Zum Frühstück einen Bagel, dann Wäsche waschen im Waschsalon, eine Runde joggen, einen Schwatz mit der Nachbarin, das Fahrrad ausgeliehen und ein paar Kilometer am Lake Ontario entlang geradelt. Nachmittags mit Aline, einer brasilianischen Studentin aus der Sprachschule, getroffen und mit einem Plastikbecher in der Hand am Hafen entlang spaziert und später das Hubkonzert der feiernden spanischen Fans gehört. Abends mit Sara und ihrer Familie Strawberry-Chocolate-Cheesecake (Schoko-Käsekuchen mit Erdbeerdeko) gegessen, da ihr Sohn aus Vancouver zu Besuch ist und Geburtstag hatte – das war mein Bergfest! Hört sich nach einem langweiligen Tag an? Mitnichten! Für mich ist es noch immer besonders und gleichzeitig ist es schön, diese Routine zu haben.

Ganz selbstverständlich benutze ich Waschmaschine und Trockner im Waschsalon ohne über die Temperatur nachdenken zu müssen (hier gibt es nämlich keine 30° C oder 40° C, sondern es wird unterschieden nach „hellen Farben“ und „dunklen Farben“ etc.). Ich brauche inzwischen keine Karte mehr, um zum Lake Ontario zu fahren – selbst wenn eine Straße mal gesperrt ist. Ich durchblicke das Angebot der vielen Coffee Shops und bestelle souverän auf Englisch meine Eisschokolade, einen Frucht Smoothie oder was auch immer nicht-nach-Kaffee-schmeckt. Ich freue mich darüber, anschließend mit diesem Plastikbecher in der Hand (auch wenn es weiß Gott nicht umweltfreundlich ist!) „ganz normal“ durch die Straßen zu laufen, so wie Millionen andere Torontonians. Und „besonders“ ist es, wenn ich meine Zeit mit den Menschen hier verbringen kann. So wie heute Abend mit Sara’s Familie (ihren zwei Söhnen mit Frauen und ihrem Vater) oder am vergangenen Montag mit Kelsey: Wir haben Roti (gefülltes indisches Fladenbrot) im „besten Roti-Laden“ bestellt und anschließend im Park gegessen. Ich bin es noch immer nicht leid, die vielen Speisen hier auszuprobieren. Das Angebot in Toronto ist unerschöpflich! Das Besondere für mich: Es sind tatsächlich Einheimische, die die Speisen geschmacklich so zubereiten, wie sie in Indien, Mexiko, Korea, Japan oder Brasilien wirklich gegessen werden! Und ich probiere sie gemeinsam mit Leuten aus, die aus Mexiko, Japan oder Korea kommen!

Und ich werde es nicht leid, die Unterschiede zu sehen: Unterschiedliche Verhaltensweisen, unterschiedliche Einstellungen und unterschiedliche Wege Dinge zu regeln, Probleme anzugehen und zu lösen. Und von meiner Heimat zu erzählen und zu erfahren, wie Deutschland im Ausland gesehen wird und gleichzeitig zu erzählen, was ich über Länder wie Mexiko oder Korea gehört habe. Mein Wunsch war es über den Tellerrand zu blicken und es ist so wunderbar, dass ich diesen Satz Tag für Tag mit Leben füllen kann! Mit vielen kleinen Momenten und manchmal mit echter Verwunderung!

Doch meine routinierten Tage hier in Toronto sind gezählt. Momentan erkunde ich die Provinz Ontario und habe auch der Provinz Quebec einen Kurzbesuch abgestattet, indem ich die Stadt Montréal besucht habe. Gleichzeitig habe ich einen ersten Eindruck von der Natur und der Weite des Landes bekommen und bin glücklich, Kanada in der zweiten Hälfte meines Aufenthalts noch weiter erkunden zu können! Nicht, dass wir in Deutschland nicht auch Natur hätten und es gibt viele schöne Ecken! Aber ich habe den Eindruck, es gibt hier von allem „mehr“: mehr Seen, größere Seen, dichteren Wald, höhere Bäume, intensivere Farben und mehr Sterne!!! Ich habe noch nie in meinem Leben so viele Sterne gesehen, wie letztes Wochenende am Drag Lake in der Nähe des Algonquin Nationalparks! Dieses Bild werde ich nie vergessen. Ich freue mich auf viele weitere „Bilder“ in der zweiten Hälfte meines Kanada-Aufenthalts!


Über die Autorin/den Autor:  Saskia Wolf (33) lässt sich beurlauben, um Kanada zu erleben. Sie möchte das Land nicht nur als Touristin für wenige Tage besuchen, sondern nimmt sich fast vier Monate Zeit, um das Land, die Menschen und ihren Alltag kennenzulernen - und mehr als nur einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Darum hat sie sich entschieden, privat bei einer Gastfamilie zu wohnen. Die überwiegende Zeit wird sie in Toronto leben, wo sie unter anderem ein Praktikum für eine deutsche Zeitung absolvieren wird. Zum Abschluss fliegt sie nach Vancouver. Über Eindrücke und Erlebnisse in Toronto wird sie im Blog berichten, denn schließlich ist der Aufenthalt dort immer noch ein kleines persönliches Abenteuer. Alle Beiträge der Autorin/des Autors: