Ursprünglich hatte ich vor, möglichst bald Downtown zu sehen, aber ich bin sehr froh, dass ich den Tipp meiner Gastmutter gefolgt bin: dem Janes Walk. Eine tolle Möglichkeit, einen Teil von Toronto ganz individuell und nah kennenzulernen. Die Spaziergänge waren so lohnenswert, weil sie von Menschen gestaltet worden sind, die mit dem Viertel selbst verbunden sind.

Janes Walk ist eine Mischung aus Stadtführung und Spaziergang und fand an diesem Wochenende unzählige Male in Toronto statt. Die Leute sind eingeladen, einen Stadtteil, ein Viertel, eine Nachbarschaft kennenzulernen und zu erfahren, was sich verändert hat, was dort passiert oder gerade entsteht. Geleitet werden die Walks von Leuten, die die Ansichten und Ziele von Jane Jacobs vermitteln und weiterentwickeln wollen. Jane Jacobs, inzwischen verstorben, hat zu Lebzeiten auf die Stadtentwicklung und Bebauung Einfluss genommen, um zum Beispiel Aspekte wie Gemeinschaft und Nachbarschaft zu stärken. Die Ideen von Jane Jacobs sind anscheinend weiterhin präsent und die Walks stehen im Zeichen der Visionen von Jane Jacobs.

Ich habe durch die Spaziergänge zwei Stadtteile kennengelernt: Bloordale und Parkdale – beide fußläufig von meiner Unterkunft aus erreichbar. Beide Stadtteile müssen vor einigen Jahren wirklich sehr heruntergekommen gewesen sein, doch unter anderem durch das private Engagement der Geschäftsleute und der Menschen, die dort leben, haben sich die Viertel wieder verändert. Der „Bloordale Walk“ wurde von Adam geleitet, der in dem Stadtteil selbst wohnt und uns an seinem täglichen Leben hat teilhaben lassen: Wo er einkauft, wo sein Lieblingsplatz ist, wo man gut essen kann und wer sein Friseur ist. Wir konnten selbst die Geschäfte erkunden, er hat uns die Inhaber vorgestellt (häufig Einwanderer), die uns ihre Geschichte erzählten, von ihren Erfahrungen in dem Viertel berichteten und unsere Fragen beantworteten. Das war so spannend!! Zum Abschluss lud Adam alle Teilnehmer des Walks zu sich nach Hause ein, um die Gespräche und Diskussionen fortzusetzen. Ich vermute, dass das Jane Jacobs sehr gefreut hätte!

Bei meinem zweiten Walk lag der Fokus auf „Essen“. Essen könne der Schlüssel für Gemeinschaft und Miteinander sein – zwei Faktoren, die auch Jane immer wichtig gewesen wären. Es wurden „Community Gardens“ gezeigt. Das sind Flächen, die von der Gemeinschaft bzw. einer Gruppe von Ehrenamtlichen bewirtschaftet werden. Sie bauen dort Gemüse und Kräuter an, ernten diese gemeinsam und Kochen auch zusammen. Das ist nur ein Beispiel, wie Nachbarschaft und Gemeinschaft über „Essen“ entstehen kann. Vorgestellt wurden auch Cafés und Coffee Shops, die hier in den letzten Jahren – ähnlich wie in Europa – entstanden sind. Jedoch nicht die großen Ketten, sondern die kleinen und individuellen Geschäfte!! Ein besonderes Café lag mitten in einer Wohnsiedlung und war früher einfach ein Wohnhaus. Die Eigentümerin hat quasi das Wohnzimmer zu einem Café umgestaltet. Bei ihr durften wir leckeren, frischen Obstsaft probieren: ein Mix aus Äpfeln, Orangen und Himbeeren. Wer eine Saftpresse hat, muss diese Mischung unbedingt ausprobieren!!

 

Ziemlich abgefahren war dann Hot’n Dog:

Aus 60! verschiedenen Toppings kann man hier seinen Hot Dog kreieren!

Neben vielen verschiedenen Ketchup- und Senfsorten steht auch Ajoli, Balsamico oder sogar Nutella! auf der Karte!! Oder anstatt Gurken kann man Oliven, Marshmallows oder Paprikasticks (ja, ich kenne diese eigentlich auch nur als Knabbersnack!) wählen.

Ich hab mich immerhin getraut auf meinem Hot Dog Mango-Chutney auszuprobieren und hab dies, auf Empfehlung des Inhabers, mit einem Sweet-Chili Ketchup kombiniert. Aber auf die Gurken wollte ich nicht verzichten!!

 

 

 

In einem tibetischen Restaurant durften wir „Momos“  probieren – gibt es dafür ein deutsches Wort? Ich hab keins gefunden. Es sind auf jeden Fall gebackene Teigkugeln mit verschiedenen Füllungen – in diesem Fall Fleisch. Und beim Restaurant „Cowbell“ durften wir ein Stück hausgemachte Salami kosten. Auf der Karte habe ich auch „Landjäger“ entdeckt – dafür gibt es anscheinend kein englisches Wort! Ich fand es sehr besonders, diesen nahen Einblick in die Geschäfte zu bekommen und von den Ideen und Geschichten der Inhaber zu erfahren.

Neben den inhaltlichen Aspekten habe ich bei beiden Walks die Stimmung als besonders wahrgenommen: es herrschte eine entspannte, lockere und gleichzeitig respektvolle Atmosphäre. Das Stimmengewirr um mich herum war nie aufdringlich und die Gruppe war ruhig, wenn jemand etwas zu sagen hatte. Niemand schob sich in den Vordergrund, es gab keine hitzigen Diskussionen und jeder war willkommen sich einzubringen.


Über die Autorin/den Autor:  Saskia Wolf (33) lässt sich beurlauben, um Kanada zu erleben. Sie möchte das Land nicht nur als Touristin für wenige Tage besuchen, sondern nimmt sich fast vier Monate Zeit, um das Land, die Menschen und ihren Alltag kennenzulernen - und mehr als nur einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Darum hat sie sich entschieden, privat bei einer Gastfamilie zu wohnen. Die überwiegende Zeit wird sie in Toronto leben, wo sie unter anderem ein Praktikum für eine deutsche Zeitung absolvieren wird. Zum Abschluss fliegt sie nach Vancouver. Über Eindrücke und Erlebnisse in Toronto wird sie im Blog berichten, denn schließlich ist der Aufenthalt dort immer noch ein kleines persönliches Abenteuer. Alle Beiträge der Autorin/des Autors: