Am Donnerstag erschienen die ersten Frauen bereits um 8 Uhr morgens mit ihren Kindern. Wie auch am Dienstag begannen wir mit einem Willkommenskreis. Zu Beginn stellten sich uns noch drei weitere Frauen mit ihren Kindern vor, deren Probleme und Schicksale denen der anderen Teilnehmer glichen. Zum ersten Mal sahen wir Nasti, ein Mädchen (7 Jahre alt), deren Eltern an AIDS gestorben sind und die nun mit ihrer Großmutter zum Haus der Schwestern kam, um Essen zu erhalten. Ihr dringlichster Wunsch ist es, die Schule zu besuchen. Auch Shadrick, 4 Jahre alt, kam heute zum ersten Mal. Sein Vater hat seine Mutter vor einiger Zeit verlassen, sie ist nun alleinerziehend. Auch Shadrick wünscht sich die Vorschule von Musenga Village besuchen zu können. Im Anschluss an die Gespräche verteilten wir die mitgebrachten Spielsachen (Bälle, Luftballons, Kuscheltiere, Springseil, Frisbees, Rasseln) an die Kinder. Sie freuten sich sehr. Es war schön zu beobachten, wie sie mit Hilfe der Spielsachen miteinander kommunizierten, sich unterhielten und gemeinsam spielten. Da die Kinder uns gegenüber immer noch etwas scheu waren, versuchten wir ihr Vertrauen mit Seifenblasen zu gewinnen. Wir waren sehr gespannt, wie sie reagieren würden. 2007 hatten wir hiermit bereits großen Erfolg. Und der blieb – wie erwartet – auch dieses Mal nicht aus. Zuerst näherte sich nur ein Junge und begann den schimmernden Kugeln hinterherzujagen und sie zu zerschlagen. Wenige Minuten später hatten wir auch das Interesse der anderen Kinder geweckt und bald sprangen 20 lachende und quietschende Kinder den bunten Blasen hinterher. Das Eis war endgültig gebrochen! Sogar einen Jungen, der vor Hunger nicht aufhörte zu weinen, konnten wir durch das Spielen ablenken und damit die Zeit bis zum gemeinsamen Essen verkürzen. Später kamen sogar einige Kinder auf uns zu und nahmen uns an die Hand. Ein toller Erfolg für uns, denn 2007 hatte die Kontaktaufnahme mehr als drei Wochen gedauert. Nachdem die Frauen gekocht und die Kinder gegessen hatten, verteilten wir an jede Familie ein Stück Seife und jede Mutter bekam eine Zahnbürste und Zahnpasta (danke an Sven  ). Die Frauen bedanken sich unzählige Male und stimmten schließlich ein Dankeslied an, wozu sie tanzten. Am Nachmittag führten wir gemeinsam mit Schwester Florence, die das Nutrition Projekt betreut und Schwester Judith, die ebenfalls verantwortlich ist, ein Gespräch über den Verlauf des Projektes und formulierten gemeinsame Ziele für die Zusammenarbeit. Außerdem sammelten wir Ideen, wie das Projekt ausgebaut werden könnte, sodass der Aspekt „Hilfe zur Selbsthilfe“ vermehrt in den Vordergrund rücken kann. Beispielsweise könnten einige der Mütter einen einjährigen Nähkurs besuchen, um das professionelle Nähen zu erlernen und Kleidung sowohl für ihre Kinder, als auch zum Verkauf anzufertigen. Die Idee eines eigenen Shops in der Stadt, in dem die Frauen Second-Hand-Kleidung verkaufen könnten verwarfen wir direkt, da es hiervon bereits zu viele gibt und sich ein Geschäft nicht rentieren würde. Unsere Idee, ein Stück Land zu kaufen, auf dem die Mütter Gemüse anbauen könnten um sich hiervon langfristig zu ernähren, erübrigte sich. Die Schwestern erklärten uns, dass in Kasama in naher Zukunft ein zusätzliches Konvent gebaut werden würde, auf dem Land für diesen Zweck zur Verfügung stehen würde. Vorerst beschlossen wir den Frauen, die einen kleinen Garten haben, mitgebrachte Samen für den Anbau von Möhren, weißem Kohl und Tomaten zu geben. Als besonders gute Idee stellte sich der Bau einer Maismühle heraus. Da das Hauptnahrungsmittel in diesem Land Nshima (Maisbrei) ist, der von den Bewohnern meistens zu jeder Mahlzeit gegessen wird, und den 8000 Einwohnern in Musenga Village lediglich eine Mühle zur Verfügung steht, wäre die Anschaffung einer weiteren Mühle sicherlich eine sinnvolle Investition. Vorerst beschlossen wir jedoch uns die vorhandene Mühle anzuschauen und danach weiter zu überlegen. Am Abend wurden wir von allen fünf Schwestern des Ordens „Sisters of Mercy“, mit denen wir zusammen wohnen, offiziell willkommen geheißen. Die Schwestern hatten ein ausgiebiges Abendessen vorbereitet. Es ist eine afrikanische Tradition, dass die Gäste zu Beginn des Essens ein gebratenes Hähnchen mit den Fingern teilen. Für uns zwei Vegetarierinnen keine besonders leichte Aufgabe, die uns viel Überwindung kostete…  Am Freitag empfingen wir die Frauen und Kinder zum letzten Mal für diese Woche. Die Kinder warteten bereits sehnsüchtig darauf, dass wir die Spielsachen verteilen. Ein Junge hatte sogar noch seinen kaputten Luftballon vom Vortag in der Hand, den er vermutlich wie einen Schatz behütet hatte. Es war unglaublich schön und gleichzeitig sehr erschreckend zu sehen, wie sehr sich die Kinder darüber freuten auch heute wieder einen Luftballon zum Spielen zu bekommen. Dass die Kinder bereits Vertrauen in uns gefasst hatten, zeigte sich auch darin, dass sie uns aufforderten mit ihnen zu spielen. Am liebsten hätten sie gar nicht wieder aufgehört. Auch an diesem Tag kamen wieder einige Neulinge, die sich uns vorstellten. Uns fiel es schwer den Frauen zu erklären, dass wir ihnen keine direkte Lösung für ihre Probleme liefern könnten, sondern uns zuerst lediglich anhören könnten, was sie bedrückt. Gleichzeitig fragten wir uns erneut, wie es sein kann, dass sie von ihren Männern in dieser misslichen Lage alleine gelassen werden und sich zum Teil um 5 Kinder kümmern müssen. Das Schicksal einer Frau und ihrem 9 Monate alten Baby traf uns besonders: Die Mutter hat AIDS und ist sehr schwach. Einer Arbeit kann sie nicht nachgehen, da sie hierfür keine Kraft hat. Dadurch hat sie kein Geld um ihr Kind zu ernähren. Auch ihr Mann hat AIDS und fühlt sich gesundheitlich nicht gut. Dennoch ist die Mutter unzählige Stunden mit ihrem Baby nach Kasama gelaufen gekommen, weil sie wusste, dass sie hier eine Mahlzeit und ein wenig Hilfe bekommen würde. Die Frauen kochten an diesem Tag Nshima (Maisbrei) und Grünkohl. Als besondere Spezialität gab es Hähnchen. Wie jedes Mal, wenn das Essen fertig war, wurden die Kinder ruhig und aßen zufrieden. Wir fragten uns, ob die Kinder über das Wochenende auch Essen bekommen würden, denn das nächste Wiedersehen mit ihnen würde erst am Montag sein. Im Anschluss an das Essen versammelten wir uns mit den Kindern, die die örtliche Vorschule besuchen könnten. Wir wollten unsere Idee einer Patenschaft konkretisieren und erklärten den Müttern und Großmüttern wie eine Patenschaft ablaufen könnte. Außerdem forderten wir alle Mütter auf für Montag einen eigenen Becher für ihre Kinder mitzubringen, weil uns bereits bei dem ersten Treffen aufgefallen war, dass viele Kinder aus einem Becher tranken. Da der Großteil von ihnen aufgrund der kalten Jahreszeit (nachts ca. 10 °C) starken Husten und Schnupfen hatte, würde sich so die Übertragung von Krankheiten ein wenig eindämmen lassen. Nachmittags kauften wir gemeinsam mit Sister Florence eine Matratze und eine Decke für das 25-jährige Mädchen aus Musenga Village, die an einer Lähmung leidet und seit Jahren nur in ihrer Hütte liegt (s. Bericht vom 17.08.2011). Wir hielten es für dringend notwendig ihr diese zu kaufen, da wir erfahren hatten, dass sie sich bereits wundgelegen hatten. Wir machten uns auf den Weg ins Dorf, um sie ihr zu überreichen. Vorsichtshalber nahmen wir auch Salbe mit, um ihre Wunden zumindest vorerst versorgen zu können. Das Mädchen freute sich sehr über die Matratze und die Decke und wir halfen der Mutter sie darauf zu legen. Auf die Frage hin, ob wir ihre Wunden versorgen könnten, zeigte sie uns ihr Gesäß. Was wir nun sahen hatten wir nicht erwartet: Sie hatte drei zum Teil mehrere Zentimeter tiefe Wunden. Das rohe Fleisch war sichtbar und eine Wunde war so tief, dass der darunterliegende Knochen bereits zu sehen war. Wir waren sehr geschockt und es kostete unbeschreiblich viel Überwindung diese Wunden zu versorgen. Da sie so tief waren beschlossen wir lediglich um die Wunde herum Salbe zu verteilen. Uns war klar, dass sie medizinisch versorgt werden mussten und das Mädchen einem Arzt vorgestellt werden muss. Auf die Frage warum die Mutter mit ihr nicht schon längst ins Krankenhaus gegangen ist antwortet sie, dass sie hierfür kein Geld habe. Wir konnten uns nicht ausmalen, wie starke Schmerzen dieses junge Mädchen in ihrem Leben schon erleiden musste. Für Freitagmorgen organisierten wir ein Auto, das uns zu ihrer Hütte fuhr. Wir trugen sie ins Auto und machten uns auf den Weg ins Krankenhaus. Während der Fahrt und im Krankenhaus, wo wir sie in einem „Rollstuhl“ (ein weißer Plastik-Campingstuhl mit angeschraubten platten Fahrradreifen) fahren konnten, musste sie unglaubliche Schmerzen ertragen, da sie aufgrund der Wunden lediglich liegen kann. Im Krankenhaus war jedoch keine Trage frei. Diese Schmerzen ließ sie sich nicht anmerken, sondern presste die Lippen aufeinander und ertrug alles. Enttäuscht waren wir davon, dass der Krankenpfleger sagte ihr könne heute, an einem Samstag, nicht geholfen werden, da kein Arzt erreichbar sei. Dies ärgerte uns sehr und zeigte gleichzeitig den Unterschied insbesondere zu deutschen Krankenhäusern, in denen sicherlich niemand mit solch großen Wunden ohne Behandlung nach Hause geschickt werden würde. Doch uns blieb nichts anderes übrig, als dem Pfleger zuzustimmen und sie nächste Woche erneut ins Krankenhaus zu fahren. Für das Wochenende bekam sie Schmerzmittel und wir wurden aufgefordert ihr Alkohol zu kaufen, damit die Wunde versorgt werden kann. Das machten wir nicht, da wir uns nicht sicher waren, ob dies wirklich der richtige Weg ist. Lieber wollen wir die Meinung des Arztes am Montag abwarten.


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