Nach dem Grand Prix – und einmal mehr etlichen Wochen auf Reisen – hatten wir wenige Tage frei, um vor dem anstehenden Highlight nochmals Kräfte zu sammeln. Normalerweise besteht diese Zeit fast ausschließlich aus Schreibtischarbeit. Das letzte Turnier muss abgewickelt, der nächste Wettbewerb vorbereitet werden. Es gibt durchaus spannendere Phasen in der Saison. Dieses Mal allerdings stand etwas ganz Besonders, für mich persönlich Einmaliges auf dem Programm.

Unsere Nationalspielerin Kerstin Tzscherlich beendete nach 13 Jahren, 373 Länderspielen und unter anderem zwei Olympia- und vier WM-Teilnahmen ihre Karriere. Zu diesem Anlass wurde in ihrer Heimatstadt Dresden das Abschiedsspiel – Team „Kerstin & Friends“ gegen die Deutsche Nationalmannschaft – ausgetragen. Das Spiel war bereits für Anfang Juni geplant gewesen, musste dann aber aufgrund der Flut-Katastrophe verschoben werden. Aufgrund vieler Terminprobleme blieb als kurzfristiger Ausweichtermin nur der 23. August übrig, also mitten in unserer kurzen Urlaubsphase. Wegen langfristig feststehender Verpflichtungen konnten so der Bundestrainer wie auch beide Co-Trainer nicht beim Abschiedsspiel dabei sein. Zwangsläufig kam so die Frage auf: Wer coacht das Nationalteam bei diesem besonderen Freundschaftsspiel?

Eine Lösung hatten die Nationalspielerinnen schnell parat: „Matthias, dann bist Du eben unser Trainer für das Spiel!“ Was ich anfangs noch mit einem Lächeln als Scherz abtat, wurde aber schnell Realität. Wenig später erhielt ich vom Ausrichter den Gruß und Dank, dass ich ja als Trainer der Nationalmannschaft an dem Event teilnehmen würde. Versuche meinerseits, das zu verhindern, schlugen allesamt fehl. Das Team hatte sich entschieden und ließ keine Diskussionen mehr zu.

Also musste ich mich damit abfinden, für einen Tag meinen Aufgabenbereich zu tauschen. Weg von der organisatorischen Verantwortung, hin zum Amt des Bundestrainers – für ein Spiel. Der Spieltag wurde dann zu einer ganz neuen Erfahrung. Angefangen mit der Spielvorbereitung direkt am Court, der offiziellen Teamvorstellung bis hin zum Match-Verlauf selbst. Auswechslungen durchführen, Auszeiten nehmen, Teamansprachen führen, und alles bloß nicht zu Ernst nehmen. Schließlich ging es bei diesem Abschiedsspiel vor allem darum, ein besonderes und lustiges Event zur Ehren von Kerstin Tzscherlich für die Zuschauer zu schaffen.

So sah ich es denn auch als meine Aufgabe an, eher unkonventionell zu coachen und zum Beispiel den Schiedsrichter mit Süßigkeiten zu bestechen oder den Physiotherapeuten zum Aufschlag einzuwechseln. Insgesamt wurde es so ein sehr amüsantes Spiel, das wir nach drei Sätzen dann auch noch gewannen. Mit den Worten „…man soll aufhören, wenn es am schönsten ist…“ und einer 100-Prozent-Siegquote beendete ich dann direkt nach dem Spiel auch meine Karriere als Trainer.
Jetzt bereiten wir uns – in voller Ernsthaftigkeit – in Kienbaum auf den Saisonhöhepunkt vor. Am 6. September startet unsere Heim-EM in Halle/Westfalen mit dem ersten Spiel gegen Spanien. So kurz vor dem Start merkt man in allen Bereichen, dass Anspannung und Fokussierung deutlich ansteigen. Mehr als drei Monate intensive Vorbereitung führen auf das große Ziel hinaus – bei der EM im eigenen Land erfolgreich zu sein. Ich hoffe sehr, dass hierbei in den nächsten Wochen alles bei uns nach Plan verläuft und ich nicht dort auch noch kurzfristig als Bundestrainer einspringen muss…


Über die Autorin/den Autor:  Der Halveraner Matthias Willnat betreut die Deutsche Volleyball-Frauen-Nationalmannschaft als Teammanager auf dem Weg zur Europameisterschaft, die im September im eigenen Land stattfindet. Für come-on.de führt Willnat ein Tagebuch der Ereignisse. Alle Beiträge der Autorin/des Autors: