Mir geht as hier so gut, dass ich mich neulich beim Luftgitarre spielen zu Lynyrd Skynyrd’s “Simple Man” unter der Dusche erwischt habe. Der Job läuft soweit gut, in meiner Wohnung und in der Stadt fühle ich mich wohl, und in meiner Freizeit weiß ich nicht was ich zuerst machen soll, weil das Angebot für 100 Jahre Spaß haben reicht.

Natürlich ist nicht alles rosarot oder Gold was glänzt. Einer der Gründe weshalb ich die Position bekommen habe ist, dass mir zugetraut wird langfristig die Kultur und Mentalität im australischen Tischtennissport zu verändern. Das ist ein Kompliment was mich stolz macht, aber gleichzeitig eine sehr hohe Messlatte an der zahllose meiner Vorgänger, darunter ebenfalls einige aus Übersee, gescheitert sind, bzw. selbst nach einiger Zeit abgewunken haben. In meiner Funktion als Vorsitzendem des Nominierungskomittees gehe ich z.B. gerade durch meinen ersten Härtetest. Ich habe eine Entscheidung getroffen, die für die eine oder andere etablierte Person ungemütlich und gleichbedeutend mit mehr Einsatz und Arbeit verbunden ist. So etwas ist bei den Personen, die sich in der bisherigen TT-Kultur bequem eingerichtet haben so willkommen wie die Diphterie. Und deshalb wehren sie sich dagegen. Egal in welcher Richtung er am Ende zeigt, ich freue mich in jedem Fall auf den Ausgang dieses Tests, weil er für mich eine klare Standortbestimmung sein wird.

 

Die vergangenen Wochen haben mich dienstlich nach Melbourne und Umgebung, sowie Sydney geführt. Da das Land so unverschämt groß ist, finde ich in jedem Bundesland völlig andere Situationen und Problemstellungen vor, die einen zentralen Ansatz für alle im Grunde unmöglich macht. Jedes Bundesland hat seine ganz eigenen Probleme, die sich von denen eines jeden anderen Bundeslandes unterscheiden. Deshalb erfordert jedes Bundesland eigentlich einen eigenen Lösungsansatz.

Victoria und speziell Melbourne ist der beste Standort, wenn man in Australien geboren und auf das schmale Brett gekommen ist, ein guter Tischtennisspieler werden zu wollen. Hier gibt es die größte Dichte an Spielern und Clubs.

 

Generell sind die TT-Clubs hier in Australien völlig anders aufgestellt als in Europa. In vielen Fällen besitzen sie ein eigenes „Stadium“, also eine eigene Halle in der die Tische und Courts permanent aufgebaut sind. Spielen können zum einen die Clubmitglieder, und zum anderen Gäste, und die Benutzung der Tische erfolgt in der Regel gegen eine Platzmiete, die pro Stunde bepreist wird. Der Betrieb der Clubs erfolgt ähnlich denen der Squash-, Badminton- oder Tenniscenter in Deutschland und ist in erster Linie auf einen Kosten deckenden Geschäftsbetrieb fokussiert. Für die Entwicklung des Sports ist das eine denkbar ungünstige Konstellation, denn den meisten TT-Clubs ist es wichtiger, eventuell unvermietete Tische an Laufkundschaft, die noch nie zuvor einen TT-Schläger in der Hand hatte zum Sonderpreis anzubieten, als sie den besten Spielern im Club zur kostenlosen Trainingsmöglichkeit anzubieten. Das Paradoxe ist zudem, dass die australischen Clubs wiederum in den meisten Fällen eine hervorragende Ausstattung haben. Nicht nur, dass sie wie gesagt über eigene Hallen verfügen, die Platz für 10 bis 20 oder sogar 30 Courts bieten, viele haben sogar Taraflexboden auf dem ansonsten die internationalen ProTour-Turniere oder Weltmeisterschaften ausgetragen werden. Olympische Spielbedingungen also für Freizeit- und Hobbyspieler. Fest installierte Tribünen und typisch australische Kantinen haben im Grunde alle Clubs. In puncto Infrastruktur sind sie den TT-Vereinen in Deutschland und Europa also meterweit voraus. Ungünstigerweise liegen sie im sportlichen Bereich kilometerweit zurück.

 

Hier in Australien ist Tischtennis fast ausschließlich ein „Social game“, also eine Freizeitbeschäftigung. Viele der Entscheidungsträger in den Clubs oder den Landesverbänden haben eine Mentalität, die darin verwurzelt und darauf ausgerichtet ist. In der Bevölkerung ist die Wahrnehmung von Tischtennis nicht anders. Wenn man auf der Straße zehn Leute nach dem Namen des Spiels fragt, welches man mit zwei Schlägern und einem Ball auf einem Tisch mit Netz im Garten oder Keller spielt, dann antworten neun „Ping-Pong“ und einer „Tischtennis“. Noch deutlicher als in Deutschland bezahlt man hier eine engere Involvierung in Tischtennis bei nächtlichen Gesprächen mit gut aussehenden Frauen mit sinkender Attraktivität. Da ist hier und da schon mal Improvisationstalent gefragt. Neulich habe ich das ganze Szenario zum Beispiel als Baseballer aus Kanada durchgespielt – mit deutlich erfolgreicherem Abschneiden. Noch höher stehen Schwimmer im Kurs. Aber da ist man sehr schnell gleich ein Kandidat für Ehe und Kinder. Und das ist mir dann nach knapp vier Monaten im Land doch noch etwas zu früh. Rugby- und AFL-Spieler stehen an der Spitze der Attraktivitätsskala. Aber die habe ich noch nicht ausprobiert, dazu fehlen mir 20kg Muskelmasse am Körper.

 

Nach vier Monaten Aufenthalt hier lerne ich immer noch Woche für Woche neue Dinge hinzu und gewinne neue Eindrücke. Zum Beispiel habe ich stark das Gefühl, dass die Australier im beruflichen und privaten Alltag recht konfliktscheu sind. Sie wollen bloß keinen Streit und haben vor allem davor Angst, dass ihnen Opposition und Kritik droht. Da das Wichtigste hier nun mal das entspannte „easy going“-Lebensgefühl ist, bei dem keiner jemandem auf die Füße treten will, vermeidet der Aussie einen potentiellen Disput gerne im Vorhinein. Das ist meines Erachtens auch einer der Gründe, weshalb das Land in manchen Bereichen einen so unverbrauchten Eindruck macht. Bevor es zum Konflikt kommt sagt der Aussie eben „naja, was solls“ und „tja, so ist das nun mal“ und „ach, komm wir gehen an den Strand.“ Dem Fortschritt und der Weiterentwicklung, egal in welchen Feldern, hilft das aber in der Regel nicht. Und den Aussies, bzw. vielleicht auch eher den Queenslandern (bin mir da noch nicht so sicher) ist Privatsphäre sehr wichtig. Das glaubt man am Anfang nicht, weil einem jeder Hansfranz den man seit fünf Minuten kennt bei Bedarf sein komplettes Haus zum Übernachten anbietet.

 

Zu Beginn hatte ich es andersherum im Kopf, aber hier in Queensland gibt es kein „daylight savings“, also keine Zeitumstellung. Ich finde das ziemlich bescheuert, denn das bedeutet, dass die Sonne im Winter gegen 6h auf- und um 17h untergeht. Im Sommer ist es dann schon um 4.45h hell aber schon gegen 18h30/19h wieder dunkel. Das macht eigentlich überhaupt keinen Sinn, denn dadurch kann man quasi zwei Stunden Sonnenlicht pro Tag gar nicht nutzen, außer man ist Schlafwandler. Denn wen bitte soll ich um 4.30h nachts anrufen und fragen, ob er Lust hat um 5h laufen oder golfen zu gehen? Abgesehen davon ist 4.30h oder 5.00h meiner Meinung nach keine Uhrzeit. Das ist eine schwarze Zone, die meine Uhren unaufhaltsam durchlaufen. Und wann bitte soll ich denn abends schlafen gehen, wenn ich viermal die Woche morgens um 5h draußen sein will um das schöne Wetter nicht komplett aus dem Büro betrachten zu müssen – jeweils um 21h oder was? Das ist inakzeptabel.

Die Diskussion über die Zeitumstellung gibt es in Queensland jedes Jahr wieder (New South Wales/Sydney und Victoria/Melbourne haben die Zeitumstellung). Da der weitaus überwiegende Teil Queenslands (viermal so groß wie Deutschland) landwirtschaftlich genutzt wird haben die Farmer sehr viel Macht. Und die wollen aus irgendeinem Grund nicht, dass die Uhren eine Stunde vor- und zurückgestellt werden.

 

Zeit meine neue Golfausrüstung zu benutzen habe ich in diesen Wochen kaum. Die vergangenen beiden und das kommende Wochenende stand, bzw. steht Arbeit auf der Agenda. Meine letzte Golfrunde vor drei Wochen war jedoch eine besondere. Ich bin nämlich eigentlich ein Tierfreund, und auf dem Kurs Gainsborough Greens sprangen wilde Känguruhs übers Gelände. Das waren nach drei Monaten die ersten wilden Känguruhs, die ich hier gesehen habe. Ich habe mich schon gefragt, wo die eigentlich so lange gewesen sind. Da war Obacht geboten, dass man den Tieren nicht versehentlich einen Golfball zwischen die Rippen drosch. Die Tiere sind eigentlich recht zutraulich, und manche kann man mit der Hand füttern. Aber wenn man ihnen ohne Essen zu nahe kommt, dann ziehen sie ein Schnäuzchen und beschweren sich mit einem „Pfffft!“ Anfangen zu boxen tun sie entgegen aller Klischees aber nicht.

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Vor kurzem ist hier die Rugby League Saison zu Ende gegangen. Die Brisbane Broncos sind leider im Playoff-Halbfinale an den Manly Sea Eagles aus Sydney gescheitert. Das ist besonders Schade, denn es war die letzte Saison des Teamcaptains Darren Lockyer. Er ist eine lebende Broncos-Legende und hat im Grunde alles gewonnen, was ein Rugby League Spieler gewinnen kann. Leider fehlte er im Halbfinale verletzungsbedingt. Und wenn ein Darren Lockyer in einem so wichtigen Spiel wegen einer Verletzung fehlt, dann nicht wegen einer „Schambeinentzündung“ oder einer „weichen Leiste“. Im Playoff-Viertelfinale traf ihn das Knie seines 110kg Teamkollegen zehn Minuten vor Spielende versehentlich mit voller Wucht an der Schläfe. Lockyer blieb benommen liegen, die Diagnose nach dem Spiel ergab einen doppelten Jochbeinbruch. Er jedoch rappelte sich wieder auf und spielte weiter. Und das Spiel hätte kein typischeres Ende nehmen können: In der Nachspielzeit sicherte Lockyer seinem Team mit einem Field Goal aus 35 Metern den entscheidenden Ein-Punkt-Vorsprung und damit den Sieg und den Einzug ins Playoff-Halbfinale.

Gleich am nächsten Morgen wurde er operiert und der gebrochene Knochen mit zwei Metallplatten fixiert. Am gleichen Nachmittag gab das Rauhbein Lockyer gleich eine Pressekonferenz auf der er seinen festen Willen zum Ausdruck brachte sein Team in dieser Phase nicht im Stich lassen und sechs Tage später im Halbfinale auflaufen zu wollen. Der Arzt hat ihm dann allerdings den Vogel gezeigt und ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht.

 

Der bislang traurigste Moment meines Aufenthaltes kam ohne Vorankündigung in der vergangenen Woche. Die Nachricht vom Tod eines langjährigen Arbeitskollegen erreichte mich per E-Mail, als ich gerade aus dem Büro kam und auf dem Weg nach Hause war. Das hat mich tief getroffen, mich gelähmt und mir für einen Moment die Luft genommen. Er gehörte seit vielen Jahren zu meinen Unterstützern, und ich habe ihn als erfahrenen Kollegen, aber vor allem als Mensch, als Persönlichkeit und als eigenen Typen sehr geschätzt. Er war sportlich und fit, und ich habe ihn nie als unvernünftig oder risikofreudig kennen gelernt, sondern eher als jemanden mit Lebenserfahrung und Vernunft und klaren Werten. Sein Tod reißt ein Loch in die Leben vieler anderer Menschen. So richtig begreifen kann ich es noch nicht. Gleichzeitig macht es mir Angst, denn er ist eben keinen Tod durch ungesunden Lebensstil wie zu fettes Essen, kein Sport oder Kettenrauchen gestorben. Er ist beim Sporttreiben tödlich verunglückt. Aus diesen Gründen hat die Nachricht bei mir unterbewusst auch ein ganz unangenehmes Gefühl verursacht – denn wenn es ihm von jetzt auf gleich passiert, dann kann es mich auch jeden Moment erwischen.

 

Eine weitere harte Lektion die mich noch mehr darin bestärkt zwar täglich hart zu arbeiten, aber gleichzeitig im Moment und im Jetzt zu leben und das Leben zu genießen Tag für Tag, so lange ich´s noch kann. Ich hab nämlich nur das eine.

 

Allerbeste Grüße aus Brisbane


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