Ganz oben auf meinem Wunschzettel stand zur diesjährigen Ausgabe von Weihnachten Ölzeug und eine Grubenlampe. Ohne beides traue ich mich bei dem Wetter der vergangenen Woche hier nicht vor die Tür. Keine Ahnung welcher Teufel mich geritten hat meinen australischen Sommerurlaub in Deutschlands nasskaltem Winter zu verbringen.

Aber Scherz beseite: Vor einer guten Woche bin ich in Bönen zu meinem dreiwöchigen Heimaturlaub angekommen. Die Feiertage, insbesondere Weihnachten, mit meiner Familie und meinen Freunden zu verbringen lasse ich mir nicht nehmen, ganz gleich wo ich jetzt wohne. Der Heiligabend wird bei uns seit ich denken kann zu Viert mit einem Gottesdienstbesuch, anschließender Bescherung und gemeinsamem Fondue-Abendessen gefeiert. Und wenn es nach mir geht soll das auch in Zukunft so bleiben.

Mein australischer Arbeitgeber bezahlt mir einen Heimflug pro Jahr. Den kann und werde ich auch in Zukunft jeweils dazu nutzen die Weihnachtsfeiertage und die Jahreswende bei Familie und Freunden zu verbringen.

Sehr viel ist in den vergangenen zwei, drei Monaten passiert. Ende Oktober hatte ich meinen ersten Besuch aus Deutschland – mein Bruder Jochen kam für zwei Wochen vorbei. Es war sein erster Australientrip, nicht nur deswegen habe ich mir ein paar Tage frei genommen und mit ihm so viel wie möglich unternommen. Im Programm inklusive waren u.a. ein Besuch des wichtigsten Motorsportereignisses in Südost Queensland, dem „Goldcoast 600“-Rennen der australischen V8-Supercar Rennserie (vergleichbar mit der deutschen Tourenwagen-Meisterschaft), ein kurzer Wochenendtrip zum Backpacker-Paradies Byron Bay an Jochens Geburtstag und zum etwas weiter südlich gelegenen Strandörtchen Cabarita Beach, eine Tour zur vor Brisbanes Küste gelegenen Moreton Island mit anschließendem „Whale watching“, sowie ein Zwei-Tages-Trip nach Melbourne. Auch ein Spiel des hiesigen Fußballklubs „Brisbane Roar“, bei dem der deutsche Thomas Broich (ehemals Gladbach, Nürnberg und Köln) unter Vertrag steht, gegen Adelaide United haben wir uns angeschaut. Die Heimspiele finden im Suncorp Stadium statt, das direkt an mein Bürogebäude angrenzt. Dabei kamen wir wenige Minuten zu spät ins Stadion und waren noch damit beschäftigt uns an einem der Cateringstationen mit einem Snack + Bier zu holen, da fiel das 0-1 für die Gäste aus Adelaide. In dem Moment befürchteten wir noch, dass der Spielstand so bliebe und damit nicht nur Brisbane verloren, sondern wir auch das einzige Tor des Tages verpasst hätten. Diese Sorge war jedoch unbegründet, denn weitere 25 Minuten später stand es 5-1 für Brisbane. Endstand war letztlich sogar 7-1, und wir kamen toretechnisch voll auf unsere Kosten.

Ein hervorragendes Beispiel für die horrenden Parkgebühren in Brisbanes Innenstadt bekam Jochen schließlich auch noch geliefert. Als wir in den frühen Morgenstunden zum Flughafen aufbrechen wollten um nach Melbourne zu fliegen bemerkte ich, dass mein Wagen rechts hinten einen Plattfuß hatte. Wir freuten uns über das ausgezeichnete Timing dieses Ereignisses, es war 4 Uhr in der Früh, und unser Flieger ging um 5 Uhr, und überlegten schnell wo wir den Wagen für die beiden Tagen denn nun stehen lassen könnten. Die einzige Lösung war ein öffentliches Parkhaus direkt neben meinem Appartmentgebäude. Gegen kurz nach Vier stellte ich meinen Wagen dort also ab, und wir sprangen ins Taxi zum Flughafen. Bei unserer Rückkehr am nächsten Abend gegen 22.30h kümmerten wir uns zunächst um den Reifenwechsel bevor wir die Parkkarte zum Bezahlen in den Automaten steckten. Angstvoll blickte ich auf das Display auf dem dann wenige Sekunden später die Zahl „156“ stand. Vergeblich suchten wir das Komma nach der ersten oder zweiten Stelle – da war nämlich keines. 156 Dollar für 42 Stunden Parken trieb uns den kalten Schweiß auf die Stirn. Mehr und mehr denke ich, dass der Kauf einer Parkbucht hier in Brisbane ein phantastisches Mittel zur Altersvorsorge ist.

Am 31.10. flogen wir dann beide nach Deutschland, leider auf etwas anderen Routen. Für meinen Bruder war es der Rückflug nach Düsseldorf, für mich war es der Hinflug einer dreiwöchigen Turnierreise mit den australischen Nationalmannschaften, die mit dem World Team Cup in Magdeburg begann. Dabei bekam ich zum ersten Mal am eigenen Leib zu spüren welche Reisestrapazen die australischen Spieler gerade für internationale Turniere in Europa auf sich nehmen müssen. Zwischen dem Durchschreiten meiner Wohnungstür in Brisbane und der Tür meines Hotelzimmers in Magdeburg vergingen letztlich 38 Stunden. In der Anreise enthalten waren vier Flüge (Brisbane – Melbourne – Dubai – Frankfurt – Leipzig) und eine Busfahrt (Leipzig – Magdeburg). Hinzu kamen neun Stunden Zeitunterschied, eine optimale Wettkampfvorbereitung sieht anders aus. Für mich war es gleichzeitig der erste Besuch in Deutschland seit meinem Umzug nach Australien im Juni und schon ein wenig komisch.

Nach dem Turnier hatte ich die Gelegenheit vier Tage bei meiner Familie zu verbringen, bevor es weiterging zum Herren-Weltcup in Paris, für den sich unser Topspieler William Henzell qualifiziert hatte.

Nach zwei Tagen dort stand der Weiterflug zu den Jugend-Weltmeisterschaften in Bahrain auf der Agenda, der für mich mit ausgedehnter Wartezeit am Flughafen in Paris begann. Am Check-In Schalter der Emirates Airlines war ich nämlich Erster in der Schlange hinter etwas, das mir vorkam wie der Umzug einer arabischen Familiendynastie. Ein älterer Herr lief nervös gestikulierend hin und her und rief mit lauter und hektischer Stimme Kommandos an sein Gefolge. Hinter ihm etwa zehn bis zwölf verschleierte Frauen, sowie etliche Teenager, allesamt mit voll bepackten Gepäckwagen vor sich. Der ältere Herr hielt 28 Pässe in der Hand und wollte seine komplette Familie auf einmal einchecken. Leider winkten die Emirates Mitarbeiter ab und verlangten, dass jedes einzelne Familienmitglied einzeln und persönlich eincheckte. Auch eine lange und laute Diskussion, die ich auf ein Einsehen des Check-In Personals (schlicht aus Zeitgründen) hoffend verfolgte, änderte daran nichts. Dann begann der ältere Mann damit alle 28 Pässe an seine Familienmitglieder auszuteilen, die hierzu aus den verschiedenen Ecken des Terminals heran eilten. Denn nicht alle standen hinter ihm in der Check-In Schlange. Gerade bei den bis auf die Augen verschleierten Frauen stelle ich mir das nicht leicht vor. Ich seufzte, setzte mich auf mein Gepäck und schaltete meinen iPod ein.

Zur Jugend-WM in Bahrain hatte ich bei den Mädchen ein sehr junges Team nominiert. Der Altersschnitt von 13 war der jüngste im ganzen Turnier. Dabei war die erst zehnjährige Angela Zhan, das derzeit größte Talent in Australien, eine der Hauptattraktionen des Turniers. Mit sonnigem Gemüt und unbekümmerter, moderner Spielweise holte sie sich die Aufmerksamkeit der Teilnehmer und Zuschauer. Ihr und einem unglücklichen Zufall verdanke ich im Übrigen eine weitere interessante Erfahrung. Im gemischten Doppel trat ihr 17-jähriger Mixedpartner ihr versehentlich auf den Fuß. Ergebnis: Verdacht auf Bruch des kleinen Zehs. Da sie nur unter Schmerzen laufen konnte entschied ich die todunglückliche Angela aus dem Turnier zu nehmen und sie untersuchen zu lassen. Mithilfe der sehr engagierten freiwilligen Helfer des Turniers organisierte ich eine Fahrt ins Krankenhaus. Und so fand ich mich eine halbe Stunde später mit der kleinen Australierin Angela sowie ihrer chinesischen Mutter in einem Krankenhaus in Bahrain wieder und arrangierte mit den Ärzten eine Untersuchung. Eine nicht alltägliche Situation und Aufgabe, die aber letztlich glimpflich ausging.

Beeindruckt war ich von der Hilfsbereitschaft und der Gastfreundschaft der Bahrainis. Jederzeit offen und freundlich versuchten sie alles, damit sich die Teilnehmer und Gäste des Turniers so wohl wie möglich fühlten.

Nach meiner Rückkehr nach Australien stand wenige Tage später noch ein Wochenend-Lehrgang des U13-Kaders in Melbourne an. Damit hatte ich im Oktober und November an insgesamt sieben kompletten Wochenenden gearbeitet. Das ist einer der Nachteile meines Jobs. Aber andererseits bekomme ich dafür auch an anderer Stelle mal einen oder zwei freie Tage, also gleicht es sich auch wieder aus.

Mitte Dezember, quasi als letzte Diensthandlung vor meinem Heimaturlaub mussten noch sämtliche Nationalmannschafts- und Olympiakader auf Basis der erzielten Ergebnisse in 2011 nominiert werden. Diese Nominierungen werden durch den Nominierungsausschuss vorgenommen, dem ich als Sportdirektor vorsitze. Da nicht nur die Damen- und Herrenkader, sondern auch die der verschiedenen Nachwuchsaltersklassen (U13, U15, U18) benannt werden müssen dauert das für gewöhnlich ein oder zwei volle Tage. Und gerade bei der Nominierung zum „Olympic Shadow Team“ ist es essentiell, dass die Kriterien so genau wie möglich beachtet werden. Denn nur die Mitglieder dieses „Olympic Shadow Team“ haben Mitte Februar die Berechtigung am australischen Olympia-Qualifikationsturnier teilzunehmen. Und deshalb bedeutet jede Nichtnominierung gleichzeitig auch immer das Zerplatzen eines Olympischen Traums, bevor er überhaupt angefangen hat.

Wenige Tage vor meinem Abflug nach Deutschland kam ich dann endlich auch noch zu meiner ersten echten Surflektion. Vier Jungs aus dem Freundeskreis meiner Freundin luden mich an einem Samstagabend ein doch am nächsten Morgen mitzukommen und ein paar „Wellen mitzunehmen“. Meine Neugier und Unternehmungslust waren größer als mein Respekt und so fand ich mich am nächsten morgen um 4.30h in der Früh bei schönstem Wetter auf dem Weg an die menschenleeren Strände ca. eine halbe Autostunde südlich der Goldcoast. Als wir gegen 5.00Uhr an der ersten Location ankamen gaben die Jungs der Brandung zunächst den für Surfer klassischen, prüfenden Blick. Aus irgendeinem Grund waren sie jedoch nicht zufrieden. Beim Anblick der Brandung und dem Gedanken, dass ich darin meine ersten Surf-Gehversuche machen sollte, wurde mir kurzzeitig übel. Da der Pazifik an der Goldcoast und den Stränden des nördlichen New South Wales ungebremst und frontal auf die schnurgerade Strandlinie rollt, hat die Brandung ordentlich Wucht. Wir fuhren dann weiter den Strand entlang auf der Suche nach einem geeigneten Plätzchen. Nach einer knappen Stunde kamen wir dann an einen Strandabschnitt an, bei dem die Jungs mit dem „Surf“ zufrieden waren. In dem Moment wusste ich dann auch, weshalb die vorherigen Locations durchgefallen waren: Die Brandung war ihnen nicht hoch genug. Beim ersten Blick in die Wellen musste ich kurz schlucken, aber dann dachte ich mir „was soll´s. Falls du bei deinem ersten Surfversuch ertrinkst, dann tu es wenigstens mit Anstand.“ Ich mir also nichts anmerken lassen, mein Board eingewachst wie es sich gehört, die Schnur ans Bein gebunden, das Board unter den Arm geklemmt und rein in die Dünung. Schwimmen ginge ich in einer solchen Brandung im Leben nie, aber das Surfboard gibt einem schon ein gewisses Gefühl von Sicherheit.

Surfen kann man das was ich gemacht habe noch nicht nennen. Ich war in erster Linie mit dem Durchtauchen von Wellen und Paddeln beschäftigt. Und nach einer halben Stunde Paddeln grüßen die Nackenmuskeln freundlich und geben ihren Dienst auf. Bei manchen Wellenbergen war ich überzeugt, dass sie mich bis nach Neuseeland tragen würden. Wenn man mal eine davon erwischt, dann fängt der Spaß erst richtig an. Das Board nimmt Geschwindigkeit auf und im Handumdrehen reißt es einen herunter und man fühlt sich wie die Katze in der Waschmaschine. Aber trotzdem macht es einen Höllenspaß, und ich werde es in jedem Fall wieder versuchen. Denn zum Leben in Queensland gehört das Surfen einfach dazu.

Am 5. Januar geht es für mich zurück nach Brisbane. Und im ersten Monat des Jahres habe ich zum Glück drei freie Wochenenden, an denen ich meine Surfqualitäten ausbauen kann…

Guten Rutsch ins Neue Jahr,

Jens Lang


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