigens früher statt als in Deutschland. Zum Dinner trifft man sich gegen 18h oder 19h, und in die Bars und Clubs geht es schon ab 21h. Gegen 2h oder 3h früh ist in den meisten Locations dann das Licht aus.

Das Partyviertel befindet sich im „Fortitude Valley“, in der Nähe Downtowns. Hier knipsen sich manche Aussies gerne auch schon vor 2h früh selbst die Lichter aus – zumindest für diese Nacht. Generell ist der nach vorn verschobene Beginn des Nightlifes keine schlechte Sache. Man ist für gewöhnlich früher im Bett und hat deutlich mehr vom nächsten Tag.

 

Im Job finde ich mich Schritt fuer Schritt immer besser zurecht. Die Findungsphase wird sicher noch eine Weile dauern, aber mein Verstaendnis fuer die Arbeitsweise und Mentalitaet des TT-Verbands und seiner Mitarbeiter, inklusive meiner Vorgaengerin, wird jeden Tag besser. Denn wenn ich in Zukunft Veraenderungen herbeifuehren will, dann muss ich zunaechst kapieren, weshalb in der Vergangenheit bestimmte Entscheidungen so oder anders getroffen wurden. Gerade als „externer Neuling“, der keine Historie (ausser ein paar Besuchen und Freundschaften mit australischen Spielern) innerhalb der australischen Tischtennisstrukturen besitzt habe ich es ungleich schwerer die etablierten Leute im System fuer meine Vorstellungen von Veraenderungen zu gewinnen, als z.B. ein Australier, der seit eh und je ein integrativer Teil des Sports hier im Land ist. Vor diesem Hintergrund muss ich in der Lage sein meine Vorstellungen substantiell begruenden und sie selbstbewusst vertreten zu koennen, sonst werden die tollsten Ideen gleich wieder aus ihrem Fundament gerissen. Aber ich bin auf einem guten Weg dorthin und weiss Woche fuer Woche besser was ich innerhalb meiner Position und Kompetenz aus welchem Grund in Zukunft anders machen werde.

 

Seit Montag hat das Thema Olympia in der Oeffentlichkeit und damit auch fuer meinen Job eine gehobene Praesenz. Bis London 2012 ist es nun noch knapp ein Jahr, und die Vorbereitungen gehen in allen Bereichen (fuer Athleten, Trainer, Offizielle ebenso wie fuer die Nationalen Olympischen Kommittees, das IOC, sowie an vorderster Front die Organisatoren der Spiele) in die entscheidende Phase. Am Montag stand die „One-Year-To-Go“-Konferenz mit sechs Vertretern des Australischen Olympiakommittees an, bei dem sich das AOC ueber den Stand unserer Vorbereitungen informiert hat. Das Thema Olympia, bzw. Olympiateilnahme ist unvorstellbar komplex, und wenn mit den Anwaelten des AOC die unterschiedlichen Dokumente (Athletenvereinbarungen, Reise- und Frachtversicherungen, Nominierungskriterien, Anti-Doping-Regularien, Kleiderordnung, Qualifikationskritierien, Einspruchsrecht der Athleten, etc., etc.) Wort fuer Wort auseinandergenommen und dann wieder ineinander verflochten werden, dann gehts inhaltlich und sprachlich dahin wo es wehtut Die meisten Anwaelte des AOC haben zudem keine sportliche Vergangenheit oder Erfahrung. Da kommt es dann schonmal zu Reibungen, wenn die Advokaten Paragraphen erzwingen wollen die zwar juristisch Sinn machen moegen und so in den Buechern stehen, aber im jeweiligen Sport ueberhaupt nicht anwend- oder umsetzbar sind.

 

Obwohl mein Einblick noch begrenzt ist wird mir schnell klar, dass die Vorbereitung, Organisation und Durchfuehrung Olympischer Sommerspiele mit allem was dazu gehoert (von der Bewerbung als Austragungsort bis zur Abschlussfeier und allem was danach kommt) eine Aufgabe von unvorstellbaren Dimensionen ist. Vielleicht waere es einfacher einen Menschen (denselben) auf den Mond, den Everest und zum Erdkern zu bringen, alles innerhalb von 24 Stunden natuerlich.

