Meine Gasteltern und ich hatten uns Anfang März dafür entschieden, ein
letztes Wochenende in die Berge zu fahren. Auf der dreistündigen
Autofahrt waren wir voller Vorfreude auf das Ski fahren. Als wir fast
am ziel waren sahen wir einen Supermarkt auf der linken Seite und
machten dort die letzten Besorgungen. Meine Gasteltern wollten es sich
Abends gemütlich machen mit einer Flasche Wein. Aber was an der Kasse
beim Bezahlen passieren sollte, hätte sich wohl niemand vorher
vorstellen können…

Mein Gastvater hatte es vorgezogen, im Auto sitzen zu bleiben und so
ging ich mit meiner Gastmutter allein in den Supermarkt. Nach unserer
shoppingtour durch die großzügigen Gänge des Ladens legten wir unsere
Lebensmittel und eine Flasche Wein auf das Band vor der Kasse, als die
Verkäuferin meine Gastmutter fragte, ob ich ihre Tochter sei. Wir haben
mit einem Lächeln auf den Lippen geantwortet, dass ich eine
Austauschschülerin aus Deutschland sei. Daraufhin fragte mich die
Verkäuferin nach meinen Ausweis. Ich antwortete, sichtlich etwas
verwirrt: ,,Nein, warum auch?“ Daraufhin erklärte uns die Verkäuferin,
es gebe ein neues Gesetz in dem Bundesstaat Vermont. Dieses Gesetz
besage, dass ein Erwachsener, der einen nicht ihm in einem
Verwandtschaftsverhältnis stehenden Minderjährigen dabei hat, verboten
sei, Alkohol zu kaufen. Das Risiko sei zu groß, dass der Alkohol an den
Minderjährigen abgeben werde…

Wir dachten im ersten Moment an einen wenig gelungener Scherz – von so
etwas hatten wir noch nicht gehört. Im weiteren Verlauf wurde die
anfangs amüsante Situation allerdings ernster und meine Gastmutter
langsam sauer wurde (was nur sehr selten passiert). Also versuchten wir
einen Deal zu machen. Wir fragten die Verkäuferin, ob ich nicht einfach
heraus gehen oder sie später alleine ohne mich wieder herein kommen
könnte. Leider sah sich die Verkäuferin dazu nicht in der Lage und
erwiderte: ,,Es tut mir leid, aber eine Flasche Wein ist nicht mein Job
wert!“ Jetzt war wirklich Schluss mit lustig!

Wir verließen also tatsächlich unverrichteter Dinge den Supermarkt und
beratschlagten uns auf dem gefüllten Parkplatz mit meinen Gastvater,
was nun zu tun sei. Wir beschlossen, er solle nun die Flache Wein
kaufen und wir würden im Auto warten. Gesagt – getan!

Als er mit der Flasche Wein die Kasse erreichte wurde er überraschend
gefragt, ob er zu der Dame mit der Austauschschülerin aus Deutschland
gehöre. Er bejahte die Frage instinktiv ohne in diesem Moment
irgendwelche Bedenken zu haben. Diese vielleicht nicht ganz
durchdachte, aber ehrliche Antwort sollte Konsequenzen nach sich
ziehen. Ihr müsst wissen: mein Gastvater hat ein blühendes
Temperament… und wurde ganz schön laut… Jeder Besucher des
Supermarktes konnte seine ganz persönliche Meinung dazu hören, die ich
hier lieber nicht im Detail wiedergeben möchte. Jedenfalls zog er
einige verwunderte Blicke anderer Kunden auf sich.

Mein Gastvater, mit immerhin 60 Lenzen auf dem Buckel, war offenbar
nicht in der Lage, in einem Supermarkt eine einfache Flasche Wein zu
kaufen. Das war zu viel für ihn. Nun wollte er mit dem Geschäftsführer
sprechen, der ihn dann in sein Büro bat. Nach einem, nennen wir es
Meinungsaustausch – der Geschäftsführer ging mit seiner Meiner in das
Gespräch und mit der Meinung meines Gastvaters wieder aus der
Unterhaltung heraus- erhielt die Kassiererin schlussendlich die
Erlaubnis, meinem Gastvater die Flache Wein zu verkaufen – also doch,
viel Rauch um nichts!

Meine Gastmutter und ich hörten im Auto sitzend zwei jungen Männer zu,
die darüber reden, wie lächerlich es doch sei, dass ein erwachsender
Mann nicht in der Lage sei, Alkohol zu kaufen. Wir dachten, ihnen wäre
Ähnliches widerfahren, aber sie waren lediglich Zeugen der Szene
geworden und hatten sich auch zu unserer Erheiterung ein Späßchen
daraus gemacht…

Es ist schon ein wenig verwunderlich: Mit meinen jungen 16 Jahren wäre
es in meinem Heimatland Deutschland für mich kein Problem gewesen, eine
Flasche Wein in einem Supermarkt zu erwerben – unter bestimmten
Umständen ist das hier in Amerika selbst für einen gestandenen Mann
nicht möglich.

Wir konnten es beim Dinner immer noch nicht ganz glauben, haben uns
aber zu guter Letzt köstlich amüsiert…

Übrigens: in den letzten Tagen war ich in Florida und habe dort viel
erlebt, der Blog kommt in den nächsten Tagen ….


Über die Autorin/den Autor:  Ein Jahr besucht Hannah Keyen aus dem Werler Stadtteil Büderich im US-Bundesstaat Connecticut die Highschool, lebt eine Autostunde von New York entfernt bei Gasteltern. Von ihren Erlebnissen in Amerika berichtet die 15-jährige Schülerin im Anzeiger-Blog. Alle Beiträge der Autorin/des Autors: