Teil I –

Bevor ich  diesen Beitrag schrieb, habe ich mich gefragt, was die interessierten Leser wohl unter Prinzip verstehen?  Das Prinzip, lat. principium = Anfang, Ursprung,  ist das, aus dem ein anderes seinen Ursprung hat. Es stellt eine Gesetzmäßigkeit dar, die anderen Gesetzmäßigkeiten übergeordnet ist. Im klassischen Ursprung steht das Prinzip als übergeordnete Größe, an oberster Stelle. Die jeweilige Bedeutung ist kontextabhängig.

Soviel zur Theorie. Wing Tshun ist aber alles andere wie theoretisch. Gleichwohl steht das was wir tun nicht für eine unkontrollierte Handlung, sondern ist das Ergebnis langjährigen Training, dessen Fundament unsere Gesellschaft, unser Wertesystem bildet. Das heißt, wir sprechen von verhältnismäßiger Selbstverteidigung, weil wir Gesetze haben, die Selbstverteidigung definieren und zwar in dem Maße, wie Selbstverteidigung angemessen ist.  Was ist angemessen und welcher  Anspruch wird da in mein Handeln gesetzt?

"Wir denken bereits vorher darüber nach, was passiert wenn". In einer Selbstverteidigungssituation habe ich selten Zeit abzuwägen, einzuschätzen was angemessen ist. Das geht es um Millisekunden. Ja ich muss froh sein, wenn ich bei einem plötzlichen Angriff, so schnell reagiere und meinen Arm, mein Bein zum Schutz hochziehe. Der nächste Schritt, der Gegenangriff, liegt meist in weiter Ferne und wird immens von meiner Angst beeinflusst. Wenn ich keinen Gegenangriff starte muss der Angreifer zumindest durch eine schnelle Abwehrreaktion abgeschreckt werden können. Eine Abwehrreaktion, die es in sich haben kann.

Zurück zu den Prinzipien. Auch wenn ich nicht dazu neige, hier nun alle Wing Tshun Prinzipien oberlehrermäßig abzuspulen, muss ich doch zumindest ein Prinzip nennen, um an einem Beispiel zu verdeutlichen, worum es geht.

Es gibt sogenannte Kraft- und Kampfprinzipien. Die meisten sind offensichtlich Aussagen, die leicht zu verstehen sind. „Löse dich von deiner Kraft“, ist ein Kraftprinzip. Leicht gesagt, sind gerade wir Männer kraftbetonte Wesen. Wenn´s eng wird, spannen wir jeden Muskel an. Und diese Kraft sollen wir „loslassen“?

Wie ist das gemeint, wie soll das funktionieren? Sich von seiner Kraft zu lösen, hat verschiedene Bedeutungen. Wer seinen Körper während des Kampfes anspannt, ist verletzlicher, wie ein Kämpfer, der locker ist. Das leuchtet ein! Viele Kampfkünstler machen sich das zu Eigen und atmen während der relativ kurzen Kampfsequenzen aus. Das Kraftprinzip „Löse dich von deiner Kraft“ sagt weit mehr aus. Ein Kämpfer der nicht mit Kraft schlägt, hat eine ungleich bessere Reaktionsgeschwindigkeit. Kraftschläge sind im Vergleich zu Spannungsschlägen weitaus langsamer. Auch verleiten Kraftschläge dazu den ganzen Körper einzusetzen. Wer daneben trifft, geht weit über die imaginäre Mitte (zwischen den beiden Kämpfenden) hinaus und befindet sich im „Feindesland“, wo er von dem Gegner leicht getroffen werden kann. „Löse dich von deiner Kraft“ macht also weich, schnell und weniger verletzlich.

Philosophisch betrachtet, kommt dieses Prinzip dem taoistischem Wu-wei nahe: „Enthaltung eines gegen die Natur gerichteten Handelns.“. Wir brauchen die Kraft des Angreifers um aktiv zu werden. Werden wir aktiv, „tun wir nur das Nötige“! Das Nötige ist immer nur das, was erforderlich ist, um einen gegenwärtigen Angriff abzuwehren. Alle Muskeln im Körper anzuspannen, ist dabei eher hinderlich. Um diese „gebremsten“ Muskeln in Bewegung zu setzen, müssen wir „willentlich“ den Handlungsablauf beeinflussen und das dauert noch länger. Zeit, die uns in einer Selbstverteidigungssituation nicht zur Verfügung steht.


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