Manchmal stelle ich mir vor, was wäre, wenn mein Bruder mit an der Abendschule oder bei uns in der Klasse wäre. Wäre ich besser und motivierter? Weil er in vielen Dingen ein Vorbild für mich ist. Oder wäre ich noch mehr mit Unsinn beschäftigt? Weil er genau so viel Unsinn im Kopf hat, wie ich es habe.

Sich das wirklich vorzustellen ist schwierig, da mein Bruder schon seit Jahren sein Fachabitur hat. Doch wie komme ich darauf? Durch Daniela und Marina Utsch, die beiden Schwestern in unserer Klasse. Sie sind unverkennbar Schwestern, das gleiche Lächeln, die gleiche Ma-thebegeisterung und die gleiche Motivation.

Daniela ist die ältere Schwester. Sie ist 23 Jahre und Marina 21 Jahre alt. Beide machen das Fachabitur an der Abendschule. Daniela ist die Ruhigere von beiden, wirkt als ältere Schwester immer etwas besonnen und still. Sie arbeitet als Rechtsanwalts- und Notarfachangestellte in einer Kanzlei in Lüdenscheid.

Das erste, was sie mir erzählte, war, wie froh sie ist, dass ihr Chef so verständnisvoll ist und sie unterstützt, wo er nur kann. Vieles wäre echt schwierig für sie, wenn sie nicht flexible Arbeitszeiten und ein unglaubliches Verständnis seitens ihres Chefs hätte. Sie teilt sich die Begeisterung und das Talent für Mathe mit ihrer Schwester. Etwas, worauf ich manchmal sehr neidisch bin, da die beiden kaum dafür lernen müssen.

Daniela wohnt alleine und fühlt sich, anders als ich, kaum überfordert mit ihrem Haushalt. Den Freizeitverlust findet sie nicht so schlimm wie alle anderen, doch ist sie – wie alle – froh, wenn sie etwas mehr Freizeit hat, wie zum Beispiel in den Ferien. Danielas großer Traum ist es, in die USA zu gehen und auch dort bleiben zu können. Darauf arbeitete sie seit Jahren schon hin, und unmittelbar nach dem Sommersemester, also nachdem sie ihr Fachabitur hat, geht es dann auch direkt nach Tampa in Florida. Sie wird dort als Au-Pair arbeiten, und das für ein Jahr. Das Abitur will sie dafür nutzen, um danach studieren zu können, am besten Mathe oder BWL – und am besten dann auch gleich in Amerika bleiben.

Über Mathe und BWL kann man sich streiten, aber der Traum, in Amerika bleiben zu können, ist unbestreitbar eine gute Idee. Die Tatsache, dass das alles so gut funktioniert, beruht zu großen Teilen darauf, dass sie hart arbeitet, so wie für ihren guten Realschulabschluss und auch für ihre Noten, wie zum Beispiel in Deutsch, welches – wie sie sagt – etwas schwierig für sie ist. Ich freue mich für sie, dass sie bald schon mit der Abendschule fertig ist, und ich bin wirklich sehr neidisch auf ihren Amerikaaufenthalt.

Fertig ist bald auch die H4, der Abiturjahrgang. Fast alle Prüfungen sind gelaufen, und nun werden die Nachwehen erwartet – die mündlichen Nachprüfungen. Als ich mit einigen Mitschülern des Abi-Jahrgangs geredet habe, war die Stimmung und Erwartung eher gemischt. Ein paar Prüfungen liefen sehr gut, andere, wie zum Beispiel Mathematik, liefen eher schlecht. Dass das etwas damit zu tun hat, dass der mathematische Schwierigkeitsgrad dieses Jahr etwas außerhalb der allgemeinen Prüfungsnormen liegt, ist sehr wahrscheinlich.

Ob und wie alle bestanden haben oder nicht, erfahre ich bald. Ich drücke auf jeden Fall allen Mitschülern die Daumen. Mal sehen, ob ich in einem Jahr auch so gestresst und besorgt an die Prüfungen herangehe.


Über die Autorin/den Autor:  Der Lüdenscheider Thomas Köhler ist 25 Jahre alt und gelernter Krankenpfleger. Er arbeitet im Klinikum Lüdenscheid. Während der nächsten drei Jahre will er das Abendgymnasium Lüdenscheid, eine Außenstelle des Hagener Rahel-Varnhagen-Kollegs, besuchen – außer in den Schulferien an fünf Abenden pro Woche. Den Lesern unserer Zeitung wird Thomas Köhler in regelmäßigen Abständen – etwa einmal monatlich – erzählen, wie es ihm und seiner Klasse dabei ergeht. Alle Beiträge der Autorin/des Autors: