Herrlich: Da lese ich eben auf den Sportseiten des WA den Bericht einer Kollegin über die eifrigen Hammer, die trotz eisiger Temperaturen in Deutschland draussen trainieren. Ich zitiere mal: „Thermo-Bekleidung, Mützen und Handschuhen gehören da [beim Training in der Kälte] zur Pflichtausstattung“. Okay, also Handschuhe und Muetze hatte ich, wie berichtet, bei meinem Marathon vergangenen Sonntag auch an. Aber nur weil es eine Macke von mir ist. Das Wetter ist sicherlich das Einzige, wofür man mich hier derzeit wirklich beneiden kann. Beim Schreiben dieser Zeit habe ich schließlich nur Shorts und ein T-Shirt an, selbst für die Blusen, die sonst gerne anziehe, ist es zu warm. Meist sind es um die 24 Grad, neulich kletterte das Thermometer deutlich höher. Wintertraining sieht ehrlich gesagt anders aus und so sehe ich auch die Tipps, die die Sportler in dem besagten Artikel geben mit einem Lächeln. Gruss auch an den zitierten Vorsitzenden des SVW 😉

So weit die sonnigen Seiten hier. Die schattigen Seiten meines Lebens in Florida bekomme ich gerade schmerzvoll zu spüren. Und wenn ich Pech habe, auch noch in finanzieller Hinsicht.

Wie schon berichtet, haben mich vor allem die Blasen am rechten Fuss fast zum Aufgeben des Marathons getrieben. Aber wenn man sieht, dass Leute mit extremem Übergewicht und Menschen mit Behinderungen den Marathon schaffen, dann gibt man wegen einer lächerlichen Blase am Fuss nicht auf. Habe ich auch nicht, nur bekomme ich gerade die Quittung. Aus der Blase, vor allem rechts, wurde eine Infektion. Mit Blase hat das spätestens seit Sonntagabend nichts mehr zu tun gehabt. Da es Montag etwas besser wurde, war ich guter Dinge, schnell wieder fit zu sein, und so galt mein Augenmerk der ebenso schmerzhaften, entzündeten Achillessehne. Also habe ich mich gestern auf die Achse gemacht. Ich musste zum deutschen Konsulat nach Downtown und ich wollte erneut den Führerscheintest machen in Little Havana, gut 2 Stunden mit dem Bus von hier entfernt. Zum Konsulat habe ich es nicht geschafft, weil die zwei Blocks Fussmarsch so weh taten, dass ich einfach in den Bus Richtung Führerschein-Behörde einstieg. Ich dachte, wenn ich erst sitzen und den Fuss entlasten würde, ginge es wieder. Bei der Führerscheinbehörde, die übrigens in einer Einkaufs-Mall ist, angekommen, war ich fast fertig mit den Nerven. Egal ob Sitzen oder Stehen: Der Fuss ist auf fast das doppelte der normalen Größe angeschwollen, und vor Schmerzen ging auch meine Konzentration beim nun mehr vierten Führerscheintest verloren.

Geschafft habe ich den Test. Lustigerweise. Durch den Besitz des deutschen Führerscheins brauchte ich hier nur noch den schriftlichen Test machen: Einen Test zu Verkehrsschildern und einen zu den Straßenregeln. Bei letzterem brauchte ich vier Tests, bevor ich endlich bestanden habe. Ein bisschen wie ein Kandidat bei Günter Jauchs „Wer wird Millionär“ habe ich mich aber schon gefühlt. Schließlich hätte ich das Buch mit den Verkehrsregeln nur auf Spanisch bekommen können (welch tolle Hilfe…) und zudem konnte man die 20 Fragen mit 5 (!) Fehlern bestehen. Bei Frage 19 angekommen, habe ich auch meinen 5. Fehler gemacht und im Stillen gehofft, Günter Jauch käme nun an, um mir den Telefon-Joker anzubieten. Von wegen, das war ja hier keine Quizshow. Na ja, wie man es sieht. Von den Verkehrsregeln in Florida – jedes Bundesland regelt hier die Gesetze eigenständig – hatte ich keine Ahnung, also war es eine Mischung aus  Raten und dem Wissen aus fast neun Jahren Führerscheinbesitz für Auto und Motorrad in Deutschland. Die dümmste aller Fragen habe ich übrigens bei den Verkehrszeichen, also jenem Test, den ich bereits beim ersten Versuch bestanden habe, gefunden. Dazu braucht man nicht einmal Englisch sprechen, um sie richtig zu beantworten. Die Frage war, was das Verkehrszeichen bedeuten würde, abgebildet war ein Kreuz auf dem geschrieben stand „Railroad Crossing“. Ob man weiss, was das übersetzt heißt, ist egal. Eine der vier Antwortmöglichkeiten – also wieder eine Parallele zu „Wer wird Millionär“ – war „Railroad Crossing“. Das Lachen konnte ich mir kaum verkneifen, zu blöd war mir diese Frage in diesem Moment 😉  Sei es drum, ich habe den Führerschein! Für 48 Dollar wird er mir nun per Post zugeschickt. Geklappt hat das übrigens nur, weil mir jemand aus der Führerschein-Behörde Tipps gegeben hat, wie man an die erforderlichen Nachweise eines Wohnsitzes kommt. Von wegen man braucht eine Wohnung dafür! Alles halb so wild, aber dazu braucht man eben die richtigen Kontakte!

Die Schmerzen wurden aber immer schlimmer im Fuss. Die Sehne war sooo dick und auch die Blase am Fuss. Schnell raus aus der Mall und ab in den Bus. Na und dann rief mich mein direkter Vorgesetzter an. Mit dem Führerschein, und somit einem für die USA gültigen Ausweisdokument, kann ich nun endlich anfangen zu arbeiten. Dennoch musste ich ihn vertrösten, weil mein Fuss es kaum zulässt, morgen wieder in das gut 3 Stunden entfernte Hollywood zu fahren.

Im Bus hätte ich fast heulen können vor Schmerzen. Ich hätte mich heute einfach ausruhen sollen. Aber nachher ist man immer schlauer. Im Hotel schaut sich der Physiotherapeut, ich glaube, er kommt aus Italien, meinen Fuss an. Er sagt, ich solle nicht lange warten, bis ich zum Arzt gehe. Noch sei es nicht so schlimm, aber würde ich weiter warten, droht die Blutvergiftung. Erste Anzeichen eines Infektes seien bereits da. Zunächst spiele ich selber Arzt: Ich reinige die Blase, bzw. Wunde, und schmiere eine antibiotische Salbe aus der Apotheke darauf. Der Apothekerin habe ich mein Problem erklärt und gefragt, ob ich die Salbe nehmen kann. Ihre Antwort („Yeah, that is okay“) klang so, als wenn sie genauso viel Ahnung wie ich hätte. Ich frage einen Freund von mir, er ist Chemiker, und folge seinem Rat, die Blase zu öffnen. Weitere Ausführungen erspare ich an dieser Stelle, aber ich hoffe, dass es nun besser wird. Ganz schön ekelig das Ganze, aber ich will noch bis morgen warten, ob ich erneut zur Apotheke gehe. Dort kann man für, man sagte mir es seien gut 50 Dollar, eine Beratung bekommen. Nein, für das Geld schaut sich garantiert kein amerikanischer Arzt mein Problem an, es ist „nur“ eine Krankenschwester. Aber sie könnte mir unter Narkose die inzwischen bis ins Fleisch hintergehende Blase öffnen, reinigen und dann entsprechend behandeln. Und Antibiotika verschreiben.

Heut mache ich, obwohl ich viel zu tun hätte, gar nichts. Beine hoch und gut ist! Ich warte bis morgen, aber ansonsten gehe ich sofort zur Apotheke um die Füsse behandeln zu lassen. In Deutschland beschwert man sich über 10 Euro Praxisgebühr, aber es wäre immer noch billiger für mich, mich schnell behandeln zu lassen und mit vielleicht 100 Dollar Verlust nach Hause zu gehen, als wenn ich mit einer Blutvergiftung ins Krankenhaus käme. Dann wäre mein Auswandern sofort gescheitert, weil ich mich um Tausende Dollar verschulden würde.

Das deutsche System hat Vorteile, glaubt mir. Manchmal sollte man wissen, worüber man urteilt, bevor man meckert. Ich kenne nun beide Seiten der Medaille und weiß das deutsche System mit der Pflicht zur Krankenversicherung zu schätzen. Hier kann ich die Krankenversicherung, solange ich noch nicht arbeite, mir nicht leisten. Als einer von über 30 Millionen von insgesamt etwas über 300 Millionen Einwohnern der USA. Das gibt nicht nur mit zu denken, vielleicht weiß dann auch der ein oder andere die Möglichkeit in Deutschland zu schätzen, dass man dort jederzeit zum Arzt gehen kann ohne gleich Existenzängste zu bekommen. Als freiberuflicher Journalist musste ich zwar in Deutschland die vergangenen Monate die Krnakenversicherung komplett selbst zahlen, aber die Pflicht zur Versicherung gibt einem Schutz.

Wir werden sehen, wie es morgen aussieht. Nur glauben, kann ich das Drama gerade immer noch nicht. Es ist doch „nur“ eine Blase am Fuss gewesen…

Liebe Grüße, Rabea

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Über die Autorin/den Autor:  Rabea Wortmann beginnt in Florida (USA) ein neues Leben. Ueber die Fortschritte, am anderen Ende des Atlantiks Fuss zu fassen, berichtet die 27-jaehrige Auswanderin und langjaehrige WA-Mitarbeiterin in ihrem Blog. Alle Beiträge der Autorin/des Autors: