Wie lange ist es her, dass ich in meinen Beitrag zum „Sauerkraut-Kurier“, der Zeitschrift, in der wir Pax Christi-Freiwilligen unsere Rundbriefe bündeln, geschrieben habe, dass ich fürchte, zu wenig zum Reisen zu kommen? Sechs Wochen? Fünf?

Jedenfalls hat sich dieses Gefühl inzwischen verflüchtigt. Zwar weiß ich, dass ich mir langsam überlegen muss, wann ich nach Białowieża fahre, wenn ich noch im Nationalpark wandern möchte, doch liegt ein ereignisreicher Monat hinter mir. Ein Monat, in dem ich doch recht viel herumgekommen bin.

 

Auf Richtung Meer

Angefangen hat meine kleine Reisesträhne mit den Maifeiertagen. Eigentlich hätte ich bei Veranstaltungen im Freilichtmuseum helfen sollen, doch als ich am 31. April erfuhr, dass doch niemand meine Arbeitskraft brauchte, entschloss ich mich spontan, mich meiner Mitfreiwilligen Elisa anzuschließen. Sie hatte bereits einige Zeit zuvor geplant, mit einer Bekannten von uns nach Danzig zu fahren. Unsere Bekannte wollte dort einen Freund abholen. Elisa hatte vor, einige Tage länger zu bleiben und bei einem Freiwilligen zu übernachten, den sie auf einem Seminar kennen gelernt hatte.

Da dessen Mitbewohner außer Haus waren, war es kein Problem auch mich über das Wochenende unterzubringen. Sogar unsere Bekannte und ihr Freund blieben einen Tag länger als geplant.

Es lohnt sich meines Erachtens wirklich, die Innenstadt Danzigs zu besichtigen, sich vielleicht einfach einen Nachmittag lang mit der Menge treiben zu lassen. So viele schöne Gebäude, so viele nette Restaurants! 

Auch in den Genuss einiger Museumsbesuche kam ich. Außerdem haben wir einen Abend in Sopot verbracht. Der Ort liegt direkt neben Danzig und Gdynia und bildet mit ihnen die „Dreistadt“. Sopot ist ein typisches Ostseebad, wie man es auch in Deutschland finden kann: Mit einer in Weiß gehaltenen Promenade und einem schicken Hotel, das über dem Strand thront. Schade eigentlich, dass wir uns nicht länger dort aufgehalten haben.

Waffeln am Strand sollen besonders lecker sein.

Unser Gastgeber ist für die Lage seiner Wohnung allerdings auch zu beneiden. Bloß fünf Minuten zu Fuß bis zum Strand – den Luxus hat nicht jeder.

Wo es Sterne regnete

Gleich im Anschluss an unsere Reise nach Danzig hatten Hannah und ich ein Seminar in Pułtusk. Ich kann wohl kaum voraussetzen, dass jeder, der diese Zeilen liest, weiß, dass es sich dabei um eine Kleinstadt in der Nähe von Warschau handelt. Selbst viele Polen, mit denen wir über unser Zwischenauswertungsseminar gesprochen haben, reagierten erstaunt. Dabei spielt Pułtusk durchaus eine historische Rolle. Zwei Schlachten fanden dort statt, die zweite während der napoleonischen Kriege. Napoleon selbst hielt sich wohl einige Zeit in der Stadt auf.

Eine der ersten Aufgaben unseres Seminars war es, im Rahmen einer Ralley solche Informationen über unseren Aufenthaltsort zusammenzutragen. Wieder einmal war ich fasziniert von der Freundlichkeit und Offenheit, mit der die Menschen auf unsere in gebrochenem Polnisch vorgebrachten Fragen reagierten. Die Direktorin des Stadtmuseums lud uns sogar in ihr Büro, wo sie uns über den Ursprung des Namens der Stadt (leitet sich von den Flüssen ab, zwischen denen Pułtusk liegt) und ihre Geschichte aufklärte. Was ich besonders faszinierend fand: In den Sechzigern ging ein gewaltiger Meteoritenschauer über der Region nieder. Mit viel Glück kann man immer noch Gesteinsbrocken finden.

Voller Elan kam besagte Direktorin auf dieses und jenes Ereignis zu sprechen, trug ihrer Mitarbeiterin auf, uns einen halben Reiseführer zu kopieren. Wir könnten gerne an einem der folgenden Tage das Museum besichtigen, um uns näher mit dem Thema auseinanderzusetzen! Und wie groß erst ihre Freude, als sie erfuhr, dass ein Mädchen unserer Gruppe Argentinierin war. Unter Umarmungen und mit Tränen in den Augen verabschiedete sie sich von der Landesgenossin des neuen Papstes.

Pułtusk kann übrigens auch mit einer Burg aufwarten, was in Polen allerdings keine Seltenheit ist. In der Burg wurden uns unsere vielen üppigen Mahlzeiten serviert und es stand uns die Bibliothek zur Verfügung, während sich unsere Zimmer in Gebäuden vor der Burg befanden. Zum Glück war das Wetter herrlich, sodass wir den Großteil des Programms im Schlosspark direkt am Wasser absolvieren konnten.

Anlegestelle am Schlosspark

Die Themen des Seminars waren recht interessant, obwohl sie mir aus früheren Seminaren bekannt vorkamen. Was mir hingegen besonders gut gefiel, war, dass wir unsere Freizeit überwiegend in der Gruppe verbrachten und ich mit den anderen Seminarteilnehmern (die eh alle super waren) ins Gespräch kam. Schließlich gab es nicht so viele verschiedenen Möglichkeiten, den Abend zu gestalten. So saßen wir meist im Biergarten oder auf einer Veranda am Fluss, wo wir den Mücken trotzten.

Tagsüber hatten wir sogar an zwei Tagen die Gelegenheit, Paddel- und Tretboote auszuleihen.

Insgesamt eine sehr schöne Woche.

Auf dem Wasser

 

Seen, Geister und Studenten

Endlich habe ich zudem einen Eindruck von der masurischen Seenplatte erhalten, als ich Pfingsten mit meinen Eltern einen Ausflug nach Mikołajki machte. Dass das ganze Wasser und die Wälder ihren Reiz haben, sei dadurch bestätigt, dass meine Eltern und mein Bruder nun für die Sommerferien eine Wohnung in der Nähe von Mikołajki gemietet haben.

Am selben Wochenende war die Museumsnacht, die im Skansen dieses Jahr unter dem „Schauergeschichten und alte Legenden aus der Region“  stattfand. In Gruppen wurden die Besucher durch das Museum geführt, wo ihnen an verschiedenen Sagen szenisch dargestellt wurden. Ich glaube, alle, die daran beteiligt waren, hatten ihren Spaß – ich auf jeden Fall! Durfte ich doch als Geist zwischen den Bäumen vor der Kirche entlang laufen. Eigentlich hätte ich ja erwartet, dass die Besucher brav den ebenfalls verkleideten Museumsführern lauschen, sich die verschiedenen Stationen anschauen und dann weiter gehen würden. Doch schnell fingen sie an, zu versuchen, mir irgendeine Reaktion zu entlocken, sich mit mir zu fotografieren und mich anzufassen. Dass in Olsztynek am selben Abend ein Festival stattfand, machte sich mit steigendem Alkoholpegel der Gäste immer stärker bemerkbar.

Lustig war es trotzdem. Und ich freute mich in der folgenden Woche über positive Rückmeldungen wie von einer der Mitarbeiterinnen, die erzählte, ihre Tochter habe mich für einen echten Geist gehalten. Schöne Bilder findet man hier:  http://www.muzeumolsztynek.com.pl/index.php?option=com_phocagallery&view=category&id=30:nocne-we-wsi-straszenie-2013-zdjecia&Itemid=143

Auf dieses bemerkenswerte Wochenende folgte gleich das nächste Event: Die „Kortowiada“, das jährlich stattfindende viertägige Studentenfestival. Am Donnerstag wurde es mit einem Umzug durch die Stadt eröffnet, bis Sonntag fanden im Studentenviertel Kortowo, das dem Fest seinen Namen gibt, Spiele und Konzerte statt. So habe ich unter anderem die polnischen Bands „Happysad“, „Kult“, „Vavamuffin“ und „Coma“  live gesehen.

 

Sto lat!

Daraufhin der Höhepunkt des Jahres im Skansen: Die Jubiläumsfeierlichkeiten zum 100-jährigen Bestehen des Museums. Diverse Gäste, hauptsächlich Gesandte anderer Freilichtmuseen, reisten an um der Veranstaltung beizuwohnen. Unter ihnen auch Estinnen, eine Russin und ein deutscher Historiker. Hans Michael, Mitglied bei Pax Christi, kam ebenfalls.

Den Auftakt bildeten am 5.6. festliche Reden, die Präsentation einer neuen Dokumentation über die Geschichte des Skansens, Präsente der Gäste ans Museum, Essen, die Eröffnung einer neuen Ausstellung, und schließlich noch mehr Essen, begleitet von masurischem Honigwein und Wodka und Tanz. „Wie auf einer polnischen Hochzeit.“, meinten einige.

Am 6.6. ging es weiter mit einer Konferenz zum Thema „Zwischen Tradition und Popkultur“ (oder so ähnlich).  Die Referenten beschäftigten sich größtenteils mit der Frage, wie man auch Jüngere vermehrt ins Museum locken könnte.

Nach einem kurzen Orgelkonzert am Abend wurde gegrillt. Getränke gab es wieder in Hülle und Fülle –   auch Alkoholika für jeden Geschmack. Wurde eine lustige Feier.

Die Meisten der Teilnehmer schafften es trotzdem, sich am nächsten Morgen früh aus dem Bett zu quälen, um die Rundfahrt durch das Ermland nicht zu verpassen. Hannah und ich durften ebenfalls mitfahren. An praktisch allen Sehenswürdigkeiten, die auf dem Programm standen, hatten wir schon beim Ausflug während des ersten Borussia-Seminars haltgemacht. Da besagtes Seminar allerdings schon eine Weile her ist, das Wetter diesmal um einiges schöner war und wir Führungen auf Polnisch erhielten, war die Fahrt für mich allerdings wieder ein gänzlich neues Erlebnis.

Hinzu kommt, dass wir mit dem Skansen weniger Denkmälern besuchten, dafür aber eine Führung durch das gesamte Schloss in Lidzbark Warmiński  erhielten. Einschließlich durch den Teil, in dem sich inzwischen ein Hotel befindet.

Besonders faszinierend fand ich die Ausstellung über Kunst des 19. Und 20. Jahrhundert in den oberen Stockwerken der Burg. Leider hatte ich keine Gelegenheit, eines der Bilder mitgehen zu lassen, obwohl ich mich auch gerne gleich an mehreren vergriffen hätte. Die Museumsaufseher waren einfach zu pflichtbewusst. Tja, da kann man wohl nichts machen.

Die Führung an sich hat mir ebenfalls Spaß bereitet. Von Monika hatte ich den Auftrag erhalten, Fotos von der Gruppe zu schießen. Ich musste feststellen, dass es gar nicht mal so einfach ist, annähernd gute Bilder zu machen, zu versuchen, etwas von den Erklärungen der Historikerin zu verstehen, einen Teil davon für Hans Michael zu übersetzen und sich gleichzeitig noch selbst das Gebäude anzuschauen. Ich zumindest war damit gut beschäftigt.

Falls also jemand mal in die Masuren kommen sollte und überlegt, einen Abstecher nach Lidzbark Warmiński zu machen, würde ich nicht abraten. Die Burg ist wirklich schön. Natürlich können Sie auch gleich eine Suite im Burghotel mieten, komplett mit Küchenzeile, Wohnzimmer und in den Boden eingelassener Badewanne. Das kostet dann aber auch umgerechnet 200 Euro die Nacht.

http://www.muzeumolsztynek.com.pl/index.php?option=com_phocagallery&view=category&id=31:100-lecie-muzeum-budownictwa-ludowego-w-olsztynku&Itemid=143

 

Oświęcim

Von einer letzten kleinen Reise will ich noch berichten: Zwei zusätzliche freie Tage zu Fronleichnam nutzte ich, um Laura in Oświęcim (Auschwitz) zu besuchen. Sie ist ebenfalls eine Pax Christi-Freiwillige und arbeitet im Zentrum für Dialog und Gebet, wo sie unter anderem Besuchergruppen betreut und Stadtführungen gibt. Ich musste feststellen, dass sie weit mehr zu arbeiten scheint als wir hier in Olsztyn und auch wichtiger für ihre Einsatzstelle ist. Auch am Freitag und Samstag hatte sie zu tun, und so konnte ich einen kleinen Einblick in ihre Tätigkeitsfelder erhalten. Ich habe nicht nur an einer ihrer Stadtrundgänge teilgenommen, sondern durfte außerdem mit ihr eine Schülergruppe ins Stammlager begleiten sowie bei einem Zeitzeugengespräch dabei sein.

Das ehemalige Lager hatte ich ja bereits mit den anderen Freiwilligen während unseres Sprachkurses in Krakau besichtigt, deshalb war ich auf das meiste schon vorbereitet. Den Ort ein zweites Mal zu sehen, nimmt ihm aber nicht seinen Schrecken und seine beklemmende Atmosphäre. Ich hoffe, das dies auch kein dritter, kein vierter Besuch zu tun vermögen.

Erst gegen halb neun endete am Freitag Lauras Arbeitsschicht. Danach wurde es aber noch vergnüglich: Wir waren bei einer Bekannten von ihr eingeladen, die vor kurzem ein kleines Hostel eröffnet hat. Sie war selbst mal für drei Monate als Freiwillige in Sri Lanka und hatte landestypische Speisen gekocht: Linsen-Dhal, Curry, knuspriges Brot, Obstsalat mit Zwiebeln, Gurken und Tomaten, dazu Reis. Und europäischen Nudelsalat.

Es war einfach köstlich. Wie die meisten der anderen Gäste taten wir es unserer Gastgeberin nach und verspeisten genussvoll alles ohne Besteck, nur Mithilfe unserer Hände.

An meinem zweiten Abend in Oświęcim haben Laura und ich dann selbst gekocht. Es war schön, mal wieder gemeinsam Oliven zu zerquetschen und Tomaten über dem Feuer zu schwenken – und es sich später mit eine französischen Film gemütlich zu machen.

 

Neue Projekte

So viel zu meiner Freizeit – doch was geht auf der Arbeit vor, jetzt, nach den Feierlichkeiten? Hannah und ich haben am Donnerstag und Freitag endlich unseren Projekt-Antrag geschrieben, den wir bei Borussia einreichen müssen. Gemeinsam werden wir einen Museumsführer für Blinde in Braille drucken lassen – zumindest einen Geländeplan des Skansens und Informationskarten zu den verschiedenen Ausstellungsobjekten ergänzt durch Fotos, die sich durch ihre Struktur vom Papier abheben.

Allerdings sind die Texte schon fertig. Uns bleibt zu tun, die Bilder auszuwählen und uns mit der Druckerei in Kontakt zu setzen. Was sprach nochmal gegen meine ursprüngliche Projektidee, einen Architekturworkshop für Kinder zu erarbeiten? Ehrlich gesagt erinnere ich mich nicht wirklich. Dabei ist der Bastelbogen nach dem Vorbild der Kirche, die im Skansen steht, fast fertig. Mein Plan war es, Kinder ihre eigenen Kirchen basteln zu lassen und dabei zu erklären, was typische Elemente masurischer Dorfkirche sind, wo der Altar steht, was die Predella ist, etc.

Egal. Wahrscheinlich kommt mein Bogen noch während eines Stadtfestes in Olsztynek zum Einsatz. Monika meinte, ich dürfe dann meinen eigenen Bastelstand betreuen. Insofern bin ich zufrieden.

Endlich haben Hannah und ich am Donnerstag zudem neue Vogelscheuchen gebastelt, eine Aufgabe, von der schon lange die Rede war. Unsere „Strachy na wróble“ haben zwar nicht so schöne Köpfe wie die alten, sie sind aber trotzdem gut geworden, finde ich.

Wir bauen Vorgelscheuchen

Noch eine Neuigkeit: Vor einer Woche hat das erste Kaltblut sein Fohlen zur Welt gebracht. Das Kleine ist noch etwas wacklig auf den Beinen und erinnert von den Proportionen her etwas an Abbildungen von Vorfahren der heutigen Pferde. Der Fohlen der Koniki Polskie ähnelt mit ihren dunkelnden Köpfen und wachsenden Mähnen derweil immer mehr ihren Eltern.

So, das soll erst mal reichen. Genug geschrieben über die vergangenen Wochen. Falls irgendjemand bis hier unten gelesen hat: Ich hoffe, es war irgendetwas Interessantes dabei und nicht bloß lahme Plauderei aus dem Nähkästchen. Und vielleicht bis zum nächsten Blogeintrag! 😉

Ach, und irgendwie bin ich wohl zu blöd für dieses Programm… Die Bilder hier machen einfach nicht das, was sie sollen!


Über die Autorin/den Autor:  Nachdem ich dieses Jahr mein Abitur am Märkischen Gymnasium gemacht habe, beginne ich diesen Sommer einen Freiwilligendienst in einem Freilichtmuseum in Olsztynek, einem Ort im Nordosten Polens neben Olsztyn (dem ehemaligen Allenstein). Entsendeorganisation ist Pax Christi. Keine Sekte, sondern eine internationale Friedensbewegung. Aus Versöhnungsbestrebungen nach dem zweiten Weltkrieg entstanden, entsendet sie seit 1992 junge Menschen nach Osteuropa. http://pax-christi-aachen.kibac.de/seiten/index.html http://muzeumolsztynek.com.pl Alle Beiträge der Autorin/des Autors: