Wenn es ein Syndrom wie post-olympische Depression gibt – ich hab es. Seit meiner Ankunft hier in Brisbane am Mittwoch hatte ich nur wenig Beduerfnis mich mit etwas zu beschaeftigen, was nicht in irgendeiner Weise mit den Olympischen Spielen zu tun hat. Am liebsten wuerde ich morgens auch noch in die gruen-goldenen Olympiasachen schluepfen. Denn irgendwie will auf einmal kein Mensch mehr ein Foto machen mit mir, seit ich die Klamotten nicht mehr trage. Und auf einmal muss ich meine Bestellungen bei McDonald’s wieder bezahlen. Und in der Schlange dort stehe ich jetzt nicht mehr hinter Tyson Gay oder Andy Murray, sondern neben Joe Blow von nebenan.

 

Spass beseite – auch wenn es eine Wahnsinnszeit und eine unvergleichliche Erfahrung war, nach vier langen Wochen bin ich auch froh wieder zurueck in Australien zu sein. Die ersten Tage nach meiner Ankunft habe ich noch Urlaub, bevor es morgen wieder zurueck in den Bueroalltag geht. Das hilft dabei ein wenig Abstand zum Erlebten zu gewinnen und sich zurueck in die Realitaet zu finden. Und eine nuechterne Analyse, die ich durchfuehren muss um zu bestimmen was gut war und was in der Zukunft besser sein muss, stellt sich deutlich einfacher mit ein wenig Distanz.

Vor allem nutze ich die paar freien Tage um das Thema Tischtennis aus dem Kopf zu bekommen. Vier gemeinsame Wochen auf relativ engem Raum nutzen auch die Verhaeltnisse innerhalb der Mannschaft, bzw. untereinander ab. Am Ende bringen einen Kleinigkeiten auf die Palme, die einen am Anfang der Reise noch kalt gelassen haetten. Und solchen Abnutzungen will ich unbedingt entgegensteuern, denn sie beeinflussen einen negativ bei Entscheidungen die im Job oder im Privatleben zu treffen sind.

Deswegen verbringe ich heute nochmal einen Tag am Strand bei angenehmen 24 Grad und mache ausser etwas Sport und einem Sprung ins Wasser so ziemlich ueberhaupt nichts.

 

Vergangene Woche Mittwoch mittag australischer Zeit bin ich in Brisbane gelandet. Die letzten Tage zuvor waren noch einmal gefuellt mit Highlights. Nachdem ich bei der Eroeffnungsfeier nicht mit einmarschiert bin, war ich am Sonntagabend bei der Schlussfeier dabei. In kompletter Zeremonienmontur, also in weissen Dunlop-Volley-Schuhen, weissen Hosen, weissem Hemd, schwarzer Krawatte und gruenem Retrojackett ging es zu Fuss mit der australischen Mannschaft vom Village ‘rueber zum Olympiastadion. Dort sind wir dann die Tribuenenraenge des ausverkauften Stadions hinunter in den Innenraum marschiert und konnten das Show-Spektakel der verschiedenen britischen Musikstars quasi hautnah erleben. Es gaben sich die Klinke in die Hand: George Michael, Take That, Spice Girls, Queen, Fatboy Slim, Taio Cruz, Annie Lennox, The Who, uvm. Insgesamt waren es 30 acts und Kuenstler, die ueber fuenf Stunden ein Licht- und Soundspektakel der ersten Kategorie boten. Anschliessend fand quasi im Hinterhof der australischen Unterkuenfte eine spontane Party der Aussie-Mannschaft statt, von der ich mich aber gegen 3 Uhr verabschiedete.

 

Am letzten Tag stand Packen auf dem Programm, die letzte Mahlzeit in der riesigen Essenshalle und die letzte Einheit im Fitnesscenter. Der war im Vergleich zu den vorherigen Tagen wie verlassen, da viele Teams schon abgereist waren oder es gerade taten.

Am fruehen Abend verliessen wir dann das Olympische Dorf und wurden mit dem Bus zum Flughafen gefahren, wo der gecharterte Qantas-Jumbo auf uns wartete. Mit zwei grossen Fontaenen aus den Wasserwerfern verabschiedete uns die oertliche Feuerwehr auf dem Weg aufs Rollfeld, und dann ging es fuer mich und ca. 450 weitere Teammitglieder, allesamt im gruen-golden Praesentations-Trainingsanzug, zurueck nach Australien.

Normalerweise kuemmere ich mich vor jedem Flug zwischen Australien und Europa jeweils um einen Platz in einer Notausgangreihe. Das klappt normalerweise auch ohne Probleme. Dieses Mal war es jedoch anders – die Notausgangplaetze waren im Vorhinein den Basketballern und Volleyballern zugeteilt worden, sowie dem einen oder anderen Ruderer mit langen Beinen. “Fair enough” dachte ich mir und grummelte mich auf meinen Mittelplatz zwischen Section Manager Paul und Robbie, einem meiner Spieler. Ganze drei Stunden Schlaf in 20 Flugstunden nach Sydney waren die Quittung fuer die ich mich herzlich bedankte.

 

Die Ankunft in Sydney entschaedigte dann jedoch fuer alles. Nach der Landung wurden wir wieder mit Wasserfontaenen und spezieller Eskorte begruesst und in den Qantas-Hangar 96 auf dem Flughafen Sydney gezogen. Dort war bereits alles hergerichtet und alle warteten auf unsere Ankunft: Allen voran als erste an der Tuer Premierministerin Julia Gillard und der Qantas-Chef Alan Joyce, dann weitere Politiker wie Oppositionsfuehrer Tony Abbott und Sportministerin Kate Lundy. Dazu gefuehlte eintausend Kameras von TV-, Print- und Onlinemedien und natuerlich Freunde und Familien der Sportler, Qantas-Mitarbeiter, Flughafenpersonal, etc. pp. Dieser Empfang und die Unterstuetzung, die einem aus dem ganzen Land zuteil wird war wirklich ueberwaeltigend. Fotos hier, noch ein paar kurze Gespraeche und Verabschiedungen dort bevor es dann mit etwa 25 weiteren Teammitgliedern weiter nach Brisbane ging. Auch dort warteten dann Familien, Freunde und Medienvertreter, und nach einem kurzen TV-Interview (“Wie fuehlt es sich an nach Hause zukommen”, “Koennen Sie Ihr Olympia-Erlebnis beschreiben”, “was war Ihr persoenliches Highlight”) und ein paar Fotos mit Freundin ging es dann endlich zurueck nach Hause.

 

Der Ankunfts- und Empfangsmarathon ist allerdings noch nicht zuende. Am Freitag ist eine “Welcome Home”-Parade in der Innenstadt fuer all die Olympiateilnehmer und Mitglieder des Aussie-Teams organisiert die aus Queensland stammen, gefolgt von einem Dinner mit Queenslands Premier Campbell-Newman am Abend. Auch das wird sicherlich noch einmal etwas Besonderes auf das ich mich freuen kann.

 

Schon jetzt kann ich sagen, dass die Olympischen Spiele ein Erlebnis waren, das mich praegen wird. Die Erfahrung ist etwas so Spezielles und wirklich Einzigartiges, dass mir auf Anhieb kein vergleichbares Ereignis im meinem Leben einfaellt, das einen aehnlichen Eindruck bei mir hinterlassen hat.

 

Spaetestens ab Samstag ist es dann aber vorbei mit der Olympia-Herrlichkeit. Fuer mein neues Visum, mit dem ich dann nach weiteren 24 Monaten meinen Permanent Resident-Status erlange, muss ich logischerweise einen Englischtest absolvieren. Und der faengt fuer alle, egal ob Olympiateilnehmer, Tochter eines reichen Geschaeftsmannes aus Japan, oder armer Student aus dem Kongo am Samstag um 8 Uhr an. Anders als Matheklausuren in der Oberstufe sehe ich diesem Test aber selbstbewusst und entspannt entgegen.

 

Viele Gruesse aus Down Under

 

Jens Lang


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