Was man doch manchmal mit einer Stadt verbindet: Aus sportlicher Sicht wird Berlin automatisch dem Fußball-Pokalfinale zugeschrieben. Der Jubelgesang „Berlin, Berlin – wir fahren nach Berlin“ hat bei den Fans Kultstatus. Wie schön es sein kann, diesen Gesang mit knapp 7000 Anhängern unseres Teams anzustimmen, durften wir vor zwei Tagen erleben. Nach einer erfolgreichen EM-Vorrunde mit Siegen gegen Spanien, die Niederlande und die Türkei stand am Mittwoch in Halle/Westfalen das Viertelfinale gegen Kroatien an. Nach einer erneut starken Leistung gewannen wir 3:0 und stehen damit heute in Berlin im Halbfinale gegen Belgien.

Die rein sportliche Aussage des Jubelgesangs ist positiv besetzt, gerade für uns in diesem Moment. Dass die Aussage auf einer anderen Ebene aber genau die andere Seite der Emotionen auslösen kann, erlebten wir gestern. Lange hatten wir überlegt, wie wir am schnellsten und bequemsten von Halle nach Berlin reisen könnten. Nach viele Überlegungen fiel die Entscheidung pro Zug – dreieinhalb Stunden Fahrt im Erste-Klasse-Bereich erschien uns die beste Kombination. Falsch gedacht! Von Bielefeld aus kamen wir nur bis Minden ohne Probleme, dann legte den Zug ein Motorschaden lahm. Der Ersatzzug hatte eine Stunde Verspätung und blieb dann auch in Minden stehen. Bis dahin war unser alter Zug aber wieder einsatzbereit – also der Wechsel zurück. Bis Hannover lief alles glatt, dort ging dann der erste Zugteil kaputt. Also: Alle Personen zusammen in den „Restzug“, wo es natürlich nicht genügend Sitzplätze gab. So mussten einige Teammitglieder, zum Glück nicht die Spielerinnen, trotz eines Erste-Klasse-Tickets zwei Stunden lang stehen. „Thank you for traveling with Deutsche Bahn!“

Bei all’ dem Ärger erinnert man sich dafür umso lieber an die positiven Emotionen der bisherigen EM zurück. Was direkt nach dem Matchball an Emotionen im Stadion, auf dem Court und auf den Rängen herrschte, haben wir so noch nie erlebt. 7000 Menschen, die tanzen, schreien, jubeln und feiern, weil unser Team die Finalrunde erreicht hat – es war ein unglaubliches Erlebnis mit Gänsehautgarantie. Damit steuert unser Team weiter auf Kurs, bei dieser Heim-EM eine Medaille zu gewinnen. Klar ist auch: Wenn man im Halbfinale steht, kann das Ziel nur das Finale und dort „Gold“ sein. Sollte unser Team das bisherige Leistungslevel halten können und auch in Berlin von Tausenden begeisterten Fans getragen werden, ist dies durchaus drin – auch wenn in einem möglichen Finale entweder Europameister Serbien oder Weltmeister Russland warten wird.

Bis es aber dazu kommt, steht heute ein sehr schwieriges Halbfinale gegen Belgien an. Hier kommt es zum Aufeinandertreffen zweier alter Bekannter, denn in dieser Saison mussten wir im Rahmen der European League bereits fünfmal gegen Belgien antreten. Generell ein Aufeinandertreffen auf Augenhöhe, so dürfte es heute auch wieder werden.
Ich bin mehr als gespannt was diese EM noch für uns bereithält… Wie wir gehört haben, auf jeden Fall eine volle Halle in Berlin und eine große Unterstützung der Fans. Volleyball boomt derzeit – was für eine tolle Entwicklung. Wer also keine Karte mehr für die Finalspiele bekommt oder nicht die Möglichkeit hat nach Berlin zu kommen, sollte auf jeden Fall unsere Spiele live im TV anschauen. Vielleicht passiert ja wirklich etwas ganz Großes…


Über die Autorin/den Autor:  Der Halveraner Matthias Willnat betreut die Deutsche Volleyball-Frauen-Nationalmannschaft als Teammanager auf dem Weg zur Europameisterschaft, die im September im eigenen Land stattfindet. Für come-on.de führt Willnat ein Tagebuch der Ereignisse. Alle Beiträge der Autorin/des Autors: