Wenn es hier in Queensland eine Textilienetikette, einen Dresscode gibt, dann ist es die Pflicht überall und zu jeder Zeit seinen „Boardie“ zu tragen. Der Boardie ist ein knielanger Badeshort, die Standardbekleidung eines jeden Surfers. Und hier in Brisbane, aber vor allem in den Vororten und ansonsten ländlicheren Gegenden in Queensland ist der Boardie ein absoluter Allrounder – er ersetzt die Jeans, die Sporthose, die Unterhose und das sonst übliche Arbeitsbeinkleid des Handwerkers. Dazu kommt ein günstiges, unauffälliges T-Shirt sowie Flip-Flops, und fertig ist die Goldcoast-Uniform. So eingekleidet hat man gute Chancen als „local“ durchgewunken zu werden.

Ich muss zugeben, dass diese Bekleidung Vorteile hat. Sie ist der Temperatur angemessen, die hier im Jahresdurchschnitt nun mal nur zwischen 21 Grad (Juni) und 31 Grad (Januar) variiert. Gleichzeitig ist man immer passend angezogen, falls man einen plötzlichen Drang zum Sprung ins Wasser verspürt. Dieser Drang überkommt einen hier oft und unangekündigt. Und bei jedem anderen Drang ist der Boardie zumindest kein besonderes Hindernis. Ich habe mich entsprechend angepasst und kann in meinem Kleiderschrank mittlerweile aus drei Modellen auswählen.

In der letzten Woche habe ich hier zum ersten Mal mit der Regenzeit Bekanntschaft gemacht. Es hat sieben Tage lang geregnet, zwischenzeitlich zu Wochenbeginn sogar einmal sage und schreibe 37 Stunden ohne Unterbrechung. Man brauch die Goldcoast-Uniform zwar auch dann nicht gegen die Regenjacke einzutauschen, da es nach wie vor ca. 28 Grad warm ist. Aber es hat für anderthalb Tage einfach nicht aufgehört zu schiffen. In den Vororten waren an manchen Stellen Strassenabschnitte überflutet und nicht mehr befahrbar, ansonsten gab es jedoch keine wirklichen Schäden. Und mit der Flut vom vergangenen Sommer war das längst nicht vergleichbar. Mittlerweile ist das Wetter wieder zur Vernunft gekommen und zeigt sich täglich von heiter bis wolkig.

In der vergangenen Woche habe ich hier auch meinen bisher größten Erfolg gefeiert. Nein, nicht im sportlichen Sinn. Ich habe mich erfolgreich gegen eine 200-Dollar-Strafe von der Stadt fürs falsch Parken gewehrt. Das Vergehen datiert zurück auf den 26.9.2011. Damals hatte ich abends meinen Wagen direkt vor einem Parkschild abgestellt, das klar anzeigte den Wagen über Nacht legal dort parken zu können. Als ich nächsten Morgen zu meinem Auto ging war es weg – abgeschleppt. Das war damals das Schlüsselerlebnis, das mich in die Verzweiflungsphase stürzte. Bis dahin hatte ich den Parkregeln und der Art ihrer Durchsetzung und Vollstreckung noch nach Spuren von Intelligenz gesucht. Aber das war damals der Beleg, dass Abwesenheit von Vernunft, sowie Irrwitz und Schwachsinn eine große Rolle bei den Gesetzesentwurfsitzungen des Stadtrates spielen mussten. Mit Leidenschaft und ordentlich Tinte auf dem Füller verfasste ich eine eidesstattliche Erklärung in der ich präzise Kritik formulierte und mit Nachdruck auf meine Unschuld hinwies. Und wenn die Aussies Stress, inconvenience und möglicherweise unangenehme Dissonanzen befürchten, ziehen sie nicht selten den Schwanz ein. Und tatsächlich folgte neulich die Benachrichtigung durch die Stadt, dass bei der „Ausstellung des Strafzettels ein Fehler passiert“ sei und man sich für entstandene Unannehmlichkeiten entschuldige. Ganz hervorragend fand ich das und zudem genugtuend. Und obendrauf hole ich mir jetzt natürlich auch noch die Abschleppgebühren wieder.

Ich bin es Leid hier andauernd meinen Namen sechsmal aussprechen oder buchstabieren zu müssen. Egal ob am Telefon oder an der Kasse bei Starbucks, der Name Jens ist den Aussies ziemlich unbekannt, und ruckzuck sind sie überfordert. Deswegen heiße ich in vergleichbaren Situationen seit kurzem Luke. Mit diesem Namen fühle ich mich wohl, da ich ihn in der Vergangenheit bereits an anderen Stellen und zu anderen Zwecken verwendet habe.
Überhaupt nicht leid werde ich hingegen den Eindruck, dass das Land wie schon früher erwähnt schlichtweg noch sehr wenig abgenutzt und verbraucht ist. 20 Millionen Menschen auf einem Gebiet welches fast so groß wie Europa ist beschleunigen den Alltag nun mal deutlich langsamer, als es 82,5 Millionen tun die gerade mal in einem Viertel des Gebietes von Queensland aufeinander hocken. Die Konditionen der Banken sind eines von vielen weiteren Beispielen dafür. Das Guthaben auf dem eigenen Girokonto wird hier z.B. standardmäßig mit 2,5% verzinst. Und täglich verfügbare Spareinlagen bekommen einen Zinssatz von 4,5% oder mehr. Der australische Dollar wird zudem immer stärker, auch das ist für mich von Vorteil.

Beruflich stehe ich vor einem Jahr mit etlichen Highlights – Weltmeisterschaften bei den Jugendlichen und Erwachsenen, Kontinentalmeisterschaften, Australian Open und natürlich ganz oben die Olympischen Spiele sowie die Qualifikationsturniere dazu. Ich werde viel unterwegs und in diesem Jahr u.a. in Neuseeland, auf Fiji und in Südafrika sein. Hinzu kommen viele Reisen im Inland. Denn bislang habe ich noch längst nicht alle Bundesstaaten besucht. Die nächste internationale Reise steht Ende März an – dann komme ich zur Mannschafts-WM zurück in die Heimat nach Dortmund. Für ein Turnier welches ich früher mit dem Fahrrad hätte besuchen können muss ich mich jetzt 24 Stunden ins Flugzeug setzen.

Zunächst bekomme ich an diesem Wochenende jedoch Besuch aus der Heimat. Meine Eltern kommen für drei Wochen nach Brisbane. Es ist ihre erste Reise nach Australien, von daher wird es eine spannende Zeit für alle. Ich mache mir allerdings nicht die geringsten Sorgen, denn ich habe bislang von niemandem gehört der drei Wochen Urlaub in Queensland gemacht hat und nicht mit einem entspannten Grinsen nach Hause zurückgekehrt ist.

Beste Grüße aus Brisbane

Jens Lang


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