Erste Frühlingsgefühle

Ich freue mich auf Ostern. Darauf, am Ostersonntag ein Körbchen mit Brot, einem Ei und Salz zu füllen, um es von einem Priester segnen zu lassen, und auf die Bastelkurse im Skansen. Ich will warme Farben um mich haben und Ostergebäck essen.

Mit noch mehr Vorfreude erwarte ich die warme Jahreszeit. Zu vielen Ausflügen in die Umgebung bin ich leider noch nicht gekommen, das soll sich ändern. Ich will wieder an die frische Luft, und zwar bald!

Tatsächlich liegt bereits eine Woche mit traumhaftem Wetter hinter mir. Frühlingsgefühle habe ich schon länger, aber mit Monika und Pani Wiesia, meinen beiden Chefinnen aus dem Büro, über das in Sonnenschein getauchte Gelände des Skansens zu spazieren und zum ersten Mal die Gelegenheit zu bekommen, selbst eine Pferdekutsche zu lenken – wenn auch nur für wenige Minuten – hat diese Empfindungen intensiviert. „Przedwiośnie“, „Vorfrühling“ eben, wie Monika erklärte. Ob es diesen Begriff auch im Deutschen gebe.

– „Nein, nie gehört.“

Ich hätte geschworen, dass es im Deutschen nur Frühling, Frühsommer, Hochsommer, Spätsommer, Herbst und Winter gebe, bis mir der Ausdruck ausgerechnet einen Tag später in einem Buch begegnete und ich ihn ebenfalls im Internet fand. Interessant.

 

Dzień kobiet

Auch außerhalb der Arbeit schien der Frühling mit einem Mal zum Greifen nahe, als anlässlich des „Tags der Frau“ am Freitag Blumenstände aus dem Boden schossen und einem auf Schritt und Tritt glückliche Menschen – beschenkte Frauen wie schenkende Männer- mit Tulpen in der Hand begegneten. Selbst ich bin an eine Blume gekommen, da im Fitnesstudio welche an die Kundinnen verteilt wurden. Dass der Tag der Frau derart gefeiert wird, war für mich eine Überraschung, wenn auch eigentlich eine ganz angenehme. Die Warnung, die Hannah und ich auf der Arbeit erhalten hatten – wir sollten uns nicht zu sehr über das Wetter freuen, es lägen schließlich noch der Großteil des Märzes, der April und der Mai vor uns – konnte man im Angesicht all dieser Lebendigkeit und Freundlichkeit doch gar nicht ernst nehmen.

Tja, falsch gedacht. Wenn ich jetzt aus dem Fenster schaue, sehe ich eine Farbe: Weiß. Seit vorgestern schneit es durchgehend.

 

Nachwuchs

Trotzdem! Der Kampf des Frühlings gegen den Winter geht offensichtlich weiter, auch wenn unser Favorit einen kleinen Rückschlag einstecken musste. Die Koniki polskie verlieren wie verrückt ihr Winterfell. Streicht man ein Mal über ihren Rücken, hat man gleich ein Haarbüschel in der Hand. Wie meine Kleidung nach mehrstündigem Striegeln – übrigens eine wahre Sisyphusarbeit – aussah, kann man sich vorstellen.

UND: Am Sonntag hat das Erste der Koniki polskie  ein Fohlen zur Welt gebracht. Einen Namen trägt es noch nicht, hüpfte am Montag aber schon ganz fröhlich über die Weide (einige Fotos sind zu bewundern unter http://www.muzeumolsztynek.com.pl/index.php?option=com_phocagallery&view=category&id=26:narodziny-zrebaka&Itemid=143), bis es mit seiner Mutter Najeli auf Grund der Kälte vorübergehend in einem Stall untergebracht wurde. Drei weitere Fohlen werden bald folgen. Wenn das kein Anzeichen dafür ist, dass Lenz letztendlich über Väterchen Frost triumphieren wird?

 

Halbzeit: Zwischenauswertung in Berlin

Dass der Frühling naht, heißt leider gleichermaßen, dass ich nur noch ein halbes Jahr in Olsztyn habe. Die ersten Monate hier sind wie im Flug vergangen, nun stehen plötzlich schon unsere Nachfolger fest. Die kommenden Monate werden wahrscheinlich noch schneller vergehen. Sobald ich an den Wochenenden mehr unternehme und im Skansen die Hochsaison beginnt, bemerke ich wahrscheinlich kaum, wie sich mein Freiwilligendienst seinem Ende zuneigt. Dabei habe ich noch so viel vor. Besser Polnisch zu lernen, beispielsweise.

Dass es den meisten anderen Pax-Christi-Freiwilligen nicht anders ergeht, wurde auf unserem Zwischenauswertungsseminar, das Ende Februar in Berlin stattfand, offensichtlich. Ich muss zugeben, dass ich ursprünglich keine sonderlich große Lust auf die Woche in einem Tegler Waldstück hatte – nicht etwa, weil ich mich nicht gefreut hätte, alle wiederzusehen, sondern vielmehr, weil ich nicht schon wieder zurück nach Deutschland wollte. Letzten Endes hat es sich allerdings gelohnt. Das Programm war weniger umfangreich als in Berterath, sodass kein Stress aufkam. Es sollte uns überwiegend dabei helfen, den bisherigen Verlauf unseres Freiwilligenjahres auszuwerten, Erfahrungen auszutauschen und Perspektiven zu entwickeln. Höhepunkte des Seminars waren daneben eine Führung durch Kreuzberg mit abschließendem Essen in einem türkischen Restaurant, das Gespräch mit einem Abgeordneten für Entwicklungspolitik und unser letzter gemeinsamer Abend, den wir in einem indischen Restaurant ausklingen ließen.

Insgesamt war es einfach toll, mit den anderen zu reden und Spaß zu haben – ich vermisse alle schon wieder ein wenig-, obwohl teilweise kritisiert wurde, dass keine rechte Dynamik in die Gruppe kommen wollte. Lag wohl zu großen Teilen an der Jahreszeit: Es ist etwas anderes, ob man sich in der Mittagspause auf einer Sofaecke drängt (vielleicht einige Minuten schaukeln oder spazieren geht) oder ob alle nach draußen strömen, um sich wie in Berterath im Gras zu fläzen.

Ja, Berterath hat schon seinen ganz eigenen Reiz. Und so muss ich sagen, dass ich mich gewissermaßen schon auf unsere Schlussauswertung freue, die erneut in dem 36-Seelen-Dorf hinter der belgischen Grenze stattfinden wird. Möge diese Woche trotzdem noch fern bleiben, denn jetzt freue ich mich zunächst auf weitere spannende Monate hier in Polen.

Wie gesagt, ich habe noch viele Pläne.


Über die Autorin/den Autor:  Nachdem ich dieses Jahr mein Abitur am Märkischen Gymnasium gemacht habe, beginne ich diesen Sommer einen Freiwilligendienst in einem Freilichtmuseum in Olsztynek, einem Ort im Nordosten Polens neben Olsztyn (dem ehemaligen Allenstein). Entsendeorganisation ist Pax Christi. Keine Sekte, sondern eine internationale Friedensbewegung. Aus Versöhnungsbestrebungen nach dem zweiten Weltkrieg entstanden, entsendet sie seit 1992 junge Menschen nach Osteuropa. http://pax-christi-aachen.kibac.de/seiten/index.html http://muzeumolsztynek.com.pl Alle Beiträge der Autorin/des Autors: