Das hätte ich wirklich nicht gedacht. Die Zeit vergeht hier wie im Flug! Nach einigen Momenten des Nachdenkens kommen zwei Erklärungen hierfür in Frage. Vielleicht sind es all die Eindrücke, Bilder, Gesichter, Gerüche, Geräusche, Geschmäcker, etc., die immer noch neu und aufregend für mich sind und für extreme Kurzweil sorgen. Meine zweite Idee zum Verfliegen der Zeit ist mein enormes Schlafpensum. Hätte man mir vor meiner Ausreise gesagt, dass ich mal regelmäßig um 21.00 Uhr ins Bett gehen würde -was ca. 3 Stunden früher als meine normale Schlafenszeit in Deutschland ist- hätte ich vermutlich laut gelacht. Nun ist es bittere Realität. Ich bin abends so im Eimer, dass ich zu dieser frühen Zeit ins Bett falle und nach 10 Stunden des Beinahe-Komas noch vor meinem Wecker aufwache. Verkehrte Welt! Wie beruhigend, dass ich ein ganzes Jahr in Ghana sein werde, sonst hätte ich womöglich noch das Gefühl, ich würde alles verschlafen. Wobei ich dieses Phänomen zweifach begründen kann. Zum einen bin ich den ganzen Tag an der frischen Luft, denn hier findet beinahe das ganze Leben draußen statt. Das gefällt mir wirklich sehr und ich denke, davon könnte ich mir für mein Leben in Deutschland eine Scheibe abschneiden. Zum anderen ermüdet freilich auch das tropische Klima, wobei ich sagen muss, dass ich zu keiner besseren Zeit des Eingewöhnens und Akklimatisierens hätte kommen können. Die Temperaturen in Nkoranza liegen meistens zwischen 28 und 32 Grad (bei hoher Luftfeuchtigkeit) und es ist oftmals bewölkt, was für mich ganz gut zu ertragen ist. Wenn ich der netten Reinigungskraft Rose glauben kann – denn jeder scheint hier eine andere Expertise zum Wetter abgeben zu wollen – ist die Regenzeit nun zu Ende und die Trockenzeit in den Startlöchern. Gegen Weihnachten und zu Jahresbeginn soll es dann überaus heiß sein. Wie gesagt, ich bin wohl zur passenden Zeit angereist.

So viel zu den beliebten Gesprächsthemen Zeit und Wetter. Ich stelle mir gerade die Frage, welches Resümee ich aus dem letzten Monat ziehe. Ich beantworte dies erstmal ganz grob mit „Hier kann ich es weitere 11 Monate aushalten“. Mir gefällt meine Arbeit sehr, mit der ich „so richtig“ am Montag begonnen habe. Ich erstelle in den kommenden Wochen mein erstes Screening über einen ca. 10jährigen Jungen, der erst seit einigen Monaten in PCC lebt. Ich denke, das wird mir ganz gut gelingen. Manchmal gibt es allerdings Momente während der Arbeit, in denen man sich bewusst machen muss, dass die einheimischen Caregiver keine Ausbildung im pädagogischen Bereich haben, oftmals noch jünger sind als ich und vielleicht auch schlimme Erfahrungen in ihrer Kindheit machen mussten. Wenn man sich dann noch ins Bewusstsein ruft, welche schicksalhafte Stellung  Menschen mit Behinderungen in Ghana haben und wie ihr Entwicklungspotenzial eingeschätzt wird, muss man ihnen zugestehen, dass sie hier sehr gute Arbeit leisten.

Außerhalb meiner Arbeitszeit gefällt mir mein Leben ebenfalls gut. Ich wohne in einem kleinen Häuschen mit eigenem Open-Air-Bad (was toll, aber bei Regen gewöhnungsbedürftig ist) auf dem PCC-Gelände, etwas abseits vom Trubel. Eine kleine Küche, die ich nutzen kann, befindet sich im Volunteers-Haus, in dem derzeit vier Kurzzeitvolunteers aus den Niederlanden leben.

Zu Fuß bin ich in ca. 10 Minuten im Ort Nkoranza. Dort gibt es zahlreiche kleinere Holzstände und -buden, an und in denen man soweit alles Wichtige kaufen kann. Es gibt auch einen Markt, der jeden Tag geöffnet hat, mehrer Banken, ein Internetcafé. Jeden Dienstag öffnet der Newmarket etwas außerhalb des Ortes. Das Angebot dort ist groß und es herrscht reges Treiben. Besonders gut kann man hier Stoffe kaufen, um sich dann im Ort Kleidung schneidern zu lassen. Für Luxusgüter wie Käse, Joghurt oder Schokoaufstriche muss man aber in den nächsten größeren Ort, Techiman, fahren. Eine 40minütige Fahrt dorthin im sog. shared Taxi, also mit fremden Mitinsassen, kostet aber nur umgerechnet 90Cent.

Jeder Gang ins Dorf ist damit verbunden, dass man von zahlreichen Menschen angesprochen wird. Man wird „Obruni“ genannt, was so viel wie „weiße Person“ heißt. Darauf folgt meistens ein „How are you?“ oder „What’s your name?“. Besonders Kinder reagieren so auf mich, aber oftmals auch Erwachsene. Letztere fragen auch schon mal nach der Handynummer oder es wird einem ein „I love you“ nachgerufen. Hoppla! Wer auf Dauer in Ruhe einkaufen will, mag vielleicht irgendwann genervt sein. Ich finde jedoch, dass diese Reaktionen einfach dazugehören, und es kann auch sehr lustig sein, wenn man eine witzige Antwort parat hat.

Einen eigenen Absatz verdient außerdem die Hilfsbereitschaft vieler Ghanaer. Ich muss nur etwas verwirrt schauen (und offenbar tue ich das recht häufig), schon fragt man mich, was ich suche oder wo ich hin möchte. Klar, das eine oder andere Mal steckt eine andere Intention, beispielsweise eine manchmal etwas überteuerte Taxifahrt (ich nenne es „Obruni-Preis“), dahinter, aber oft scheint die helfende Person einfach nett sein zu wollen. Diese Hilfsbereitschaft und Fremdenfreundlichkeit kommen in meinen Koffer. Das ist ein Vorsatz für mein Leben nach Ghana!

Bevor ich zum Ende komme, berichte ich noch kurz von zwei Ausflügen, die ich gemacht habe. Der erste führte nach Boabeng, unweit von Nkoranza. Dort gibt es ein Affenreservat, in dem man die Tiere per Hand mit Obst füttern kann.

 Neben Affen sieht man dort viele Pflanzen und Bäume. Auf dem rechten Foto klettere ich einen Ficus hinauf. Den kannte ich bisher nur von der heimischen Fensterbank. Das nenne ich mal eine andere Dimension!

Mein zweiter Ausflug war ein Wochenendtrip nach Kumasi, der zweitgrößten Stadt Ghanas. Meine Herrn, da steppt der Bär! Für einen Werner, der ab und an mal nach Münster oder Dortmund fährt, ist das schon eine chaotische Metropole! Für den Verkehr gilt: „wer später bremst, ist länger schnell“ sowie „Dreistigkeit siegt“. Das scheinen die einzigen Verkehrsregeln zu sein. Aber auch sonst ist es einfach bunt und lebendig. Mir gefällt’s und nächstes Wochenende fahre ich wieder dorthin!

Nun denn, mehr erfahrt ihr in zwei Wochen! Bis dahin versuche ich, mal ein paar Fotos von der Arbeit und Nkoranza zu machen.

 

Bis bald! Liebe Grüße in die Heimat,

Simon


Über die Autorin/den Autor:  24 Jahre alt, geboren in Werne 2008 Abitur am Gymnasium St. Christophorus 2008-2010 FSJ/Jahrespraktikum in der Kinderheilstätte Nordkirchen 2010- 2013 Duale Ausbildung zum Heilerziehungspfleger Alle Beiträge der Autorin/des Autors: