Meine Lieblingszeit im Jahr bekommt hier noch einmal eine ganz andere
Bedeutung. Schon seit über einem Monat sind die Amerikaner in
Weihnachtsstimmung, und ich bin mittendrin! Der bunt geschmückte
Weihnachtsbaum mit Lichterketten in allen Farben verschönert schon seit
Ende November unser Wohnzimmer – nach deutschem Geschmack würde er wohl
eher als ‚kitschig‘ beschrieben werden. Die Amerikaner verwandeln sich
in der Vorweihnachtszeit zu echten Dekorationsweltmeistern. Die Häuser
sind mit bunten Lichtern, herrlich leuchtenden Tieren und
wunderschönen weiteren Dekorationen mit viele Liebe zum Detail
geschmückt. Unsere kleine Stadt Oakdale verwandelt sich bei Nacht in
ein kleines Wunderland, ein Haus sieht schöner aus als das andere.
Meine Gasteltern und ich fahren nach dem Dinner des öfteren einfach mal
so durch die Nachbarschaften, nur um uns die Häuser anzusehen. Dabei
hat jeder sein Lieblingshaus, und der Spaß kommt dabei nicht zu kurz!
Mein Favorit ähnelt einem Lebkuchenhaus – alles ist so schön kunterbunt
dekoriert. Ich sage dann immer „hier wohnt bestimmt Santa Claus“.

Aber auch unser Haus ist von innen zu einem kleinen Schmuckstück
geworden, überall stehen kleine Figuren und Engelchen. Das einzige,
worauf ich dieses Jahr verzichten muss, ist der typisch deutsche
Adventskranz. Als kleiner Ersatz dafür dient ein Adventskalender, den
mir meine Lieben hierher nach Amerika geschickt haben. Das ist für mich
ein Stückchen Heimat, das mir das Gefühl von gewohnter Geborgenheit
vermittelt.

Am 8. Dezember stand ein Tagesausflug nach New York City auf dem
Wochenplan, es sollte mein persönliches Highlight werden. Diese Stadt
war so wunderschön dekoriert, überall konnte man Weihnachtslieder hören
und alle Schaufenster waren weihnachtlich dekoriert.

Der große Weihnachtsbaum vor dem Rockefeller Center durfte bei unserer
Tour durch die Stadt natürlich nicht fehlen. Er war riesig und mit
überdimensional großen farbigen Kugeln festlich geschmückt.Das
Sahnehäubchen war dann die Christmas Show in der Radio City Music Hall. Das ist ein
gewaltiges Weihnachtsspektakel mit Tänzerinnen, die akrobatische
Darstellungen vorführen. Ich war so beeindruckt von der Show, dass ich
am liebsten nächstes Jahr noch einmal hingehen würde! Es war schier
unglaublich, ich kann es gar nicht beschreiben, man muss einfach dabei
gewesen sein. Den besonderen Charme der dieser Stadt in der
Vorweihnachtszeit genießen zu dürfen, war mein schönstes
Geburtstagsgeschenk.

Im Radio laufen fast ausschließlich Weihnachtslieder und in den
Einkaufscentern ist „die Sau los“, so wie man sich das eben in den
Verreinigten Staaten vorstellt. Und da ich durch dieses Umfeld schon
sehr in Weihnachtsstimmung bin, kann ich es natürlich kaum noch
abwarten, bis es endlich soweit ist.

Am 21. Dezember beginnen die Ferien und dann geht es erst einmal über
das Wochenende in die Berge zum Ski fahren, worauf ich mich unglaublich
freue! Passend zum Heiligen Abend sind wir dann wieder zu Hause, aber
es gibt die Weihnachtsgeschenke nicht wie daheim in Deutschland, am
Abend, sondern erst am 1. Weihnachtstag morgens, nach dem in der Nacht
Santa Claus durch den Kamin gekommen ist. Am Heiligabend (Christmas
Eve) gibt es zum Abendessen Truthahn, ein ähnliches Festessen wie an
Thanksgiving. Die Familie von meiner Gastmutter kommt zu uns und wir lassen es uns so
richtig schmecken. Pünktlich um 10 Uhr geht es dann ganz traditionell
in die Kirche. Am 25. Dezember ist es dann auch endlich bei uns soweit,
wir öffnen unsere Geschenke und danach fahren wir zu der Familie meines Gastvaters.
Ich bin ganz aufgeregt und gespannt, wie mein erstes Weihnachtsfest in
einer anderen Kultur sein wird. Aber bei einem bin ich mir ganz sicher:
Wenn das Weihnachtsfest genauso schön wird wie die Vorweihnachtszeit,
werde ich bei uns zu Hause an Weihnachten 2013 andere Traditionen
einführen …

Doch ein schlimmes und unfassbares Ereignis trübt meine vorweihnachtliche Stimmung und die Vorfreude auf ein friedliches Weihnachtsfest. Ein Amokläufer tötete in einer Grundschule viele Kinder und Erwachsene. Ein Horrorszenario, welches die eine Autostunde entfernt liegende Stadt Newtown und das ganze Land in dieser besinnlichen Adventszeit heimgesucht hat.
Fassungslosigkeit und Schock herrschen bei den Menschen hier bei uns in Connecitut und überall auf der Welt. Wir trauern um die Opfer, die meisten waren Kinder und hatten das ganze Leben noch vor sich. Diese unglaubliche Tat hat mich ebenso wie alle anderen zutiefst betroffen gemacht. Es hilft mir, dass ich mit meinen Eltern, meinen Gasteltern und meinen Freunden über das Geschehene sprechen kann. Dennoch wird das Weihnachtsfest in diesem Jahr nicht so fröhlich verlaufen wie dies in den vergangen Jahren der Fall war. Meine Gedanken sind bei den Opfern, ihren Angehörigen und Freunden.


Über die Autorin/den Autor:  Ein Jahr besucht Hannah Keyen aus dem Werler Stadtteil Büderich im US-Bundesstaat Connecticut die Highschool, lebt eine Autostunde von New York entfernt bei Gasteltern. Von ihren Erlebnissen in Amerika berichtet die 15-jährige Schülerin im Anzeiger-Blog. Alle Beiträge der Autorin/des Autors: