Zuerst das Wichtigste: Es geht mir gut, – wir haben alles glücklich
überstanden!

Bei der Ankündigung des Unwetters war ich innerlich ruhig und gelassen
– vermutlich, weil meine Gasteltern es auch waren. Stürme sind an der
Ostküste nicht selten und sie hatten das schon einig Male erlebt. Alles
fing an mit dieser Nachricht: „Montag und Dienstag, Montville High
School wegen Hurrican Sandy geschlossen!“ Zunächst konnte ich „mein
Glück“ kaum fassen: zwei Tage schulfrei! Diese erste Freude aber wich
schon sehr schnell ein paar Stunden danach einem Gefühl des hilflosen
Ausgeliefert seins. Am Montag um 16:30 Uhr flackerte auf einmal das
Licht, zehn Minuten später war dann alles aus – wir hatten keinen Strom
mehr. Wir durften das Haus nicht verlassen und die Bäume in unserem
Garten neigten sich bedrohlich im Wind von Sandy, ein hübscher Name für
ein solches Ungeheuer. Etwas vergleichbares hatte ich noch nie zuvor
erlebt und ich hatte keinen blassem Schimmer davon, was mich in den
nächsten Tagen noch erwartete.

Ich lief in unserem Haus die Treppe hinunter und hörte meinen Gastvater
Lee fluchen, weil er gerade wie üblich das Essen kochte. „Gerade jetzt,
das kann doch wohl nicht wahr sein! Ich konnte mich vor lachen kaum
halten, weil es für mich so eine komische Situation war, auf einmal
keinen Strom mehr zu haben. Mein Lachen darüber währte aber nur kurz.
Wenige Stunden danach musste ich feststellen, dass ich noch nicht
einmal ohne weitere Vorbereitungen zur Toilette gehen konnte. Unser
Wasser wird hier nämlich mit Strom hoch gepumpt, also hieß es dann für
die nächsten Tage: kein fließend Wasser, kein Licht, kein Kühlschrank,
kein Herd, kein Fernseher = nichts ging mehr! Lee musste Wasser für die
Toilette aus dem Brunnen im Garten mit Eimern holen.

Das Essen an diesem ersten Abend haben wir dann mit der restlichen
Wärme halbwegs garen lassen. Im Anschluss, als es begann dunkel zu
werden, wurden die Kerzen und die Öllampe rausgeholt – meine Gasteltern
Lee und Anna hatten die über die Medien verbreiteten Warnungen zu Recht
ernst genommen und sich mit den notwendigen Hilfsmitteln eingedeckt. Es
war gespenstisch, in den Supermärkten vor leeren Regalen zu stehen. Die
Meschen an der Ostküste kennen sich mit Sturmwarnungen aus und haben
gekauft, was da war. Niemand wusste genau, wie lange der Sturm dauern
würde und welche Zerstörungen er auslösen würde.

Wir haben nach dem Abendessen drei lange Stunden Karten gespielt. Ich
konnte die Karten im schwachen Lichtschein von Kerzen und Öllampe echt
kaum noch sehen! Also ging ich mit meiner Taschenlampe hoch um mich für
das Bett fertig zu machen. Zähne putzen mit dem guten und knappen
Wasser aus der Flasche – so viel wie nötig, so wenig wie möglich! Mit
meiner Taschenlampe habe ich in alle Ecken meines Zimmers geleuchtet,
weil ich so Angst hatte in der schwarzen Dunkelheit unseres großen
Haus, es war ganz schön gruselig. Irgendwann bin ich dann eingeschlafen.

Am nächsten Morgen gab es dann zum Frühstück wie immer Müsli,
allerdings aus Pappschalen. Gegessen haben wir es von Papplöffeln – es
hat nicht so gut geschmeckt wie sonst immer… Schließlich konnten wir
nicht spülen. Mit dem letzten „Saft“ auf dem Handy haben wir dann meine
Gastoma angerufen, und Gott sei Dank, sie hatte noch Strom! Der Sturm
hatte inzwischen nachgelassen und wir haben natürlich keine Zeit
verschwendet und uns sofort auf den 40 km langen Weg gemacht. Dort
konnten wir dann wieder den Luxus der Zivilisation genießen. Ich glaube
ich habe mich noch nie so sehr über eine warme Dusche und elektrisches
Licht gefreut! Da konnte ich dann auch endlich meinen Eltern und
Freunden Daheim Bescheid geben, dass es mir gut geht, weil in den
Nachrichten alles so dramatisiert wurde. Ich hatte ja vorher keine
Gelegenheit zu berichten und meine Lieben von ihren Sorgen zu befreien.
Von dem eigentlichen Sturm haben wir aber keine größeren Schäden
davongetragen. Es war verdammt windig, bei uns in Oakdale, eine
Autostunde nördlich von New York, sind lediglich etliche Bäume
umgeknickt und einige Straßen wurden gesperrt. Wir haben dann bei der
Gastoma Essen gekocht und den restlichen Abend verbracht. Über die
Nachrichten am Fernseher erfuhren wir, dass am morgigen Tag, also
Mittwoch, die Schule weiter ausfallen würde.

Als wir dann am späten Abend wieder in diese schreckliche und
bedrohliche Dunkelheit zurück nach Hause mussten, haben uns drei
Polizeiwagen mit Blaulicht überholt – zu diesem Zeitpunkt konnten wir
noch nicht wissen, dass die Polizisten zu unseren Nachbarn
wollten…..Zwei Jungs haben die Dunkelheit genutzt und versucht unser
Nachbarhaus auszurauben, das hat mir total Angst gemacht!

Den nächsten Morgen musste ich dann meine Gastmutter zur Arbeit
begleiten, weil sie mich nicht alleine zu Hause lassen wollte. Sie
befürchtete, das jemand auch bei uns einbrechen würde und ich darüber
in Gefahr geriet. Leider hatten die dort auf der Arbeit auch keinen
Strom, und die schnell aufkommende Langeweile wollte nicht verschwinden
– aber ich fühlte mich zumindest sicher. Irgendwie ging dann aber auch
der Arbeitstag meiner Gastmutter Anna dem Ende zu.

Am Abend kam dann endlich Abwechslung! Es war Halloween, Sandy war
weiter gezogen und die Stadt hatte war noch zum größten Teil ohne
Strom. Wir konnten eigentlich nichts unternehmen. Da ich aber mein
erstes Halloween hier nicht verpassen wollte, haben mir Anna und Lee
erlaubt, mit meiner Freundin ‚Süßes oder Saures‘ zu gehen. Anders als
bei bei uns machen das hier alle! Egal wie alt man ist. Es war total
lustig, wir waren beide als Piraten verkleidet, klingelten wie bei uns
zu Karneval an den Türen und hatten nachher einen großen Haufen von
Süßigkeiten, mhhhmm!

So langsam fing es an echt kalt zu werden, weil natürlich auch unsere
Heizung nicht funktionierte. Zum Ende hin waren es nur noch kühle 14°C
in unseren Haus. Auch den nächsten Morgen hatten wir keine Schule, also
hat mich meine Freundin abgeholt und wir haben den Tag bei ihr
verbracht. Sie gehörte zu den wenigen Glücklichen, die schon wieder
Strom hatten. Abends haben wir erfahren, dass wir Freitag wieder Schule
haben! Ich konnte es nicht glauben, wie soll ich mich morgens fertig
machen ohne Strom und Wasser? Andererseits war ich froh, mal wieder ein
bisschen den gewohnten Alltag zu haben. Und dann, um viertel vor zwei
in der Nacht ging auf einmal mein Licht an, und ich konnte mein Glück
kaum fassen – WIR HATTEN WIEDER POWER! Es war ein unglaubliches Gefühl
und ich war so froh, alles gut und unverletzt überstanden zu haben. Ich
hatte meinen geliebten Alltag wieder. Wir hatten gelebt wie im
Mittelalter, und ich bin einfach nur dankbar für die so
selbstverständlich gewordenen Annehmlichkeiten unserer modernen
Zivilisation.


Über die Autorin/den Autor:  Ein Jahr besucht Hannah Keyen aus dem Werler Stadtteil Büderich im US-Bundesstaat Connecticut die Highschool, lebt eine Autostunde von New York entfernt bei Gasteltern. Von ihren Erlebnissen in Amerika berichtet die 15-jährige Schülerin im Anzeiger-Blog. Alle Beiträge der Autorin/des Autors: