Streichereien

Ich sitze im Büro, draußen regnet es, heute haben Hannah und ich nicht so viel Wichtiges zu tun. Nachdem wir in der vergangenen Woche die Innenwände der Geflügelställe mit einer Kalzium-Mischung gestrichen haben, werden wir heute Nachmittag in besagten Ställen die Fenster putzen.  Während sich die Hühner, Gänse, Enten und Truthähne bisher frei auf dem Gelände des Skansens bewegen durften, werden sie den Winter drinnen verbringen. Leider sind die teilweise aus dem 19. Jahrhundert stammenden Ställe recht dunkel. Um den Tieren so viel Licht wie möglich zu verschaffen, muss Tomek mit einigen Tricks arbeiten: Beispielsweise hat er die Original-Türen der Gebäude durch Tore aus zusammengenagelten Holzlatten ersetzt. Auch die weiße Farbe der Wände trägt dazu bei, das Licht im Innern zu reflektieren. Vor allem wirkt Kalzium jedoch desinfizierend, weshalb wir nicht jede x-beliebige Farbe benutzt haben.

Inzwischen spürt man den nahenden Winter. Um vier Uhr beginnt es zu dämmern, wir hatten bereits Schnee und Minusgrade. Obwohl die Temperatur in den letzten Tagen wieder gestiegen und es eher unangenehm nass als kalt ist, hat sich während des langen Wochenendes, das hinter uns liegt, zum Glück auch ein paar Mal die Sonne blicken lassen. Als Helena, Hannah, Elisa (sie arbeitet in einem Kindergarten) und ich gestern Nachmittag einen Spaziergang um einen der Seen unternommen haben, waren Himmel und Wolken von einem rötlichen Glanz überzogen. Und als wir uns schließlich bei einbrechender Dämmerung auf den Heimweg machten, stieg über dem Wasser bereits Nebel auf. Malerisch.

 

Fest der Heiligen

Fast so faszinierend wie das Meer aus Lichtern, das uns am Donnerstag auf dem Friedhof empfing. Egal ob ehemalige Freiwillige, unsere Mentoren oder unser Sprachlehrer: Alle hatten uns geraten, uns Allerheiligen in Polen keinesfalls entgehen zu lassen. Recht hatten sie, schließlich wird dieser katholische Feiertag hier noch viel intensiver begangen als in Deutschland. Jeder pilgert auf den Friedhof, um Andachten für die Verstorbenen beizuwohnen und Laternen anzuzünden. Sogar die Busse waren am ersten November kostenlos.

Einen Gottesdienst haben wir zwar nicht erlebt, doch es war schon ein Erlebnis, am Abend über den Friedhof zu wandern. Es gab kein Grab, das nicht mit mehreren Lichtern und frischen Blumen geschmückt war. Richtete man den Blick einfach nur gerade aus, verschmolzen Grabsteine und Wege mit der Nacht. Alles, was man nun noch ausmachen konnte, waren der Schein unzähliger kleiner Feuer, hinter rotem, grünem und weißem Glas, die sich die Hügel hinauf und hinunter zogen. Das hatte nichts Beklemmendes. Es war schön, beinahe behaglich. Ich glaube, mir gefällt diese Art, den Toten zu gedenken und den Tod als Teil des Lebens anzunehmen.

 

 

 

Und was noch?

Was gibt es ansonsten Neues? Ich saß inzwischen zum ersten Mal seit fünf Jahren wieder auf einem Pferd. Tomek will uns bei Gelegenheit wieder reiten lassen. Heute Nachmittag beginnen wir Freiwilligen, das Deutsch-Sprachcafé im Kulturzentrum Planeta11 zu leiten. Das ist eine Art Konversationskurs, der von nun an wöchentlich stattfinden wird.  Schon unsere Vorgänger haben sich neben ihrer eigentlichen Arbeit ein wenig für Planeta11 engagiert, das tun wir ihnen jetzt gleich. Ist vielleicht auch eine schöne Gelegenheit, neue Kontakte zu knüpfen.

Ein weiteres Projekt steht diese Woche an: Wir werden mit Kindergartenkindern auf deutsche Art Sankt Martin feiern. Laternen basteln, ein Lied lernen und Martinshörnchen backen. Obwohl Helena und ich ja nur Martinsbrezeln kennen. Sie möchte eh lieber Weckmänner backen. Elisa (aus Freiburg): „Was sind denn Weckmänner?“ Ich: „Bei uns heißen die ‚Stutenkerle‘.“ Hannah aus Zwickau ist empört, dass wir keine Reformationsbrötchen kennen. Und schon beginnt eine neue Diskussion über regionale Speisen und vor allem Dialekte.


Über die Autorin/den Autor:  Nachdem ich dieses Jahr mein Abitur am Märkischen Gymnasium gemacht habe, beginne ich diesen Sommer einen Freiwilligendienst in einem Freilichtmuseum in Olsztynek, einem Ort im Nordosten Polens neben Olsztyn (dem ehemaligen Allenstein). Entsendeorganisation ist Pax Christi. Keine Sekte, sondern eine internationale Friedensbewegung. Aus Versöhnungsbestrebungen nach dem zweiten Weltkrieg entstanden, entsendet sie seit 1992 junge Menschen nach Osteuropa. http://pax-christi-aachen.kibac.de/seiten/index.html http://muzeumolsztynek.com.pl Alle Beiträge der Autorin/des Autors: