Palmwedel und ich

Ein Osterkörbchen füllen, ein gesegnetes Frühstück teilen und sich am „nassen Montag“ aus dem Haus wagen – darauf, Ostern in Polen zu verbringen, hatte ich mich schon lange gefreut. Abgesehen davon, dass ich mir das wichtigste katholische Fest in einem katholischen Land noch um eine Ecke feierlicher vorgestellt hatte, wollte ich unbedingt polnische Ostertraditionen hautnah miterleben.

Die Feiertage sollten letztendlich unspektakulärer werden als erwartet, schön waren sie aber trotzdem. Bereits drei Wochen im Voraus wirkte sich Ostern auf meine Arbeit aus. Wie auch in der Adventszeit bot das Museum eine Woche lang thematische Workshops für Schulklassen an. Das hieß für mich erneut, Bastelmaterialien vorzubereiten. An Stelle von Schleifen durfte ich nun Blumen aus Kreppapier falten, mit denen die Kinder später selbst gebastelte Palmwedel (die hier viel bunter ausfallen, als ich sie aus Nordrhein-Westfalen kenne) bestücken sollten. Statt Engelsschablonen zuzuschneiden, schnitt ich diesmal Papier für Hasen- und Hühnerfiguren zurecht. Einige der Bastelkurse durfte ich schließlich selbst anleiten – immerhin ein kleines Erfolgserlebnis.

Eine weitere Parallele zu der Vorweihnachtszeit war der Ostermarkt Olsztyneks. Wie bereits im Dezember – und bei ähnlichen Temperaturen – wurden auf dem Marktplatz regionale Lebensmittel und andere handgefertigte Produkte angeboten. Ich war zum Glück die meiste Zeit über damit beschäftigt, gemeinsam mit Monika einen Bastelstand im Ausstellungsgebäude zu betreuen und Kinder dazu anzuregen, überdimensionale Pappeier zu verzieren. So musste ich nicht frieren und konnte mit halbem Ohr den Konzerten und Tanzeinlagen lauschen, die weiter vorne in der ehemaligen Kirche stattfanden. Zu beobachten, wie Kinder am benachbarten Stand, ebenfalls vom Skansen betreut, Kekse oder „Mazurek“, den zu Ostern üblichen Mürbeteigkuchen, bemalten, war ebenfalls ein entspannender Zeitvertreib. Wenn bei uns der Andrang gerade mal nicht groß war, versteht sich. 😉

In der darauffolgenden Woche brachen für mich richtige Osterferien an, denn da ich Besuch von meiner Mutter und meinen Geschwistern erhielt, bekam ich einige Tage frei. „Du musst doch deiner Familie auch etwas von der Umgebung zeigen!“, so Monika. Leider hatten wir nicht genug Zeit, viele andere Ortschaften in der Umgebung zu besichtigen, doch auch Olsztyn hält schließlich genug Sehenswürdigkeiten für eine Woche bereit. Also zeigte ich meiner Familie die Stadt und meinen Arbeitsplatz. Einen Vormittag verbrachten wir in Ostróda (Osterode), Karfreitag verabschiedeten wir uns wieder voneinander.

Karsamstag färbten Helena und ich einige Eier, von denen ich zwei in mein Osterkörbchen legte, für das ich außerdem ein Brötchen, ein Stück Käse, Butter und Salz besorgt hatte. Zwei von mir auf dem Ostermarkt verzierten Plätzchen ka
Wir Freiwilligen hatten geplant, uns am Ostersonntag gegen zehn zu treffen, um nach polnischer Tradition bei einem men ebenfalls hinein, dann machten Helena, Christiane und ich uns auf in die Kirche, wo ein reges Treiben herrschte. Zunächst etwas verunsichert, stellte ich den Korb schließlich auf einen bereits recht vollen Tisch vor den Altar und setzte mich in die Bank und wartete darauf, dass der Pastor eine kurze Ansprache hielt. Wir beteten das „Vater unser“, er segnete die Lebensmittel mit Weihwasser, erinnerte an die Gottesdienstzeiten der folgenden Tage, fertig. Die ganze Zeremonie hatte wenige Minuten gedauert. Ich nahm glücklich unser künftiges Frühstück an uns, während bereits die nächsten Menschen hereinströmten.

Mein Osterkörbchen

Wir Freiwilligen hatten geplant, uns am Ostersonntag gegen zehn zu treffen, um nach polnischer Tradition bei einem gemeinsamen Frühstück die gesegneten Speisen zu teilen. Ich glaube, wir begannen um zwölf zu essen. Für die Verzögerung sorgte die Zeitumstellung, mit der niemand von uns gerechnet hatte. Als Helena und ich uns dann endlich mit dem Korb sowie einem noch warmen Hefezopf im Gepäck auf den Weg gemacht hatten, fuhren uns die wenigen Linien, die in Betrieb waren, vor der Nase weg.

Trotz des etwas chaotischen Starts gestaltete sich der Rest des Tages sehr ruhig: Wir saßen in der Küche der anderen, die aus gegebenem Anlass frische Brötchen gebacken hatten, und aßen. Und redeten.

Obwohl ich es mir vorgenommen hatte, war ich weder Samstagabend, noch Sonntag, noch Montag in der Messe. Es ergab sich irgendwie nicht. Schade, aber dafür verbrachte ich am endlich mal wieder einen Vormittag mit lesen. Nachmittags stampften Christiane und ich gemeinsam durch den Schnee. Wer hätte gedacht, dass uns am Ostermontag 30 cm Neuschnee erwarten würden?

Eigentlich hatte ich die leise Hoffnung, während des Spaziergangs etwas vom berüchtigten „Śmigus Dyngus“ mitzubekommen. In  Polen ist es Gang und Gebe, sich am Ostermontag mit Wasser zu bespritzen. Zur Herkunft des Brauchs gibt es verschiedene  Theorien. Möglich, dass er seine Wurzeln in einem heidnische Reinigungs- und Fruchtbarkeitsritual hat; möglich jedoch auch, dass er auf die Taufe des polnischen Königs Mieszko I. zurückgeht. Auf jeden Fall liest man an vielen Stellen, dass ursprünglich nur hübsche Mädchen von der männlichen Bevölkerung mit Wasser überschüttet worden seien. Als schlechtes Omen habe es gegolten, als junge Frau am „nassen Montag“ trocken zu bleiben: Dies soll die Heiratschancen vermindert haben.

Uns begegneten auf unserem Spaziergang leider nur einige Kinder, die sich mit Schneebällen bewarfen (was sie wahrscheinlich auch an jedem anderen Tag getan hätten). Für Streiche mit Wasser war es anscheinend zu kalt. Na ja, es hatte eh keine von uns vor, in diesem Jahr vor den Altar zu treten…

 

Jetzt, anderthalb Wochen nach Ostern, liegt immer noch Schnee. Es ist allerdings schon weniger geworden. Angeblich soll das Wetter noch diese Woche die 10°-Marke knacken – schön wär’s. In den vergangenen Tagen sind die Temperaturen tatsächlich gestiegen, allerdings habe ich inzwischen gelernt, der maurischen Witterung zu misstrauen. Erst wird man mit Sonnenschein und Tauwetter geködert, darauf folgt Schnee.

Die Geburtenrate im Museum scheint der unverhältnismäßig lange Winter nicht zu beeinflussen. Heute Morgen begrüßt mich Monika freudestrahlend mit den Worten „Frania, wir haben ein kleines Pferd!“ Kraikas Sohn ist geboren worden. Somit gibt es hier nun schon zwei Fohlen. Während Najkonka zwischen den Bäumen herumspringt und versucht, Schneehaufen zu erklimmen, ist das neue Fohlen noch etwas wacklig auf den Beinen.

 

Links das neue Fohlen, rechts Najeli und Najgonka


Über die Autorin/den Autor:  Nachdem ich dieses Jahr mein Abitur am Märkischen Gymnasium gemacht habe, beginne ich diesen Sommer einen Freiwilligendienst in einem Freilichtmuseum in Olsztynek, einem Ort im Nordosten Polens neben Olsztyn (dem ehemaligen Allenstein). Entsendeorganisation ist Pax Christi. Keine Sekte, sondern eine internationale Friedensbewegung. Aus Versöhnungsbestrebungen nach dem zweiten Weltkrieg entstanden, entsendet sie seit 1992 junge Menschen nach Osteuropa. http://pax-christi-aachen.kibac.de/seiten/index.html http://muzeumolsztynek.com.pl Alle Beiträge der Autorin/des Autors: