Zugegeben: Den Vorwurf, sich seine Karriere auf der Grundlage von Lug und Trug aufgebaut zu haben, musste sich schon Karl-Theodor zu Guttenberg gefallen lassen. Und hier? Hier scheint das ständig zu passieren, sogar mit Absicht – vermeintlich im Unterschied zu dem Ex-Bundesverteidigungsminister. Gestern habe ich mich mit einigen Leuten unterhalten, alle gaben mir denselben Rat – erschreckenderweise sogar ohne mit der Wimper zu zucken. Immer hieß es, ich solle mir meinen Lebenslauf einfach zusammen lügen. Obwohl ich mich vorrangig auf Positionen auf Einstiegslevel bewerbe, heißt es dennoch öfter, mir würden die Berufserfahrungen fehlen, vor allem im Managementbereich. Warum dann überhaupt Einstiegslevelpositionen ausgeschrieben werden, wenn man schon vor dem Einstieg Berufserfahrung in diesem Bereich haben soll, bleibt mir ein Rätsel. Aber nun denn. Jedenfalls erhalte ich immer wieder den Rat, mir einfach die Berufserfahrung auf dem Papier zu geben.

Dazu mal die Fakten: Bei den Bewerbungen, die ohnehin alle nur online abgesendet werden, schickt man in der Regel ohnehin nur den Lebenslauf. Selbst beim Vorstellungsgespräch gibt man keine Zeugnisse oder sonstige Referenzen ab. Man füllt immer nur ein bis zwei Seiten aus, auf denen man vier ehemalige Arbeitgeber mit Telefonnummer angibt und dann meistens die Telefonnummern von drei Personen aus dem eigenen Umfeld, die den Bewerber charakterlich beschreiben könnten. Da ich meine Berufserfahrung und auch die Uni-Abschlüsse in Deutschland gemacht habe, ruft da ohnehin keiner an. Zumindest bisher. Man sagte mir immer, ich solle das nutzen. Sprich: Schreib einfach fiktive oder ohnehin nicht erreichbare Firmen auf denen Lebenslauf, weil sich dort eh keiner meldet. Klingt einfach hier zu schummeln.

Aber jetzt mal ehrlich? Wie viel ‚zu Guttenberg‘ steckt denn in mir? Will ich mir den Start in eine Karriere wirklich erschummeln? Auch wenn es heißt, das mache hier jeder. Ich brauche da gar nicht drüber nachdenken, denke aber aufgrund dieser vermeintlichen Ratschläge über ganz andere Dinge nach. Was für ein bescheuertes System ist das denn hier, dass man sich überhaupt in Arbeit schummeln kann. Und schlimmer noch: Was für ein System ist das, das dies anscheinend auch noch akzeptiert.

Dazu eine weitere Überlegung. Als Resident habe ich die notwendigen Papiere, um Arbeiten zu dürfen. Des Öfteren schon habe ich Leute getroffen, die erzählen, dass sie ohne Papiere hier arbeiten. Also mit normalem Toursitenvisum, manche aber auch völlig illegal. Klar, alle Welt möchte gerne nach Miami. Entsprechend groß ist besonders der Andrang auf dem Niedriglohnsektor. Und umso höher ist auch der Kampf um die Arbeitsplätze – auch dank ‚Hire and fire‘. Das eine Mädel, das ich hier kennengelernt habe, arbeitet deutlich mehr, als in Deutschland üblich wäre, sie hat keine Papiere und arbeitet entsprechend für ’n Appel und ’n Ei. Für sie ist es besser, als keine Arbeit zu haben, für den Arbeitgeber ebenfalls ein lukratives Geschäft. Gestern erzählte mir jemand, dass ich am besten bei meinen Bewerbungen nicht angebe, ich sei legaler Resident. Das könnte abschrecken. Er sagte, er habe – obwohl er Amerikaner sei – den Einstieg ins Berufsleben auch nur über diese Schiene geschafft.

Bin ich etwa die Einzige, die um diese scheinbar gängie Praxis hier weiß? Sicherlich betrifft das nicht alle Firmen, aber ausgerechnet an die, die das machen, gerate ich immer. Und da frage ich mich nur: Wie kann so etwas in einem Land wie den USA nur geschehen? Zugegeben: Miami Beach lebt vom Tourismus. Aber diese komische Doppelmoral begegnet einem hier überall, nicht nur auf dem Arbeitsmarkt. Auf der einen Seite ist Alkoholtrinken in der Öffentlichkeit verboten, auf der anderen Seite gibt es hier aber überall riesige und überdimensionierte Werbeplakate für Alkohol. Soll ja jeder machen wie er will, aber langsam aber sicher hab ich für mich persönlich mit dieser Scheinheiligkeit hier ein Problem.

Wie lange will ich mir das noch antun? Für mich geht es derzeit um Perspektiven: Nur, wenn ich eine Perspektive sehe, werde ich hier bleiben. Im Moment sehe ich die nicht, und ich sehe auch nicht, dass diese Persektive in absehbarer Zeit kommt. Ich warte darauf, wie es mit dem deutschen Discounter nun weitergeht. Dann sehe ich weiter. Anfang April werde ich entweder den einen oder den anderen Weg gehen. Der andere Weg sieht dabei die Rückreise vor.

 Gestern, also Montag, hätte ich wieder ein Vorstellungsgespräch gehabt. Diese Firma hat mich am Donnerstag angeschrieben, sie sind über ein Karriereportal auf mich aufmerksam geworden. Also haben wir einen Termin für ein Gespräch vereinbart. Und wer hat sich dann wieder nicht gemeldet? Ich betone noch mal: Die haben sich bei mir gemeldet.  

Heute war es ähnlich. Diese Firma mit dem telefonischen Vorstellungsgespräch von letzter Woche – die haben mich ja sitzen gelassen – hat mich gestern abend um kurz vor halb zehn abends angeschrieben, ob wir das Interview heute morgen machen könnte. Fand ich sehr spontan, aber warum nicht. Und wieder haben die sich nicht gemeldet. Manch eine Firma macht hier mehr auf Kaffeeverein als auf seriöses Unternehmen 🙁 

Ich betone aber nochmal: Es sind meine Erfahrungen, andere Menschen können andere Erfahrungen gemacht haben.

Nach überstandener Erkältung will ich nun mal die Fitness-Studios versuchen. Als Personal-Trainer braucht man hier keine Lizenz, die benötigt man in der Regel jedoch für spezielle Sportkurse. Also will ich mich mal als Trainer anbieten. Und damit das auch klappt, werd ich jetzt erst laufen gehen. Ich bin nach der Erkältung noch nicht wieder richtig fit, wenn ich also etwas vorturnen dürfte, muss ich ja fit sein 😉

Na mal sehen, wie es weiter geht. Manchmal ist es echt ermüdend mit all diesen Erlebnissen, aber beim Laufen kann ich immer gut Energie tanken. Das werde ich jetzt auch tun! 

Liebe Grüße


Über die Autorin/den Autor:  Rabea Wortmann beginnt in Florida (USA) ein neues Leben. Ueber die Fortschritte, am anderen Ende des Atlantiks Fuss zu fassen, berichtet die 27-jaehrige Auswanderin und langjaehrige WA-Mitarbeiterin in ihrem Blog. Alle Beiträge der Autorin/des Autors: