“Lieber waere ich in Afghanistan.” Die Antwort des britischen Soldaten der mit hunderten seiner Kameraden die Sicherheitschecks um das Olympische Dorf herum durchfuehrt, hat mich verdutzt. Ich hatte ihn gefragt ob er und seine Kameraden sich gefreut haetten hier bei Olympia zum Einsatz zu kommen.

Die Sicherheitsfirma G4S hat kurz vor Beginn der Spiele einen Offenbarungseid leisten muessen und bekanntgegeben, dass sie den Vertrag mit dem IOC nicht erfuellen kann und ihr mehrere Hundert oder sogar Tausend Sicherheitsmitarbeiter fehlen. Um ein Sicherheitsrisiko zu vermeiden ist deshalb mehr oder weniger in letzter Minute die British Army eingesprochen, die hierfuer teilweise Soldaten aus Afghanistan abgezogen hat.

Das war auch der Hintergrund meiner Frage an den Soldaten. Er war offen und ehrlich mit seiner Antwort – in Afghanistan bekommen die Soldaten ein fuerstliches Gehalt, deutlich mehr als beim Dienst hier im Olympischen Dorf. Und da sie nunmal Berufssoldaten sind hat das Gehalt einen hohen Stellenwert. In jedem Fall einen hoeheren als die eigene Sicherheit. Denn die ist beim Beruf Soldat ohnehin nur begrenzt gewaehrleistet.

Es gibt einem ein grosses Gefuehl von Sicherheit, wenn man auf dem Weg von der Wettkampfstaette zum Olympischen Dorf oder andersherum mit dem Bus durch 3 Checkpoints faehrt und dort von den Armyjungs kontrolliert wird, die zwei Wochen zuvor noch an Checkpoints in Afghanistan gearbeitet haben. Es fuehlt sich jedenfalls besser an, als von Halbtagskraeften gecheckt zu werden, die zuvor zehn Stunden Training bekommen haben.

 

Die Olympischen Spiele inklusive der Tage vor der Eroeffnung waren bislang ein unglaubliches Erlebnis. Es herrscht eine einzigartige Atmosphaere vor allem im Dorf unter den Athleten, aber auch unter den zu jeder Zeit freundlichen Volunteers oder den Zuschauern in den Wettkampfstaetten. Im “Olympic Village” sind alle Athleten gleich, niemand haelt sich fuer etwas Besonderes. Gerade in der Dining Hall, also dem “Essenssaal”, der zu den Mahlzeiten im Schnitt 5.000 Athleten gleichzeitig versorgt, gibt es beim Anstellen keine Sonderbehandlung. Da steht Venus Williams in der Schlange hinter einer Fechterin aus Korea und einer Gewichtheberin aus Azerbaidschan. Und nebenan steht Welthandballer Nikola Karabatic vor dem Trainer der australischen TT-Mannschaft und zwischen zwei Synchronschwimmerinnen aus den Niederlanden.

Auch Stars wie Usain Bolt, Maria Sharapova, Caroline Wozniacki, etc, etc. sind regelmaessige Gaeste. Gestern abend schauten der TT Section Manager und ich bei den Boxwettkaempfen vorbei um die australischen Kaempfer zu unterstuetzen. Auf dem Rueckweg, es war spaet abends und nur wenige Sportler waren im Village noch unterwegs, dann eine Begegnung der besonderen Art – aus dem Sicherheitscheck des Seiteneingangs kam das US-Basketballteam. Den Moment habe auch ich mir dann nicht entgehen lassen und schnell einen Schnappschuss mit Chris Paul und LeBron James gemacht.

 

Im Dorf herrscht auch sonst eine sehr entspannte Stimmung, denn u.a. ist hier alles umsonst. In der Essenshalle, die im uebrigen so gross wie das Dortmunder Flughafengebaeude ist, ist in der Mitte ein McDonald’s platziert. Der Unterschied ist, dass wenn man dort seine Chicken McNuggets und Cheeseburger bestellt, sagt die Kasse am Ende nicht 12,95 Euro, sondern 0 GBPfund. Das fuehrt allerdings bei manchen Athleten auch zu falscher Motivation…

 

Auch oder ganz besonders im australischen Team ist die Stimmung hervorragend. Das Australische Olympische Kommittee schreibt den Teamgeist besonders gross und veranstaltet zu Beginn Team-Einfuehrungszeremonien, offizielle Teamempfaenge, etc. Und wenn dabei die australische Hymne gespielt wird bin ich sehr stolz ein Teil des australischen Olympiateams zu sein.

Der offizielle Empfang mit Sponsoren, Athleten, Trainern, AOC-Mitarbeitern und sonstigen Offiziellen war auch eine tolle Erfahrung. Mit ca. 500 Teammitgliedern und in unserer Ausgehkleidung marschierten wir vom Olympic Village zum nebenan gelegenen, riesigen Westfield Shopping Centre, dort unter Begleitung von Sicherheitspersonal etliche Rolltreppen hinauf und an Sponsorenwand und einem Spalier von begeisterten australischen Fans in gruen-gold vorbei in den Veranstaltungssaal. Dort gab es dann etliche Reden, u.a. auch eine Videobotschaft von Premierministerin Julie Gillard und Hollywoodstar Hugh Jackman, allerdings nicht in einer formellen und steifen, sondern in gewohnt entspannter, eben australischer Art. Auch die Fahnentraegerin wurde dort bekanntgegeben – immer ein sehr emotionaler Moment. Die Wahl fiel auf Lauren Jackson, die Kapitaenin der Damen-Basketballmannschaft.

 

Eine Sache fuer sich ist auch die Ausstattung und Einkleidung, die man hier zur Verfuegung gestellt bekommt. In einem grossen Reisekoffer und einer grossen Sporttasche fand ich insgesamt 45 Teile adidas-Bekleidung in zumeist gruen und gold, von denen ich bis heute noch nicht alle anhatte. Zusaetzlich dabei von der Marke Sportscraft: zwei verschiedene Ausgehuniformen in coolem retro-Stil. Eine davon werde ich in jedem Fall bei der Abschlussfeier im Olympiastadion anziehen.

 

Die Unterbringung ist, sagen wir, kompakt. Der Section Manager, die Herrenmannschaft und ich teilen uns ein Vier-Zimmer-Appartment mit den Badminton-Trainern und den Badminton-Herren. Auf dem Flur sind zwei weitere Appartments, eines mit unseren Turnerinnen, das andere nebenan mit den Tennisspielern Lleyton Hewitt, Bernard Tomic sowie den Radfahrern Cadel Evans, Michael Rodgers, Stuart O’Grady inklusive Coach.

 

Die Einzelwettbewerbe im Tischtennis sind seit heute vorbei. Mit unseren Ergebnissen sind wir sehr zufrieden, denn alle vier Starter gewannen ihr Erstrundenspiel. Unser bester Spieler William Henzell uebertraf dabei alle bisherigen Leistungen von australischen TT-Spielern bei Olympischen Spielen. Er rangiert derzeit auf Position 135 der WR und besiegte zunaechst den Ungarn Pattantyus (Nr. 82) und anschliessen den Portugiesen Monteiro (Nr. 39) was bis heute der beste Sieg seiner Karriere ist. Und anschliessend hatte er nach einer unglaublichen Leistung sogar den Sieg gegen den ehemaligen WR-Ersten Vladimir Samsonov auf dem Schlaeger. Er fuehrte bereits mit 4-1 und 5-3 im entscheidenden siebten Satz, um dann doch noch 7-11 zu verlieren und aus dem Turnier auszuscheiden.

 

Morgen beginnt der Mannschaftswettbewerb. Die Damen spielen ausgerechnet gegen Deutschland, die Herren am Samstag gegen Singapur. Das werden zwei nahezu unloesbare Aufgaben, aber wir werden alles geben und es unseren Gegnern so schwierig wie moeglich machen.

 

Bald mehr aus London an dieser Stelle,

 

Viele Gruesse in die Heimat

 

Jens Lang


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