 

All das traegt dazu bei, dass die Olympischen Spiele fuer alle Involvierten die hoechste Bedeutung im Sport haben. Wenn sich beim kontinentalen Qualifikationsturnier im Maerz 2012 australische Spieler qualifizieren, dann werde ich als Coach in London dabei sein. Und im August 2012 in Sydney den gecharterten Qantas-Airbus der australischen Olympiamannschaft zu besteigen, um zu den Olympischen Spiele zu fliegen ist schon etwas mehr als nur ein Wunsch von mir.

 

Auch die Einkleidung betreffend gibt es natuerlich klare Vorschriften und Ansagen: Auf dem Hinflug soll man ausser der Zahnbuerste und dem eigenen Sportgeraet am besten alles zu Hause lassen. Denn alles was man darueber hinaus im Olympischen Dorf braucht bekommt man vor Ort in zwei grossen Reisekoffern. Ich stelle mir vor wie ich in leichter Sommerbekleidung, einer Zahnbuerste in der linken und einem TT-Schlaeger in der rechten Hand zum Check-In Schalter gehe.

Check-In Dame: „Guten Tag, wohin fliegen Sie bitte?“

Ich: „London. Schlaeger und Buerste gehen als Handgepaeck durch, oder?“

 

Abwarten und Daumen druecken…

 

Allerbeste Gruesse aus Brisbane

Das momentan alles bestimmende Thema in der australischen Öffentlichkeit ist die neue CO²-Steuer, die die liberale Regierung um Regierungschefin Julia Gillard in 2012 einführen wird. Die sieht eine Besteuerung des CO²-Ausstosses vor, wovon an vorderster Front die produzierende Industrie, aber auch die privaten Haushalte betroffen sind. Während die Regierung die neue Steuer als Investition in erneuerbare Energien und damit in die Zukunft verkauft, verteufelt sie die Opposition als Jobkiller und Ruin für schlechter verdienende Familien. Verwunderlich daran ist welch eine Empörung und endlose Diskussion diese Maßnahme in den Medien und der Bevölkerung auslöst. Denn die Australier sind ansonsten überaus umwelt- und tierfreundlich, die Natur ist ihr wichtigstes Gut. Umweltminister war z.B. bis vor kurzem (jetzt ist er Bildungsminister) Peter Garrett, der Frontman der bekannten australischen Popgruppe „Midnight Oil“ (größter Hit „Beds are Burning“). Schon während seiner Musikkarriere war er engagierter Umweltaktivist, viele seiner Songtexte sind politisch motiviert und sehr kritisch. Das ist ungefähr so, als wäre Campino von den „Toten Hosen“ Deutschlands Familienminister.
Aber mit dieser CO²-Steuer tun sich die Australier irgendwie schwer. Und Julia Gillard kann einem schon fast leid tun, wenn sie bei ihren täglichen PR-Terminen auf ihrer CO²-Werbetour durchs halbe Land Tag ein, Tag aus identische Fragen gestellt bekommt und jeweils identische Antworten geben muss.
Mir kommt das alles wie sehr viel Lärm um Nichts vor. Mal schauen, wie lange sich dieses Thema noch in den Medien hält.

Dienstag bin ich frueh morgens zum Oceania Cup nach Adelaide geflogen. Am Nachmittag stand ein Radiointerview auf dem Programm, am frühen Abend dann der offizielle Empfang, bei dem ich als Vertreter des australischen TT-Verbandes ein paar Worte sagen musste. Gestern hatte ich dann am Vormittag zum Glueck etwas Zeit mir die Stadt inklusive Strand anzuschauen. Ein TT-Bekannter von mir wohnt in Adelaide und leitet die Notaufnahme des Royal Adelaide Hospital. Er hat mich herumgefuehrt und mir die schoensten Ecken gezeigt. Die Stadt hat 1,1 Mio. Einwohner, ist also von der Groesse her in etwa mit Koeln vergleichbar. Aber wenn man in der Innenstadt oder an den Strandpromenaden unterwegs ist kommt man nicht im Traum darauf sich in einer Millionenstadt aufzuhalten, zumindest jetzt im Winter nicht. Selbst in Downtown herrscht so gut wie nie Gedraenge, es gibt etliche grossflaechig angelegte Gruenflaechen, und genug Platz fuer alle. In einem Moment befindet man sich in einer der Hauptstrassen zwischen Buerotuermen mit den Niederlassungen der grossen Unternehmensberatungen, Banken und Anwaltskanzleien. Und im naechsten Moment, genauer gesagt zwei Parallelstrassen weiter sieht es aus wie in einer ruhigen Vorortstrasse. Im Uebrigen habe ich auch hier in Adelaide seit meiner Ankunft Sonnenschein und blauen Himmel im Ueberfluss.

Am Finaltag heute sind gluecklicherweise alle, drei Damen und drei Herren, australischen Spieler noch im Rennen. Heute steht jedoch in beiden Konkurrenzen je ein Halbfinale gegen neuseelaendische Spieler an, bei dem die Chancen aus unserer Sicht ausgeglichen oder sogar gegen uns stehen. Wenn zwei australische Spieler aufeinandertreffen bin ich als Coach natuerlich zur Neutralitaet verpflichtet und habe Pause.
Die Sieger im Herren- und Dameneinzel qualifizieren sich jeweils fuer den World Cup und erhalten nebenbei noch 5.000 USD Preisgeld.

Obwohl ich in Erdkunde eigentlich einigermassen auf Zack war weiss ich ueber teilnehmende Inselstaaten wie Kiribati, Tonga oder Vanuatu herzlich wenig. Was aber sehr schnell rueberkommt ist, dass die Bewohner dieser Inseln sich um andere Dinge Sorgen machen, als die Europaeer. Eigentlich scheinen die sich um ueberhaupt nichts sorgen zu machen, denn sie laufen 24 Stunden am Tag mit einem Laecheln durchs Leben. Sie sind den australischen Spielern hoffnungslos unterlegen und bewegen sich von ihrer Spielstaerke zwischen der deutschen Landes- und Kreisliga. Trotzdem gebuehrt ihnen mein Respekt, denn sie nehmen eine lange Reise mit Boot und mindestens zwei Flugzeugen, sowie entsprechende Kosten auf sich, um sich dann an drei Tagen in Adelaide im Tischtennis vermoebeln zu lassen. In den Vorrundengruppen spielte z.B. die australische Nummer drei gegen „Simote Pepa“, den besten Spieler aus Tonga. Simote ist Mitte Vierzig, etwa 1,60m gross und unglaublich kraeftig und staemmig. Er hat Wadenmuskeln wie Popeye nach einwoechiger Spinatkur und einen dicken, runden Bauch mit viel leckerem Insel-Essen drin. Nach einem laengeren Ballwechsel und mehreren Schmetterbaellen hintereinander ging ihm im dritten Satz ploetzlich die Puste aus und er begann heftig nach Luft zu schnappen. Waehrend ich kurz davor war meinen Bekannten in der Notaufnahme anzurufen und seine Bereitschaft abzufragen, drehte sich Simote hechelnd um und japste mit einem breiten Lachen und zwei Goldzaehnen im Gesicht: „Haha, I love it!“ Und im naechsten Moment war er wieder konzentriert und gab sein Bestes, um zumindest den einen oder anderen Punkt zu gewinnen.
Ich habe ihn nach dem Spiel gefragt wo er denn die Wadenmuckis her haette. Er lachte diebisch und sagte nur: „Natur!“

Am Samstagmorgen geht es fuer mich weiter nach Melbourne. Dort treffe ich im Rahmen der Victoria Open Funktionäre, Trainer und Spieler von verschiedenen Verbänden. Am Sonntagabend dann Rückflug nach Brisbane. Mit etwas Glueck kann ich am Samstagabend die Brisbane Broncos bei ihrem Auswaertsspiel bei Melbourne Storm anfeuern. Die Gastgeber haben im letzten Jahr die Premier League gewonnen und gehoeren auch in dieser Saison zu den ganz heissen Titelanwaertern. Die Broncos muessen schon 100% abrufen, wenn sie bei den Stormers gewinnen wollen. Also „Go the mighty Broncos!“

Australien ist ein sehr sportbegeistertes Land, das ist kein Geheimnis. Sport ist hier ein fester Bestandteil des Alltags, und das Interesse der Australier beschränkt sich nicht nur aufs Zuschauen am TV oder live vor Ort, sondern sie treiben selbst viel Sport. Morgens vor der Arbeit und am späten Nachmittag und Abend sind die Promenaden und Wege entlang des Brisbane River stark frequentiert mit Nordic Walkern, Läufern, Radfahrern, Skatern, etc. In der Stadt sieht man sehr viele Rennradfahrer, der Sport ist gerade hier im Sonnenloch Queensland sehr populär.

Generell war die vergangene Woche gefüllt mit Highlights, speziell für die Queenslander. Am Mittwoch gewann Queensland im Suncorp Stadium das entscheidende Rugby League Finale und die prestigetraechtige „State of Origin“-Serie gegen New South Wales. Und am Samstag gab es in der Stadt wieder einen Grund zum Feiern, als die Queensland Reds das Grand Final der Rugby Union Saison gewannen. Rugby League und Rugby Union ähneln prinzipiell dem American Football in den USA, allerdings darf das Lederei per Hand nur nach Hinten gepasst werden. Nach vorne darf es lediglich gekickt oder „getragen“ werden. Das macht die Aufgabe eines Touchdowns, bzw. eines „Try“ wie es beim Rugby League heisst, deutlich schwieriger. Hinzu kommt, dass die schweren Jungs keinerlei Schutzkleidung tragen, keine Schienbeinschoner, Schulter- oder Knieprotektoren und auch keine Helme. Wer da physisch nicht kräftig genug und bis in die letzte Faser austrainiert ist hat bei diesem Spiel weder Spaß, noch Erfolg. Männer wie Greg Inglis, Sam Thaiday oder Dave Taylor laufen die 100 Meter alle unter zwölf Sekunden. Das Besondere daran ist, dass sie selbst 120kg oder mehr auf die Waage bringen und zwei Kühlschränke unterm Arm tragen können ohne einen Schritt langsamer zu werden. Wenn diese Bullen im Vollsprint ineinander rennen, dann will man nicht dazwischen stehen. Ich kann mich mehr und mehr für Rugby League begeistern. Als Ortsansaessiger unterstuetze ich natürlich die Brisbane Broncos, die aktuell auf Play-Off-Kurs sind.

Abgerundet wurde die sportlich überaus erfolgreiche Woche am Sonntagabend durch den Weltmeistertitel der Netballerinnen, die in einem absoluten Herzschlagfinale in der Verlängerung gegen Neuseeland gewonnen haben. Netball ist eine Sportart, die vor allem (oder sogar ausschließlich?) in den Commonwealth-Ländern gespielt wird. Sie ähnelt in den Ansätzen dem Basketball, aber der Ball darf nicht gedribbelt, sondern nur gepasst werden. So ganz astrein habe ich die Regeln noch nicht gecheckt, aber Körperkontakt scheint nahezu komplett verboten zu sein. Und wenn es gegen Neuseeland geht, dann steht jeweils doppelt so viel auf dem Spiel. Die Rivalitaet ist zu vergleichen mit der zwischen Deutschland und Holland.

Der Juli ist hier in Queensland der kälteste Monat des Jahres, deshalb ist er nicht besonders beliebt. Mir als Europäer mutet das etwas seltsam an, denn ich kann mir nicht vorstellen wie das Wetter noch besser sein könnte. Seit Dienstag ist erneut keine Wolke am Himmel, bei regelmäßigen 21 Grad tagsüber. Das unerhört gute Wetter habe ich am Wochenende zu einem Kurztrip zum Surferspot Noosa an der Sunshine Coast genutzt.

Der kleine Ort hat traumhafte Straende und Buchten in fusslauefiger Entfernung, eine kleine und uebersichtliche Hauptstrasse mit kleinen, stylishen Laeden und Bars, die typisch australisch gestaltet sind – einladend und zu allen Seiten hin offen und mit vielen Sitzgelegenheiten in der Sonne. Noosa kann mit den schoensten und attrakivsten Urlaubszielen dieser Welt mithalten und kommt trotzdem zu keiner Zeit abgehoben oder gewollt cool rueber, sondern im Gegenteil sehr urspruenglich, authentisch und natuerlich. Noosa zieht im uebrigen – zumindest jetzt im Winter waehrend der „Off-Season“ – keine besonderen Altersgruppen an, sondern wohl eher Charaktere mit aehnlichen Vorlieben. Es mischen sich Locals mit Rucksack-Touristen, Mitt-Zwanziger mit Rentnern, Berufstaetige mit Studenten weil sie die entspannte und freundliche Atmosphaere, sowie Sonne, Strand und Natur geniessen und sich selbst nicht sonderlich wichtig nehmen.

Ich habe fuer mich das sichere Gefuehl, dass ich dort einen grossen Teil meiner Freizeit verbringen werde.

Unter der Woche wird jedoch zunaechst hart gearbeitet, denn ich will hier meine Aufgabe so gut wie moeglich erfuellen. In der uebernaechsten Woche steht mit dem Oceania Cup ein erster echter Test an. Klar formuliertes Ziel ist der Titel sowohl bei den Damen, als auch bei den Herren. Die jeweiligen Sieger qualifizieren sich fuer den Weltcup, der im November in Singapur, bzw. Paris stattfindet.

Als Verantwortlichem fuer die Nationalmannschaften ist der Wettbewerb fuer mich der erste Pruefstein. Denn letztlich sind Ergebnisse und vor allem Medaillen der einfachste Massstab, an dem ich gemessen werde. Und das ist am Ende in jedem Sport so, und in allen Laendern gleich.


Beste Gruesse aus Brisbane

Am vergangenen Freitag habe ich hier zum ersten Mal laut fluchen muessen. Am spaeten Nachmittag fuhr ich aus dem Buero nach Hause und musste wie gewohnt ein paar Minuten einen Parkplatz suchen. Im guten Glauben einen legalen Stellplatz gefunden zu haben liess ich meinen Mietwagen stehen und ging eine Runde Laufen.

Frisch geduscht und voller Vorfreude aufs Wochenende ging ich knapp anderthalb Stunden spaeter zurueck zu meinem Wagen, um zu Freunden zu fahren mit denen ich verabredet war. Ich biege um die Ecke, da sehe ich schon von Weitem einen weissen Zettel am Scheibenwischer flattern. Ueblicherweise aergere ich mich ueber Werbeflyer hinterm Scheibenwischer, vor allem wenn ich schon losgefahren bin. Dieses Mal hoffte ich jedoch, dass es nur ein irgendein Werbeflyer war. Leider Pech gehabt: Es war ein Strafzettel fuer falsch Parken. Wird schon nicht so schlimm sein, dachte ich, vielleicht 20 Dollar oder 25. Weit daneben, am rechten unteren Rand des Zettels standen dick und unuebersehbar 150 $!

Die Gebuehren, die hier in Australien fuer Ordnungswidrigkeiten im Strassenverkehr angesetzt werden sind ziemlich irrational und ausserhalb jedes Verhaeltnisses. Ein Bekannter ist in einem Dienstwagen mit 71 statt der erlaubten 60 km/h in der Stadt geblitzt worden, woraufhin sein Arbeitgeber als Eigentuemer des Wagens ein Knoellchen von 550 Dollar (!?!) erhalten hat. Solange der Fahrer vom Eigentuemer des Wagens nicht identifiziert wird bleibt es bei diesen irren 550 Dollar, die dann die Firma zu zahlen hat. Wird der Fahrer identifiziert, reduziert sich die Gebuehr auf etwas weniger als die Haelfte.

150 Dollar fuer anderthalb Stunden falsch parken ist eine aehnlich verrueckte Summe. Das entspricht 100 Dosen Cola light aus dem Getraenkeautomaten im Buero. Da haetten sie mir auch 1500 oder 6000 Dollar draufschreiben koennen. Das waere nicht mehr und nicht weniger bescheuert gewesen. Mir faellt kein Beispiel ein, in dem man in Deutschland ein 150-Euro-Knoellchen fuer falsch Parken bekaeme. Da muss man sein Auto wahrscheinlich vor der Notaufnahme des Marienhospitals stehenlassen, quer zur Krankenwagenzufahrt, und ein Schild “Bin kurz weg” hinter die Windschutzscheibe heften.

Das Problem ist zudem, dass die Parkschilder selbst fuer die “locals” kaum zu verstehen sind, weil auf ihnen versucht wird die Parkvorschriften fuer die komplette Woche (Montag ist nicht gleich Freitag, und Freitag ist nicht gleich Wochenende) inklusive geltender Ausnahmen auf der Groesse eines DIN A4-Blattes bildlich darzustellen. Was dabei herauskommt kann auch ebenso eine Schatzkarte zum Heiligen Gral sein. Oft sieht man Leute minutenlang vor den Schildern stehen und sich am Kopf kratzen. Bis man die Schilder versteht, hat man schon dreimal gegen die beschriebenen Vorschriften verstossen. Wie auch immer, in jedem Fall ist es mir eine Lehre. Und das ist ja letztlich das Ziel dieses Wahnsinns.

Im Job geht meine Einarbeitungsphase Schritt fuer Schritt voran. In der vergangenen Woche bat eine Presseagentur um ein erstes Interview zum Stand der Vorbereitungen auf London 2012. Die Olympischen Spiele werden in den naechsten Monaten mehr und mehr Zeit meiner taeglichen Arbeit ausmachen. Die Anforderungen des Australischen Olympischen Kommittees sind hoch, die Richtlinien sehr komplex. Da gerade die kleineren Sportarten wie u.a. auch Tischtennis aufgrund ihrer nicht so professionell entwickelten Strukturen manchen Anforderungen gar nicht gerecht werden koennen, gibt es seitens des AOC aber auch jede Menge Unterstuetzung. Allein zum Qualifikations- und Nominierungsprozess fuer die Australische Olympiamannschaft gibt es z.B. ein 60 Seiten starkes Handbuch.

Am Wochenende habe ich Bekanntschaft mit einer mir bislang unbekannten Bevoelkerungsgruppe gemacht – den Bewohnern der Torres Strait Inseln. Die liegen zwischen Australien und Neu-Guinea. Viele Torres Strait Insulaner sind adipoes bis hochgradig fettleibig. Eine Gruppe von ca. 20 von ihnen wohnte uebers Wochenende im gleichen Gebaeude, in dem ich mein Appartment miete. Wenn ich sie gesehen habe standen sie meistens alle zusammen in der Gegend herum und machten nichts. In der Lobby, auf der Strasse oder auf dem Pooldeck standen sie, hielten Schwaetzchen miteinander und trugen Hawaii-Hemden. Seit heute sind sie wieder weg. Laut einer der Rezeptionsdamen haben zwei von ihnen ihre Koffer im Zimmer vergessen. Alles in allem eine sehr gemuetliche Spezies Mensch, die Torres-Insulaner.

Ansonsten esse ich hier die typisch australischen Meat Pies (blaetterteigartiges gebaeck mit diversen Fleischfuellungen), als gaebe es kein Morgen. Leider habe ich gehoert, dass die nicht besonders gesund seien und ich davon nicht soviele essen sollte, sonst saehe ich auch bald aus wie ein Torres-Strait-Insulaner. Ich denke ja, dass das eigene Immunsystem ab und an auch mal vor Aufgaben gestellt werden will. Aber gut, uebertreiben muss man es ja nicht. Mal schauen, vielleich esse ich ja in Zukunft Moehren statt Meat Pies und Bananen statt Burger… – vielleicht aber auch nicht.

 

Allerbeste Gruesse aus Brisbane

Zunaechst hoerte es sich verheissungsvoll an: “Ich kann ihnen ein besonderes Angebot unterbreiten,” versprach die Stimme am anderen Ende der Leitung. Ok, da bin ich gespannt, dachte ich mir. “395 A$, direkt in der Albert Street.” Zuerst wollte ich fragen, ob das die Gebuehr fuers ganze Jahr ist und die Miete fuer mein Appartment darin enthalten ist. Aber der freundliche Herr am Roehrchen loeste es gleich selbst auf, denn es war die monatliche Parkgebuehr fuer das Abstellen meines Autos in einem Parkhaus in der Naehe meines Appartments. Da konnte mich auch das Verkaufsargument, dass ich 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche Zufahrt haette nicht ueberzeugen, denn davon war ich ausgegangen. Waere ja noch doller, wenn ich 400 Steine im Monat fuer ‘nen Parkplatz ausgebe und dann nur Di., von 12h bis 14h und Fr., von 20h – 21.30h drankomme.

Bei den Lebenshaltungskosten in Australien erlebe ich den einen oder anderen aha-Effekt. Im Vergleich zu meinem ersten Besuch in 2003 ist Australien inzwischen sehr teuer geworden. Und das liegt nicht allein daran, dass ich in der Stadt wohne wo die Preise am hoechsten sind. Das gedankliche Umrechnen des australischen Dollars in Euro zaehlt fuer mich nicht mehr, da ich ja auch in australischen Dollar bezahlt werde.

 

Schritt fuer Schritt stelle ich hier meinen Alltag auf. Wasser kommt in meiner Bude mittlerweile auch aus dem roten Hahn, und in der vergangenen Woche ist mein restliches Gepaeck aus Deutschland angekommen. Allein der Gedanke die vier grossen Koffer und Taschen in der Frachtabfertigung des Flughafens abzuholen (wo ist die ueberhaupt?) und dann durch Zoll und Quarantaene zu bringen hat bei mir am Anfang Schweissausbrueche verursacht. Die paar Male die ich in Deutschland “auf” dem Zollamt war sind mir naemlich ins Gedaechtnis gebrannt. Das auszufuellende Formularwerk und die einzuhaltenden Vorschriften sind so komplex, dass man sie fruehestens nach dreijaehriger Ausbildung zum Aussenhandelskaufmann mit Zusatzqualifikation beherrschen kann. An jeder Ecke lauern Fehlerquellen wie Falltueren, und bei der kleinsten Missachtung der Regularien muss man zurueck auf Los, und alles faengt von vorne an. Die Mitarbeiter des Zollamts, das ich damals ab und an besuchen durfte hatten Gesichtszuege wie Schildkroeten und bewegten sich in Zeitlupe. Bei keinem meiner Besuche bin ich dort begruesst oder verabschiedet worden. Dementsprechend gross war meine Vorfreude also auf die Ankunft meiner Sachen und die daran anknuepfende Aufgabe.

Zu meiner Ueberraschung war dann alles halb so wild. Als mein Gepaeck in Brisbane ankam bekam ich einen freundlichen Anruf vom Abwicklungsbuero inklusive Wegbeschreibung. Vor Ort erhielt ich dann die Papiere, bei der Zollabwicklung wurde ich auf gewoehnt australisch-freundliche Art von einer Service-Mitarbeiterin empfangen, die Abfertigung erfolgte schnell, unkompliziert und wiederum sehr freundlich, und kurze Zeit spaeter konnte ich mein Gepaeck ins Auto laden.

 

Besuch J. Rosskopf

 

Den ersten kurzen Besuch hatte ich inzwischen auch. Bundestrainer Joerg Rosskopf besucht mit dem Rest seiner Familie derzeit eine seiner Toechter, die in der Naehe von Brisbane ein Jahr lang zur Schule geht. Bei der Gelegenheit haben wir uns unter der Woche zu einem verlaengerten Mittagessen in der Stadt getroffen. Von Miley Cyrus hingegen hatte ich vorher bislang nur den Namen gehoert. Sie gab am gleichen Abend gab ein Konzert in der Stadt und ruehrte dafuer tagsueber die Werbetrommel. Wie es der Zufall wollte fuehrte sie ihr (inklusive Bodyguard, Management und ein paar Medienvertretern) Weg auch am Eagle Street Pier vorbei, wo Familie Rosskopf und ich gerade zu Mittag assen. Rossis Toechter sind 15 und 17 Jahre alt und gehoeren damit wohl zum absoluten Kern der Miley-Cyrus-Fan-Zielgruppe. Beide hatten das Glueck ein gemeinsames Foto mit “Hanna Montana” (soviel weiss ich jetzt ueber Miley Cyrus) zu bekommen, geschossen vom Papa hoechstpersoenlich.

 

 

Ich werde mich unterdessen in dieser Woche nach einem Auto umschauen. Mieten ist schliesslich auf Dauer zu teuer. Und sobald ich mein Visa in der Hand halte (hoffentlich in zwei Wochen) kann ich mir hier auch eine private Zusatz-Krankenversicherung zulegen. Auch in dieser Hinsicht ist das hier uebrigens eine interessante Erfahrung: Wenn man die international existierenden Gesundheitssysteme mit Hotelzimmern vergleicht, dann wohnen die Deutschen in der Praesidentensuite des Emirates Palace in Dubai. Wir Deutschen sind von unserem System so verwoehnt, dass wir uns beim Betrachten der Preise und Leistungen der Krankenversicherungen im Ausland (ziemlich egal in welchem) wahrscheinlich direkt “wegen Schwindelanfaellen” ins naechste Krankenhaus einliefern liessen.

 

Allerbeste Gruesse aus Brisbane