Das Grauen hat viele Gesichter. Manchmal auch das einer Straße. So viel ist nach der zweiten Pendel-Woche mit dem Pedelec klar.
Nichts gegen Oberbrügge. Zum Wohnen mag’s ein schönes Pflaster sein. Zum Radfahren definitiv nicht. Dabei hatte ich mir die Route über Halvers Randbezirk nicht ohne Grund ausgesucht: Der erste Versuch, über Brügge und Ostendorf zu fahren war begleitet von Verfolgungs- und Überholängsten. Denn: Der Autofahrer ist so etwas wie der natürliche Feind jedes Zweirad-Enthusiasten. Wer auf offener Strecke jemals von einem Auto in weniger als einem Meter Abstand überholt wurde, weiß, warum. Und die lange Gerade zwischen Ostendorf und Heesfeld lädt Autofahrer offenbar dazu ein, die vorgeschriebenen maximal 80 Stundenkilometer, sagen wir, sehr frei zu interpretieren.

Radwege wie dieser an der B54 an der Ahele bilden die Ausnahme im Südkreis. - Foto: F. Zacharias

Tempo 100 ist in Oberbrügge und Ehringhausen schlichtweg unmöglich. Das macht diese Strecke so attraktiv. Allerdings offenbart auch sie (noch, siehe Text unten), warum der Märkische Kreis vorerst nicht als

Fahrradfahrer-Hochburg von sich reden machen wird. Die bisherige Marschroute war klar: Wer durch Täler und über Berge radeln will, soll das gerne tun. Aber bitte auf der Straße. Da ist ja genug Platz. Doch das stimmt so nicht (mehr). Die Fahrt am rechten Fahrbahnrand wird durch unzählige Risse im Asphalt unmöglich. Für Rennradfahrer ein Graus und selbst mein Leih-Pedelec – immerhin als Trekkingrad ausgelegt – verzeiht nicht alles.

Meine Bandscheiben erhalten prompte Rückmeldung jeder etwas höheren Bodenwelle. Wer sich etwas weiter links auf der Straße hält, kann sich der Freundschaft vieler Autofahrer gewiss sein. Für die ist Überholen in den engen Kurven zwischen Ehringhausen und Halver nur schwer möglich. Kurzum: Das Zweiradpendeln ist hierzulande mangels Radwegen ein Wagnis. So viel steht bereits nach zwei Wochen fest.
Dabei ist Radweg ja nicht gleich Radweg. Es gibt auch noch das „Radverkehrsnetz NRW“, eine Ansammlung mehr oder weniger sinnvoller Routen, die sogar durch unsere schöne Gegend führen. „Landschaftlich sehr reizvoll“,

sagt der Diplomat. „Die Hölle“, sagt der Berufspendler. Denn www.radroutenplaner.nrw.de ist aller Ehren wert, lotst mich aber zunächst durch die gesamte Lüdenscheider Innenstadt über den Oeneking bis nach Brügge/Winkhausen, dann die B 54 entlang bis zur Ahelle, ehe es den gewohnten Weg die Heerstraße hinauf geht. Neben der circa fünf Kilometer längeren Strecke dürfen sich Muskeln und Motor über ein regelmäßig Auf und Ab freuen. Zehn Minuten wäre ich länger unterwegs – und nass geschwitzt. Da hilft auch kein Pedelec.

Wer hier mit dem Rad unterwegs ist, ist also selber Schuld, kann sich auf das groß angekündigte „Radwegenetz“ nicht verlassen. Immerhin: Eine glühende Zigarette, die aus einem Auto geworfen wurde, hatte ich noch nicht im Gesicht. Genau das ist einer Kollegin passiert, die vor einiger Zeit ebenfalls auf das Fahrrad als Pendelhilfe gesetzt hat. Was nicht ist, kann ja noch werden – aber nicht, dass sich jetzt jemand provoziert fühlt, mir eine nette Fortsetzungsgeschichte zu liefern…

(Dieser Text erschien auch am 9. Juni im Allgemeinen Anzeiger)


Über die Autorin/den Autor:  Es soll ein Tag des abgasfreien Verkehrs werden: Am Sonntag, 24. Juni, ist das Volmetal „autofrei“. Dann soll die Bundesstraße 54 allein Fußgängern, Inline-Skatern, aber eben auch Radfahrern gehören. Und so rückt die Veranstaltung umweltfreundliche Fortbewegungsmittel in den Focus – wie auch E-Bikes und Pedelecs. Redakteur Frank Zacharias startet dazu nun einen Selbstversuch und wird regelmäßig – im Allgemeinen Anzeiger und in diesem Blog – über seine Erfahrung mit dem „schnellen Fahrrad“ im Sauerland berichten. Alle Beiträge der Autorin/des Autors: