12. Folge: Ann Christine Ladwig aus Altena hat schon zwei Jahre überstanden

Anforderungsbereich I bis III und deren Operatoren: Ein paar Leute werden diese Begriffe noch gut kennen. Begriffe, die uns nun seit ein paar Wochen in fast jedem Fach begleiten, vor allem in den wortstarken Fächern wie Deutsch, Soziologie und Biologie.
Für uns bedeutet es ein anderes Herangehen an Texte, Bücher und Aufgabenstellungen. Die Anforderungsbereiche und Operatoren sind so etwas wie Erwartungen an den Schüler, wie er etwa an Texte herangeht, wie man mit den Informationen umgeht, die man dadurch erhält, und vor allem nicht um den heißen Brei herumredet, sondern auf den Punkt kommt.
Für mich klang das alles zu Beginn sehr abstrakt und etwas zu weit weg davon, wie ich bis jetzt gearbeitet habe. Doch vor allem unser neuer Soziologielehrer, Herr Kühmel, hat uns von der ersten Stunde an mit großer Geduld und viel Einsatz sehr genau erklärt und erörtert, was man darunter versteht.
Nicht jeder konnte mit diesen Begriffen sofort etwas anfangen und sie ohne Probleme anwenden. Deswegen waren wir heilfroh, dass Herr Kühmel so geduldig mit uns ist. Umso mehr ärgert es ein paar von uns, dass einige Unterrichtsstunden bei ihm ausfielen, sei es durch einen blöden Zufall, Seminare oder die alljährliche Grippewelle. Auch wenn das Fach Soziologie viele nicht von den Socken haut, ist es hilfreich für die kommenden zwei Jahre, da wir dort ein paar gute Übungen bekommen, die wir für die Abiphase gebrauchen können. Jetzt sind die Ferien vorbei, und ich hoffe, dass am Montag alle wieder gesund sind. Denn bei uns in der Klasse hatte die Grippewelle mit recht großem Erfolg zugeschlagen. Man hörte Husten und Schniefen aus allen Rängen.
Heute würde ich gerne eine Mitschülerin an unserem Abendgymnasium vorstellen. Fangen wir mit Ann an. Ann Christine Ladwig ist 21 Jahre jung, kommt aus Lüdenscheid und wohnt momentan in Altena. Sie ist ein Jahrgang über mir in der H3, dem Abiturjahrgang, und hat immer gerne einen guten Tipp für mich parat. Sie verbreitet mit ihrem ehrlichen Lachen in jeder Pause gute Laune und ist immer gut für ein paar Minuten gesunder Diskussionen. Sie besucht das Abendgymnasium, weil sie, aus privaten Gründen, den ersten Bildungsweg nach ihrem Realschulabschluss nicht in einem Rutsch durchlaufen konnte. Ihr Bruder brachte sie dann auf die Idee mit dem Abitur an der Abendschule. Das Abitur macht sie, da sie gerne alle Möglichkeiten haben möchte, um später das machen zu können, was sie gerne will. Sei es ein Studium oder eine spezielle Ausbildung.
Auf die Frage, wie sie es mit dem Leben neben der Schule macht, meint sie: „Ich bin momentan arbeitssuchend. So ist die Einteilung für Haushalt, Freizeit und Schule gut zu bewerkstelligen. Ich bin nur unglücklich über den täglichen Weg von Altena nach Lüdenscheid.“ Da Ann Christine nächstes Frühjahr mit den Abiprüfungen beginnt wollte ich wissen, wie gut sie sich vorbereitet fühlt. Auch hier ist sie sehr optimistisch. Die Lehrer seien alle schwer in Ordnung und hätten immer ein Ohr für Probleme, seien sie persönlich oder schulisch. Und man merkt die gute Unterstützung.
Sie erzählt mir, dass sie es genießt, viele verschiedene Menschen an der Schule zu sehen, ihre Geschichten und von ihrer Herkunft zu hören. Ann Christine sieht die drei Jahre als angenehme Zeit, die nicht verschwendet ist. Und zum ersten Mal, sagt sie, unterhalte sie sich mit ihren Mitschülern ernsthaft – sei es über Sachen aus der letzten Unterrichtsstunde, Geschichten, Gott und die Welt oder wo und bei wem man am Wochenende zusammen lernt. Außerdem solle ich unbedingt ihren Klassenkameraden Ruslan interviewen – einen Mann, vor dem sie viel Respekt habe. Das werde ich auch tun. Nächstes Mal stelle ich aber ihre beste Freundin vor, Ikram.


Über die Autorin/den Autor:  Der Lüdenscheider Thomas Köhler ist 25 Jahre alt und gelernter Krankenpfleger. Er arbeitet im Klinikum Lüdenscheid. Während der nächsten drei Jahre will er das Abendgymnasium Lüdenscheid, eine Außenstelle des Hagener Rahel-Varnhagen-Kollegs, besuchen – außer in den Schulferien an fünf Abenden pro Woche. Den Lesern unserer Zeitung wird Thomas Köhler in regelmäßigen Abständen – etwa einmal monatlich – erzählen, wie es ihm und seiner Klasse dabei ergeht. Alle Beiträge der Autorin/des Autors: