Ich glaube, ich habe schon einmal erwähnt wie schnell die Zeit vergeht, wie man nicht bemerkt, dass Weihnachten und der Jahreswechsel schon hinter einem liegen. Das Schulsemester ist bald vorbei, und das nächste Semester, also die H2, steht vor der Tür. Ein Jeder ist gespannt auf die Zeugnisse, so wie ich.

Für die Leute aus meiner Klasse, die mit dem Fachabitur am Ende der H2 aufhören, ist das Zeugnis sogar noch wichtiger, da man anhand dessen ahnen kann, wie gut oder schlecht das Endergebnis des Fachabiturs sein wird. Meine Sorge gilt nur einer kleinen Wette, die ich mit Marina, einer Freundin aus dem Jahrgang über mir, abgeschlossen habe. Es geht einfach darum, ob ich meine Noten halten kann oder nicht. Viel Ehrgeiz steht hinter der Wette, es geht immerhin um einen Kasten Vitamalz.

Hätte ich vor zehn Jahren daran gedacht, um ein paar Noten auf meinem Zeugnis zu wetten, hätte ich wahrscheinlich laut gelacht. Aber diesmal geht es auch darum, ob ich Marina einen Kasten kaufen muss oder ob ich einen Kasten bekomme.

Wie versprochen, möchte ich heute aber gerne Milo vorstellen. Er ist in dem jüngsten Kurs des Abendgymnasiums, der E1, und er hat mich sehr beeindruckt, was seine Motivation und seinen Alltag rund um die Schule angeht.

Sein richtiger Name ist Milorad Banjanin, er ist 34 Jahre alt, verheiratet und hat einen kleinen Sohn im Alter von zwei Jahren. Ihm ist es zu verdanken, dass wir eine sehr lustige Weihnachtsfeier hatten, an der fast alle Schüler und Lehrer des Abendgymnasiums teilhaben konnten. Sein Wochentag ist beeindruckend, und das auf eine Weise, die man zeitintensiv nennen kann. Da er sich 2001 mit einer Firma für Lasertechnik selbstständig gemacht hat, steht er jeden Tag um 6 Uhr auf und ist erst abends um 22 Uhr wieder zu Hause bei seiner Familie. Meist kommt er von der Arbeit direkt in die Abendschule und sieht somit seinen Sohn nur, wenn er schon schläft. Es ist nicht leicht für ihn, seinen Sohn so selten zu sehen, doch möchte er in Zukunft ein zweites Standbein haben. Für seine Familie. Er erzählte mir eindrucksvoll, was alles mit Lasertechnik möglich ist, wie man diffizile Gravuren, Muster und Reparaturen damit bewerkstelligen kann und welche Möglichkeiten es alles gibt. Dieses Wissen könne man vielseitig anwenden. Deswegen liebäugelt er in Zukunft mit einem Studium in Medizintechnik, wo er seinen erlernten Fachbereich gut einbringen kann. Milo sagte mir: „Menschen werden älter und benötigen immer bessere medizinische Produkte“. Das kann ich nur bestätigen, und ich hoffe, er ist darin so ehrgeizig wie in allem anderen.

Sein Werdegang ist nicht weniger beeindruckend. Mit 16 Jahren machte er seinen Hauptschulabschluss und begann sofort eine Lehre als Werkzeugmacher. Er arbeitete in dem Beruf, bis er sich mit 23 selbstständig machte, mit sichtlichem Erfolg. Doch das war ihm nicht genug, denn nichts davon war für ihn beweisbar auf Papier. Er wollte es sich selbst beweisen und strebte nun einen Realschulabschluss an, den er mit etwa 1,2 schaffte (es waren eigentlich 1,17, als wir es ausgerechnet haben). Den Abschluss machte er, kurz bevor er anfing, das Abendgymnasium zu besuchen, und nun ist er auf dem besten Wege zum Abitur. Immer in Gedanken bei seiner Frau Dana, die ihn unterstützt, wo sie nur kann. Er sagte mir, ohne jemanden, der ihm den Rücken freihalte, ihm Zuspruch und Hoffnung mache und so viel Last und Arbeit von seinen Schultern nehme, könne er es nicht schaffen.

Aber auch jemand wie Milo hat ein paar Sorgen, was die Abendschule anbelangt. Der Biologieunterricht ist zu Beginn hart, und das Pensum in Lerninhalt und Zeit steigt stetig, seine Englischkenntnisse sind nicht die besten und weil unser Englischlehrer, Herr Schwarz, im Unterricht gerne abschweift, fühlt er sich manchmal etwas im Stich gelassen, vor allem im Hinblick auf die Abiturklausuren.

Und Sorgen machen ihm auch die Tische. Eine Sorge, die viele andere teilen. Schmal und instabil nagen sie an der Geduld vieler Schüler, und so mancher würde sie gerne ausgetauscht sehen. Doch das wird so schnell nicht passieren. Mal sehen, wie Milos erstes Zeugnis aussieht und ob ich mit ihm mithalten kann. Auf in das nächste Schulsemester!

 


Über die Autorin/den Autor:  Der Lüdenscheider Thomas Köhler ist 25 Jahre alt und gelernter Krankenpfleger. Er arbeitet im Klinikum Lüdenscheid. Während der nächsten drei Jahre will er das Abendgymnasium Lüdenscheid, eine Außenstelle des Hagener Rahel-Varnhagen-Kollegs, besuchen – außer in den Schulferien an fünf Abenden pro Woche. Den Lesern unserer Zeitung wird Thomas Köhler in regelmäßigen Abständen – etwa einmal monatlich – erzählen, wie es ihm und seiner Klasse dabei ergeht. Alle Beiträge der Autorin/des Autors: