So langsam realisiere ich, dass ich heute genau da stehe, wo ich vor neun
Monaten angefangen habe: ich zähle – ich zähle die Tage, bis ich
ein Leben verlassen muss, um ein anderes zu leben. Ein Strich über
jedem Tag auf dem Kalender an der Wand, der vorüber geht, mit einem
roten Kreis über dem Tag, an dem ich ein Leben, das ich mir hier
aufgebaut habe, verlassen muss. Ich versuche das Chaos in meinem Kopf
aufzuräumen und weiß nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Die Tage
gehen immer schneller vorbei, aus 60 Tagen werden 30, und ehe ich
mich versehe, kann ich die Tage an meinen Händen abzählen.. 10,9,8,7…

Im Sommer des letzten Jahren verließ ich Büderich, das kleine und mir
so vertraute Dorf, das mir bis dahin innere Sicherheit gegeben hatte.
Der Ort, an dem ich mich wohl und geborgen fühlte. Der Ort, an dem ich
bei meiner Familie aufwuchs, den Kindergarten besuchte, zur Grundschule
ging und meine ersten Freundschaften schloss – mein Zuhause. Der Ort,
an dem ich daheim war und bin. Es wuchs die Erkenntnis in mir, dass ich all das
für einen für mich fast unvorstellbar langen Zeitraum zurücklassen
musste – meine Familie, meine Freunde, meinen Freund und unsere Labradorhündin
Nala sowie alles, mit dem ich so verbunden war. Mitnehmen konnte ich
nur einen 22 kg schweren Koffer, voll gepackt mit Klamotten, Fotos, und
„Hund“ – mein geliebtes Kuscheltier, das mich seit meiner Geburt
stets begleitet.

Es war Zeit – Zeit für den Abschied. Am Flughafen gab es dann viele
tränenreiche Umarmungen, erfüllt vom Trennungsschmerz. Ich ging durch
das Gate zur Sicherheitskontrolle. Zurück blieben meine Eltern, mein
Bruder und meine Mädels, die mich auf diesem Weg begleitet hatten. Ich
drehte mich noch einmal um, winkte meinen Lieben noch ein letztes mal
zu und ging mit Tränen in den Augen meinem Austauschjahr entgegen. Aber
gleichzeitig spürte ich auch die unendliche Vorfreude auf das große
Abenteuer, das auf mich wartete. Also sah ich nur noch nach vorn und hatte
keine blasse Vorstellung von dem, was mich hier erwarten würde. Ich hoffte,
dass alles gut werden wird.

Nachdem ich den härtesten Teil überstanden hatte, meinen Lieben Tschüss
zu sagen, saß ich für acht Stunden mit gemischten Gefühlen im Flugzeug.
Ich wusste, dass ich gerade den Ozean überkreuzte und sehr bald in eine
komplett andere Welt eintauchen sollte. Ich verließ die Sicherheit und
Geborgenheit meiner Kindheit und alles, was mir so ans Herz gewachsen
war für ein Abenteuer in einem Land, das ich vorher nur auf der
Weltkarte gesehen hatte.

Das Jahr hat alles erfüllt, was ich mir je erträumen konnte. Wenn ich
auf das zurückliegende Jahr zurück blicke und sehe, wie viele schönen Dinge
ich erleben durfte, bin ich so dankbar gegenüber den lieben Menschen, die
mir dies ermöglicht haben – meiner Familie daheim und meinen Gasteltern
Anna und Lee hier in Amerika. Und mein Dank geht nicht zuletzt
an meine Mädels, die mich immer wieder ermutigt haben, wenn ich mir mal
wieder zu viele Gedanken gemacht habe.In dem Jahr, in dem wir in zwei
verschiedenen Welten gelebt haben, waren meine Familie und meine Mädels
immer für mich da. In den Momenten der Traurigkeit und in den Momenten
des scheinbar unendlichen Glücks.

Als Austauschschülerin fühle ich mich in wie in zwei komplett
verschiedenen Leben. Meine zwei Welten könnten gar nicht nicht
unterschiedlicher sein. Jedes Leben hat seine eigenen Vorzüge und
Nachteile, aber ich habe es nie bereut, beide erfahren zu dürfen.

Ich glaube, ich habe in meinem Jahr hier in Amerika mehr gelernt als in
den vorausgegangenen 15 Jahren. Ich habe gelernt, wie es sich anfühlt,
ein komplett neues Leben anzufangen, man niemanden kennt und im
Verlust erst so richtig feststellt, wie lieb man die Menschen daheim
doch gewonnen hat. Ich habe gelernt, alles mehr zu wert zu schätzen als
ich es je vorher getan habe. Ich habe gelernt, meine eigenen Entscheidungen
zu treffen und für meine Fehler gerade zu stehen. Ich habe einen ganz
anderen Lebensstil und und eine andere Kultur kennen gelernt. Und ich
habe gelernt, selbständig zu sein – und – das aller Wichtigste: ich habe
gelernt, NIEMALS aufzugeben.

Mein High-School-Jahr war wie eine Fahrt mit der Achterbahn, mit Höhen
und Tiefen. Natürlich möchte ich nur ungern an die Tiefen zurück
denken. Ich werde mich immer erinnern an die guten Zeiten hier, in denen es
so richtig in Kurve gegangen ist und ich kreischen konnte vor Glück. Ich werde
immer die liebevollen Leute in Erinnerung behalten, die tollen Freunde, die ich
dazu gewinnen konnte und all die neuen Sachen, die ich hier gesehen habe –
und natürlich das gute amerikanische Essen.

Und am allermeisten möchte ich mich daran erinnern, wie sehr ich mich
durch dieses Austauschjahr weiterentwickeln durfte. Um ehrlich zu sein,
es wird mir sehr schwer fallen, das hier alles zu verlassen, aber ich kann
auch sagen: Zu Hause ist da, wo du wohnst. Daheim jedoch ist da, wo
deine Familie und Freunde auf dich warten. Es wird Zeit. Zeit, in wenigen
Wochen meine Sachen zu packen und dankbar Tschüss zu sagen. Es wird
wieder Zeit, Abschied zu nehmen.

Das Gefühl, eine zweite Familie zu haben ist unbeschreiblich schön. Als
ich Deutschland vor knapp einem Jahr verließ war ich sicher – ich werde
meine Lieben wiedersehen. Nun bin ich mir genau so sicher – auch dies wird
kein Abschied für immer werden. Ich werde an den Ort meiner schönen
Erinnerungen, der für mich ein neues Zuhause war, zurückkehren. Ich
werde meine Gasteltern und meine amerikanischen Freunde wiedersehen –
darauf freue ich mich schon heute!


Über die Autorin/den Autor:  Ein Jahr besucht Hannah Keyen aus dem Werler Stadtteil Büderich im US-Bundesstaat Connecticut die Highschool, lebt eine Autostunde von New York entfernt bei Gasteltern. Von ihren Erlebnissen in Amerika berichtet die 15-jährige Schülerin im Anzeiger-Blog. Alle Beiträge der Autorin/des Autors: