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Normalerweise hätte ich meinen Sohn für diesen Irrtum rüffeln müssen. Die erste Mathe-Stunde kommt schließlich bestimmt. Und jetzt das:  „Was? Jeden Tag mit dem Fahrrad zur Arbeit? Das sind ja fast 100 Kilometer!“ Ach, Kind! Das sind nicht nur 100, das sind dreihundertsiebunddreißigkommafünf Kilometer. Oder: 337,5 km. Weit mehr als du dir auch nur ansatzweise vorstellen kannst! Eine Wahnsinnsstrecke. Die ultimative Herausforderung im dritten Jahrtausend. Und wer fährt sie: der Papa, jawoll. Und warum?

Weil er bekloppt ist.Und deshalb gab es auch keine mahnenden Worte für den Filius.

Der Respekt vor dem, was ich mir da aufgehalst habe, wächst mit jeder Minute, die der „Startschuss“ näher rückt. Dabei sind wir mal ehrlich: 337 Kilometer in 18 Tagen – da lächelt der halbwegs trainierte Radfahrer nur. Es soll Verrückte geben, die diese Strecke an einem Tag zurücklegen. UND dann noch für die nächste Etappe trainieren. UND noch Blut spenden. Für sich selbst. Aber das ist ein anderes Thema.

Bestimmt habe ich schon erwähnt, dass es außerdem diesen kleinen Motor gibt, der mein Leih-Zweirad antreibt. Aber bitte: Jetzt nicht müde lächeln. Auch dieser Motor will befeuert werden. Von meinen Waden. Ohne menschliche Muskelkraft ist ein Pedelec – so heißt das gute Stück, das ich nun für vier Wochen testen kann – wirkungslos. Das ist eben der große Unterschied zu einem typischen E-Bike, das, so erklärt mir Fachmann Bernd Wenzel von „Country Bikes“, auch alleine Gas gibt. Trotzdem hat sich dieser Begriff offenbar durchgesetzt. Wie kann es sonst sein, dass selbst ein Hersteller wie

„Winora“ seine Pedelecs durch die Bank als E-Bikes bezeichnet? Ich bleibe im Laufe dieses Blogs beim Begriff „Pedelec“ – basta.

Bernd Wenzel erklärt das Pedelec
Bernd Wenzel von „Country Bikes“ erklärt den Antrieb des Pedelecs. – Foto: Ruthmann

Für Namen bleibt jetzt eh keine Zeit. Am späten Nachmittag steht heute nämlich die erste Heimfahrt auf zwei Rädern an. „Fahren Sie vorausschauend“, mahnte mich der Pedelec-Experte bei der Einweisung. „Denken Sie vorausschauend“, hätte auch gepasst. Denn wer mit dem Fahrrad pendelt, sollte sich bereits vor der ersten Fahrt über die notwendige Kleidung zum Wechseln, Transportmöglichkeiten von Arbeitsmitteln und, und, und Gedanken machen. Und so liegt

die Tüte mit Wechselklamotten in der Redaktion bereit, der Rucksack auch. Was jetzt noch fehlt: die Sonnengarantie bis zum 24. Juni.

 

Warum dieser Blog?

Es soll ein Tag des abgasfreien Verkehrs werden: Am Sonntag, 24. Juni, ist das Volmetal „autofrei“. Dann soll die Bundesstraße 54 allein Fußgängern, Inline-Skatern, aber eben auch Radfahrern gehören. Und so rückt die Veranstaltung umweltfreundliche Fortbewegungsmittel in den Focus – wie auch E-Bikes und Pedelecs. Der AA-Redakteur Frank Zacharias startet dazu nun einen Selbstversuch und wird regelmäßig – im Allgemeinen Anzeiger und in diesem Blog – über seine Erfahrung mit dem „schnellen Fahrrad“ im Sauerland berichten.

Bis zum „Autofreien Volmetal“ will er zwischen Wohnort und Redaktion pendeln: zwölf Kilometer von Lüdenscheid nach Halver und zurück. Unterstützt wird unser Redakteur dabei vom Pedelec-Spezialisten Bernd Wenzel, Inhaber des Halveraner Fachgeschäfts „Country Bikes“ an der Bahnhofstraße. Vier Wochen lang stellt Wenzel ein Pedelec zum Selbsttest zur Verfügung. Doch bereits die Übergabe des Rads macht deutlich: Pedelec ist nicht gleich Pedelec. Und mit E-Bikes haben sie schon mal gar nichts zu tun.

„Da wiederhole ich mich immer wieder“, sagt Bernd Wenzel, der als Verfechter des „unterstützten Pedellierens“ diesen gar nicht so kleinen Unterschied der Fahrradtypen betonen muss. Denn: ein E-Bike fährt bei Bedarf auch von alleine, der Motor eines Pedelecs unterstützt den Fahrer nur, wenn dieser tatsächlich in die Pedalen tritt. Für die Serie des Allgemeinen Anzeigers wechselt für vier Wochen ein Pedelec der Marke „Winora“ den Besitzer. Für den Fahrradlaien klingen die Produktmerkmale zunächst imposant: 27-Gang-Schaltung, Alurahmen in der Lackierung „schwarz matt“, Suntour-Gabel, Schwalbe Marathon-Supreme-Bereifung, Alu-Hohlkammer-Felgen. Doch das besondere Augenmerk gilt natürlich dem „Herz“ des Zweirads: dem 36-Volt-Heckmotor und dem „T-Shape“-Lithium-Polymer-Akku, der den Radfahrer laut Hersteller auf bis zu 90 Kilometern unterstützen kann. Doch Bernd Wenzel ist da vorsichtiger: „Ich garantiere hier 50 Kilometer“, sagt er. Schließlich testen Hersteller nicht in einer so bergigen Landschaft wie sie im Märkischen Südkreis vorherrscht.

Bis zu einer Geschwindigkeit von 25 Stundenkilometern soll der Fahrer auf seiner Tour unterstützt werden, wählen kann er zwischen drei verschiedenen Modi, die sich natürlich auch auf die Lebensdauer der Batterie auswirken. Doch selbst mit der höchsten Unterstützung zeigt der Fahrradcomputer eine Restreichweite von 36 Kilometern an – kein Problem für die Strecke von Lüdenscheid nach Halver und zurück.
Dass es sich dabei um ein Marken- und kein Discountrad handelt, merke der Fahrer „an allen Ecken“, so Wenzel. „Sicherheitstechnik ist bei denen sozusagen nicht vorhanden.“ Zudem sorge bei den teureren Rädern eine sensible Sensortechnik für ein Fahrgefühl, das Billigräder nicht erreichen. Dafür leidet natürlich das Portmonee des Käufers: Mindestens 1800 Euro muss der bei Wenzel für ein Pedelec auf den Tisch legen, das jetzt zu testende „Winora S3“ ist für 2600 Euro zu haben – womit das Ende der Preisskala freilich längst nicht erreicht ist.

Dafür bekommt der Pedelec-Käufer bei Fachhändlern wie Bernd Wenzel etwas, was es bei Discounter nicht gibt: eine intensive Erklärung des Gefährts. Auch unser Redakteur wird nicht ohne detaillierte Einweisung auf die Straße entlassen: „Immer mit Vorder- und Hinterbremse bremsen“, „auch beim Pedelec das Schalten nicht vergessen“ oder „ruhig immer wieder aufladen“ sind Tipps, deren Wert nur wenige Tage später bereits deutlich wird.