Nun geht es los! Ab morgen spielen wir in der noch jungen Saison zum ersten Mal um Ergebnisse, die richtig wichtig sind. Das Turnier in Montreux vor knapp zwei Wochen war ein guter erster Test im Wettkampfmodus, aber die Resultate hierbei hatten keinerlei Priorität. Anders ab morgen! Dann startet die European League (EL) für uns mit Matches gegen Belgien, Israel und Europameister Serbien. Mit dem Kader von 12 Spielerinnen, dem Bundestrainer, einem Co-Trainer, einem Physiotherapeuten und mir sind wir deswegen nach Belgien gereist.

Irgendwie komisch, dass ich bei der Aufzählung gerade mal auf einen Betreuerstab von nur 4 Personen komme!?! Normalerweise umfasst unser „Staff“ (so die gängige Bezeichnung für den Betreuerstab) mindestens 6, normalerweise 8, bei ganz wichtigen Turnieren auch mal 10 oder mehr Personen. Aber in dieser ersten Phase der Saison ist alles anders. Während wir mit 12 Spielerinnen, die zu jedem EL-Turnier wohl wechseln werden, und 4 Personen im Staff zu den Spielen reisen, trainieren 8 Spielerinnen mit 3 Trainern in unserem Stützpunkt nahe Berlin weiter. So bleiben alle Spielerinnen im Ball- und Krafttraining bzw. absolvieren Matches und zu jedem Turnier kann der Bundestrainer seinen Kader entsprechend neu aufstellen und variieren. Somit haben wir die Möglichkeit, dass alle Spielerinnen fit bleiben, Spielpraxis sammeln können oder auch mal eine Ruhepause bekommen, denn wie schon gesagt: Die Saison ist gerade noch am Anfang und unser Ziel auf das wir alles ausrichten, ist die Heim-EM im September. Bis dahin ist es noch ein langer Weg – in jeder Hinsicht.

Bevor wir also morgen gegen Israel unser ersten Match der European League absolvieren, standen in den letzten Wochen viele Trainingseinheiten auf dem Programm. 6 Stunden intensives Training (Kraft und Ball) pro Tag, in zwei Trainingeinheiten, absolviert das Team derzeit – angenehm ist sicherlich anders. Dafür sind wir in unserem Trainingsstützpunkt nach Kienbaum gereist. Kienbaum!? Noch nie gehört? Das Bundesleistungszentrum, südöstlich von Berlin, ist bekannt dafür, dass es für 13 olympische Sportarten sehr gute Trainingsmöglichkeiten bietet. Für uns bedeutet das konkret: Eine Drei-Felder-Halle, ein großer Kraftraum, Laufbahnen, Beach-Volleyball-Felder, finnische Sauna, gute Unterbringung und Verpflegung und, und, und…! In Kienbaum kann man sich wirklich wohl fühlen. Nur ein klitzekleiner Nachtteil, aus Sicht eines Teammanagers, hat dieser Stützpunkt, denn der Ort Kienbaum besteht bis auf wenige Wohnhäuser und einem Restaurant quasi nur aus dem Bundesleistungszentrum…und rund herum ist…nichts! Übertrieben gesagt muss man somit um eine Zahnpastatube zu kaufen, insgesamt 40 Minuten im Auto sitzen. Was meine Arbeit somit nicht leichter macht, ist für unseren Bundestrainer dagegen von Vorteil: „Hier ist eine perfekte Vorbereitung und ein voller Fokus auf das Wesentliche möglich!“ Tja, je nach Aufgabe (im Staff) können Sichtweisen ganz schön unterschiedlich sein 😉

Aber wie erklärt man nun jemanden genau wo wir die nächsten vier Wochen untergebracht sind, gerade auch, wenn dieser ‚jemand’ noch nie zuvor in Deutschland war!? So geschehen beim Transfer in der letzten Woche von Heidelberg ins besagte Kienbaum. Auf der Busfahrt fragte mich also unser neuer, italienischer Athletiktrainer, wo wir denn nun genau hinfahren würden!? Um ihm die Chance zu geben die Lage zumindest etwas einschätzen zu können, hatte ich „in der Nähe von Berlin“ geantwortet. Das „in der Nähe“ muss dabei aber nicht richtig angekommen sein, denn sogleich strahlte sein Gesicht und er erzähle, dass er gehört habe, Berlin hätte als Stadt ja unglaublich viel zu bieten. Da könne er doch am Abend, nach allen Trainingseinheiten, doch sicherlich öfters die Stadt erkunden. „Das könnte man sicherlich…nach mindestens einer Stunde Autofahrt.“, formulierte ich meine Antwort schon in Gedanken. Dann versuchte ich dem neuen Kollegen aber in den weiteren Minuten sehr ‚schonend’ zu vermitteln, dass Kienbaum eher eine „Oase der Ruhe“ sei. Als ich aber das Gefühl bekam, dass alle Versuche scheiterten passend zu erklären, wo wir die nächsten Wochen trainieren würden, wählte ich die Formulierung: „Kienbaum is somewhere in the middle of nowhere! (frei übersetzt: Kienbaum liegt irgendwo im Nirgendwo). Schlagartig kamen von unserem neuen Athletiktrainer daraufhin keinerlei Nachfragen mehr. Entsetzen, Schock, Trauer, Frust, oder wie sollte man das jetzt einschätzen? So ganz konnte ich die Reaktion des neuen Kollegen nicht deuten. Als dann auch noch unser Bus auf der schmalen Strasse Kilometer durch den Wald fuhr, weit und breit kein Haus mehr zu sehen war und wir dann am Ende in Kienbaum ankamen, schaute ich mir unseren Athletiktrainer schon etwas besorgt an. Der machte sich anschließend sofort daran, den Stützpunkt und die Lage genauer zu erkunden. Am nächsten Tag kam er dann auf mich zu und sagte (frei übersetzt): „Das ist super hier! Der Kraftraum ist groß und gut, Ablenkung gibt es hier weit und breit nicht. Hier können wir perfekt trainieren“. Ich muss zugeben, dass ich mit der Reaktion nun nicht zwingend gerechnet hatte, aber dann wurde es mir klar: Trainer scheinen in dieser Hinsicht wirklich alle gleich zu ‚ticken’ 😉


Über die Autorin/den Autor:  Der Halveraner Matthias Willnat betreut die Deutsche Volleyball-Frauen-Nationalmannschaft als Teammanager auf dem Weg zur Europameisterschaft, die im September im eigenen Land stattfindet. Für come-on.de führt Willnat ein Tagebuch der Ereignisse. Alle Beiträge der Autorin/des Autors: